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Heiko Idensen
Inter(-Text, -Aktion, -Net)
Kollaborative Text- und Theorieproduktion in digitalen Diskursen
... aber:
wo bleibt und was wird aus dem Autor?
"Man wird vielleicht einmal in Massen scheiben, denken und handeln" (Novalis)
Die Urteile über die Poesie haben mehr Wert als die Poesie selbst. Sie sind die Philosophie der Poesie.
Das Plagiat ist notwendig. der Fortschritt schließt es ein. Es folgt eng dem Satz eines Autors, bedient sich seiner Ausdrücke, tilgt eine falsche Idee, ersetzt sie durch eine richtige Idee.
Die Poesie muß die praktische Wahrheit als Ziel haben. Ein Dichter muß nützlicher sein als irgendein anderer Bürger seiner Sippe.
Es gibt nichts Unverständliches.
Die Verzweiflung führt den Literaten unerschütterlich zur massenhaften Abschaffung der göttlichen und gesellschaftlichen Gesetze und zu rhetorischen und praktischen Bosheit.
Ich werde keine Memoiren hinterlassen.
Es gibt eine wenig stillschweigende Übereinkunft zwischen dem Autor und dem Leser gemäß der der erstere sich als Kranker bezeichnet und den zweiten als Krankenwärter akzeptiert. Es ist der Dichter, der die Menschheit tröstet. Die Rollen werden willkürlich vertauscht.
Von den Worten zu den Gedanken ist es nur ein Schritt ... Jetzt Musik!"
(Isidore Ducasse alias Lautreamont, Poesie, Hamburg 1979, OT Paris 1870)
Lautreamont Arbeitsweise kann in vielfacher Hinsicht für das Schreiben im Netzwerk Produktionsanleitungen geben: künstlerische Entwendungsstrategien, (http://www.Plagiarism.org/ und http://www.neoismus.org/emils71/index.htm) Wiederverwertungen von Wissenspartikeln und eine hybrile Rolle des Schreibenden als Autor/Leser:
Der Autor wird also - je nach dem technischen Stand des Kommunikationssystems - erst produziert, ist in gewisser Weise ein medialer Effekt des jeweils vorherrschenden Informationssystems der Wissensverarbeitung. Der Autor aus der Sicht der Systemtheorie:
,,Als Autoren werden diejenigen informationsverarbeitnden Systeme bezeichnet, die über ihre Sinnesorgane Informationen aufnehmen und diese zu Manuskripten verarbeiten, die dann von den Druckereien aufgenommen werden. Erst durch Herstellung einer Beziehung zu Verlegern und/oder Buchdruckern können die ´Schreiber´ also zu Autoren und damit zu Elementen eines neuen Kommmunikationssystems werden." (Giesecke 1991, S. 400-401)
Genauso produziert werden auf der anderen Seite des Kommunikationsprozesses die Leser. ( Untersucht man die unterschiedlichen Korrekturverfahren von den Buchmalern über die Rubrikatoren zu den Korrektoren, so fällt auf, daß in der typographischen Datenverarbeitung durch ausführliche Druckfehlerverzeichnisse schließlich sogar der Leser in die Korrekturschleife miteinbezogen wird, indem genau angegeben wird, auf welchen Seiten in welchen Zeilen Korrekturen und Ersetzungen vorzunehmen sind. Vgl. Giesecke 1991, S. 121-123.)
Die Verstärkung und Monopolisierung der Autorenfunktion schlägt sich auch ganz konkret in neuen Normierungen der Formatierungen und Systematisierung von Büchern nieder. Gerade in der Umstellung textueller Speichertechniken auf den Buchdruck sind kuriose Erscheinungen zu beobachten: die `Incipits' und die chaotischen und teils wundersamen Bennennungen von Manuskripten durch Titelblätter und Überschriften werden konsequent auf Autorennamen und Titel umgestellt, die dann nicht selten erst von den Druckern erfunden oder konstruiert werden ...
Durch lineare Sequentialisierung (Seitenzahlen, Inhaltsverzeichnisse und Register) wird eine eindeutige Adressierung jedes einzelnen Informationssegments ermöglicht - die vielseitigen poetischen Referenzsysteme des Mittelalters werden durch eineindeutige Referenz- Anschluß- und Adressierungssysteme ersetzt.
Während der Aufklärung entwickelt sich z.B. die Fußnote - in der Tradition von Rabelais, Sterne, Cervantes - in den Salons zu einem äußerst beliebten diskursivem Trick, um einem breitem Publikum die verschiedensten Konversationspraktiken, Stile, Abschweifungen, Belehrungen und ironische Anspielungen nahe zu bringen.
Welche verzwickten intertextuellen Konstruktionen durch extensiven Gebrauch von Fußnoten produziert werden können, zeigen die unzähligen satirischen literarischen Entwendungen der Fußnotentechnik.
(phantastisch wie ernst und stringent Harald Stang diesen `Verführungen' nachgeht. Vgl. Stang 1992.)
Sie gipfeln in `Fußnoten ohne Text', eine Gestalt, die sich der vorliegende Text auch allzugern gegeben hätte!
Diese amüsante akademische Textfiktion ist freilich noch nicht der Phantasie letzter Schluß - wie eine akademische Forschungsarbeit unlängst herausfand:
Daß die Archive des Wissens nicht nur rein kumulativer Natur sein können und dürfen, zeigt das historisch-kritische Wörterbuch, das Pierre Bayle nach zehnjähriger Forschungs- und Kompilationsarbeit herausbrachte - und das zu einem einflußreichen Konversationslexikon der aufklärerischen Salons avancierte. Der Ansatz ist durch und durch intertextuell und liest sich wie das Projekt einer `historisch kritischen' Neu-Auflage aller bisherigen Wörterbücher: es geht um ein Lexikon von Fehlern, Irrtümern, Auslassungen, Verdrehungen der gängigen Lexika seiner Zeit:
,,Ich habe mir in den Kopf gesetzt, die größte mir mögliche Sammlung von Fehlern zusammenzustellen, die sich in den Nachschlagewerken finden [...].
(Neumeister 1990, S. 62)
Dieses Verfahren der Text-Auswahl und der Text-Generierung in unendlichen Relativierungs-Prozessen (Behauptungen, Meinung-Gegenmeinung, Erwiderungen und Repliken darauf usw.) ist das einer fortwährenden Text-Kritik als intertextuelles Verfahren. Die Autor-Funktion gleitet über zu der eines Kompilators, Transformators, Herausgebers, Kommentators.
(Komplexe Texte und Textsammlungen sind in der Regel gespickt mit einer ganz besonderen `Textauszeichnungsart', die zumindest einige dialogische Elemente aus des Diskurszusammenhängen der oralen Kultur in die Schriftkultur gerettet hat: dem Kommentar.
In den sogenannten Büchern der Bücher, wie dem Koran oder der Bibel, finden sich verschiedenste Schichten von Kommentaren und Auslegungen, die sich schon im Verlaufe handschriftlicher Reproduktionen von Schreibern, Kopisten und Lesern um den feststehenden Haupttext in breiten Bändern herumlegen und so Spalte um Spalte hinzufügen.
Literarische wie wissenschaftliche Texte antizipierten oft diese Form der Textverarbeitung, indem sie durch umfangreiche `gelehrte' Kommentare zum poetischen oder sachlichen `Haupttext' weitreichende Erklärungen, historische oder biographische Anspielungen für die zukünftigen Leser mit einflechten (etwa bei Dante, Petrarca, Keppler).
Die überbordenden Verwendung von Fremdmaterialien treibt auch die Form und das Aussehen der Buchseiten an die Grenze der Buchkultur.
Kurze Sachartikel in großen Lettern stehen einer enormen Masse an Anmerkungs-Materialien gegenüber, die von Buchstaben, Ziffern, Zeichen, Abkürzungen und Randbemerkungen durchsetzt sind (im Artikel über Epikur, der nach Diogenes Laertius über 300 Bücher ohne fremdes Gedankengut geschrieben haben soll (dem stellte Bayle das ausgiebige Zitation-Verfahren gegebüber, das von dessen Rivalen Chrysipp zur Anwendung kommt), stehen z.B: 93% eng gedruckte doppelspaltige Anmerkungen den nur 7% füllenden Artikel selbst gegenüber. Ein solcher Paradigmenwechsel in der Wissensverabreitung weg vom Vollständigkeits-Anspruch einer Universalenzyklopädie hin zu einer Ausbreitung sehr vielschichtiger Materialienbestände hat ihm bei prominenten Zeitgenossen fundamentale Kritiken eingebracht (u.a. von Leibniz, der u.a. die chaotische Organisationsweise nicht akzeptieren konnte
(,,... denn jede frei umherschweifenden Reden, bei denen sich sich die Zusammenhänge wie in einer Konversation rein zufällig ergeben, sind für irgendein galantes Werkchen gut, das eher zu gefallen als zu nützen bestimmt ist, doch sind sie nicht gut zur Aufklärung der Sachverhalte, bei denen oft schon die gute Anordnung den Kommentar ersetzt und Wort sparen hilft." Leibniz 1961, S. 16-20)
- die umfangreichen Recherche und Stöbermöglichkeiten (die durchaus auch zum Teil verbotener Lektürefragmente zutage förderten) übten aber gleichzeitig eine große Faszination auf breit gestreute Leserschichten aus. Die von allen Enzyklopädien her bekannten Schwierigkeiten bei der Lokalisation von Wissensfragmenten ist hier auf die Spitze getrieben. Die vorherrschende Gebrauchsweie (,,nicht zielstrebiges Suchen [...], sondern bildungshungriges Lesen und Blättern, dessen Lohn der überraschende Fund ")
(Neumeister 1990, S. 75, der auch ein Fülle von Anekdoten und prominente Leseszenen anführt (z.B. Goethe))
hat durchaus strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Navigieren in Informationsnetzen und bricht vollständig mit den damaligen Genrekonventionen eines Wörterbuchs.
Es gibt keine offline-Links (auch die Literatur war in ihren produktiven Momenten immer 'online'!)
Jeder Text schreibt sich ein in ein intertextuelles Ensemble künstlerischer / kultureller / formaler / kanonischer / biographischer Konstellationen.
Jedes Wort produziert Bedeutungen erst im Kontext der umgebenden sprachlichen Einheiten - alles Geschriebene ist 'Zitat': Entwendung gelesener Schriften.
Neu ist allein die konkrete Zusammenschaltung sämtlicher Lese- und Schreibvorgänge im Netz - auf einer einzigen Oberfläche (http://rolux.org/starship/)
Die Intertextualität
(Intertextualität war in den politisierten Literaturdebatten der siebziger Jahre der entscheidende 'Kampf'-Begriff zur Aufhebung bürgerlicher Autoren-Funktionen zugunsten literarischer Netzwerk-Modelle. Diese Impulse führten - neben einer explosionsartigen Ausbreitung intertextueller Schreibweisen - auch zum Paradigmenwechsel in der Literaturtheorie. Ein ausuferndes 'Lexikon' intertextueller poetischer Praktiken liefert Genette, Gérard (1993).)
der Druckkultur ist eine virtuelle, in literarischen Texten explizit hergestellte, produzierte. Die Intertextualität im Netz ist konkret, flach, pragmatisch, real(istisch).
D.h. die Dokumente/Fragmente 'treffen' sich tatsächlich - ein link
(Deshalb ist die oft vorgenommene Analogisierung zwischen der klassichen Fußnote und dem link in elektronischen Texten auch nur bedingt tauglich. Der narrativen Funktion von links kommt man aber doch auf die Spur, wenn man extreme Gebrauchsweisen von Fußnoten in literarischen oder theoretischen Texten verfolgt: Fußnoten weisen über die (auch physische) Abgeschlossenheit nicht digitaler Texte hinaus. Sie ermöglichen ein Schreiben über den Rand des jeweiligen Diskurses. Als Absprungstellen für den Leser fordern sie Interpretation, Kritik, eigene Suchbewegungen heraus und bewirken einen Perspektivewechsel, der das diskursive und auktoriale Zentrum des Textes aufsprengt und für Anschlußmöglichkeiten an andere Texte und Diskurse sorgt. In dem Essay "Living On" (Derrida, Jacques (1979), "Living On", in: Harold Bloom (Hg.). Deconstruction and criticism, New York, S.75-176) untersucht Derrida Grenzlinien in Mairice Blanchots Texten und kommentiert den Prozeß seiner Gedanken gleichzeitig, indem er eine einzige Fußnote einsetzt, die unterhalb des gesamten Textes parallel weiterläuft. Als narrative Stilfigur findet sich die Fußnote extensiv eingesetzt im 10.Kapitel von Finnegans Wake (Joyce, James (1947), Finnegans Wake, New York), in dem der Haupttext in der Mitte (Textmaterialien einer Schulstunde) von Marginalien an den seitlichen Rändern (Bezugsstellen und Anmerkungen zweier Brüder zum studierten Text) und Fußnoten (die Beziehungen zwischen den Brüdern und der Schwester herstellen) umrahmt wird. Der Leser wird hier in einen Dialog zwischen verschiedenen Texten und Lesarten verwickelt, der Akt des Lesens, das Navigieren im Text wird konstitutiver Bestandteil des Textkörpers. Weitere Beispiele finden sich in dem Essay: (1983) "At the Margin of Discourse: Footnotes in the Fictional Text". Leider ist in keinen mir bekannten Textverarbeitungs-Programm die Möglichkeit gegeben, in Fußnoten wiederum Fußnoten einzufügen - und somit eine Mehrfachverschachtelung zu erreichen, wie sie etwa in Raymond Roussels Texten gegeben ist.)
führt tatsächlich zu einer (oder mehreren) Referenzstelle(n) im selben Text oder in anderen Texten.
Die Poetik eines link liegt keineswegs in der bloßen Anspielung, in einer metaphorischen oder impliziten Bezugnahme, sondern vollzieht sich in einem wirklichen Sprung, einer tatsächlichen Koppelung - eine Poetik des Transports. (Was nichts über die 'Qualität' oder Literarizität aussagt - ausgedruckt sind Netzwerktexte zumeist langweilig und 'nicht lesbar'.)
Versammelten, speicherten und bewahrten die Texte der Druckkultur noch Informationen und poetische Energie in einem geschlossenem Korpus, so sind die Dokumente des Netzwerk-Kultur eher exzentrisch, verweisen auf andere Texte, Archive, Medien, Server ...
"Die literarische und wissenschaftliche Prosa der Antike verzichtet auf genaue Quellenangaben aus Gründen ihrer eigentümlichen Produktionsweise: die Universalgelehrten zitieren - gespeist noch aus vorschriftlichen Diskurstechniken - aus dem Gedächtnis und nicht auf der Basis vorliegender Texte. Ähnlich der mündlichen Überlieferung hat diese Methode den Vorteil einer unmittelbaren Aktualisierung. Die zitierten Textstellen werden keinesfalls `wörtlich' weitergereicht, sondern erfahren unmittelbare leichte oder stärkere Veränderungen entsprechend dem neuen Kontext. Sich in der Folge als Diskurstechnik herausschälende sehr genaue und detailierte Verweistechniken auf die zitierten (antiken) Textstellen sind Ursprünge hermeneutischer Rekonstruktionen eben der oft in weitreichenden `Auszügen' zitierten verlorengegangenen Werke. Im Mittelalter wird dann die `hohe Schule exakten Zitierens' mit kurzen eindeutigen Kodierungen zur Quellenidentifizierung zum gefragten Stilmittel:
,, Die Ränder von Manuskripten und frühen Gedruckten theologischen, juristischen und medizinischen Texten wimmeln von Glossen, die wie die Anmerkung ds Historikers, den Leser instandsetzen, sich vom polierten Argument zu denjenigen Texten zurückzuarbeiten, aus denen es entwickelt wurde und worauf es beruht. Petrus Lombardus [...] führte in Randglossen ganz systematische seine Quellen auf und schuf damit , [...] `den Vorläufer des wissenschaftlichen Anmerkungsapparats' [...]. Petrus Lombardus ist gewiß eine typisch moderne Eigentümlichkeit zugute zu halten: Er beschwor die erste Kontrovere über einen falschen Verweis in einer Anmerkung herauf."
(Grafton 1995, S. 41-42)
"Es stellt sich also die Frage, worin der Unterschied zwischen der technologischen und literarischen Innovation besteht. Die Zukunft der Literatur kann sicherlich nicht allein darin bestehen, die Science-fiction als alleiniges Modell textueller Erfahrungen zu nehmen. [...] Was nun die Sirenen Odysseus zu singen versprechen, ist die Vergangenheit seiner eigenen Unternehmungen, die für die Zukunft in Epos zu verwandeln sind. [...] In der Tat: jede Zukunftsmusik bleibt dem Text unhörbar. Er ist es, der sich die Ohren mit Wachs zustopft, um nicht zu hören. Würde die textuelle Erfindung phänomenologisch als ein Akt des Horchens beschreibbar sein, dann müßte man wahrlich sagen, daß die Literatur seltame Ohren hat. Sie kann den Schall und Wahn der Gegenwart vollkommen überhören und Nadeln auf den Boden fallen hören, die erst in Jahren oder Jahrhunderten fallen werden. Diese seltame Fähigkeit hat nicht zuletzt damit zu tun, daß die Erfindung neuer Formen ein besonderes Hörorgan voraussetzt, das imstande ist, jenes 'Grundgeräusch' zu vernehmen, jenes 'Murmeln des Intertext', das nicht die Gesamtheit aller Sprachen und auch nicht aller Diskurse, sondern die Möglichkeitdes Virtuellen ist. [...] Ihre Aktualisierung war aber niemals etwas anderes [...] als ihre eigenen Ankündigung [...]. Denn die Textualität beruht nicht allein auf Mimesis, auf Simulation, sie ist auch jene Bahnung, die sich selbst voraus ist. [...] Die blinde Retention, die die literarische Innovation ermöglicht, bedeutet kein passives Verfügen über ein unendliches Reservoir von Daten (von Themen, Schemata, Techniken). Textformen, die zu anderen möglichen (vergangenen oder noch nicht realisierten) Formen in einem nur repräsentativen Verhältnis stehen [...], haben literarisch keine Zukunft. Formen, die 'ganz neu' wären und gar keinen Bezug zum 'unendlichen Gemurmel' der Texte haben würden, gibt es einfach nicht. Die 'Zukunft der Literatur' besteht also nicht darin, zukunftsgerichtet rationale Konjekturen intuitiv zu überbieten oder den 'Vorschein der Zukunft' textuell zu aktualisieren, sie besteht darin, unter den Bedingungen des Vergessens sich an die Potentialität der Formen zu erinnern."
(Dubost 1990, S. 519- 520)
Als Weiterentwicklung virtuell-konzeptueller kollaborativer Texte und früher Medienkunst-Projekte, die eine imaginäre Interaktion mit LeserInnen und ZuschauerInnen propagieren, verlangen kollaborative Projekte im Netz tatsächlich den Input und die Manipulation von Daten seitens der UserInnen. Das Einschleusen ausführbarer Programme, Schreibrechte für anonyme User auf Datenbanken und das Aufknacken der zunächst noch an der Buchkultur orientierten Interfaces von Browsern und Netzseiten hin zu aktions- und objektorientierten - von den Usern konfigurierbaren und alltäglich 'benutzbaren' - Interfaces schafft jetzt auf breiter Basis - zumindest technologisch - Möglichkeiten netzwerkunterstützter Zusammenarbeit, die bisher nur avantgardistischen 'Autoren' oder avancierten Netzkunstprojekten vorbehalten war
Es hat nie wirklich Autoren gegeben.
Am Anfang war ein Text? Und der Text generierte andere Texte, überlagerte sich mit Bildern, Metaphern, Briefen, Schriftrollen, Traumresten, Einritzungen ...
Jemand hatte das alles gehört und aufgeschrieben: die Märchen, die Mythen des Alltags, abgeschrieben und downgeloadet aus dem Internet. Die Wolken, die vorüberziehen. Andere hatten weitergeschrieben, korriegiert, gelöscht, umgeschrieben, übersetzt, Briefe verschickt, Reden gehalten, Lieder gesungen, Theaterstücke aufgeführt ... aber Autoren, die hat es niemals gegeben, nur Texte ...
"Odysseus reist durch eine nur in der Sprache geborgene erlebnisidee, in die reale Erinnerungsmomente eingeflossen sind, ohne daß sie direkt in einen aktuell sich ereignenden Lebenszusammenhang eingebettet wären. Unmittelbar erlebt ist allein der epische Text im vollzug seines Entstehens und seiner Wahrnehmung. Ob dahinter eine wie in diesem Fall plurale Autorschaft steht, die sich der Obersignatur Homers bedient, oder ob es wie beispielsweise für Vergils 'Aeneis' eine personal konkretisierbare Autorschaft wäre, ist nich von entscheidendem Belang.
Wesentlich ist die unmittelbare und vor allem wiederholbare Erlebnispräsenz von Sprache und daruas resultierendem Werk, in der sich Urheber und Nutzer treffen." (Kleinschmidt 1998, 45)
So könnte höchstens ein Text, der niemals gelesen werden würde, einen Autor haben - jeder andere Text aber ist Produkt von verschiedenen textproduktiven Prozessen - Textmaschinen:
Sprachspielen, Auf- und Entladungen, Referenzen, die sich aufbauen, abbrechen,. vertiefen und vernetzen ... Differenzen und Wiederholungen von Lese- und Schreib-akten ...
Ein Text stellt eine Oberfläche dar für die Begegnung von Leser und Schreiber, Urheber und Nutzer, Sender und Empfänger ...
"Autor und Leser sind durch gleiche Anstrengung und Aufmerksamkeit in der Textarbeit vereint. Die Gültigkeit dieser Konstellation erstreckt sich idealerweise auf einen zeitlich wie kulturell gemeinsamen Textort, wo sich schreibender 'Leseautor' und dem Formulierungsprozeß inhärenter 'Autorleser' treffen. [...] Die impliziten Interaktionen, die sich im unmittelbaren, weitgehend gleichberechtigtem Korrespondenzwissen von Autor und Leser intentional aufeinander bezogen aufbauen und zur evidenz gelangen, entziehen sich einer auktorialen Verfügung. [...] Dem Leser fält zunehmend Autorschaft zu, die aber nicht mehr mit dem ursprünglichen Formulierer zurückgekoppelt ist, sondern die diese Bindungsgemeinschaft nur noch simuliert. " (Autorschaft, 43)
Der Text als anderer Schauplatz, als Bühne kultureller Wissenssysteme, als Szenerie, in der sich kollektive Authenzifizierungsprozesse (27) abspielen: begriffliche Regelspiele, mobile Organisationsprozesse, in denen die Einbildungskraft wirken kann.
"Der Redner hat, um mit seinem Text affektiv auf seine Zuhörer wirken zu können, die Erregung zuvor durch Vorstellungen (phantasiai) zu projizieren. " (Autorschaft, 28)
Diese simple Maskierung, dieses auktoriale Rollenspiel mit teils göttlichen Soufflierungen lassen letzlich den eigentlichen Ort textschöpferischer Energie leer, die im Schauspiel von Text-Rezeption und -Produktion immer wieder neu besetzt wird - auch schon in den frühen Reflektionen zu Textualität und Autorschaft klafft die Lücke, die Leerstelle, der slash zwischen Signifikat und Signifikant, den die Moderne/Postmoderne dann so wild und emphatisch bearbeiten wird, eben der Zwischenraum zwischen den Texten :
"Zwischen ihnen droht stehts das erinnerungslose Schweigen der Texte, jene Grenzüberschreitung aus den sprachlichen Tauschvorgängen mit der Welt in das Vergessen. [...] Die Verwegerung, sich in Texten zentrierend zu äußern, führt zur Verdunkelung der Welt. (Kleinschmidt 1998, 29)
Schriftlich fixierte Text bereiten (im Vergleich zur direkten oralen Textweitergabe in Dialogen oder eben der klassischen Rede) schon die direkte Adressierbarkeit von Texten jenseits von Autorfiktionen und flüchtiger Rede vor, wie sie jetzt im Netz so schön möglich ist
Das alte 'väterliche' (Plato) verantwortungsbewußte und eben vor allem personal gebundene orale Überlieferungsmodell von Texten mit klar definiertem Sender/Autor/Autoritätszentrum wird durch eine entsubjektivierte Autorität der Schrift selbst abgelöst, Kommunikationszusammenhänge und Kontexte verschwimmen ...
"Der Text wird wichtiger als sein Produzent, der nach der Niederschrift ganz zurücktreten kann, es sei denn, dieser wollte als ein 'Freund der Weisheit' (philósophos) jenen noch weiter kommentierend auslegen. "(Autorschaft, 31 mit Verweis auf Curtius, Europäische Literatur, 312)
In dieser Trennung von Autor, Exeget und Leser scheint für die Textgenese letztlich auch schon jene erschreckliche Leere auf, die im Laufe der Geschichte immer wieder mit anderen Phantasmen, texchnischen Projektionen etc. gefüllt wird, bis hin zur momentan gültigen Produktionsanweisung, daß eben das Internet selbst die Texte generiere, die hier fluktuieren ...
Die Frage "wer spricht" wir zur Frage nach den ideologischen und ökonomischen Machtverhältnissen kultureller Produktionsweise, die zudem nicht selten die Grundlage bilden für basale gesellschaftliche Produktionsverhältnisse. (Eine Umkehrung der klassich gedachten Basis/Überbau-Verhältnisse, also zutiefst idealistisch??)
"Dies führt in der Textformulierung erst einmal dazu, daß Autorschaft dazu neigt, Masken anzulegen, sich sprechende Protagonisten zu wählen, weil sie sich angesichts der zahlreichen Interaktionen im gesellschaftlichen Beziehungsraum kommunikativ vervielfältigen will. Zugleich wird aber er Formulierende zum Einen, der gleich allen ist, im Namen aller un zu allen spricht. Seine Aussage repräsentiert nicht nur eine Identität des eigenen Selbstbewußtseins, sondern sie spaltet sich auf in ein plurales Wahrnehmungsbewußtsein vieler anderer Identitäten. [...]
Autorschaft ist im Gegensatz zum physisch konkreten Sänger oder Dichter etwas, das nicht selbstverständlich von Anfang aller Literatur vorhanden wirkt. [...] Autorschaft erscheint funktional als ein Phantasma. Es verleigt, was gegenständlich 'Text' genannt wird, Zusammenhang und überdeckt so die disparat erlebte Wirklichkeit der Texte. Um diese negative, wenn nicht traumatische erfahrung zu überwölben, bedarf es der Vorstellung von Autorschaft. Sie erlaubt es, die symbolischen Repräsentationen, wie sie in der mythischen Kodierung noch möglich waren, zu ersetzen." (Kleinschmidt 1998, 33)
Und eben an dieser Leerstelle der Texte, die für viele moderne und postmoderne Texte geradezu konstitutiv war und in verschiedenster Art und Weise zum Antrieb der Textgenese wurde, können wir jetzt ganz konkret in netzwerkunterstützten kollaborativen System arbeiten, nach theoretischen Durchläufen, die eben diese freigewordene Stelle der Texte auf selbstschöpferische, quasi autopoetische Momente der Sprache zurückgebunden hat (Plato, Wittgenstein, Luhman(n), bzw. nach einer Wiederaufnahme der Vorstellung einer vorsprachlichen transpersonalen sprachlichen Instanz (chora) etwa bei den poststrukturalisten Intertextualitätskonzepten (Kristeva).
Autorschaft ist also ohne ein 'produktives Lesen' nicht denkbar. Sprachliche Produktions- wie Rezeptionsakte schließen somit neben grammatikalischen Regeln, sprachlichen Strukturierunge auch diskursive Formationen, Nutzungsregeln, hermeneutische Zirkel etc. mit ein, eben die sprachlichen und kulturellen Sinnproduktionsprozesse, worin eine gewisse Paradoxie der Autorschaft evident wird:
"Jenseits von hermeneutischen Überlegungen zu angemessener oder verfehlter Sinnfindung liegt das zentrale Problem der Autorschaft darin, daß Sätze alles Erfahrene überschreiten, das Undenkbare thematisch formulieren können.(49) [...] Im auktorialen Ordnungsangebot der Texte versteckt sich der Sprengsatz ihrer Sinngebung. [...] die Notwendigkeit einer Referenz, aus der sich Wissen, Erfahrung und Bewußtsein von Unterscheidungen ergeben. Ihr Medium wiederum sind die Texte, deren Autorschaft in einen steten, dopelläufigen Kreislauf von differentieller Darstellung und Verstehen als ein Akt neuer, sich abgrenzender Formulierung eingebunden erscheint. Ihr fällt keine Individuation zu, sondern sie bewegt sich in einem Kraftfeld zahlloser, sich stets neu generierender und vermischender Metaphorisierungen, die Löschung und Leere mit ihrer Produktivität überdecken. (50) [...] Jeder Text ist ein anderer, der aber, um es sein zu können, wiederum die schon vorhandenen, wenn nicht sogar nur den einen und einzigen braucht. (52)" (Kleinschmidt 1998, 49, 50, 52)
Aus solchen verschiedenen Facetten intertextueller Textgenese, aus Projektionen und Sprachspielen um diskursive Machtverteilungen in Texten können wir nicht nur Figuren des Verschwindens von Autorschaft entdecken, wie sie in der Text- und Theorieproduktion der Moderne und des Poststrukturalismus genügend formuliert und zuweilen auch bis zum Überdruß und zur katastrophischen (medizinischer Ausdruck für Krampf/Lähmung) Lähmung wiederholt worden sind, sondern wir können daraus ebenso Methoden künstlerischer und politischer Entwendung ableiten (cut-up Methoden, Textmaschinen, offene Textstrukturierungen, Sprachspiele -wie Momente des 'Derive' bei den Situationisten oder Operationen der vielleicht letzten Kolonne von Medien- und Kommuniationsguerilleros ...), die sich wie Viren nicht nur im Netz ausbreiten ("I love you"), sondern die auch als open source-Bewegung, sowohl konstitutiv für das Netz (mit seinen Protokollen, Programmen und Kommunikationsstrukturen) selbst sind, als sie auch darüber hinaus Modelle für neue Ökonomie- und Gesellschaftsutopien freisetzen können, auf deren Basis sich möglicherweise auch Widerstandspotentiale gegen hyperkapitalistische dot.com Praktiken bilden:
Volker Grassmuck: Freie Software 1/2
http://mikro.org/Events/OS/text/freie-sw.html
Die Medien und Hilfsmittel mit denen geforscht, geschrieben und kommuniziert wird, bleiben für die Rhetorik und Poetik im Netzwerk zirkulierender Texte keineswegs äußerlich, sondern werden selbst immer mehr zum bevorzugten Ort des Denkens und des Ideenaustausches. Das Prinzip und die Organisationsweise der Vernetzung selbst wird zum bestimmenden Paradigma der Netzkultur: als Keimzelle weitreichender gesellschaftlicher Umwälzungen im Produktions-, Freizeit- und Kultursektor.
Das Internet wird nicht nur das basale gesellschaftliche Übertragungsmedium, sondern generiert grundlegende Kulturtechniken, die die Konstruktion neuer Wissens- und Kulturlandschaften entscheidend mitbestimmen.
Im Netz digitaler Wissenssysteme überlagern sich die klassischen diskursiven Momente der Verteilung von Wissen mit dialogischen Momenten der Verknüpfung und Erzeugung neuer Wissensbausteine und -kontexte.
Autorenfunktion und -fiktion verändern sich ebenso wie die Rolle und Kompetenzen von Leser und Leserinnen.
Die diskurspolitischen Funktionen von Legitimation, Selektion und Verweiskompezenz, die bisher von gesellschaftlich wohl definierten Institutionen ausgeübt und garantiert wurden, können nunmehr im Kontext hypermedialer Diskursnetzwerke ,,frei" programmiert werden.
"Wen kümmerts, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert, wer spricht" (Samuel Beckett)
In der Problematisierung von Copyright und Eigentumsverhältnissen von Texten und Bildern im Internet werden allzuoft die modernen bürgerlichen Rechtsnormen als absolute Bezugspunkte gesetzt, ohne wiederum deren historische Relativität zu berücksichtigen. Ein Blick hinter den Status von Text-Beziehungen als Warenaustausch, der sich erst mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts konstituiert, zeigt ganz überraschende Perspektiven: ganz gegen Platos Diktum können Texte offensichtlich doch auch ohne Autorennamen zirkulieren, ohne daß die Wissensordnungen in Entropie und Beliebigkeit zerfallen:
,,Andererseits gilt die Funktion Autor nicht übertall und nicht ständig für Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die Texte, die wir heute 'literarisch' nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien, Komödien) aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich die Autorfrage stellte [...]. Im Gegensatz dazu wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nur akzeptiert und hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors gekennzeichnet waren." (Foucault 1979, S. 19)
Der Autor wird also - je nach dem technischen Stand des Kommunikationssystems - erst produziert, ist in gewisser Weise ein medialer Effekt des jeweils vorherrschenden Informationssystems der Wissensverarbeitung. Der Autor aus der Sicht der Systemtheorie:
,,Als Autoren werden diejenigen informationsverarbeitnden Systeme bezeichnet, die über ihre Sinnesorgane Informationen aufnehmen und diese zu Manuskripten verarbeiten, die dann von den Druckereien aufgenommen werden. Erst durch Herstellung einer Beziehung zu Verlegern und/oder Buchdruckern können die ´Schreiber´ also zu Autoren und damit zu Elementen eines neuen Kommmunikationssystems werden." (Giesecke 1991, S. 400-401)
Genauso produziert werden auf der anderen Seite des Kommunikationsprozesses die Leser.
(Untersucht man die unterschiedlichen Korrekturverfahren von den Buchmalern über die Rubrikatoren zu den Korrektoren, so fällt auf, daß in der typographischen Datenverarbeitung durch ausführliche Druckfehlerverzeichnisse schließlich sogar der Leser in die Korrekturschleife miteinbezogen wird, indem genau angegeben wird, auf welchen Seiten in welchen Zeilen Korrekturen und Ersetzungen vorzunehmen sind. Vgl. Giesecke 1991, S. 121-123.)
Die Verstärkung und Monopolisierung der Autorenfunktion schlägt sich auch ganz konkret in neuen Normierungen der Formatierungen und Systematisierung von Büchern nieder. Gerade in der Umstellung textueller Speichertechniken auf den Buchdruck sind kuriose Erscheinungen zu beobachten: die `Incipits' und die chaotischen und teils wundersamen Bennennungen von Manuskripten durch Titelblätter und Überschriften werden konsequent auf Autorennamen und Titel umgestellt, die dann nicht selten erst von den Druckern erfunden oder konstruiert werden ...
Durch lineare Sequentialisierung (Seitenzahlen, Inhaltsverzeichnisse und Register) wird eine eindeutige Adressierung jedes einzelnen Informationssegments ermöglicht - die vielseitigen poetischen Referenzsysteme des Mittelalters werden durch eineindeutige Referenz- Anschluß- und Adressierungssysteme ersetzt.
Während die Typographie zunächst die skripturalen Gesten der Handschrift zu simulieren versuchte (im Übergang von der Manuskript- zur Druckkultur)
(In einer Schrift zum `Lob der Schreiber' versucht ein benediktinischer Abt seine Ordensbrüder von der Notwendigkeit des manuellen Abschreibens der heiligen Bücher angesichts der heraufkommenden Reproduktionsmöglichkeiten der Drucktechnologie zu überzeugen:
,,Wer wüßte nicht, welcher Unterschied zwischen Handschrift und Druck besteht? Die Schrift, wenn sie auf Pergament geschrieben wird, vermag tausend Jahre zu überdauernd; wie lang wird aber der Druck, der ja vom Papier abhängt, Bestand haben; [...] gleichwohl glauben viele, ihre Texte dem Druck anvertrauen zu müssen. Hierüber wird die Nachwelt befinden. [...] Selbst wenn alle Werke der ganzen Welt gedruckt würden, bräuchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen; er müßte vielmehr auch den gedruckten und nützlichen Büchern Dauer verleien, indem er sie abschreibt, da sie ansonsten nicht lange Bestand hätten. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit." (Trithemius 1492, S.63 ff))
lassen sich im Verlaufe der Herausbildung spezifischer Diskurstechniken der Druckkultur zentrale diskursive Elemente und Funktionen auf der Oberfäche der Schriftsysteme nieder: alphabetische Verweissysteme, Indexe oder auch die Fußnoten als ein zentrales Diskurselement der sich entwicklenden ,,kritischen,, hermeneutischen Techniken.
Im Übergang zu elektronischen Diskurstechiken werden die zunächst für die Rezeption wichtigen typographischen Zeichen schließlich Interaktions-Elementen, die eine Schnittstelle von der Schriftoberfläche zu den - jetzt auch für die Leser sich öffnenden - Programmfunktionen elektronischer Texte darstellen: Buttons, Bedienelemente, Eingabefenster, Links ...
"Das Buch hat aufgehört, ein Mikrokosmos nach klassischer und abendländischer Art zu sein. Das Buch ist kein Bild der Welt und noch viel weniger Signifikant. Es ist nicht schöne organische Totalität, auch nicht mehr Einheit des Sinns. Michel Foucault antwortet auf die Frage, was für ihn ein Buch sei: eine Werkzeugkiste. Und Proust, dessen Werk voller Bedeutungen stecken soll, meinte, daß sein Buch wie eine Brille sei: probiert, ob sie euch paßt; ob ihr mit ihr etwas sehen könnt, was euch sonst entgangen wäre; wenn nicht, dann laßt mein Buch liegen und sucht andere, mit denen es besser geht. Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt.
Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt' s nichts zu verstehen, aber viel dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Ein Buch muß mit etwas anderem 'Maschine' machen, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein."
(Deleuze/Guattari (1977), 40)
"Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken läßt und in Unruhe versetzt. Dieser Text zitiert "eine gewisse chinesiche Enzyklopädie", in der es heißt, daß 'die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebären, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.'
(Borges 1981, S. 212)
Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken."
(Foucault 1971, S.17)
Daß die Archive des Wissens nicht nur rein kumulativer Natur sein können und dürfen, zeigt das historisch-kritische Wörterbuch, das Pierre Bayle nach zehnjähriger Forschungs- und Kompilationsarbeit herausbrachte - und das zu einem einflußreichen Konversationslexikon der aufklärerischen Salons avancierte. Der Ansatz ist durch und durch intertextuell und liest sich wie das Projekt einer `historisch kritischen' Neu-Auflage aller bisherigen Wörterbücher: es geht um ein Lexikon von Fehlern, Irrtümern, Auslassungen, Verdrehungen der gängigen Lexika seiner Zeit:
,,Ich habe mir in den Kopf gesetzt, die größte mir mögliche Sammlung von Fehlern zusammenzustellen, die sich in den Nachschlagewerken finden [...].
Dieses Verfahren der Text-Auswahl und der Text-Generierung in unendlichen Relativierungs-Prozessen (Behauptungen, Meinung-Gegenmeinung, Erwiderungen und Repliken darauf usw.) ist das einer fortwährenden Text-Kritik als intertextuelles Verfahren. Die Autor-Funktion gleitet über zu der eines Kompilators, Transformators, Herausgebers, Kommentators. Die überbordenden Verwendung von Fremdmaterialien treibt auch die Form und das Aussehen der Buchseiten an die Grenze der Buchkultur: Kurze Sachartikel in großen Lettern stehen einer enormen Masse an Anmerkungs-Materialien gegenüber, die von Buchstaben, Ziffern, Zeichen, Abkürzungen und Randbemerkungen durchsetzt sind (im Artikel über Epikur, der nach Diogenes Laertius über 300 Bücher ohne fremdes Gedankengut geschrieben haben soll (dem stelle Bayle das ausgiebige Zitation-Verfahren gegebüber, das von dessen Rivalen Chrysipp zur Anwendung kommt), stehen z.B: 93% eng gedruckte doppelspaltige Anmerkungen den nur 7% füllenden Artikel selbst gegenüber. Ein solcher Paradigmenwechsel in der Wissensverabreitung weg vom Vollständigkeits-Anspruch einer Universalenzyklopädie hin zu einer Ausbreitung sehr vielschichtiger Materialienbestände hat ihm bei prominenten Zeitgenossen fundamentale Kritiken eingebracht (u.a. von Leibniz, der u.a. die chaotische Organisationsweise nicht akzeptieren konnte) - die umfangreichen Recherche und Stöbermöglichkeiten (die durchaus auch zum Teil verbotener Lektürefragmente zutage förderten) übten aber gleichzeitig eine große Faszination auf breit gestreute Leserschichten aus. Die von allen Enzyklopädien her bekannten Schwierigkeiten bei der Lokalisation von Wissensfragmenten ist hier auf die Spitze getrieben. Die vorherrschende Gebrauchsweie (,,nicht zielstrebiges Suchen [...], sondern bildungshungriges Lesen und Blättern, dessen Lohn der überraschende Fund ") hat durchaus strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Navigieren in Informationsnetzen und bricht vollständig mit den damaligen Genrekonventionen eines Wörterbuchs.
Wir arbeiten gemeinsam mit Kooperationspartnern an der Optimierung und Adaption einer offenen Informationslandschaft nic-las: (Die Entwickler bezeichnen nic-las als ,autopoetische Informationslandschaft`: Das Akronym nic-las steht für nowledge integrating communication-based labelling and access system)
Basierend auf der Systemtheorie von Niklas Luhmann liegen die Basisoperationen in vielfältigen nicht-liniearen Verknüpfungsmöglichkeiten von Textstellen und Zitaten (automatische Verknüpfungen nach keywords ebenso wie ein differenziertes Meta-Auszeichnungssystem etwa für Personen- und Sachregister oder Zuordnungen und Zugriffsrechte für verschiedene AutorInnen) und in dynamischen diskursiven und kommunikativen Operationen (wie intuitive und assoziative Annotation und Kommentierung). Gerade diese Verbindung von hierarchischen und rhizomatisch-chaotischen Strukturen ermöglicht eine intertextuelle Praxis des Schreibens mit Synergieeffekten zwischen Lesen und Schreiben wie es in den emphatischen Debatten um den Text-Begriff in den 60er Jahren und dem Poststrukturalismus theoretisch entwickelt wurde. Die große Flexibilität im Interface-Design liegt vor allem darin begründet, dass für die online-Schreib-, Kommunikations- und Archivprozesse keine neuen Metaphern oder Datenstrukturen vorgegeben werden, sondern dass jede Aktivität des Benutzers in der einfachsten möglichen Aktion besteht: im Anlegen einer ,Unterscheidung`:
Diese Unterscheidungen strukturieren schon während der Texteingabe den Datenbestand dynamisch und schreiben somit jede Veränderung in einem kleinen Detail in den Gesamtkontext ein und diferrenzieren so die Wissensstrukturen immer weiter aus. Personen-, Themen- und Zeitreferenzen vernetzen jede Texteinheit innerhalb verschiedener Kontexte.
Verschiedene AutorInnen schreiben nicht nur zeitversetzt am selben Dokument, tauschen nicht nur ihre Zettelkästen, Zitatdatenbanken oder Referezen aus oder annotieren, kommentieren und ergänzen feststehende Texteinheiten, sondern entwerfen verschiedene Perspektiven, konstruieren Ein-, Aus- und Übergänge zwischen den Texten und re- und dekontextualisieren ihre Eingaben dabei permanent: Der Text wird zu einer Oberfläche, zu einer Schnittstelle für die Begegnung von Leser und Schreiber, Anbieter und Nutzer, Sender und Empfänger.
Ob solche Versuche wirklich längerfristig und nachhaltig neue Diskursformen herausbilden helfen, vielleicht sogar die von Hypertext-Theoretikern immer wieder geforderte (und von den Programmentwicklern bisher nie eingelöste) Hybridisierung zwischen Form und Inhalt, zwischen Text und Kontext, zwischen Produktion und Rezeption, zwischen Autorfiktionen und Leserimaginationen zu bearbeiten und managen helfen - wird die Zukunft gezeigt haben werden.
Der epistemologische Bruch, der sich angesichts digitaler Interaktionsformen mit Texten, Bildern und Tönen in den kulturellen Wissenssystemen vollzieht, liegt weniger in den Interaktionsformen mit Texteb im Netz als solchen begründet - denn Texte wurden und werden (historisch) schon immer traktiert, umgeschrieben, zerschnitten und wieder neu zusammengeklebt (Die Imaginäre Bibliothek zeigt diese Prozesse auf: http://www.hyperdis.de/pool/.) mittels der jeweiligen medialen Aufschreibsystemen -, als vielmehr in den Ausformungen dieser Interaktionsformen, d. h. in der Art und Weise wie sie sich im Netzwerk digitaler Diskurse vollziehen, also in ihrer freien Gestalt- und Verfügbarkeit. Der Unterschied zwischen Schreiben und Lesen, genauer gesagt zwischen den Akten des Schreibens und Lesens in digitalen Umgebungen ist zunächst einmal medial aufgehoben: Wir können im Netz direkt auf jede Seite schreiben, ohne noch irgendwelche Werkzeuge wie Schere, Bleistift, Druckerpresse hinzuziehen zu müssen, weil eben genau diese Werkzeuge als Tools und Programme, als Client Plug-Ins, Server-Programme in derselben Medienkonfiguration ausführbar sind, die auch für das Anzeigen der Seite verantwortlich sind.
Es vollzieht sich also nicht die Begegnung des Regensschirms mit der Nähmaschine auf dem Bildschirm der Worte, sondern es handelt sich um ein Verschalten der (virtuellen) Lesemaschinen und anderer konzeptueller Aufforderungen zur Mitarbeit der LeserInnen mit den Schreibmaschinen, Druckerpressen und Aufschreibsystemen.
Der vom Dekonstruktivismus endlos durchkonjugierte Bruch, dass alle Texte aus anderen Texten zusammengeschnitten sind, dass in jedem Buch ein weiteres steckt, das heraus will, dass die Texte nicht bei den Lesern ankommen, sondern sich als aktive Rezeptionsprozesse genau um die Leerstellen der Texte, Bücher und Diskurse herum neu konstituieren, ist jetzt in den digitalen Diskursen universell in den Code selbst eingeschrieben:
Crossreadings auf Serverebene, (Das CaterCapillar-Network: http://student.merz-akademie.de/catercapillar/ ermöglicht eine automatische Indizierung und Verknüpfung von Dateien auf verschiedenen Servern, eine Art Fortsetzung des Assoziationsblasters auf der Ebene der Netztopologien.) Cut-up Maschinen zwischen online-Zeitschriften, postmoderne Thesis-Generatoren, Sonettmaschinen, universelle Annotiationstools, kollobarative Mitschreibeprojekte (Vgl. http://www.hyperdis.de.)feiern auf verschiedenen Levels einen interkulturellen Textbegriff, die ältere offene Textverarbeitungen aus literarischen Experimenten (Solche Proto-Hypertexte sind im Detail beschrieben in: Idensen, Heiko, "Die Poesie soll von allen gemacht werden! Von literarischen Hypertexten zu virtuellen Schreibräumen der Netzwerkkultur", in: Literatur im Informationszeitalter, hg. v. Friedrich A. Kittler u. Dirk Matejovski, Frankfurt a. M. 1996, S. 143-184.) und ästhetisch-sozialen Aufbruchsbewegungen wie der Surrealismus und Situationismus als allgemeine Nutzerparadigmen wiederauferstehen lassen. Die in der Literaturgeschichte vielfach wiederaufgenommene Parole Lautreamonts: "Die Poesie soll von allem gemacht werden, nicht von einem", hallt jetzt als vielfach gebrochenes Echo aus den Untiefen des Netzes wieder:
Die Texte, Strukturen, Index-Systeme, Meta-Informationen, Verknüpfungsstrukturen zwischen den Texten liegen als ,open source` im Netz bereit. Hören wir endlich auf, zu lesen und zu schreiben und die Geschichte immer wieder zu wiederholen, und fangen wir an, gemeinsam zu Schreib/Lesern zu werden, d. h. unsere kulturellen, mentalen, diskursiven Wissenssysteme zu verknüpfen, unsere Lieblingsstellen und Lektüre-Momente, Lesezeichen, Randbemerkungen, Fußnoten auszutauschen und das Internet als einen interkulturellen intertextuellen Diskursraum zu benutzen.
Nicht das Taschenbuch, die mailbox, der Hypertext oder das ebook ist revolutionär, sondern der Gebrauch, den wir davon machen.
http://www.uni-hildesheim.de/PROJEKTE/netkult
Agentur Bilwet (1995), Der Datendandy. Über Medien, New Age und Technokultur, Mannheim
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