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NETZKULTUR IM GESELLSCHAFTLICHEN KONTEXT


Nach den Erschütterungen durch die Studentenbewegung in den 60er Jahren und den Auflösungserscheinungen der großen ideologischen Systeme durch die 'Postmoderne' in den 80er Jahren ist das universitäre Wissensgefüge abermals in eine große strukturelle wie auch technologische Krise geraten. Die nachindustrielle Informationsgesellschaft nimmt langsam aber sicher Abschied vom Modell eines universellen Bildungsbegriffes zugunsten eines zumeist technischen - anwendungsbezogenen - Informationsbegriffes.
" Die narrative Funktion verliert ihre Funktoren, den großen Heroen, die großen Gefahren, die großen Irrfahrten - und das große Ziel: Sie zerstreut sich in Wolken ... " (Lyotard (1982), 97)
Aus dem vielzitierten Superhighway-Projekt in den USA lassen sich durchaus Visionen über die Zukunft der Informationsgesellschaft herauslesen, die u.a. den Anspruch einer Integration von Bildung, Kommerz und Unterhaltung beinhalten.
In Deutschland hat die Initiative 'Schulen ans Netz' einen überfälligen Dialog zwischen Bildungssystemen und Informationstechnologien initiiert - an den Universitäten ist gerade in den geistes- und kulturwissenschaftlichen Fachbereichen noch verstärkter Handlungsbedarf in diesem Bereich.
Die Speicherung, Übertragung und netzspezifiche Transformation gerade auch von kulturellen Informationen in Netzwerke einen radikalen Umbruch in den Epistemen - den Werkzeugen und Methoden der Wissensproduktion nach sich - vergleichbar mit der kulturellen und sozialen Revolution, die der Buchdruck im Übergang von einer oralen und handschriftlichen Kultur hinein ins Zeitalter der Reformation und der bürgerlichen Revolution ausgelöst hat. Die Kulturtechnik der Gutenberggalaxis wurde zum grundlegenden strukturellen Produktionsmodell für die industrielle Produktion überhaupt.
Die rhizomatische Verzweigungsstruktur der im Netz zirkulierenden Hypertexte widerspricht den bisherigen epistomologischen Strukturen des Wissens: der hierarchischen Baumstruktur (wie sie sich in der klassischen Philosophie sowie in modernen Enzyklopädien[15], linearen Narrationen, stammbaumartigen Curricula findet) ebenso wie dem frontalen pädagogisch-wissenschaftlichen Vermittlungsszenarium mit der typischen Trennung von Bühne und Zuschauerraum.


[15] Als Denis Diderot und Jean Le Rond d'Alembert am Vorabend der französischen Revolution mit dem Projekt Enzyklopädie ein universelles Wörterbuch der schönen und mechanischen Künste zusammentragen, ist dieses Unternehmen nur als ein kooperatives Schreibprojekt unterschiedlichster Experten zu bewerkstelligen. Die Vernetzung der einzelnen - alphabetisch geordneten Wissensbausteine - geschieht über die Darstellung eines Wissensbaumes (Ein Ausschnitt aus dem antiken Druck zum Wissensbaum findet sich im Abbildungsteil der
Imaginären Bibliothek (auf der CD-ROM)
eine Transkription des Schematas in d'Alembert/Diderot (1989), 28-29) Auf dieser 'Weltkarte des Wissens' können die verschiedenen Wissensgebiete überblickt werden, so daß Zusammenhänge, Verzweigungen, Hierarchien der einzelnen Wissenspartikel deutlich werden. Im Gegensatz zum linearen Lesen arbeitet man sich durch die Enzyklopädie mittels sachbezogener, struktureller und sprachlicher Verweise.


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