previous next Up Title Contents

BUCH ALS BRILLE


"Das Buch hat aufgehört[6], ein Mikrokosmos nach klassischer und abendländischer Art zu sein. Das Buch ist kein Bild der Welt und noch viel weniger Signifikant. Es ist nicht schöne organische Totalität, auch nicht mehr Einheit des Sinns. Michel Foucault antwortet auf die Frage, was für ihn ein Buch sei: eine Werkzeugkiste.[7] Und Proust, dessen Werk voller Bedeutungen stecken soll, meinte, daß sein Buch wie eine Brille sei: probiert, ob sie euch paßt; ob ihr mit ihr etwas sehen könnt, was euch sonst entgangen wäre; wenn nicht, dann laßt mein Buch liegen und sucht andere, mit denen es besser geht. Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt.
Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt' s nichts zu verstehen, aber viel dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Ein Buch muß mit etwas anderem 'Maschine' machen, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein."
(Deleuze/Guattari (1977), 40)[8]


[6] Die Hilfsmittel, Medien, Aufschreibesysteme, mit denen geforscht, geschrieben und kommuniziert wird, bleiben für die Rhetorik und Poetik der im Netzwerk zirkulierenden Texte und Dokumente keineswegs äußerlich, sondern werden selbst immer mehr zum bevorzugten Ort des Denkens und des Ideenaustausches. Das Prinzip und die Organisationsweise der Vernetzung selbst wird zum konstituierenden - vielleicht sogar bestimmenden - Paradigma der Netzkultur: als Keimzelle weitreichender gesellschaftlicher Umwälzungen im Produktions-, Freizeit- und Kultursektor.
Das Internet als Medium wird nicht nur das basale gesellschaftliche Übertragungsmedium und -Werkzeug, sondern generiert grundlegende Kulturtechniken, die ganz entscheidend die Konstruktion neuer Wissens- und Kulturlandschaften bestimmen.

Im Netzwerk überlagern sich die klassischen diskursiven Momente der Verteilung von Wissen mit dialogischen Momenten der Verknüpfung und Erzeugung neuer Wissenskontexte.
[7] Foucault(1988), 45
[8] Ein ambitioniertes Online-Projekt zu dem - mit den Praktiken der Netzkultur in vielerlei Hinsicht stark verbundenen Denken von Gilles Deleuze - ist:
Deleuze:Immedia
(Accessed 18.10.1997)


previous next Up Title Contents