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DISKURSTECHNIKEN IM NETZ.


Anmerkungen[1] zu "Kleinen Wissenschaften"[2] - gegen universelle deregulierte Wissenordnungen.
Heiko Idensen[3]


[1] Die Netzwerkkultur hat das Denken längst infiziert:
Online-Recherche in Datenbänken und Archiven, weltweite Diskussionsforen von 'special interest goups', Mailing-Lists zu speziellen Themen, offene Foren, online-Symposien, Konferenzsysteme, Life-Chatting, Guestbooks und Annotationssysteme erweitern das WWW um diskursive Funktionen, die gemeinschaftliche Wissensproduktion und kollaboratives Arbeiten unterstützen. Das Netz selbst wird zum bevorzugten Ort des Denkens - Texte und Theorien können von allen 'Netzbewohnern' gemacht werden!
Netzspezifische Austausch- und Ausdrucksformen (Dialogizität, Kontextualisierung, Annotation, Mischung verschiedenster Kontexte) lassen neue Text- und Theorieformen entstehen ...

... ein Prozessieren und Zirkulieren von Texten, bei dem auch der Leser nicht mehr in den Text hineingesogen, sondern in den Diskur- und Kommunikationsraum hinausgeschleudert wird ... auf der Suche nach einer 'anderen kollektiven Subjektivität'? ... send/receive ... copy/paste ...

... Prozesse der Strukturierung / Überarbeitung von Texten sowie der Einbindung in andere Kontexte vollziehen sich nicht mehr im Kopf eines einzelnen Autors, sondern bereits im öffentlichen Raum ...

... jeder ist prinzipiell Sender/Empfänger, Leser/Schreiber, Produzent/Rezipient, Praktiker und Theoretiker gleichermaßen!

[2] In Absetzung zum herrschenden Diskurs der Groß-/Technologie-Forschung, der Meisterdenker und eines nahe an Macht- und Marktinteressen orientierten deregulierten Universitätsgefüges besetzen 'Kleine Wissenschaften' minoritäre und interdisziplinäre Forschungsfelder in Zwischenbereichen von Kultur-, Politik-, Pop-, Medien-, Informations- und Geisteswissenschaften.

Eine Mischung von Methoden, Sprachen und Stilelementen aus den verschiedenen Bereichen, sowie ein starke Ausrichtung auf kollektive und kollaborative Prozesse kennzeichnen die neuen Wissensformationen, die sich in den 'temporären autonomen Zonen' der Netzwerke herauszubilden beginnen - in einer Art Kollektivtext, der im WWW als Projektion unterschiedlichster Perspektiven ercheint.
Die Skizze eines interdisziplinären Forschungsprojekts zur kultur- und geisteswissenschaftlichen Wissensproduktion in Netzwerken, das eine solche 'Kleine Wissenschaft' im Fachbereich II an der Universität Hildesheim zu praktizieren versucht, findet sich unter dem Stichwort "Netz/Werk/Kulturtechniken". Informationen zu allen Projekten, die im Rahmen des Landesarbeitskreises "Multimedia- und Telematikanwendungen in Lehre, Studium und Weiterbildung" vom MWK im HSP III-Programm gefördert werden, finden sich unter:
Landesarbeitskreis "Multimedia- und Telematikanwendungen

(Accessed 18.10. 1997)
[3] Wer spricht?
Mail an Heiko Idensen

Wo spricht Heiko Idensen?

Heiko Idensen wird zwar als 'Autor' dieses Textes ausgewiesen, aber die Frage "Wer spricht?" stellt sich nach den Debatten des Strukturalismus, des Dekonstruktivismus, nach der Postmoderne-Diskussion und den verschiedensten Aufgüssen in der aktuellen Medientheorie jetzt im Netz ganz praktisch: intertextuelle Produktionsweisen sind das grundlegende Paradigma der Netzkultur. Dieser Text besteht vordergründig (nur?) aus Zitaten (vornehmlich Fundstücken aus dem Netz), die in den Anmerkungen vom sog. Autor kommentiert werden. Auch die Leser dieses Textes sind keinesfalls dazu verdammt, in (bloß?) lesen zu müssen, sondern können am Sprachspiel teilnehmen, selbst an der Textur mitwirken oder Anmerkungen zu den Anmerkungen verfassen:
Eine (annotierbare) online-Version dieses Textes findet sich unter:
Annotierbare Onlinetexte


Eine erheiternde Glosse zu den Problemen des Lesens im Internet ist nachzulesen in Wirth (1997). Hier wird auch an einer entscheidenden Stelle das vielleicht allzu naive und oberflächliche Modell einer 'Entstehung der Gedanken beim Hyperlesen', wie es dieser Text produzieren will, kritisiert:
"Nur wenn das assoziative, hypertextuelle Lesen aktiv in den Prozeß des abduktiven Hypothesenaufstellens integriert ist, wird die rhizomatische Verweisstruktur des Netzes zu einem 'produktiven Feld', in dem sich 'Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen'. (Idensen (1996a), 149) Dies setzt allerdings voraus, daß, anders als Idensen behauptet, 'das Denken selbst' nicht darauf reduziert wird 'sich in den Zwischenräumen, im Übergang von einem Gebiet in ein anderes' zu ereignen (Idensen (1996a), 149). Die Frage ist, ob damit die Zwischenräume im Hypertext oder die Übergänge zwischen Hypothesen über den Hypertext gemeint sind. Das Denken muß nicht bloß assoziativ, sondern auch argumentativ anschließbar sein. Erst durch geistige Interaktion werden Anschluß- und Schnittstellen informativ und interessant." (Wirth (1997), 330) Wer zitiert hier eigentlich wen? Oder eben wieder: Wer spricht?


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