idensen@hyperdis.de

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heiko idensen: am 20.11. 2006 im seminar

"Google vs. Gutenberg. Begriffe, Theorien und Meinungen zu Populärer Kultur in elektronischen und gedruckten Informationssystemen"
 Hügel, Hans-Otto  
Institut für Medien und Theater

Universität Hildesheim

populärkultur wo anfangen?

Google vs. Gutenberg. Begriffe, Theorien und Meinungen zu Populärer Kultur in elektronischen und gedruckten Informationssystemen


Was ist ein Star, was ein Image? Woher kommt der Begriff des Fans? Wie definieren sich Trash oder Mainstream? Was ist der Unterschied zwischen Kitsch und dem Trivialen? Gehören Popliteraten zur Popkultur? Auf diese und ähnliche Fragen finden sich Einträge in elektronischen wie in gedruckten Enzyklopädien, in Aufsätzen und Artikeln im Netz wie in Zeitschriften und Sammelbänden. Wie steht es um Unterschiede in Standpunkt und Perspektive, um Differenziertheit und Klarheit? (Hans-Otto Hügel)

Es geht weniger um Begriffsbildung und Theorien von digitalen und analogen (Gutenberg) und digitalen (Google) Informationssystemen als vielmehr um Strategien der Nutzung der Systeme und um ihre Affinität zu und ihren Umgang mit populärer Kultur. Lese- und Nutzungsstrategien stehen also im Vordergrund. Die behandelten Begriffe und Gegenstände sind auch nicht nur Beispiel; ihre Behandlung soll vielmehr immer auch unser Bild, unsere Vorstellung vom Populären präzisieren und erweitern. Die Sitzungsthemen haben daher auch an sich und nicht nur im Hinblick auf ihre Spiegelung in den Informationssystemen Bedeutung.

Wo anfangen?

Ich google also bin ich. Ich gebe ein:
populärkultur wo anfangen?“
Damit wurde Adornos Kritik verharmlost zum Nörgeln eines Kultursnobs, der halt mit der Populärkultur nichts anfangen kann und angeblich die Massen verachtet ...
www.dampfboot-verlag.de/hintergrund/steinert.html - 20k - Im Cache - Ähnliche Seiten
www.denkbar.info
Zugleich wurde Adornos Kritik verharmlost zum Nörgeln eines Kultur-Snob, der halt mit Populärkultur nichts anfangen kann und angeblich "die Massen" ...
www.denkbar.info/index.php?article_id=105 - 14k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Michael Wagenhäuser vs. Populärkultur | Teil 1 » 2006 » Juni
... Vogts und Ribbeck und Völler und wieder anfangen, Blockade-Fußball zu spielen, ... populaerkultur.com mit freundlicher Unterstützung von wordpress und ...
www.populaerkultur.com/2006/06/ - 25k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Conne Island - CEE IEH #68, review-corner: Madonna, BILD-Zeitung ...
... die alle damit anfangen, daß Cultural Studies eigentlich nicht zu ... Er erklärt die Populärkultur zur notwendigen Voraussetzung und Ursache für ...
www.conne-island.de/nf/68/14.html - 25k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Iratsume - The Sophists
Bezüglich der Populärkultur bin ich manchmal nicht ganz auf dem laufenden, weil ich keinen ... was sie mit der erkrankten Iratsume anfangen sollen. ...
www.janthor.de/thesophists.html - 42k - Im Cache - Ähnliche Seiten
FF6/99 - Generalnenner Kultur
Die in der Aneignung von Populärkultur alltäglich auftretenden ... So dass man endlich mit einer Politik anfangen kann, die sich keine Gedanken mehr zu ...
www.friedenskooperative.de/ff/ff99/6-54.htm - 41k - Im Cache - Ähnliche Seiten
Die Dschungel. Anderswelt.: Reigen.
... damit nichts anfangen. eben, wie ich mit den rappern nichts anfangen kann, ... und *piefig-deutschen* phobien bezüglich der populärkultur à la adorno, ...

Da habe ich den Salat: von Adorno .. über Fußball ... die Sophisten ..,. und wieder zurück zum „piefig-deutschen“phobien bezüglich der populärkultur à la adorno“.
Es ist aber nichts interessantes dabei, nichts, was mich wirklich verwundert, überrascht, nichts, was ich noch nicht weiß!
Also kann ich doch nicht nur aus dem Internet heraus, mit, und im Internet arbeiten, sondern muss doch noch in mein überbordenden Bücherregal greifen: ganze Reihen von CD-ROMs und DVDs verdecken schon meine Liebliengsbücherserie- die kleinen MERVE-Bücher! Aber genau das will ich vermeiden, ebenso wie den Gang zur Bibliothek, wo die Bücher, die interessante sein könnten, ohnehin gerade ausgeliehen sind:
Etwa
Google Hacking / Johnny Long
Verfasser:
Johnny Long
Ausgabe:
1. Aufl.
Erschienen:
Bonn : mitp, 2005
Umfang:
480 S. : Ill., graph. Darst. ; 210 mm x 148 mm
Einheitssachtitel:
Google hacking for penetration testers <dt.>
ISBN:
3-8266-1578-6 : EUR 32.00, sfr 54.90
Schlagwörter:
*Google / Reverse Engineering / Datensicherung / Computersicherheit
*Google / Penetrationstest
*Google / Kryptoanalyse

oder ich kaufe mir sogar ein Buch:
Cultural turns : Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften / Doris Bachmann-Medick
Verfasser:
Doris Bachmann-Medick
Ausgabe:
Orig.-Ausg..
Erschienen:
Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch-Verl., 2006
Umfang:
409 S. ; 19 cm
Schriftenreihe:
rororo ; 55675 : Rowohlts Enzyklopädie
ISBN:
3-499-55675-8 *Pb. : EUR 14.90, sfr 26.80
Schlagwörter:
*Kulturwissenschaften / Paradigmenwechsel
Sachgebiete:
71.50 ; Kultursoziologie: Allgemeines
18.00 ; Einzelne Sprachen und Literaturen allgemein
17.00 ; Sprach- und Literaturwissenschaft: Allgemeines
10.00 ; Geisteswissenschaften allgemein: Allgemeines
Link:
http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?id=2714167&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm
Ein Anruf bei meinem Buchhändler raubt mir die letzten Illusionen: es ist gerade nicht lieferbar.
Der Link in HOBSY ist viel und nichtssagend gleichermaßen:
Der cultural turn in den Geistes- und Sozialwissenschaften hat in den letzten zwei Jahrzehnten eine umfangreiche Forschung auf den Weg gebracht. Die Kulturwissenschaften bilden dabei ein ausdifferenziertes und höchst dynamisches Spannungsfeld, das sich gerade durch vielfältige cultural turns auszeichnet. Der Band will die jeweiligen "Wenden" in ihren systematischen Fragestellungen, ihren Erkenntnisumbrüchen, aber auch in ihren konkreten Forschungsfeldern aus der Sicht der verschiedenen Disziplinen reflektieren und zusammenfassend darstellen.
(http://deposit.ddb.de/cgi-bin/dokserv?id=2714167&prov=M&dok_var=1&dok_ext=htm)
Während mein Traum früher darin bestand, durch eine Unmenge aufgeschlagener Bücher zu Wandern, verlasse ich mich darauf, dass die Senbibilität des digitalen Zeitalters in den Fingerkuppen liegt – und gehe zurück zum ersten Google-Ergebnis und Spiele ein anders Spiel, die Grundoperation im Hypertext, den ich hier gleich als den sog. „Populären Text“ empfehlen möchte: Copy und Paste. Schwupp ist das Textfragment über Adorno im Editor. Jetzt muss ich nur noch ein paar Worte ersetzen („Kulturindustrie“ in „Populärkultur“)
„Dieser kritische Begriff von Populärkultur wurde im öffentlichen Gebrauch zweifach verdorben: Er wurde erstens eingeschränkt auf Fernsehen, Popmusik und Journalismus. Schon wenn man ihn auf Hochkultur wie z.B. das Kunstmuseum anwendet, finden die Leute das verwunderlich. Damit wurde Adornos Kritik verharmlost zum Nörgeln eines Kultursnobs, der halt mit der Populärkultur nichts anfangen kann und angeblich die Massen verachtet, die sich in billigen und verdummenden Vergnügungen suhlen statt Becketts "Endspiel" zu sehen. Zweitens wurde der Begriff noch positiv gewendet: In der Wissensgesellschaft ist nichts erstrebenswerter als ein Job in einer der Populärkultur, also in der Werbung, im Kulturmanagement, in der politischen PR, in den Beratungen aller Art.“
Damit habe ich noch nichts verdichtet, nichts gedichtet, nein, nicht einmal etwas geschrieben oder gar aufgeschrieben – ich habe nur „abgeschrieben“ könnte man vielleicht sagen – oder etwas vornehmer verklausuliert, etwas „entwendet“!
...
Wer will kann jetzt Verbindungen herstellen, Verknüpfungen – mir liegt das weniger: ich mag offene Enden, unverbundene Zitate, cut-ups, Zusammenschnitte ... dieses Rauschen an den Verbindungsknoten ... das Rauschen der Theorie raunte mit einmal ein Medienprofessor in Weimar zwinkernd zu ... das war es vielleicht, das mich anfangs am Netz, an den frühen elektronischen Texten so fasziniert hat. Ich will ja nicht sentimental werden, aber es gab eine Zeit, in der man nicht permanent online war, in der man noch eine gewisse Anstrengung unternehmen musste, um woanders hin zu kommen:
... das anschwellende Tönen des Modems .. bis es überschwappt, umkippt, sich überschlägt:
connect. (Verbunden). Ich bin drin!
Es piept lang anhaltend. Die Verbindung steht. Folgende Eingaben flitzen in Realtime über den Bildschirm, so daß kaum Zeit zum Lesen bleibt:
Ich möchte doch etwas weiter ausholen – aber doch ganz oberflächlich bleiben:
Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Wortlauf der „Imaginären Bibliothek“ .... deshalb google ich zuerst
„ am anfang war das wort“
Das sollte man nie tun!
Man muss schon etwas bedeutsames dazusetzen:
„ am anfang war das wort es wurde gelinkt“
(http://www.google.com/search?client=safari&rls=de-de&q=am+anfang+war+das+wort+es+wurde+gelinkt&ie=UTF-8&oe=UTF-8)




Pool-Processing:
Die imaginäre Bibliothek
Am Anfang war das Wort._... es wurde gesprochen, getanzt, gesungen, geliebt, verdoppelt, erzählt, geknotet, gebetet, wiederholt, rezitiert, vergessen, eingeritzt, eingebrannt, gemalt, gemeißelt, geschrieben, in Tabellen gelistet, in magischen Formeln versteckt, gedruckt, gebunden, verlegt, als Fußnote an den Rand gedrängt, indiziert, gereimt, gezählt, formalisiert, codiert, compiliert, gespeichert, gescannt, als Muster wiedererkannt, übertragen, gefaxt, verschlüsselt, komprimiert, optimiert, transformiert, konvertiert, genormt, gelöscht, gelinkt, überschrieben, als Absprungsort markiert, zum Objekt erklärt, als Programm aktiviert, das Worte schafft..._Das Universum, das andere die Bibliothek nennen, setzt sich aus einer undefinierten, womöglich unendlichen Zahl ineinander verschachtelter Bildschirme zusammen ...
(http://www.hyperdis.de/pool/)

Das könnte eine Art „Beschwörungsformel“ sein, eben eine Gebrauchsanweisung für die Netzwerke für ... ja soll ich das Wort wirklich benutze ... poetische Entwendungen ... aber was erzähle ich eigentlich. Oder – eine der Lieblingsfragen, mit der wir unsere Professoren zu den Zeiten des Dekonstruktivismus vcerrückt zu machen pflegten „Wer spricht?“
Gibt es wirklich eine Poesie, die sich im oberflächlichen Umherschweifen ereignet?

Und das alles im nicht-diskusiven Raum?
Muss ist nicht doch wenigstens so tun, als würde ich „historisch“ sprechen?

Lernen: Hören, Lesen, Browsen
Vor dem Gutenberg-Zeitalter vollzogen sich Lernprozesse direkt im mündlichen Dialog zwischen Personen: lautes Lesen, Vor-Lesen und Auswendiglernen waren zentrale Übermittlungs- und Speicher-Paradigmen.
Die Übergänge gestalten sich nicht immer einfach: So protestierten etwa die Studenten im 15. Jahrhundert durch Trampeln und Pfeifen, als die Professoren in den Vorlesungen begannen, die Texte nicht mehr langsam im Diktierrythmus vorzulesen, sondern eine schnellere Diktion einschlugen. Die Vorlesung änderte ihren Charakter grundlegend, weil der Faktor der direkten Text-Übermittlung wegfiel zugunsten eines Meta-Diskurses über Texte, die nun schon gedruckt vorlagen. Der Durchsatz (Bytes per second) wurde optimiert, das Textformat und der Adressat änderte sich.

Vielleicht sind wir immer noch zu bequem – und haben es noch gar nicht gelernt mit den „postmodernen Informationstechnologien“ wirklich zu denken – einen Aufforderung, die Jean Francois Lyotard 1984 in der Ausstellung „Die Immaterialien“ im Centre Beaubourg, Paris, an die Intellektuellen postmodernen Theoretiker adressierte – und promt eines der ersten kollaborativen Schreibprojekte iniziierte ... und somit die Theorie eigentlich Pop-fähig machte ... denn die Kids an den Terminals „dachten“ die Texte weiter ... mit ihren Fingerspitzen huschten sie über die Tastaturen, riefen am Mini-TEL-Terminal, eine jener heroisch untergegangenen Technologien, die endlosen Dislussionen, Stichwörter, Definitionen auf, die die Schriftgelehrten (das waren in den 80er Jahren eben jene postmodernenn Philosophen Baudrillard, Lyotard und Konsorten ....) in einem Schreibspiel zusammengetragen hatten .. sie taten das einzige, was man mit diesen Texten machen konnten, sie spielten damit ... und bewegten sich womöglich mit einer solchen „Nutzerstrategie“ eben jenseits dieser Dichotomien, in deren abgrundtiefer Lücke vielleicht unser gänzliches Unverständnis den neuen Technologien gegenüber aufblitzt: high and low, E und U, Gutenberg und Google, Handschrift oder Druck, Code / Decode:
In einer Schrift zum ‘Lob der Schreiber’ versucht ein benediktinischer Abt seine Ordensbrüder von der Notwendigkeit des manuellen Abschreibens der heiligen Bücher angesichts der heraufkommenden Reproduktionsmöglichkeiten der Drucktechnologie zu überzeugen:
„Wer wüßte nicht, welcher Unterschied zwischen Handschrift und Druck besteht? Die Schrift, wenn sie auf Pergament geschrieben wird, vermag tausend Jahre zu überdauernd; wie lang wird aber der Druck, der ja vom Papier abhängt, Bestand haben; [...] gleichwohl glauben viele, ihre Texte dem Druck anvertrauen zu müssen. Hierüber wird die Nachwelt befinden. [...] Selbst wenn alle Werke der ganzen Welt gedruckt würden, bräuchte ein hingebungsvoller Schreiber von seinem Eifer keineswegs abzulassen; er müßte vielmehr auch den gedruckten und nützlichen Büchern Dauer verleien, indem er sie abschreibt, da sie ansonsten nicht lange Bestand hätten. Erst seine Leistung erwirbt den dürftigen Werken Autorität, den wertlosen Größe und den vergänglichen Langlebigkeit.“ (Trithemius 1492, S.63 ff)
Lesezeichen hinzufügen: Widmung. Lachen, Sirenen, herrenlose Hunde
lachen an der Grenze des Denkens ...
Da ist im Hintergrund ein Lachen zu hören, das immer mehr anschwillt und das automatische Display des folgenden Fragments auf pergamentener fast durchscheinender Oberfläche nach der Art eines vielschichtigen Palimpsestes fast in den Hintergrund drängt:
"Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken läßt und in Unruhe versetzt. Dieser Text zitiert "eine gewisse chinesiche Enzyklopädie", in der es heißt, daß 'die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebären, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.'
(Borges 1981, S. 212)
Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken."
(Foucault 1971, S.17)


auswendig lernen, inwendig wissen
Aber das ist alles nichts, das ich weiß – alles nur abgeschrieben aus einen Suhrkamp-Buch, obwohl ich dem Autor – Michel Foucault – doch einmal tatsächlich gefolgt bin – auf einem Festival der Gegenkultur in Berlin (hieß es wirklich „TUNIX“) ... aber das weiterzuerzählen führte wirklich zu weit ...
Diese Buchmenschen! Alles ist für sie Text: Landschaften, Städte, Wolken ... Alle Zeichen und Spuren, die ganze Welt kann (und muss!) gelesen werden: die Natur, die Träume, die Seele, die Krankheiten, die Sternzeichen, der Vogelflug ...

Auf dem Monitor öffnet sich ein Videofenster: Menschen laufen kreuz und quer durch die Landschaft und rezitieren dabei mehr oder weniger bekannte Stellen aus der Weltliteratur. Ich spule vor. Ein alter Mann liegt im Sterben. Mit Mühe und Not artikuliert er einen auswendig gelernten Text. Ein Junge liest ihm die Worte von den Lippen ab und versucht, diese wiederum zu behalten. Fast forward. Es handelt sich um Aufständische, die in einer hochtechnisierten Mediengesellschaft, in der es verboten ist, Bücher zu lesen und zu besitzen, durch mündliche Weitergabe versuchen, die wichtigsten Bücher zu bewahren. Jeder lernt sein Lieblingsbuch auswendig.
(Francois Truffauts Verfilmung von Ray Bradburys "Fahreinheit 451", England 1966)

Inwendig nur konnten die Texte in vorliteralen Gesellschaften bewahrt und tradiert werdern. Die Gedächtniskünste zeugen von raffiinierten mnemotechnischen Methoden und Verfahrensweisen. Die klassische Gedächtniskunst gründet sich auf eine Topographie mentaler Bilder:
der Redner geht durch die Architektur des alten Roms, sieht die Plätze, Orte und Standbilder, an denen Bilder und Geschichten gespeichert sind, und in dieser Bewegung durch kulturelle Erinnerungsplätze memoriert er Gedanken und Worte. Mit Hilfe dieser Mnemotechnik, bei der Orte Assoziationen im Gedächtnis hervorrufen, gelangt der Inhalt einer Rede durch gezieltes Umhergehen wieder auf die Lippen des Poeten.

.... das Wissen im Netz ist also gar kein Wissen – im klassischen Sinne?
Sie haben es in einer Ihrer letzten Sitzungen ja schon „kritisch“ hinterfragt in der Betrachtung des Wikipedia-Artikels zu ,Old Kentucky Horne’:
„ ermöglicht die Angabe zu den näheren Umstände der Entstehung keine Anwendung des angegeben Wissens. Dem Leser, jedenfalls dem deutschen, und an Spezialfragen nicht interessierten Leser, bleiben die Informationen zum Besuch Forsters ein irgendwo/ nirgendwo. Und wir erkannten, dass Information und Wissen erst dann zu Kenntnis sich verwandelt, wenn sie in ein Umfeld eingeordnet werden können.
[...] Dieser Satz vermischt in unzulässiger Weise ein Faktum - die Entschärfung des Liedes durch den Senat von Kentucky - mit einer Konjektur, dass dies wegen dieser Interpretationsfrage geschah. Konjekturen aber müssen in wissenschaftlichen Texten als solche erkennbar gemacht werden, was hier nicht der Fall ist. Problematisch ist dies vor allem, weil der Artikel durch diese Bemerkung ein Wissen in eine Erfahrung ummünzt. Und damit aus einer Kenntnis, also einordbares Wissen, eine Kenntnis für uns macht, denn das ist im Kern die Bedeutung von Erfahrung. Während Erfahrung immer bezogen ist auf jemanden der etwas erfährt, ist Kenntnis abstrakt, ein Wissensglied in einer Kette von Informationen. Und da wir derzeit in einer an Fragen von political correctness sich orientierenden Kultur leben, will der Artikel damit eine, seine Erfahrung vermitteln, genauer: suggerieren.“

Da sind wir wieder an der Schnittstelle:
Information – Wissen – Kenntnis – Umfeld
Wissen – Erfahrung – suggerieren .
..

Es gab Zeiten, da wurde es als unerhört empfunden, Wissen, einen Satz ohne seinen Sprecher weiterzuverbreiten, d.h. ihn aufzuschreiben. Solche (jetzt sind wir an der Schnittstelle mündliche Kultur / Handschrift) mit der Hand geschriebenen Sätze galten als Waisen, die ohne Ihren „Vater“ nicht lebensfähig seien. Denn, so wandte man „schlau“ ein, ein solches geschriebenes Wort könne man nichts fragen, denn: es antworte ja nicht!
Verstummen der Schrift: kein Antworten der Texte
Plato, sich gleichermaßen gegen Literatur im Netz als auch gegen die Schrift prinzipiell wendend simuliert seinerseits einen Dialog zwischen seinem nur mündlich lehrenden Lehrer Sokrates mit Phaidros, in dem die Schwäche der Schrift im Gegensatz zu dialogischen Kultur herausgestellt wird:

"Denn dieses Schlimme hat doch die Schrift, Phaidros, und ist darin ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten hin als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still. Ebenso auch die Schriften: Du könntest glauben, sie sprächen, als verständen sie etwas, fragst du sie aber lernbegierig über das Gesagte, so bezeichnen sie doch nur stets ein und dasselbe. Ist sie aber einmal geschrieben, so schweift auch überall jede Rede gleichermaßen unter denen umher, die sie verstehen, und unter denen, für die sie nicht gehört, und versteht nicht, zu wem sie reden soll und zu wem nicht."
(Platon, "Phaidros", in: Platon, Sämtliche Werke 4, S. 7-61, Hamburg 1957, S.56)

edit: das Leben zwischen den Texten
Um diese aktiven Prozesse der Generierung von Texten, Querverbindungen, Text- und Wissensstrukturen auf die Spur zu kommen, macht es Sinn, sich einmal in einem ganz anderen Bereich der Arbeit im Netz umzuschauen, den kolloborativen Schreibprojekten. Jegliches Schreiben im Netz setzt einen der produktivsten Begriffe der Literaturwissenschaft in ein ganz neues Praxisfeld ein, den der Intertextualität:
„ Seit den siebziger Jahren ist der Begriff der ´Intertextualität´ zu einem zentralen Konzept der Literaturwissenschaft und vor allem der Erzählforschung (Narratologie) geworden. Grundsätzlich kann man zwei unterschiedliche Ansätze unterscheiden. Im ersten - eher theoretisch orientierten - wird ´Intertextualität´ sehr weit gefaßt. Hier steht die Offenheit und der prozessuale Charakter der Literatur im allgemeinen im Mittelpunkt. Im zweiten Ansatz geht es eher darum, die Beziehungen zwischen konkreten Texten zu klären und zu systematisieren. […] [Es geht um] ’künstlerisch organisierte Redevielfalt, zuweilen Sprachvielfalt und individuelle Stimmenvielfalt’ (Bachtin, S. 157) [… dabei wird ] jeder Text ein "Mosaik von Zitaten". Im "Raum eines Textes überlagern sich mehrere Aussagen, die aus anderen Texten stammen und interferieren".

Nirgends kann man diese äußerst produktiven Text-Mechanismen besser studieren als in Parodien, Plagiaten und anderen künstlerischen Entwendungsstrategien, die sich ja auch im Netz einer großen Beliebtheit erfreuen
fakes & fälschungen
Jeder Text ist Bestandteil verschiedener textproduktiver und -rezeptiver Prozesse: Sprachspiele, Auf- und Entladungen, Referenzen, die sich aufbauen, abbrechen, vertiefen und vernetzen ... Differenzen und Wiederholungen von Lese- und Schreibakten.
“Die Netzkritik sollte Websites machen, statt zu kritisieren. Oder aber Netzkritik wie Websites machen. Ihre Staerke, als sie Netzkritik machten, bestand darin, dass es keine Kritik war. Sie sprachen als Programmierer ueber die Websites anderer Programmierer”... sagt Sebatian Luetgert alias Rolux in 'seinem' Text "Einführung in eine wahre Geschichte des Internet", in dem er den klassischen Text "Einführung in eine wahre Geschichte des Kinos" von Jean-Luc Godard aus dem Jahre 1980 'umschreibt' – größtenteils mit der Funktion “suchen und ersetzen”. Ein paar Worte und Satzteile werden ausgetauscht – und somit wird der subversive Subtext vom Kontext “Kino“ auf den Kontext “Internet“ verschoben. Diese Technik und Schreibweise ist dem Medium und dem Thema gleichermaßen angemessen: Eine wahre Geschichte des Kinos bzw. des Internets kann man nicht schreiben. Das Kino bzw. Internet besteht aus bewegten Bildern, Tönen, aus Texten, die hin- und hergeschickt werden, die vervielfältigt, verändert, umkodiert, übersetzt, umgedreht ... werden.
Solche simplen Maskierungen und Verkleidungen, solche Sprachspiele und generativen Texttransformationen lassen den eigentlichen Ort textschöpferischer Produktivität leer – eben jene berühmte und berüchtigte ’Leerstelle des Textes‘, die in wechselseitigen Text-Rezeptions- und -Produktions-Prozessen immer wieder neu besetzt wird.
Auch schon in frühen Reflexionen zu Textualität und Autorschaft klafft diese Lücke, diese Leerstelle, der slash zwischen Signifikat und Signifikant, den die Moderne/Postmoderne dann so wild und emphatisch bearbeitet hat, der Zwischenraum zwischen den Texten.
Wie wird die Autorenschaft in kollaborativen Schreibprojekten kulturell kodiert? Wie repräsentieren sich kollektive Äußerungsgefüge und welche Optionen finden sich in den Interfaces, in der Software, in den Netzprotokollen?
Mit Fernbedienung, Internetanschluss, Digitalkamera, Scanner, Texterkennungs- und Textverarbeitungssoftware ausgestattet, ist heutzutage prinzipiell jeder User/Empfänger/Leser in der Lage, in diesem Raum zwischen den Texten zu operieren: abweichende Dekodierungen, Bedeutungs-Umdrehungen und Neu-Zusammenschnitte an jedwedem Material vorzunehmen – sei es aus Spaß, aus Verdruss, aus Langeweile, als Bastelei, als ein künstlerischer oder politischer Akt oder eine Intervention im Sinne einer ’semiologischen Guerilla’:
mp3 is free – why not txt?
“... den fixierten Sinn der Sätze zerschneiden ... gedankenlose Touristen des Wortes einer Vibrations-Massage unterziehen ... das Medium ist Massage ... das Wort fällt ... und mit ihm das BILD dessen, was es bezeichnet, Durchbruch im grauen Raum ...“

Bearbeiten/alles mit allem verbinden!
Der immer wieder (hauptsächlich von amerikanischen Hypertext-Theoretikern) ins Spiel gebrachte utopische Gehalt der Hypertext-Technologie beruht auf der Idee eines 'Docuverse', eines digitalen Text-Universums mit breit gestreuten Zugangsrechten, einem Transcopyright für Autoren, das nach dem Modell der GEMA-Gebühren im Radio minimale Beträge automatisch je nach Zugriffsdauer an die Autoren abführt und einer - verglichen mit dem exisistierenden WWW - erweiterten Linkmöglichkeit. Der Clou dieses Modells beruhrt auf einer Art Gelehrtenrepublik-Phantasie: die Nutzer sollen eben auch die Möglichkeit erhalten, Links zu und aus allen möglichen Texten im Netzwerk anzulegen, zu denen sie keine Zugriffsrechte besitzen (im Jargon der jetzigen Serverkonfigurationen: eben auch zu Dokumenten, für die sie nach jetzigem Statur lediglich "Leserechte" besitzen.)
Gerade eine solche Aufhebung der Differenz zwischen Lese- und Schreibrechten ganz konkret auf der Konfigurations-Ebene von WWW-Servern wäre aber der entscheidende Knackpunkt über die 'wirklich' die Leser-Rolle mit der Autoren-Rolle verschmelzen könnte. Doch die Verhältnise, die sind nicht so! Momentan sind solche Operationen lediglich durch ein 'Hacken' der betreffenden Seiten möglich oder durch spezielle Server-Programme und Routinen, die einen Gast-Zugang - mit Schreibrechten auf spezielle öffentliche Verzeichnisse (ähnlich FTP-Servern) zulassen. Gerade solche Projekte sind es, die das Hypermedia-Konzept zu einem aktiven diskursivem Gebrauchsmedium machen - Produktionstools für Autoren und Leser gleichermaßen!
Oder auch ganz einfach gesagt:
"Literature is an ongoing system of interconnecting documents."
(Nelson (1981), 2/9 ff.)

„Das Imaginäre konstituiert sich nicht mehr im Gegensatz zum Realen [...] es dehnt sich von Buch zu Buch zwischen den Schriftzeichen aus, im Spielraum des Nocheinmal-Gesagten und der Kommentare; es entsteht und bildet sich heraus im Zwischenraum der Texte. Es ist ein Bibliotheksphänomen."
(Michel Foucault, Die Phantasmen der Bibliothek, in: Michel Foucault, Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader Diskurs und Medien, hrsg. von Jan Engelmann, Stuttgart 1999, S. 85-91, hier: S. 87)

Bearbeiten/Einfügen: Endlich das Foucault-Zitat aus der Zwischenablage
"Wen kümmerts, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert, wer spricht" (Samuel Beckett)
In der Problematisierung von Copyright und Eigentumsverhältnissen von Texten und Bildern im Internet werden allzuoft die modernen bürgerlichen Rechtsnormen als absolute Bezugspunkte gesetzt, ohne deren historische Relativität zu berücksichtigen. Ein Blick hinter den Status von Text-Beziehungen als Warenaustausch, der sich erst mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts konstituiert, zeigt überraschende Perspektiven: ganz gegen Platos Diktum können Texte offensichtlich doch auch ohne Autorennamen zirkulieren:
„Andererseits gilt die Funktion Autor nicht übertall und nicht ständig für Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die Texte, die wir heute 'literarisch' nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien, Komödien) aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich die Autorfrage stellte [...]. Im Gegensatz dazu wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nur akzeptiert und hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors gekennzeichnet waren.“ (Foucault, Michel 1979: Was ist ein Autor? in: Schriften zur Literatur, Berlin, S. 19)


"Das Computernetz befreit den Autor von seinem Verleger. Ungehindert [...] kann ein schreiblustiger Autor Buch nach Buch direkt ins Netz werfen. [...] Die Sätze wollen nicht länger eine Verbindung mit Vorgängern und Nachfolgern eingehen. Nach jedem Satz kann im Prinzip jeder andere folgen [...] Der real existierende Cyberspace ist ein Text-based Environment [...] Der flüchtige Computext ist die ironische Rückkehr der Schrift, nachdem das Wort im Zusammenhang der Bildkultur für tot erklärt worden war [...] Virtuelles Schreiben ist die Antwort der Schrift auf die Designermedien, weil es keine Form sucht, um sich zu materialisieren [...] sondern um sich stattdessen im elektronischen Universum einen neuen Raum zu schaffen, um überallhin gelangen zu können." (Agentur Bilwet (1995), Der Datendandy. Über Medien, New Age und Technokultur, Mannheim, 1995, S. 208-211)


Bearbeiten/Formatieren: Linearisierung und Adressierung der Druckkultur
Der Autor wird also - je nach dem technischen Stand des Kommunikationssystems - erst produziert, ist in gewisser Weise ein medialer Effekt des jeweils vorherrschenden Informationssystems der Wissensverarbeitung. Der Autor aus der Sicht der Systemtheorie:
„Als Autoren werden diejenigen informationsverarbeitnden Systeme bezeichnet, die über ihre Sinnesorgane Informationen aufnehmen und diese zu Manuskripten verarbeiten, die dann von den Druckereien aufgenommen werden. Erst durch Herstellung einer Beziehung zu Verlegern und/oder Buchdruckern können die `Schreiber` also zu Autoren und damit zu Elementen eines neuen Kommmunikationssystems werden.“ (Giesecke, Michael (1991): Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationsthechnologien, Frankfurt am Main, S. 400-401)
Genauso produziert werden auf der anderen Seite des Kommunikationsprozesses die Leser.
Die Verstärkung und Monopolisierung der Autorenfunktion schlägt sich auch ganz konkret in den Normierungen und Linearisierungen von Format und Systematik gedruckter Büchern nieder. Gerade in der Umstellung textueller Speichertechniken auf den Buchdruck sind kuriose Erscheinungen zu beobachten: die ‘Incipits’ und die chaotischen und teils wundersamen Bennennungen von Manuskripten durch Titelblätter und Überschriften werden konsequent auf Autorennamen und Titel umgestellt, die dann nicht selten erst von den Druckern erfunden oder konstruiert werden ...
Die vielseitigen poetischen Referenzsysteme des Mittelalters werden durch lineare Sequentialisierung (Seitenzahlen, Inhaltsverzeichnisse und Register) in eindeutige Adressierungen jedes einzelnen Informationssegments umgewandelt.
Bearbeiten/Drucken: Von der Typographie zur Schnittstelle
Während die Typographie zunächst die skripturalen Gesten der Handschrift zu simulieren versuchte (im Übergang von der Manuskript- zur Druckkultur) lassen sich diskursive Elemente und Funktionen direkt auf der Oberfäche der Schriftsysteme nieder: alphabetische Verweissysteme, Indexe oder auch die Fußnoten werden zu den zentrales Diskurselementen der sich entwicklenden „kritischen„ hermeneutischen Techniken.
Im Übergang zu elektronischen Diskurstechiken werden die zunächst für die Rezeption wichtigen typographischen Zeichen schließlich zu Interaktions-Elementen, die eine Schnittstelle von der Schriftoberfläche zu den - jetzt auch für die Leser sich öffnenden - Programmfunktionen elektronischer Texte herstellen: Buttons, Bedienelemente, Eingabefenster, Links ...
Bearbeiten/Werkzeugkiste: Buch als Brille
"Das Buch hat aufgehört, ein Mikrokosmos nach klassischer und abendländischer Art zu sein. Das Buch ist kein Bild der Welt und noch viel weniger Signifikant. Es ist nicht schöne organische Totalität, auch nicht mehr Einheit des Sinns. Michel Foucault antwortet auf die Frage, was für ihn ein Buch sei: eine Werkzeugkiste. Und Proust, dessen Werk voller Bedeutungen stecken soll, meinte, daß sein Buch wie eine Brille sei: probiert, ob sie euch paßt; ob ihr mit ihr etwas sehen könnt, was euch sonst entgangen wäre; wenn nicht, dann laßt mein Buch liegen und sucht andere, mit denen es besser geht. Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt.
Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt' s nichts zu verstehen, aber viel dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Ein Buch muß mit etwas anderem 'Maschine' machen, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein."
(Deleuze/Guattari: Rhizom. Merve-Verlag, 1977, 40)

Avantgarde als Software?


Also: trotz aller medialen Emergenz: hinter den Textfenstern des Buches läuft immer auch ein Film, spielen sich Suchläufe in Google ab … können wir die Sprache der neuen Medien überhaupt lesen?

Als Hauptdrehmoment in der Herausarbeitung kunsthistorischer Begründungen der im Buch entfalteten Idee einer «Avantgarde als Software» [6] fungieren immer wieder Beispiele aus avantgardistischer Filmkunst (Eisenstein, Greenaway, Godard, Rybcynski) – ohne dabei allerdings oberflächlichen Analogiebildungen und Metaphern visueller Kulturtechniken zu verfallen.

«So gehört etwa die avantgardistische Strategie der Collage als ’Cut and paste’, Ausschneiden und Einfügen, heute zu den grundlegendsten Operationen im Umgang mit Computerdaten. [...] Die dynamischen Fenster, Pull-down-Menus und HTML-Tabellen erlauben es dem Nutzer, auf einer räumlich begrenzten Bildoberfläche mit einer nahezu unbegrenzten Menge an Daten und Information gleichzeitig zu arbeiten. Diese Strategie wurde bereits 1926 von Lissitzky eingesetzt, der in seinem Ausstellungsdesign für die internationale Kunstausstellung in Dresden bewegliche Rahmen verwendete.» [7]
In einer radikalen Schnitttechnik gelingt es Manovich, diese avantgardistischen Teckniken, mühelos auf die Operationen auf den Oberflächen der Hypermedien zu übertragen:
«Durch die Einführung der Computer-Software ist es heute nicht mehr notwendig, den Erstellungsprozeß eines beliebigen Medienobjektes immer wieder bei Null zu beginnen. Die Computerkultur bietet eine sehr effizientere Methode: Hier werden Medienobjekte im allgemeinen aus bereits erstellten Elementen kreiert, etwa aus Icons, Texturen, Videoclips, 3D-Modellen, ganzen Animationssequenzen, gebrauchsfertigen virtuellen Zeichen, Javascript-Code-Elementen oder Director-Lingo-Scripts.

Die wildesten atomistischen Phantasien von Kandinski, Rodtschenko, Lissitzky, Eisenstein und anderen 'Atomisten’ der zwanziger Jahre werden wahr, wenn Computerbenutzer beispielsweise mit einer Webseite interagieren, durch einen virtuellen Raum navigieren oder ein digitales Bild untersuchen.» [8]
Totalitäre Interaktion?

Bei der Entwicklung einer Poetik der Navigation etwa werden im weiteren Verlauf des Buches dann auch Computerspiele, interaktive Installationen, CD-Roms, Software-Interfaces, Websites, VR-Environments etc. explizit untersucht.

Die spannenden Ausführungen zur Logik von Datenbanken [9] bieten ein theoretisches Gegengewicht zu anwendungsorientierten Okkupationen von Multi- und Hypermedia als reines Design von Benutzerschnittstellen an:

In Lev Manovichs Posting in Rhizome «On Totalitarian Interactivity» [10], 1996 werden ideologiekritisch Unterschiede markiert zwischen einer ‘östlichen’ Sichtweise (Interaktivität als Form totalitärer Manipulation) und der bekannten ‘westlichen’ Überschätzung interaktiver Operationen (als Vehikel zur allgemeinen Durchsetzung von Gleichheit und Demokratie).

Erzählungen werden abgelöst durch Verzeichnisse, Indexierungen und Netzwerke von Verweisen, die jetzt die neuen kulturellen Formen bilden. In der Sprache der neuen Medien werden Geschichten nicht mehr auf herkömmliche Art und Weise erzählt: es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Dramatisierungen und linearen Sequenzialisierungen – Hypernarrationen stellen lediglich Sammlungen einzelner disparater Elemente dar … Die Arbeit von Medienkünstlern und Designern bestehe nun darin, verschiedene Interfaces zu Datenbanken zu konstruieren – die Rezeptionsarbeit der User dagegen darin, ‘transversale Durchquerungen durch ebensolche Datenbanken’ (S. 227) zu vollziehen, Korrelationen herzustellen zwischen verschiedenen Medientracks, zwischen Sinnen und Medienströmen:

Lev Manovich führt hier eine wichtige Unterscheidung ein: offene Interaktionenen modifizieren oder generieren Medienelemente oder deren Verzweigungsstrukturen, während geschlossene Interaktionen lediglich ein passives Navigieren innerhalb vorgegebener fixierter Strukturen und Pfade zulassen. [11]

Solche nichtlinearen Sequenzialisierungen von Bildschirmen als eine Sprache zu (re)konstruieren – unter Rückgriff auf die Sprache des Films – ist der Verdienst von Lev Manovich: er entwickelt dabei ein Vokabular («interaktive Narration», «navigierbare kulturelle Räume», «kulturelle Interfaces», «Datenbank als symbolische Form»), mit dem die Operationen auf den Oberflächen der neuen Medien als eine neue Kulturtechnik begriffen, benutzt, reflektiert und vor allem kritisiert werden können.

Spielen?

Aber wir haben schon wieder viel zu viel gelesen. Wir sollten lieber spielen, um der Sprache der neuen Medien auf die Spur zu kommen!

Es bietet sich der Freud-Lissitzky Navigator an, der verspricht, eine «Software Erzählung» zu sein, eine «theoretische oder fiktionale Erzählung über Software» [12], mit dem Ziel, die Mythen von Computerspielen zu rekonstruieren, eine imaginäre Software zu entwerfen, mit der man einerseits durch die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts navigieren und dabei gleichzeitig verschiedene historische Medienoberflächen in einer Art Zeitreise benutzen kann:

Verschiedene Interfaces bieten sich dem Nutzer an: http://www.manovich.net/FLN/index.html

Ein Navigatorfenster eröffnet den Blick auf verschiedenen narrative Levels:

Zeitebenen von 1900 bis zum Jahre 1997 und Örtlichkeiten (Budapest, Berlin, Moskau, Los Angeles …):

Sigmund Freud trifft auf den russischen Avantgarde Designer El Lissitzky, sie entwickeln die Vision einer Architektur-Simulation von Freuds Theorie. Ausgehend von dem Modell eines Hauses versuchen sie die Prozesse von Verdichtung und Verdrängung mittels mobiler beweglicher Wände zu realisieren. … Ungefähr zur selben Zeit reist auch Sergei Eisenstein durch Wien und trifft die beiden. Sofort ändert er seine Pläne:

Anstatt einer Verfilmung des Kapitals realisiert er ein erstes Preview der Traumdeutung als Fahrt durch das imaginäre Haus des Unbewußten. Moholy-Nagy baut dazu das Modell. Am Bauhaus hört Eisenstein eine Vorlesung des amerikanischen Ingenieurs Edwin Link über das Design von Flugsimulatoren. Eisenstein übernimmt sofort das visuelle Setting. Dadurch wird er nach Hollywood eingeladen … Während sich das politische Klima verschlechtert, Lissitzky nach Russland zurückkehren muß, gehen die verschiedenen Aufzeichnungen zum Navigator verloren … und wie viele andere Projekte von Eisenstein bleibt auch der Freud-Lissitzky Navigator unrealisiert. … 1997 schließlich versuchen professionelle Spiele-Entwickler basierend auf Doom, eine kommerzielle Version für die Sony Playstation zu entwickeln, klauen den Code des Prototypen .. aber auch diese Entwicklung verläuft im Sande … [13]

Ein Klick auf ein Photoshop-Symbol bringt verschiedene Rekonstruktionen des Interfaces vom Freud-Lissitzky Navigator zur Ansicht. Ansonsten bleibt dieses Projekt von Manovich wohl ähnlich unabgeschlossen wie es sich schon in der Geschichte angedeutet hat. Immerhin findet sich auch eine direkt im Netz spielbare Shockwave-Version. [14]

Als Mikro-Kernel ist letztlich in diesem Projekt die Methode Manovichs realisiert, ausgehend von der Geschichte der kulturellen Interface-Entwicklung her die aktuellen Werkzeuge, Tools, Oberflächen und Betriebssysteme zu re-historisieren und mit kulturellen Bezügen aufzuladen:

Er konstruiert so etwas wie eine Software-Erzählung / eine Interface-Erzählung, in der die Art und Weise des Erzählens selbst auch mit das Thema ist und in der sich verschiedene Entwicklungslinien der «Navigation der Welt» kreuzen: vertikale (Freud) und horizontale Linien (Lissitzky), Wiener Psychoanalyse meets russische Avantgarde, bis hin zu Vorboten eines virtuellen 3D-Browsers …

Avantgarde als Software also nicht als ein einfacher Kurz-Schluß, sondern:
«Avantgarde wird Software. Ich möchte diesen Satz auf zweierlei Weise verstanden wissen. Einserseits kodifiziert und übernimmt die Softwaree die Techniken der alten Avantgarde. Und andererseits bilden die neuen Softwaretechniken des Umgangs mit Medien die neue Avantgarde der Meta-Mediengesellschaft.» [15]
ABstimmung im Seminar, ob der Kampf MYST gegen DOOM als ABSCHWEIFUNG noch vorgetragen werden soll: 16: 4 .
Navigierbarer Raum
Manovich läßt Myst gegen Doom antreten. Ein unmögliches Duell:

«In vielerlei Hinsicht unterscheiden sich die Spiele erheblich. Doom verläuft sehr schnell, Myst langsam. In Doom rennt der Spieler durch lange Korridore und versucht, jedes Level so schnell wie möglich durchzuarbeiten, um dann zum nächsten zu gelangen. In Myst bewegt sich der Spieler buchstäblich {186} Schritt für Schritt, er konstruiert die Erzählung. Doom wimmelt von Dämonen, die an jeder Ecke angriffsbereit lauern; Myst ist dagegen vollkomen leer. Die Welt von Doom ist der Computerspiel-Konvention verpflichtet, nach welcher ein Spiel aus einigen Dutzend Ebenen besteht. Obwohl Myst ebenfalls vier verschiedene Welten enthält, ähnelt jedoch jede davon eher einem geschlossenen Kosmos als einem traditionellen Computerspiel-Level. Während die gewöhnlichen Ebenen strukturell und visuell nicht sehr voneinander abweichen, sind die Welten des Myst-Spiels sehr unterschiedlich.

Ein weiterer Unterschied liegt in der Orientierungsästhetik. In der Doom-Welt, in der alles in rechteckige Räume aufgeteilt ist, läuft der Spieler in geraden Linien und dreht sich plötzlich um 90 Grad nach rechts oder links, um in einen neuen Korridor zu gelangen. In Myst ist die Orientierung viel freier. Der Spieler, oder genauer der Besucher, erkundet langsam die Umgebung. Er schaut sich vielleicht eine Weile um, wandert eventuell im Kreis herum, immer wieder auf denselben Punkt zurückkehrend, als vollführe er einen aufwendigen Tanz.

Trotz aller Unterschiede der Kosmogonie, des Spielwesens, des grundsätzlichen Rechenmodells, haben die Spiele eine wesentliche Eigenschaft gemeinsam: beide sind Reisen im Raum. Das Navigieren des dreidimensionalen Raums ist ein wesentliches, wenn nicht das wesentliche Element des ganzen Spiels.

Doom und Myst geben dem Benutzer einen Raum, den er durchquere muß und den er ausmißt, indem er sich darin bewegt. Jedes Spiel fängt damit an, daß es ihn irgendwo in diesen Raum hineinfallen läßt. Bis er zum Ende der Spiel-Erzählung gelangt, muß er so viel wie möglich von diesem Raum besuchen [...].

In Doom und Myst [...] sind die Erzählung und die Zeit selbst als Bewegung durch einen 3-D-Raum, als ein Fortschreiten durch Räume, Ebenen, Worte zu {187} verstehen.» [16]

Kulturelle Software

In diesem Kontext wird dann auch der navigierbare Raum weder, wie in von Kulturtheoretikern bevorzugten Denkmodellen, als Ende einer historischen Epoche überinterpretiert, noch einfach, wie häufig ahistorisch von den Apologeten der Neuen Medien hypostasiert, einfach als Anfang einer vollkommen neuen Entwicklung dargestellt, sondern als ein kulturelles Interface analysiert, das, intermedial und interdisziplinär mittels bestimmter Softwareoperationen avantgardistische künstlerische Raumkonzepte umsetzt:
«Theoretisch wie praktisch bedeutet der navigable space eine neue Herausforderung. Statt nur die Topologie, die Geometrie und die Logik eines feststehenden Ortes zu bedenken, sollten wir den neuen Funktionsmodus des Raumes in der Computerkultur genau beachten: nicht als Fläche, sondern als eine vom Subjekt erfahrene Flugbahn.» (Navigable Space, S. 205)
Hier schlägt Manovich einfach neue Fährten in die ausgetretenen Pfade der Medientheorie! [19]

Er bietet auch durchaus verschiedene Lesarten/ Levels an: etwa die aktive Raumerkundung in den virtuellen Räumen der Computerspiele einerseits in seiner kulturellen Funktion als eine Selbstentdeckung und Charakterbildung in der Traditionslinie amerikanischer Erzählweisen [20] oder als eine Programmierung des «mobiliserten virtuellen Blickes» (Navigable Space, S. 199), eine Wahrnehmungsform die vom Flaneur, vom Panorama, der Fotographie und dem filmischen Blick abgeleitet wird. Aus der Perspektive der Interface-Entwicklung also vom Kamera-Auge, von der Datenbank des Stadtlebens und den digitalen Interface-Funktionen gleichzeitig!

„Das Denkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ verflixt, wie komme ich nur aus diesem Text heraus ... d.h. ich stecke doch gar nicht drinn, bin doch nur ausserhalb –
und heraus komme ich durch einen Link ...



LINKS

Schreiben zum Stichwort "populärkulturtheorie" im Assoziationsblaster

blogger: POP KULTUR THEORIE

Die Sprache der neuen Medien lesen und schreiben?
oder Fragmente einer ‘Language of NO MEDIA’.
Oder was Sie schon immer über neue Medien wissen wollten und wagen sollten, Lev Manovich zu fragen …

Links zu LEV MANOVICH

(einige) texte heiko idensen finden sich unter:

netzliteratur.net: Netzliteratur // Internetliteratur // Netzkunst
hrsg. von Johannes Auer / Christiane Heibach / Beat Suter

Die Poesie soll von allen gemacht werden!
Von literarischen Hypertexten zu virtuellen Schreibräumen der Netzwerkkultur

Kritsche Bemerkungen zu Heiko Idensen: "Die Poesie soll von allen gemacht werden" und zu Boris Groys: "Der Autor im Netz".
Von Thanassis Kalaitzis

... das Keyword "cultural software" im "assoziations-blaster"

kombiniere verschiedene wörter!
"cultural software" in den verschiedenen kontexten! …

digital authorship / foucault
digital authorship / barthes
digital authorship / derrida
digital authorship / landow
digital authorship / nelson
digital authorship / bolter
digital authorship / Eco
digital authorship / Novalis
digital authorship / Schleiermacher
digital authorship / Godard
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digital authorship / Burroughs
digital authorship / Aarseth
digital authorship / Geoffrey Bennington
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digital authorship / "Mark Poster"
digital authorship / Kristeva
digital authorship / "Tel Quel"

digital authorship / Amerika
digital authorship / Cramer
digital authorship / Heibach
digital authorship / Idensen

digital authorship / "Karin Wenz"
digital authorship / Wirth

everything2.com: keyword poesis

Die Bibliothek als Schnittstelle von Medien, Diskursen und Dokumenten

Die IMAGINÄRE BIBLIOTHEK (Web-Version, 1995)

Die IMAGINÄRE BIBLIOTHEK (Inhaltsverzeichnis)

DOKUMENTATION POOL-PROCESSING (1991-1993)

ZITAT-SAMMLUNG: Themenkomplex ENZYKLOPÄDIE

erste ENZYKLOPÄDIE-Version (2210.2000, Kassel)

nic-las: autopoppoetische Informationslandschaft: kollaborative Enzyklopädie

links to go:

codecrunsher (hypermedia performance)
NetzKunstWoerterBuch_SWIKI
hypertext-hotel
The first collaborative Sentence
Florian Cramers Text-Maschinen

Shredder 1.0
Cut it up!
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Netz-Werk-Kultur-Techniken (erweiterter Zwischenbericht (PDF)

science-fiction (SS 1999): kollaborative Oberfläche BSCW)
  SS 99

CD-ROM "Konfigurationen zwischen Absturz und Wirklichkeit"

codecrunsher: mulimedia-event

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