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2. SCHMIEDEKUNST (Arbeit)


Aufschreibesystem 2000? (Spule, Band, Bandgeschöpf)

Lindsay öffnete die Blechdose. Darin lag eine Spule mit eisengrauem Band mit einem zehn Zentimeter langen Einführstrip. Lindsay legte den Deckel beiseite (das dünne Blech war in der Investorschwerkraft schwer wie Blei) ... und dann erstarrte er.
Das Band bewegte sich raschelnd in der Kartouche. Der Leaderstreifen schnellte nach oben, drehte sich, und die ganze Bandlänge begann sich abzuspulen. Wogend und peitschend stieg das Band auf, bläßliche Farbschimmer tauchten willkürlich auf dem Streifen auf. Sekundenschnell hatte sich eine durchbrochene Wolke aus hellem Band gebildet, deren Stütze und Basis eine steife, halb-abgeflachte Rabattenstruktur war.
Lindsay kniete noch immer da und bewegte einzig die Augen, beobachtete jedoch mit Vorsicht. Das weiße Endstück war der Kopf der Bandkreatur, das war ihm klar. Der Kopf bewegte sich über einer langen, weiten hochgereckten Schlaufe und suchte den Raum nach Fremdbewegung ab.
Das Bandgeschöpf war in beständiger ruheloser Bewegung und reckte sich und weitete sich zu einer in losen Schlingen sich korkenzieherhaft bewegenden unkonzentrierten Masse. An der lockersten Stelle glich es einem aufgeblähten torkelnden Garnknäuel von Mannsgröße, dessen versteifte Stützschlingen mit dünnem Zischeln über den Boden glitten.
Zunächst hatte er es für eine Maschine gehalten. Eine gefährliche Apparatur, denn die Kanten der sich verdrehenden Bandschlingen waren rasiermesserscharf. Jedoch diese Windungen hatten etwas Ungezieltes, eine organische Unbekümmertheit in ihrer Bewegung.
(Bruce Sterling: Schismatrix, München 1989, OT 1985, S.290)

Sprachliche Äußerung ist nicht erforderlich

Lindsay hatte sich noch nicht bewegt. Das Ding schien ihn nicht sehen zu können.
Er warf heftig den Kopf herum, und die schweren Sonnenschutzbriüen flogen von seiner Stirn und segelten quer durch den Raum. Der Kopf des Bandes schoß sogleich hinter der Brille her.
Mimikry setzte vom Schwanz her ein. Das Band schrumpfte, zerknitterte wie Packpapier, umrandete die Gestalt der Sonnenbriüe fest mit zerknittertem Band. Doch noch ehe es den Prozeß ganz beendet hatte, schien das Band das Interesse daran zu verlieren. Es hielt inne, betrachtete die bewegungslos starre Sonnenbrine, und dann zerfiel es zu einer losen um sich peitschenden Masse.
Ganz kurz imitierte das Ding Lindsays hockende Gestalt und bauschte sich zu einer löcherdurchbrochenen mannsgroßen Skulptur aus raschelndem Band auf. Das farbige Band paßte sich blitzschnell der rostbraunen Färbung auf schwarzem Grund an, die seine Overalls aufwiesen. Dann lenkte der Bandkopf sein Interesse anderswohin, und das Ding zerspillte in Fetzen, wobei die Farben wie irre durch die Farbskala rasten.
Während Lindsay es beobachtete, flackerte es. Der weiße Kopf drehte sich langsam prüfend, beinahe verstohlen herum. Schlammiges Braun blinkte auf, die Farbe der Haut der Investoren. Allmählich ergriff ein Speicherbild im Gedächtnis die Oberhand, entweder ein biologischer oder ein kybernetischer Gedächtnisfundus wurde wirksam. Das Ding bündelte sich zusammen und kroch in eine neue Gestalt.
(Bruce Sterling: Schismatrix, München 1989, OT 1985, S. 290)

Lokomotive gegen Literaturphrasen

Die Welt, selbst die sogenannte gebildete Welt, fängt an zu erkennen, daß in einer schönen Lokomotive, in einem elektrisch bewegten Webstuhl, in einer Maschine, die Kraft in Licht verwandelt, mehr Geist steckt als in der zierlichsten Phrase, die Cicero gedrechselt, in dem rollendsten Hexameter, den Vergil jemals gefeilt hat.
Max EYTH: Poesie und Technik. In: Zeitschrift des Vereines deutscher Ingenieure 48 (1904)

Geheimnisvolle Antriebe der Technik (VERNE: Zwanzigtausend Meilen)

In der Verschmelzung des Abenteuerhelden mit der Maschine kulminieren die Phantasien einer unbeschränkten Macht über die Umwelt. Die Elektrizität verleiht dem Apparat ungeheure Kräfte. Bei der Beschreibung von Motoren, Batterien und Materialien der Fahrzeuge werden rationale Erklärung und poetische Suggestion miteinander verquickt. Das Geheimnisvolle der Technik in den Romanen wird auch durch die in sie eingefügten Erklärungen nicht völlig aufgelöst. Nachdem Nemo dem Professor Aronnax erklärt hat, wie das Antriebssystem funktioniert und woher die Triebkraft bezogen wird, kommentiert der Ich-Erzähler Aronnax:
"Hier fand ein Geheimnis statt, aber ich bestand nicht darauf, es kennen zu lernen. Wie ward es möglich, daß die Electricität mit solcher Kraft wirkte? Woher entsprang diese fast unbegrenzte Kraft? Etwa aus einer übermäßigen Spannung durch eine neue Art von Wellen? Oder aus der Hinüberleitung, welche durch ein System unbekannter Hebel bis zum Unendlichen gesteigert werden konnte? Dieses war mir unbegreiflich".
(Julius VERNE: Zwanzigtausend Meilen, 1876, S. 99)
Die Maschine vermag die Naturkräfte zu überwinden. Nicht nur die Kräfte des Meeres werden bezwungen, auch die Schwerkraft wird besiegt. In Maître-du-monde ist Robur mit seinem vogelartigen Amphibienfahrzeug, das eine Fortbewegung auf der Erde und in der Luft sowie auf und unter dem Wasser errmöglicht, völlig eins geworden. Bilder der Harmonie von Technik ünd Natur werden durch die Darstellung der Maschine als Wunderwaffe und Zerstörungsrnittel kontrastiert. Aber immer ist es der Apparat, der die Abenteuer besteht, der Mensch ist Bestandteil des Apparats, den er steuert.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 99)

Krisen der Kontingente und Prioritäten- zwischen den verschiedenen Technologien

Wenn ich nun aber im Begriff bin, hier durch den wahren Text hindurchzufahren..oder wenn ich heute, irgendwo in den Zerstörungen von Hamburg, an ihm vorbeigefahren bin, Aschenstaub einatmend und ihn völlig verfehlend...wenn das, was die I.G.hier gebaut hat, wenn es nur ein Arrangement von Fetischen war,..ja, dann währen die "alliierten" Maschinen auch alle I.G.-Produkte gewesen, auf dem Umweg über Direktor Krupp und seine englischen Verbindungen- die Bombardierung entsprach genau einem industriellen Konversionsprozeß, jedes Freiwerden von Energie genau in Raum und Zeit plaziert, jede Druckwelle gnau vorausgeplant, um präzise das Wrack der heutigen Nacht zu erzeugen, dabei den Text decodierend, dabei den heiligen Text codierend, recodierend, redecodierend.. das bedeutet, daß dieser Krieg niemals auch nur im geringsten politisch gewesen ist,..im geheimen war der Krieg von den Bedürfnissen der Technologie diktiert..von einer Verschwörung zwischen menschlichen Wesen und technischen Verfahren, von etwas, das auf die Energieexplosion des Krieges angewiesen war...
Die wahren Krisen waren Krisen der Kontingente und Prioritäten, nicht zwischen Firmen.., sondern zwischen den verschiedenen Technologien, Kunststoffchemie, Elektronik, Flugzeugbau...
(Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbeck bei Hamburg, 1984, S. 812)

Zauber der Elektrizität (VERNE: Zwanzigtausend Meilen)


Von den Kräften, die der technische Fortschritt entfaltet, übt die Elektrizität in den Romanen Vernes die größte Faszination aus. Sie ist die ideale Antriebskraft der Verneschen Reisemaschinen. Kapitän Nemo erklärt dem Professor Aronnax:
Es giebt einen starken, folgsamen, raschen, willigen, zu Allem dienlichen Agenten, der an meinem Bord herrscht. Er leistet mir alles, beleuchtet, erwannt, ist die Seele meiner mechanischen Werkzeuge. Dieser Agent ist die Elektricität.
(VERNE: Zwanzigtausend Meilen, 1876, S. 92)
Elektrizität als saubere, sichere Energie bildet die Grrundlage einer Utopie der Bewegung, die als völlig frei von den Schlacken des Produktionsprozesses, von Ausbeutung und Unterdrückung erscheint. Das Meer enthält die Stoffe, die zur Herstellung der Elektrizität notwendig sind: das Natrium, das im Meerwasser enthalten ist, und in unterseeischen Bergwerken Steinkohle, die als Brennstoff zur Extraktion des Natriums erforderlich ist. Wie die Elektrizität ungeheure Kräft zu entwickeln erlaubt, so birgt das Meer den reichsten Vorrat der Natur. Und wie die Potentiale der Elektrizität noch unerforscht jind, so stcllt auch das Meer in seiner Weite und Unberechenbarkeit eine unwiderstehliche Herausforderung an den Menschen dar: seine Schätze zu entdecken, seine Reserven auszubeuten und auch in diesen Bereich ordnend einzugreifen.
Eine ordnende Macht, nicht nur eine unerschöpfliche Energiequelle stellt die Elektrizität dar. Denn sie ist nicht nur die Antriebskraft des ,,Nautilus". Elektrisch funktionieren auch Meßinstrumente wie das Tachometer, das die Bewegung der Reisemaschine zu kontrollieren hilft. Ein elektrischer Draht ennöglicht die Kommunikation zwischen dem ,,Nautilus" und einem mitgeflihrten Fischerboot. Und nicht zuletzt dient die Elektrizität der Herstellung von Trinkwasser und hilft beim Kochen.
(VERNE: Zwanzigtausend Meilen, 1876, S. 92)

(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S.103)

Metamorpose-Maschine

Doch: wir sind noch nicht tief genug in die abstrus-intellektuelle Welt der `technischen' `Concetti' KIRCHERS eingedrungen. Man begreift, was er selbst will, wenn man die zahllosen kommentierten `Experimente' nachliest, die er in seiner `Physiologia' (1624) den damaligen Höfen und Salons Europas empfielt. Was will er vorführen? `Kunstlichkeiten' aller Art, alle erdenklichen `Wunderbarkeiten', `Spectacula paradoxa rerum', eine Weltbühne der Paradoxien. `Maschinen` sind `paradoxale' Bilder, eine Discordia Concors von Natur und Idea, alogische Metaphern. Es ist ganz konsequent, daß er demzufolge eine Metaphern-Maschine erfindet. Dafür gibt er in der `Physiologia' drei Entwürfe: eine Spiegelmaschine, eine Maschine `zur Erzeugung von phantastischen Bildern in einem dunklen Raum' und eine regelrechte `Metaphern'-erzeugende `Stupore'-Maschine, die gleichzeitig eine Metamorpose-Maschine ist.
Die Erklärung ist ebenso verblüffend wie einfach. Irgendein Gast betritt diese Bilder-Fabrik. Versteckt in einem kastenartigen Möbel (zum Zuschauer hin geöffnet, um die Apparatur didaktisch sichtbar werden zu lassen) befindet sich eine Walze mit verschiedenen Bildern unter einem Spiegel. Betrachtet sich dieser Zuschauer nun in dem über dem Möbel hängenden Spiegel, so erscheint er (in dem Spiegel) als alles mögliche: als Sonne, Tier, Pflanze, Skelett, Pflanze, Gestein. Alles ist mit allem vergleichbar. Der Metamorphismus erscheint in der Bildermaschine KIRCHERS technisiert [...] `Aus dem Nichts', kommentiert KIRCHER seine Metapher-Maschine, `soll das vollkommene Bild entstehen'. Also Zauberei! [...]
Die `Translatio' (Übertragung) der Metapher macht alles möglich, vor allem dies: [...] das Antlitz des Menschen auf tausendfache Weise entstellen. Oder auch [...] das Gesicht des Menschen mit zwei flachen Spiegeln als ein wechselndes zeigen. Alles das nennt KIRCHER [...] die 'Große Kunst der Lichter und Schatten'. Dazu erklärt er, diese `große' Kunst könne `deformieren', `transformieren' und `reformieren'. [...] Nicht künstliche Menschen will er schaffen. Er will `technisch' künstliche Bilder erzeugen.
(Hocke, Gustav René: Die Welt als Labyrinth. Manier und Manie in der europäischen Kunst, Von 1520 bis 1650 und in der Gegenwart, Hamburg 1977, 123,124)

Das Kameraauge: Betriebsüberwachung und Voyeurismus


Die durch die neuen Medien ermöglichte Überprüfung und Optimierung der Produktion beschränkt sich nicht auf asthetische Produkte, die selbst durch diese neuen Medien vermittelt werden. Die Medientechnik dient auch der Uberwachung der allgemeinen Warenproduktion. Der Anfang des Romans Der Weltuntergang von Arthur Brehmer und Rudolph Falb veranschaulicht die Koppelung von Arbeitsorganisation, Ergonomie und Ästhetik. James Crookes, amerikanischer Unternehmer in der Elektrizitätswirtschaft, überwacht die Arbeiter in seinem zugleich als Glühbirnenfabrik fungierenden Elektrizitätswerk von seinem Bureau aus mit einer photographischen Kamera. Auf der Mattscheibe einer Camera obscura wird das Bild des jeweiligen Werksaales gespiegelt, welches seinerseits ausschnittweise durch ein schräg einfallendes Licht und durch eine Linse vergrößert an die Wand projiziert werden kann. Im Gesichtsfeld, auf das Crookes den Projektor mit Vorliebe einstellt, erscheint eine junge Frau, die im Werkhaus arbeitet und gleichzeitig die Aufsicht über eine Werkabteilung führt. An ihr imponiert dem Unternehmer, der sich selbst gerne mit einer Präzisionsuhr vergleicht, die militäische Exaktheit und Pünktlichkeit, mit der sie ihre Abteilung mit 500 Arbeiterinnen leitet. Die erotische Anziehung steigert sich noch, wenn Crookes die manuelle Tätigkeit seiner Vorzugsarbeiterin auf der Projektionsfläche betr.iehtet:
Da saß sie und befestigte mit einer, nur durch die größte Ubung erzielten Gewandtheit, die hufeisenförmig gebogenen, verkohlten Bambusfasern, die gegenwärtig beim Glühlicht benutzt werden, an das Ende der Platindrähte, die irgend eine andere Hand schon durch den Boden des Glühlichtballons durchgeführt hatte.
Die Arbeit ging ihr ganz wunderbar flink von der Hand, und dabei war jede Bewegung so graziös, die Hand bewegte sich so zierlich in ihren Gelenken, daß es eine wahre Freude war, auf das Wunderbild da an der Wand zu sehen. 64
64 Rudolph FALB, Charles BLUNT [Arthur BREHMER]: Der Weltuntergang. Roman. Berlin 1899, S.11 f.
(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S.425)

Daten-Archäologe (Modeberuf des Jahres 2077)


Daten-Archäologie ist nicht nur der Modeberuf des Jahres 2077, Daten-Archäologie ist auch ein
beliebtes Hobby. Gerade junge Leute graben mit größter Begeisterung nach uralten Daten; sie treibt
Neugier, Nostalgie und vielleicht auch ein gewisses Maß banaler Gewinnsucht. - Zumindest seit
»Digger One« durch ein antikes Flugsimulator-Computerspiel reich geworden ist.
Sie wühlen auf Dachböden, buddeln verbotenerweise Sondermüll-Deponien auf, streunen durch überwucherte Fabrikminen, tauchen nach den Schiffswracks der Jahrtausendwende, durchforsten mit handgestrickten Suchprogrammen die ältesten Speicherbereiche des Netzes, zerren auf Flohmärkten die Schrottberge auseinander und geben sich bei Haushaltsauflösungen die Klinke in die Hand. Vielleicht findet sich irgendwo eine sogenannte Diskette? (Eingeweihte reden ehrfürchtig von »disk« oder salopp von »floppy«.) Auch Festplatten sind ein begehrtes Sammlerobjekt. Dagegen lohnen sich CD-Roms nur, wenn sie hervorragend erhalten sind - erkennbar daran, daß die Plastikoberfläche noch schimmert und die Aluminiumfolie sich nicht gelöst hat. Aber das ist selten, meist sind die Scheiben unansehnlich geworden, verklebt und aufgedunsen. Keine Chance, daß sich die »pits«, die winzigen Löcher, noch identifizieren lassen.
Ein-, zweimal im Jahr geht ein ehrfürchtiges Staunen durch die Szene: Da hat jemand in Rußland oder Brasilien eine Spule Lochband oder einen Stapel Lochkarten aufgestöbert! Dergleichen gehört zum Weltkulturerbe und wird von einer globalen Behörde registriert. Möglicherweise gestattet es das gelochte Papier irgendwann einmal, eine der verschollenen Maschinensprachen zu entschlüsseln.
Es liegt in der Natur der Sache, daß die Zeugnisse rarer werden, je weiter man in die Geschichte der Datenträger zurückgeht: Nur etwa ein Tausendstel des antiken Schrifttums, das hauptsächlich auf Papyros festgehalten wurde, ist auf uns gekommen; nicht einmal die philosophischen Werke des Aristoteles sind komplett überliefert, und von den 44Stücken des Aristophanes sind uns lediglich II bekannt. Papier zerfällt, vor allem säurehaltiges Papier aus der Zeit nach I900. Es vergilbt, wird brüchig, und irgendwann ist nur noch Staub übrig. Einen Aufschub brachte die Mikroverfilmung. Doch auch Mikrofiches altern. Und die Bibliotheken waren leider noch nie personell und finanziell in der Lage, ihre Schätze zu retten.
Lochkarten und Lochbänder sind den anderen, späteren Datenträgern erheblich überlegen: Die in ihnen enthaltenen Informationen lassen sich, wenigstens so lang das Band, so dick der Stapel ist, problemlos rekonstruieren. Papier bleibt - wenigstens eine gewisse Zeit - Papier, und Loch bleibt Loch. »So haltbar wie Keilschrift«, heißt es in der Szene. Ziemlich schlimm sieht es dagegen beispielsweise mit Filmen aus dem
frühen zo. Jahrhundert aus. Schätzungsweise 93 Prozent der Stummfilme aus der Zeit zwischen I895 und I930 sind verloren, darunter manches Meisterwerk. Aber auch an späteren Filmen nagt der Zahn der Zeit. Völlig hoffnungslos ist der Fall bei alten Videokassetten, die hin und wieder auftauchen. Hier schlägt die Magnetisierung von einer Windung auf die benachbarten durch. Nur ein Umkopieren alle fünf Jahre hätte die Bänder vielleicht retten können.
Magnetische Aufzeichnungen - auf Magnetband, Diskette, Festplatte - werden im Laufe der Zeit quasi natürlich gelöscht; die seltenen Ausnahmen bestätigen die Regel. Magnetische Streufelder, Oxidation und Alterung des Materials machen den Daten den Garaus. Nun läßt sich zwar einiges durch hochempfindliche Magnetscannertechniken wiederherstellen, aber das lohnt nur, wenn Indizien dafür sprechen, daß man eine sehr wertvolle Information vor sich hat - wie eben alte Programmkodes, Spiele oder etwas aus einem geheimen Firmenarchiv. Manchen Historiker mag auch eine betriebswirtschaftliche Rechnung aus dem vergangenen Jahrhundert noch interessieren; Hobby-Daten-Archäologen können sich dafür nicht erwärmen.
Selbst wenn die Bits und Bytes erfolgreich rekonstruiert wurden, heißt das noch lange nicht, daß man die Zeichenketten auch versteht. Für die ältesten Programmiersprachen existieren zwar in einigen Museen dicke Handbücher, etwas später jedoch wurde nurmehr elektronisch dokumentiert. Immerhin lassen sich manche einfachen Textdateien auch ohne zugehöriges Textverarbeitungsprogramm lesen - aber versuchen Sie das mal bei Datenbanken, Computerspielen oder CAD-Dateien! Um zooo schlug dann die Kryptographie zu: Jeder verschlüsselte so gut er konnte. Obwohl ein Teil der digitalen Dokumente aus jener Zeit noch in den Archiv-Bereichen des globalen Datennetzes gespeichert ist, kann mit dem Bit-Salat niemand mehr etwas anfangen, denn die Schlüssel sind verloren. - Der Rest ist Rauschen.
Sind Sie in den Besitz eines der raren Datenträger gelangt, fehlt Ihnen, selbst wenn Sie sich auf einer der Antiksoftware-Tauschbörsen das zugehörige Programm eingetauscht haben, immer noch eine geeignete »Maschine«, um es zum Laufen zu bringen. Es ist fast aussichtslos, als Privatmann heute dergleichen aufzutreiben - es sei denn, man ist Multimillionär. Und dann brauchen Sie das Betriebssystem und einen Uropa, der sich erinnert, wie man die beim Systemstart auftretenden Fehler behebt. Zum Training gibt es »virtuelle Maschinen« im Cyberspace, angeblich bit- und pixelgetreue Nachbauten der verbreitetsten der zigtausend antiken Computertypen. An ihnen kann man das Feeling der frühen Hacker noch einmal nachvollziehen. Und bisweilen stellen Technikmuseen oder die kurz nach zooo eingerichteten behördlichen Datenmaschinen-Archive ihre antiken »Computer« (ein Wort, das man 2077 ungefähr so häufig benutzt wie die Bezeichnung »Dampfmaschine«) für Entschlüsselungsaufgaben zur Verfügung.
Die aufgeregte Gemeinde der Daten-Archäologen ist dann zugeschaltet und freut sich riesig, auch wenn sich die geheimnisvolle Datei nur als eine Bestellauftrags-Bestätigung entpuppt. Historiker können daraus auf Warenbestände, Inflationsraten und Abrechnungsmodalitäten schließen. - Ein Stück Alltag des versunkenen 2o. Jahrhunderts! Handelt es sich aber um einige Sekunden Musik, eine kurze Animation, E-Mails oder ein aufgezeichnetes Internet-Telefonat, knallen in der Szene die Sektkorken. Vergangenheit ist wieder lebendig geworden! Und dank Digitalisierung hat sie nichts von ihrer Frische verloren.
(Angela Steinmüller; Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft, Hamburg 1999, S. 279-281)

Haltbarkeit von Datenträgern


Datenträger Zeit, bis die Software Zeit, bis Bits
veraltet ist physisch verloren gehen
Magnetband 5 Jahre 1 Jahr
Videoband 5 Jahre 1 bis 2 Jahre
Diskette 5 Jahre 5 bis 10 Jahre
CD 10 Jahre 30 Jahre
(Angela Steinmüller; Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft, Hamburg 1999, S. 281)

in den männlichen Gußformen die Abgüsse von neun Junggesellen

In der unteren Hälfte des "Glases", die von Duchamp als Junggesellen-Apparat bezeichnet wird, liefert ein Gas (unbekannter Herkunft) in den männlichen Gußformen die Abgüsse von neun Junggesellen. das Gas tritt durch die Kappilarröhrchen(2) aus den Gußformen hervor, gefriert und wird in Pailletten zerbrochen, die einen halbfesten Nebel bilden. Die Kapillarröhrchen lenken die Pailetten bis zur Öffnung des ersten Haarsiebs (6). Angezogen von der Schmetterlingspumpe(7), gehen die Pailleten durch die sieben Haarsiebe hindurch und verwandeln sich beim Durchgang in eine flüssige Suspension. Diese fällt auf den Toboggan (8) und "verspritzt" an seinem unteren Ende (9). Die Spritzer werden durch ein bewegliches Löchergewicht (10) kanalisiert und den Okulisten-Zeugen (11a - 11 d) zugeführt.
(Marcel Duchamp in: Der mechanische Mensch, Hrg. Rene Simmen, Zürich 1967, 82a)

Die Schere(5e) kontrolliert den Druck der Spritzer

Die Schere(5e) kontrolliert den Druck der Spritzer, wenn sie aus den Okulisten-Zeugen austreten. Ein paar dieser Spritzer bilden hier eine Tropfenskulptur (14).. Das Spiegelbild der Tropfen dringt durch ds Kleid der Braut (17)- drei schmale Glasstreifen, senkrecht zum "Großen Glas"- und wird nach oben in die Domäne der Braut gespiegelt. Die kinetische Energie der übrigen Spritzer wird in Lichtenergie umgewandelt, während sie durch die Okulistenbilder geblendet werden, deren letztes eine Lupe ist, die auf dem " Glas " bloß durch einen Kreis (11d) dargestellt ist. Die Linse sammelt die Lichtenergie auf der Kampfkugel (12). Die Kampfkugel wird dadurch angeschlagen und zum Aufstieg gezwungen. Am Scheitel der Wurfbahn setzt sie den Uhrwerkmechanismus des Boxkampfes in Bewegung(13), und die zwei Widder ( 13a und 13b) bewirken bei ihrem Abstieg die Entkleidung der Braut.
(Marcel Duchamp in: Der mechanische Mensch, Hrg. Rene Simmen, Zürich 1967, 82b)

Hauptzüge des Junggesellen, der "seine Schokolade selber zerreibt

Der Schokoladenzerreiber (5) illustiert einen der Hauptzüge des Junggesellen, der "seine Schokolade selber zerreibt ". .. In der Domäne der Braut (obere Hälfte des "Glases) übermittel die Braut (16) ihre Befehle in einem Dreifach-"Rost" den Junggesellen und zwar durch drei Durchzugskolben. Diese sind von einer Art Milchstraße umgeben, die den graphischen Ausdruck der drei "Entfaltungen" der Braut darstellt. In den neun Schüssen (21) trifft sich das Verlangen der Braut mit dem dem Ausdruck des Verlangens der Junggesellen, dargestellt durch ein Schlagschatten-Bild (22), geformt aus der Spieglerischen Rückstrahlung der Tropfenskulptur.
(Marcel Duchamp in: Der mechanische Mensch, Hrg. Rene Simmen, Zürich 1967, 82d)

Der Schwerpunkt-Jongleur wird durch die Entkleidung aus dem Gleichgewicht gebracht

Der Schwerpunkt-Jongleur (24), dessen Beine auf dem Kleid der Braut ruhen, wird durch die Entkleidung aus dem Gleichgewicht gebracht. Er hat etliche Mühe, das Herunterfallen einer Kugel aufzuhalten, die auf ihm balanziert. Außer seiner prismatischen Spiegelfunktion wirkt das Kleid der Braut auch noch als Kühler (18), der die hitzige Aufmerksamkeit der Junggesellen zurückdämmt, ferner bezeichnet das Kleid den idealen Horizont (19) des " Glases ". Die Wassermühle (4a-4c) wird von einem Wasserfall (3) angetrieben, während der Leiterwagen (4b) von einer Reihe komplizierter mechanischer Einrichtungen in Bewegung gesetzt wird. Er singt Litaneien, die im Friedhof der Uniformen und Livreen (1) vom Junggesellen-Gas vernommen werden, während in den männlichen Gußformen die erwähnten Abgüsse werstellt werden.
(Marcel Duchamp in: Der mechanische Mensch, Hrg. Rene Simmen, Zürich 1967, 83c)

Austauschen, Verändern

Was ich mit dem Dokument seiner Ermordung getan hatte, vollzog ich nun sukzessive an anderen Dokumenten der Pyramide. Ich änderte die Verläufe der Bilder, kehrte Geschichten um, kopierte den schwingenden Weihrauch of en von Santiago in den Himmel über der Karlsbrücke in Prag, ließ dafür die Moldau durch die St. Jakobus-Kathe drale rauschen, stellte die Bottiche der Gerber von Ma rakkesch auf den Markusplatz in Venedig, den Buddha aus Kamakura mitten in den isländischen Godafoss, der Nil stürzte in den Krater des Nakadake, dessen Schwe felwolken die Gischt des Atlantik vor Etretat durchdran gen, ich beantwortete die Systemanfrage nach der Veränderung der Statik immer mit ZULASSEN, jagte die afrikanische Büffelherde mitten durch die Wildwasser boote auf dem Mowango, in deren einem Lucia Vonghi, Elisabeth und Boris Reeper den Tod gefunden hatten, hob schließlich - die Handbearbeitung wurde mir zu mühsam -- die Sperre des FANTIMA-Programms, die seine autonome Spielfähigkeit begrenzte, auf und ließ seinem aleatorischen Selbstlauf freie Bahn in sämtlichen Dokumenten der Pyramide.
Es arbeitete sich von den Seitenflächen nach innen und von unten herauf.
In erstaunlicher Geschwindigkeit, die dem großzügig ausgelegten Arbeitsspeicher des Computers zu verdanken war, unterbreitete mir FANTIMA die absurdesten Bildkompositionen aus verschiedenen Bausteinen der Pyramide, tauschte Köpfe gegen Fenster aus, Körper gegen Bäume ....
(Gert Heidenreich: Die Nacht der Händler, München, S. 271)

drahtloses Westentaschen-Telefon und der gesprochenen Zeitung um 1900

Um 1900 erschien ein grossformatiges Buch mit dem Titel «Die Welt in 100 Jahren. Voll von Prophezeiungen damals namhafter Autoren, befasst es sich in einem Beitrag von Robert Sloss auch mit dem drahtlosen Jahrhundert.
"Die Bürger jener Zeit werden überall mit ihrem drahtlosen Empfänger herumggehen, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht und auf Myriaden von Vibrationen eingestellt sein wird, mit denen er gerade Verbindung sucht. Einerlei, wo er auch sein wird, er wird bloss den Stimm-Zeiger, auf die betreffende Nummer einzustellen brauchen, die er zu sprechen wünscht."
Der Autor geht von einer zunehmenden Miniaturisierung und Vereinfachung des "Westentaschen-Telefons" 87 aus und glaubt, "dass auch der gewöhnlich Sterbliche sich seiner wird bedienen können". Seine Vision geht aber noch weiter:
"Auf seinem Wege von und ins Geschäft wird er seine Augen nicht mehr durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen", denn "er wird sich in der Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad' fährt, und wenn er geht, auch auf der Strasse, nur mit der gesprochenen Zeitung 95 in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren, nach denen er verlangt."
(Robert Sloss: Das drahtlose Jahrhundert, in: A. Brehmer (Hg.): Die Welt in 100 Jahren, Berlin um 1900, zit. nach Museum für Kommunikation (Hg.): Wunschwelten.Geschichten und Bilder zu Kommunikation und Technik, Bern, 2000, S. 71)

Hundert Jahre Elektrotechnik (Hans Dominik)

Während bei Soyka bloß eine Elite von Verbrechern und Detektiven eine technische Avantgarde bildet, die die zeitgenössischen Potentiale voll ausschöpft, ist in der Zukunftsliteratur um die Jahrhundertwende die mediale Vernetzung zum Autag geworden. Aber auch die Populärwissenschaft beschwört bereits das Phantasma einer Allgegenwart, einer Beherrschung und Kontrolle der gesamten Erde durch die neuen elektronischen Medien. Hans Dominik formuliert in seinem technikgeschichtlichen Resümee Hundert Jahre Elektrotechnik euphorisch:
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"Im Jahre 1910 beherrscht die Elektrotechnik den Erdball. Die Welt ist eingesponnen in ein Netz von Kabeln. Durch die Tiefen der Ozeane erstrecken sich Telegraphenleitungen. In fünf Minuten kann man ein Wort um den Erdball herumjagen. Neben den Telegraphenkabeln liegen die Telephonleitungen. Das gesprochene Wort eilt unverändert über tausend Kilometer dahin. Der Franzose in Paris und der Deutsche in Berlin können sich mit Hilfe des elektrischen Drahtes miteinander unterhalten, als ob sie nebeneinander stünden. Und ein Bild, in Berlin in den Apparat eines anderen Deutschen, des Professors Korn, gesteckt, erscheint nach fünf Minuten naturgetreu in Paris. Auch photographieren kann man mit Hilfe der Elektrizität am Draht entlang in die Ferne.
Die Schiffe, die ihre Bahn über die Ozeane ziehen, sind nicht mehr von der übrigen Welt abgeschnitten. In tausend Sprachen und Tönen wispern und raunen die elektrischen Wellen frei durch den Raum." 69
"
Es ist besonders das medientechnische Novum der elektronischen Bildübertragung, das die Phantasie der Autoren beschäftigt. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurden für die Geschichte der Fernsehtechnik wichtige Erfindungen gemacht: ...
68 Otto SOYKA: Herr im Spiel. München 1910.
69 Hans DOMINIK: Hundert Jahre Elektrotechnik. In: Das neue Universum. 32.Jg. 1911, S. 261- 294; hier S. 293.

(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 430)

Datei schliessen - LERNEN? ABBRECHEN?

Zugleich stand Dschejdschej noch neben mir und sah seinem eigenen Tod zu. Ich griff nach seiner Hand, aber sie war schon nicht mehr vollständig sichtbar. Ich griff durch sie hindurch, Dschejdschej zerfiel in flirrende bunte Punkte, Gelb, Cyan, Rot, Blau, Weiß, Grün, Magenta und Schwarz. Er löste sich auf in der Luft, währendJatsu Tsin seinen Körper über den Weg schleifte und unter den Bootssteg warf, wo das schwarze Wasser ihn aufnahm. Dann kniete Tsin sich ans Ufer und wusch sein Messer.
Ich schloß das Dokument, es schrumpfte in die Pyramide zurück.
Die Stille im Dachboden war unerträglich. Nie zuvor war sie mir aufgefallen. Nur das sehr leise Surren der Festplatten und Ventilatoren in den Geräten war zu vernehmen. Der Monitor knisterte manchmal. Ich hatte plötzlich den Wunsch zu fliehen, hielt mich fest an den Armlehnen des Stuhls. Alles in mir wehrte sich dagegen, daß Jens Jakob von Tonnda tatsächlich tot sein sollte, alles empörte sich, ich öffnete das Dokument wieder, ließ es zurücklaufen, griff auf die Werkzeuge des FANTANIMA-Programms zu, sorgfältig löschte ich das Messer Kleine Heimat aus Jatsu Tsins Händen, animierte beide Greise neu: jetzt umarmten sie einander, der Tod war eliminiert -
auf dem Bildschirm erschien eine Warnmeldung:
ACHTUNG VERSUCH ZUR STATIKÄNDERUNG - ZULASSEN?
LERNEN? ABBRECHEN?
Ich klickte ZULASSEN an, sicherte und schloß das geänderte Dokument. Aber Dschejdschej kehrte nicht neben mich in den Speicher zurück.
(Gert Heidenreich: Die Nacht der Händler, München, S. 270)

Die Odyssee findet nicht statt (ISS »Alpha« gegen «Odyssee 2001»)


Sacht und gleichförmig dreht sich der gewaltige Doppelring der Raumstation im All, Walzermusik begleitet die Rotation. Der blaue Planet, die Erde, driftet in majestätischer Schönheit ins Bild. Aus seiner Richtung gleitet die Fähre, ein schnittiges Hybrid von Flugzeug und Raumschiff, heran, sie nähert sich der Nabe des Doppelringes, verschwindet langsam in der Schleuse. Drinnen empfängt die großzügige Lobby eines orbitalen Hotels die Raumreisenden. Pastellfarbene Wände, bequeme Sessel, freundlicher Service, Videotelefone, künstliche Schwerkraft.
In Stanley Kubricks Filmklassiker hat die Menschheit im Jahr 2001 mehr als nur einen Schritt ins All getan. David Bowman und die anderen Astronauten bereiten sich darauf vor, mit dem ebenso riesigen wie perfekten Raumschiff »Discovery« Spuren einer überlegenen kosmischen Intelligenz bis ins Jupitersystem zu verfolgen.
Kubricks 200I: Odyssee im Weltraum überzeugt technisch und auch ästhetisch - eine rare Ausnahm: unter den Science-Fiction-Filmen.
1968 noch vor der Mondlandung, nach einer Vorlage des SF-Autors Arthur C. Clarke gedreht, verbindet er die Weltraum-Euphorie der Epoche mit einer realistisch geschilderten Technik und überaus einprägsamen Bildern. Der rätselhafte, mythologische Schluß trägt nicht wenig zum Effekt bei: Nachdem der hyperintelligente Bordcomputer die Mannschaft irrtümlich als Gefährdung der Mission eingeschätzt und ihre Lebensfunktionen abgeschaltet hat, ist Bowman allein übriggeblieben. Er kommt mit einem fremdartigen schwarzen Monolithen in Kontakt und durchfliegt scheinbar ohne Ende psychedelisch bunte kosmische oder außerirdische Landschaften. Zum Schluß findet er sich in einem fast leeren, hellen Schlafzimmer wieder, ist von einem Augenblick zum anderen Astronaut und älterer Mensch, Greis auf dem Totenbett und Embryo in einer durchsichtigen Fruchtblase.
Es ist 2OO1, und die Realität hat keines der gefilmten Wunder eingelöst. Kein komfortables Space-Hilton vom Designer-Reißbrett dreht sich über unseren Köpfen, ein bemannter Flug ins Jupitersystem bleibt auf absehbare Zeit Utopie, die Außerirdischen haben uns nicht das geringste Signal gesandt - nur den Computern ist manche Tücke zuzutrauen.
Seit über einhundert Jahren haben Phantasten und Raketenpioniere von einer Station im All, einem dauerhaft besetzten Vorposten der Menschheit im Kosmos geträumt. Seit I988 sind die Vorbereitungen für eine erdnahe Raumstation angelaufen. Aber der Weg zu ihrer Realisierung ist mühsam, und das konkrete Projekt nimmt sich weit bescheidener aus als die mittlerweile vertrauten Science-fiction-Szenarien.
Die erste Orbitalstation nennt sich ISS »Alpha« - ISS steht für International Space Station - und ist mit 450 Tonnen Masse und den Dimensionen eines Sportstadiums ein durchaus imposantes Projekt. Bizarr und doch elegant wird die Station in 400 Kilometern Höhe schweben, und man wird sie vom Boden aus recht gut erkennen können. Das insektenhafte Gebilde besteht aus »Modulen«: Geplant sind zwei Dutzend weit ausgestreckte Solarpaneele, die schwarzen Flügeln ähneln, sechs Laborzylinder, eine Zentrifugeneinheit, Wohnmodule, eine verbindende Gitterkonstruktion und »Knoten«-Teile, sowie Dockingstationen für ankommende Raumfahrzeuge. Mindestens 45 Mal werden US-Shuttles und russische Proton- und Sojus-Raketen starten, bis die Station fertig ist.
Insgesamt I5 Nationen beteiligen sich an dem Projekt. Den entscheidenden Beitrag leisten Rußland und die Vereinigten Staaten. Die Japaner werden ein großes Weltraumlabor samt einer Zentrifugeneinheit beisteuern. Auch die ESA, die Europäische Raumfahrtagentur, liefert eine Reihe von zentralen Elementen wie das Datenmanagementsystem des Service Moduls, einen Roboterarm und vor allem das 6,5 Meter lange Columbus-Labor für Forschungen in der Schwerelosigkeit.
Die Daten im Uberblick: I998 - die ersten Module, der russische Funktionslast-Block »Sarja« (Morgenröte) und das amerikanische Verbindungsmodul »Knoten I« werden von Bajkonur bzw. Cape Canaveral aus in die Umlaufbahn gebracht; zwei Astronauten nehmen die Elektronik in Betrieb. I999 - mit dem russischen Servicemodul schließt die erste Bauphase ab, nach weiteren Shuttleflügen kann die erste permanente Mannschaft ihren Dienst antreten. 2001 - Die Astronauten arbeiten etwa I700 Stunden freischwebend im All, um »Alpha« zusammenzumontieren. Haben erst einmal genügend Sojus-Rettungskapseln angedockt, um im Ernstfall eine schnelle Evakuierung zu gewährleisten, können bis zu sieben Astronauten an Bord der Station leben. Dann bricht die Zeit der Wissenschaftler an: medizinische Experimente, Materialforschung, Erdbeobachtung, Biotechnologie... Als ein neuer Standort im All, der so viel Platz bietet wie zwei Jumbo-Jets, soll es »Alpha« ermöglichen, innovative Technologien zwei- bis fünfmal schneller als auf der Erde zu entwickeln und zu testen.
ISS »Alpha« bleibt weit hinter den grandiosen Visionen Stanley Kubricks zurück. Doch in dem wichtigsten Punkt gehen die Träume in Erfüllung: ISS »Alpha« ist ein wirklich internationales Unternehmen, das in friedlicher Kooperation aller Kontinente entsteht, - so wie es sich Raumfahrtbegeisterte und SF-Autoren immer erhofften.
(Angela Steinmüller; Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft, Hamburg 1999, S. 284-285)

Links:

Datenbank der konkreten Utopie
http://www.bloch.de/utopie.htm

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