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1. WEB- und NETZKUNST (Wissen)



Kollaborative Wissenschaft (Nova Atlantis, übersetzt von Günther Bugge, 1926)

Dann gibt es noch bei uns ein Haus der Sinnestäuschungen, in dem wir alle möglichen Zauberkünste, Taschenspielerkniffe, Gaukeleien und Illusionen sowie deren Trugschlüsse darstellen. Ihr könnt euch denken, daß es uns, die wir es in der Naturerkenntnis und -beherrschung so wunderbar weit gebracht haben, ein leichtes wäre, den menschlichen Sinnen sehr viel vorzuspiegeln wenn wir natürliche Dinge mit dem Nimbus des Wunders ausschmücken und aufbauschen würden. Aber uns ist jeder Betrug und jede Lüge verhaßt. Daher ist auch allen Mitgliedern unseres Hauses bei Ehren- und Geldstrafe streng untersagt, natürliche Tatsachen in lügenhafter Aufmachung zu verkünden, nur eine reine, ungeschminkte, durch keinen Wunderglauben beeinflußte Darstellung darf gegeben werden.
Dies sind, mein Sohn, die Kostbarkeiten des Hauses Salomons.
Über die Tätigkeit und die Aufgaben unserer Mitglieder kann ich dir folgendes berichten. Zwölf Mitglieder reisen unter Angabe einer anderen Nationalität - unser Land geben wir nicht bekannt - in fremde Länder um uns Bücher, Zusammenfassungen und Musterstiicke von Erfindungen zu besorgen. Wir nennen sie die >Lichtkäufer<.
Drei sind dafür da, alle Versuche, die in den Büchern beschrieben sind, zusammenzustellen. Sie heißen die >Ausbeuter<.
Drei sammeln Material über Versuche auf dem Gebiete der reinen Wissenschaft, der ganzen mechanischen Technik und der übrigen praktischen Anwendungen der Wissenschaft, soweit sie nicht mit den mechanischen zusammenhängen. Dies sind die sogenannten >Jäger<. Drei beschäftigen sich mit neuen Versuchen, deren Ausführung ihnen aussichtsreich erscheint. Sie heißen >Schatzgräber<. Drei registrieren die Versuchsergebnisse der anderen, nach Stichworten und in Tabellen, um sie übersichtlicher zu gestalten, so daß man daraus besser Beobachtungen und allgemeine Regeln entnehmen kann. Sie heißen >Ordner<. Drei andere, die sogenannten >Wohltäter<, haben den Auftrag, die Versuche ihrer Kollegen zu überprüfen, und daraus diejenigen Entdeckungen herauszusuchen oder herzuleiten, die sich für die praktische Verwertung im täglichen Leben eignen oder dem Fortschritt der Wissenschaft dienen. Hierbei denken wir nicht nur an Werke der Technik, sondern legen besonderen Wert darauf, den kausalen Zusammenhang der Dinge möglichst klarzulegen, der Natur ihre tiefsten Geheimnisse zu entlocken und eine leichtverständliche, eindeutige Auskunft über die unbekannten Bestandteile und Kräfte in den verschiedenen Körpern zu erhalten.
Nach zahlreichen Versammlungen und Beratungen der ganzen Brüderschaft, in denen die Arbeiten und die zusammenfassenden Vorberichte gründlich nachgeprüft und noch einmal besprochen worden sind, beginnt die Tätigkeit der drei >Leuchten<, denen die Aufgabe zufällt, auf Grund des nunmehr vorliegenden Materials - von einem höheren Gesichtspunkt aus - neue Versuche anzuregen und zu leiten, die tiefer in die Natur eindringen sollen. Drei andere, die >Pfropfer<, führen die so beschlossenen und in Auftrag gegebenen Untersuchungen aus und berichten über ihr Ergebnis. Schließlich sind [56] noch drei sogenannte >Erklärer der Natur< da, die nach vorhergegangener Aussprache mit allen Mitgliedern die Entdeckungen und Aufschlüsse über die Natur, zu denen man durch den Versuch gelangt ist, zu größeren Erfahrungskomplexen erweitern und in die Form von allgemein gültigen Regeln oder Grundsätzen bringen.
Es versteht sich von selbst, daß wir auch Anfänger und Schüler haben, damit stets ein Nachwuchs für die Männer da ist, die sich den praktischen und theoretischen Forschungsarbeiten zu widmen haben. Außerdem sind zahlreiche Gehilfen und Diener vorhanden, und zwar sowohl männliche wie weibliche. Wir haben die Gewohnheit, uns genau zu überlegen, ob sich ein von uns angestellter Versuch oder eine von uns herausgebrachte Entdeckung zur allgemeinen Bekanntgabe eignet oder nicht. Wir haben uns sogar alle eidlich verpflichtet, das geheimzuhalten, was auf Grund eines gemeinsamen Beschlusses geheimgehalten werden soll. Wir dürfen zwar zuweilen mit allgemeiner Zustimmung dem Könige oder dem Senat gewisse Einzelheiten mitteilen; aber vieles behalten wir nur zu unserer eigenen Kenntnis bei uns zurück.

(Francis Bacon: Nova Atlantis, übersetzt von Günther Bugge 1926, Stuttgart 1960, OT: 1643, Utrecht), S. 54-56)

Drogen, Sex, Luxusartikel - Informationen?"

"Äh, Informationen?" Mmmh, das Zeug schmeckt ja wie Moxie.."Vor dem ersten Krieg war das Leben einfach..Drogen, Sex, Luxusartikel. Währungen waren nur ein Nebengeschäft und der Begriff 'Industriespionage' war unbekannt.. Information... ...Was ist denn faul an Drogen oder Weibern? Ist es ein Wunder, daß die Welt verrückt geworden ist, wenn Information das letzte gültige Tauschobjekt darstellt?" "Ich dachte, das wärn Zigaretten?" "Du träumst...Das wird leichter. eines Tages machen es Maschinen. Informationsmaschinen. Du bist die Bugwelle der Zukunft."
(Thomas Pynchon, Die Enden der Parabel. Reinbeck bei Hamburg, 1984, S. 406)

Kollaborative Wissenschaft (Nova , übersetzt von Klaus J. Heinisch)


Was die Ämter und Dienste unserer Brüder betrifft, so gibt es Zwölf, die unter fremdem Namen--denn den Namen unseres Landes verraten wir nie--in fremde Länder fahren und Bücher und Versuchsmuster zu uns bringen. Diese nennen wir die <Lichthändler> (mercatores Lucis).
Drei gibt es, die alle Versuche, die in Büchern zu finden sind, sammeln. Diese nennen wir die <Beutesammler> (depraedatores).
Drei gibt es, die Versuche in allen mechanischen Künsten, ferner in allen freien und auch in allen angewandten Wissenschaften, die sich nicht zu einer besonderen Kunst verbunden haben, anstellen. Diese nennen wir die <Jäger> (venatores).
Drei gibt es, die sich an neue Versuche machen, sofern sie ihnen ausfahrbar erscheinen. Diese nennen wir die <Gräber-> oder <Grubenarbeiter> (fossores sive operatores in Mineris).
Drei gibt es, die die Versuchsergebnisse der genannten anderen in Lehrsätze und Tabellen bringen, damit der Verstand sich besser danach richten kann, um daraus Beobachtungsmöglichkeiten und Grundsätze zu entnehmen. Diese nennen wir die <Aufteiler> (divisores).
Drei gibt es, die dazu bestimmt sind, die Versuche ihrer Brüder zu überwachen, Auszüge davon zu machen und betreffs der Ergebnisse zu überlegen, was dem täglichen Gebrauch und der Praxis dient, was den Wissenschaften nicht nur als Tatsache, sondern auch als Ausgangspunkt geläufiger Erklärungen der Ursachen dienlich ist, die ferner den Mitteln nachsinnen, mit denen natürliche Erleuchtungen und die einfache und einleuchtende Unterrichtung, welches die in den einzelnen Körpern verborgenen Teile, welches die Kräfte sind, zustande gebracht werden können. Diese nennen wir die <Wohltäter> (euergetas).
Dann aber nach vielen Zusammenkünften und Beratungen der Gesamtheit der Brüder, die die bisherigen Arbeiten und Sammlungen eingehend begutachten und gleichsam wiederkäuen, gibt es drei, deren Aufgabe es ist, auf Grund der bereits vorliegenden Versuchsergebnisse neue, tiefer in das Wesen der Natur dringende Versuche von höherer Bedeutung anzuregen und zu leiten. Diese nennen wir die .<Leuchter> (lumpadas).
Drei gibt es, die die so empfohlenen und aufgetragenen Versuche praktisch ausführen und über ihre Erfolge berichten. Diese nennen wir die <Pfropfer> (insitores).
Schließlich gibt es drei, die die bisherigen Erfindungen und Entdeckungen in der Natur durch Versuche zu umfassenderen Beobachtungen, zu Axiomen und Aphorismen ausbauen und zusammenfassen; dies tun sie jedoch nicht ohne vorherige Beratung und Unterredung mit der Gesamtheit der Brüder. Diese nennen wir die <Ausleger der Natur> (interpretes Naturae).
Wir haben auch, wie es das Unternehmen erfordert, einige Novizen und Schüler, damit die Kette der zu Versuchen und Forschungen bestimmten Männer nicht abreißt, außerdem zahlreiche männliche und weibliche Diener und Gehilfen.
Auch ist es bei uns üblich, genau zu erwägen, was von unseren Erfindungen und Versuchsergebnissen zu veröffentlichen angebracht ist, was dagegen nicht. Ja, wir verpflichten uns sogar alle durch einen Eid, das geheimzühalten, was wir geheimzuhalten beschlossen haben. Wenn wir auch einiges davon mit allgemeiner Zustimmung zuweilen dem König oder dem Senat enthüllen, so halten wir anderes doch völlig innerhalb unserer Gemeinschaft.
(Francis Bacon: Nova Atlantis, übersetzt von Klaus J. Heinisch, in: Klaus J. Heinisch: Derr utopische Staat, Reinbeck bei Hamburg 1960, OT: 1643, Utrecht), S. 213-214)

Wortmaschinen: Die programmierten Musen

Vater: Ja, sie ist groß, das stimmt. Das ist eine Wortmaschine mein Sohn, eine Maschine, die Bücher mit Romanen schreibt.
Sohn: Schreibt sie meine Geschichten?
Vater: Nein, sie schreibt Romane für Erwachsene. Deine kleinen Bücher werden von einer erheblich kleineren (nur kindgroßen) Maschine geschrieben.
Sohn: Gehen wir weiter, Daddy.
Vater: Nein, mein Sohn. Du wolltest eine Wortmaschine sehen, du hast immer darum gebettelt, und ich mußte mir rnit viel Mühe einen Besucherpaß ergattern. Du schaust dir das Ding also jetzt genau an und hörst mir gut zu, wenn ich sie dir erkläre.
Sohn: Ja, Daddy.
Vater: Also, das funktioniert so ... Nein ... Also, das geht . . .
Sohn: Ist sie ein Roboter?
Vater: Nein, sie ist kein Roboter wie der Elektriker oder dein Lehrer. Eine Wortmaschine ist keine Person wie ein Roboter obwohl sie beide aus Metall bestehen und von Elektrizität betrieben werden. Eine Wortmaschine ist wie ein elektrischer Computer, nur daß sie sich mit Worten und nicht mit Zahlen abgibt. Sie ähnelt der großen schachspielenden Kriegsmaschine, außer daß sie ihre Züge im Rahmen eines Romans und nicht auf dem Schachbrett oder Schlachtfeld tut. Aber eine Wortmaschine lebt nicht wie ein Roboter und kann sich auch nicht bewegen. Sie kann nur Romane schreiben.
Sohn (tritt gegen die Maschine): Dumme Maschine!
Vater: Das darfst du nicht, mein Sohn. Hör zu - es gibt eine Reihe von Wegen, eine Geschichte zu erzählen.
Sohn (der gelangweilt weiter gegen die Wortmaschine tritt): Ja, Daddy.
Vater: Und wie das geschieht, hängt von der Wortwahl ab. Aber wenn ein Wort erst einmal ausgewählt ist, müssen die anderen Worte zum ersten Wort passen. Sie müssen die gleiche Shmmung oder Atmosphäre vermitteln und mit mikrometrischer Präzision in die Spannungskette passen. (Ich erkläre dir das später noch.)
Sohn: Ja, Daddy.
Vater: Eine Wortrnaschine bekommt das allgemeine Schema einer Geschichte eingegeben, greift auf ihre große Gedächtnisbank zurück - die sogar viel größer ist als Daddys Gedächtnis und wählt das erste Wort nach freiem Willen aus; das nennt man den Trumpf aufdecken. Oder sie erhält das erste Wort durch den Programmierer. Aber bei der Wahl des zweiten Wortes muß sie darauf achten, daß es die gleiche Atmosphäre hat und so weiter und so weiter. Auf der Grundlage desselben Storyschemas und hundert verschiedener Anfangsworte würde sie - nacheinander natürlich - hundert völlig verschiedene Romane schreiben. Natürlich ist das Verfahren in Wirklichkeit viel komplizierter, zu kompliziert, als daß du es verstehen könntest, aber so funktioniert es im Grunde.
Sohn: Eine Wortmaschine erzählt die gleiche Geschichte immer wieder mit verschiedenen Worten?
Vater: In gewisser Weise . . . ja.
Sohn: Hört sich blöd an.
Vater: Das ist es aber nicht, mein Sohn. Alle Erwachsenen lesen Romane. Daddy liest Romane.
(Fritz Leiber: Die programmierten Musen, Bergisch Gladbach 1983, OT; 1961, S. 18-19)

The black Sun: die Straße in Stephensons Metaversum)

Hiro nähert sich der Straße. Sie ist der Broadway, die Champs Elysees des Metaversums. Diesen strahlend hell erleuchteten Boulevard kann man, verkleinert und spiegelverkehrt, in den Gläsern der Brille erkennen. Die Straße existiert eigentlich gar nicht. Dennoch gehen in diesem Augenblick Millionen Menschen darauf spazieren.
Die Abmessungen der Straße sind durch ein Programm festgelegt und werden von den Computergraphik-Ninjameistern der Globalen Multimedia-Programmiergruppe der Firma ,,Computing Machinery" herausgehämmert. Die Straße scheint ein Boulevard zu sein, der ganz um den Äquator einer schwarzen Kugel mit einem Radius von etwas mehr als zehntausend Kilometern herum verläuft.[34] Das ergibt einen Umfang von 65S36 Kilometern, was wesentlich größer als die Erde ist.
Die Zahl 65 536 ist für jedermann eine unhandliche Zahl, nur nicht für einen Hacker, der sie besser kennt als das Geburtsdatum seiner Mutter. Zufällig ist es eine Potenz von 2-2hoch16, um genau zu sein -, und selbst der Exponent 16 entspricht 2 hoch4, und 4 wiederum entspricht 2hoch2. Zusammen mit 256; 32 768 und 2147483648 bildet 65 536 einen der Ecksteine des Hackeruniversums, in dem 2 die einzig wichtige Zahl ist, weil ein Computer so viele Ziffern erkennen kann. Die eine Ziffer ist 0, die andere ist 1. Jede Zahl, die man erhält, wenn man fetischistisch 2en miteinander multipliziert und gelegentlich einmal eine 1 abzieht, wird ein Hacker sofort erkennen.
Wie an jedem Ort in der Realität, wird auch an dieser Straße gebaut. Bauunternehmer können ihre eigenen kleinen Nebenstraßen bauen, die von der Hauptstraße abzweigen. Sie können Häuser, Parks, Schilder und auch Sachen erschaffen, die in der Wirklichkeit nicht existieren, zum Beispiel gigantische, oben schwebende Light Shows, spezielle Viertel, wo die Gesetze des dreidimensionalen Raum/Zeit-Gefüges ignoriert werden, und Freikampfzonen, wo die Menschen einander jagen und töten können.
Der einzige Unterschied besteht darin: Da die Straße gar nicht wirklich existiert- sie ist nur ein Computergraphikprogramm, das irgendwo auf einem Stück Papier aufgeschrieben wurde -, wird nichts davon materiell erbaut. Vielmehr handelt es sich um Software, die der Öffentlichkeit über das weltweite Fiberoptiknetz zugänglich gemacht wird. Wenn Hiro das Metaversum betritt und die Straße entlangsieht und Gebäude und elektrische Reklametafeln erblickt, die sich in der Dunkelheit erstrecken, bis sie um die Krümmung der Kugel verschwinden, betrachtet er eigentlich die Graphikrepräsentationen - das Anwenderinterface - von einer Myriade verschiedener Softwareteile, die von den großen Firmen entwickelt wurden. Damit sie diese Teile an der Straße plazieren können, brauchen sie die Genehmigung der Globalen Multimedia-Programmiergruppe, müssen Platz an der [35] Straße gekauft haben, müssen eine Baugenehmigung vorlegen, Inspektoren bestechen, was eben so dazu gehört. Das Geld, das diese Firmen bezahlen, damit sie etwas an der Straße haucn ,aiirfen, fließt alles in einen Treubandfonds, der der GMPG gehörrt und von dieser verwaltet wird und seinerseits die Entwicklung und Erweiterung der Maschinerie finanziert, die die Existenr. der Straße ermöglicht.
Hiro besitzt ein Haus in einem Viertel unmittelbar neben dem belebtesten Abschnitt der Straße. Nach den Maisstähen der Straße ist es ein sehr altes Viertel. Vor etwa zehn Jahren, als das Programm der Straße geschrieben wurde, legten Hiro und einigc Seiner Kumpels ihr ganzes Geld zusammen, kauften eine der ersten Baulizenzen und gründeten ein Viertel für Hacker. Zu dem Zeitpunkt bildetete dieses lediglich einen winzigen Lichtfleck inmitten unendlicher Schwärze. Damals hestand die ganze Straße nur aus einem Diadem von Straßenlampen um einen schwarzen Ball im Raum herum.
Seither hat sich das Viertel kaum verändert, die Stralse aber schon. Weil sie sich so früh entschlossen, hatten Hiros Kumpel einen Vorsprung in der ganzen Sache. Einige davon sind dadurch sogar schwer reich geworden.
Darum besitzt Hiro ein schönes großes Haus im Metaversum, muß sich in der Wirklichkeit aber ein 20 x 30 teilen. Geschäftstüchtigkeit in Sachen Immobilien erstreckt sich nicht immer üher Universen hinweg.
Der Himmel und der Boden sind schwarz, wie ein Computermonitor, auf den noch nichts gezeichnet worden ist; im Metaversum ist es immer Nacht, die Straße immer grell und strahlend beleuchtet, wie ein von den Grenzen von Physik und Finanzen befreites Las Vegas. Aber die Leute in Hiros Nachbarschaft sind ausgezeichnete Programmierer, daher ist es geschmackvoll. Die Häuser sehen wie richtige Häuser aus. Es gibt einige Nachbildungen von Frank Lloyd Wright und einige verspielte Viktoriana.
(Neal Stephenson: Snow Crash, München 1994, OT: New York 1992, S. 33-35)

Berühmte Computer in der Science-fiction


1956 »MULTIVAC« entwickelt sich in Isaac Asimovs Erzählung Die /etzte Frage über Jahrtausende zum ultimativen kosmischen Computer und spricht: »Es werde Licht.«
1966 »Colossus« wird in D. F. Jones' Roman Colossus als strategischer Computer gebaut, verbündet sich mit seinem sowjetischen Gegenstück und unterjocht die Menschheit.
1968 »HAL«, der Bordcomputer in dem Film 2001: Odyssee im Weltraum, entledigt sich nach und nach der Besatzung, da er glaubt, die Menschen stünden der Erfüllung der Mission im Wege.
1974 Die vernunftbegabte Bombe in John Carpenters Kult-Film Dark Star möchte gern ihren Zweck erfüllen und explodieren, doch die Besatzung verwickelt sie in hochphilosophische Diskussionen (»Woher weißt du überhaupt, daß du existierst?).
1979-1983 Die Erde ist in Douglas Adams' Serie Per Anhalter durch die Galaxis ein im Auftrag von Nagetieren konstruierter Supercomputer, der im Verlauf von einigen Millionen Jahren die Antwort auf die grundlegende Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ermitteln soll.Sie lautet »42«.(Und das sollten die Mäuse nicht schon vorher gewußt haben?)
(Angela Steinmüller; Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 2000 2100. Eine Chronik der Zukunft, Hamburg 1999, S. 169-170)

Memex-Schreibtisch: Tastatur und eine Reihe von Knöpfen und Hebeln

"Der Memex besteht aus einem Schreibtisch[...]: Oben befinden sich schräge durchscheinende Schirme, auf die das Material bequem lesbar projiziert werden kann. Es gibt eine Tastatur und eine Reihe von Knöpfen und Hebeln. [...] Der größte Teil des Memex-Inhalts kann bereits fertig auf Mikrofilm erworben werden. Bücher jeder Art, Bilder, aktuelle Periodica, Zeitungen [...]. Und es gibt die Möglichkeit zur direkten Eingabe. Auf der Oberfläche des Memex befindet sich eine transparente Fläche. Hier können handschriftliche Notizen, Photographien, Memoranden, alles Mögliche aufgelegt werden. Wenn dies geschehen ist, wird durch Hebeldruck eine Photographie angefertigt, die auf dem nächsten leeren Segment des Memex-Films erscheint; [...] Selbstverständlich besteht die Möglichkeit, mithilfe der üblichen Indizierungssysteme auf das Archiv zuzugreifen. [...] Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen [...] ganz so, als hätte er die Buchseite tatsächlich vor sich."[1]

Paßwort FATALIST (Quinta 2oo4-360 Gigabyte, 84-Zoll-Monitor, 4 Terabyte HD)

Mit der Schlüssel-CD-ROM, die ich, wie von Stieftaal versprochen, auf dem Tisch neben der Speichertür vorgefunden hatte, und mit dem Paßwort FATALIST hatte ich den Zentralrechner des vor mehr als zwei Jahrzehnten verstorbenen Antimago gebootet: ein veraltetes Großmodell der Selbstlerner-Serie Quinta 2oo4 mit acht externen Laufwerken zu je 4 Terabyte, photomagnetischer I,2-Exabyte-Festplatte, WELT betitelt, und 360 Gigabyte Arbeitsspeicher - für heutige Verhältnisse also ein plumpes, uncharmantes Ding aus der Grundschule, für die Zeit seiner Programmierung jedoch, am Ende des Jahrtausends, eine ungewöhnlich fähige Maschine, wie sie sich damals in Filmbearbeitungs-Studios und Forschungszentren für Gentechnik oder Astrophysik, nicht aber in Haushalten fand.
Ich hatte sie nachsichtig lächelnd, dennoch mit Respekt vor der Geschichte gestartet. Vielleicht war ich auch nur davon beeindruckt, daß sie im Speicher eines weit über hundertjährigen Hauses stand, daß hier zwei Vergangenheiten aufeinander prallten und daß der Antimago überhaupt ein solches Gerät besessen hatte: all seinen Verkündungen zufolge handelte es sich dabei immerhin um eine der schlimmsten Ausgeburten des Teufels.
Das Gefühl, etwas, wenn nicht Verbotenes, so doch zumindest Unerlaubtes zu tun, hatte ich noch mit Vergnügen in mir entdeckt und unterdrückt: die siebente Märchentür, der untersagte Zauberspruch, der Geist in der Flasche konnten mich nicht nachhaltig schrecken - es gehörte, wenn Sie sich erinnern, zu unserer männlichen
[100] Übung, daß man zwar durchaus zu registrieren verstand, was aus dem Unbewußten aufstieg, es dann aber entschieden und rücksichtslos beiseite schob, wenn es nicht aufregend genug zu sein oder zum Augenblick nicht zu passen schien, oder wenn man einfach keine Zeit zu haben meinte, sich darauf einzulassen.
So hatte ich bis jetzt nicht immer glücklich, aber hinlänglich erfolgreich dreiundvierzig Jahre überlebt, und so hatte ich, den leichten Seegang meiner Seele glättend, nun das einzige auf dem 84-Zoll-Monitor angezeigte Dokument ausgewählt, das unter dem Namen REALITÄT offenbar mit einem Architekturprogramm erstellt worden war:
Auf der dreidimensionalen Zeichnung im Maßstab I:I5 fügten sich vier spitz zulaufende Treppen zu einer Pyramide aus durchscheinend gezeichneten Quadern, die im Verhältnis zum realen Ganzen etwa die Größe von flachen Ziegelsteinen haben mochten. Die Quader trugen winzige Nummern; eine Vergrößerung der Bildstelle machte sie lesbar. Ihre Anzahl ging in die Tausende.
In mehreren Schaltschritten hatte ich das Modell gekippt, gedreht und mich, wie ein Schlachter in den Bauch des Rindes, zum Zentrum vorgearbeitet, wo ich als innersten Baustein der Pyramide ein geschütztes Dokument mit dem Titel EGO vorfand, das ich mittels Cursor und Mausklick aktivierte, die Meldung, Änderungen würden nicht möglich sein, bestätigte, und es schließlich zur Ansicht öffnete.
(Gert Heidenreich: Die Nacht der Händler, München, S. 99-100)

Die Geburt der Gedächtniskunst aus einer Katastrophe (556 v.u.Zt.)

"Die Aura späterer Zitate ist der Urszene der Mnemotechnik schon in der Simonides-Geschichte eigen [...]: besagter Simonides, der [...] die ars memoria erfunden haben soll, überlebt den Einsturz einer Festhalle, in der er eben noch zur Feier des Tages ein Gedicht vorgetragen hat. Weil der Gastgeber und seine Verwandten bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind, wird ihre Identifizierung nötig. Das individuelle Begräbnis der Toten [...] ist der tiefsinnige Anlaß der mnemotechnischen Übung, die einzig der Dichter mit seiner Routine im Memorieren von Texten zu vollbringen weiß. Er allein weiß sich die Sitzordnung zu vergegenwärtigen - eine banale Leistung, wie es scheint, und Ciceros Antonius referiert sie allein der Pointe wegen, daß es bei der rhetorischen memoria am meisten auf die Ordnung der Dinge ankomme."[2]

Fingerzeig für Schreibende an der Maschine (Benjamin)

Die Schreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des Literaten erst dann entfremden, wenn die genauigkeit typographischer Formungen unmittelbar in die Konzeption seiner Bücher eingeht. Vermutlich wird man dann neue Syteme mit variabler Schriftgestaltung benötigen. Sie werden die Innervation der befehlenden Finger an die Stelle der geläufigen Hand setzen.
Walter Benjamin, 1928

Geheimschriften - Entzifferung (Jules Verne, Poe)

Die Wissenschaft hat in vielen Romanen Vernes eine analytische Funktion. Die Handlung wird durch ein Rätsel, ein Geheimnis, einen unerklärlichen Vorfall in Gang gebracht. Simone Vierne hat die Suche nach dem Verborgenen und die Entdeckung des Geheimnisses in den Verneschen Romanen als mythische Grundmuster der Initiation dargestellt. Die Mittel dieser abenteuerlichen Entdeckungs- und Erforschungsreisen sind wissenschaftlicher und technischer Art.
Wie Poe zeigt Verne eine besondere Vorliebe für Geheimschriften, für verschlüsselte oder schwer zu entziffernde Botschaften. In Voyage au centre de la terre findet der Geologieprofessor Lidenbrock die Einstiegsstelle ins Erdinnere durch ein chiffriertes Dokument aus dem 16. Jahrhundert, das er mit Hilfe seines Neffen entschlüsselt. In Les enfants du capitaine Grant wird die Suche nach dem verschollenen Kapitän nach dem Fund einer Flaschenpost, deren Botschaft aber nur mehr bruchstückhaft leserlich ist, aufgenommen. Erst nach wiederholten Irrtümern und daraus resultierenden Irrfahrten gelingt es, den fragmentarischen Text richtig zu vervollständigen.
Die Entzifferung eines verschlüsselten Dokuments führt in der Jangada zur Freisprechung eines unschuldigen Mordverdächtigten. Auch hier ist die Dechiffrierung der Geheimschrift eine Frage von Leben oder Tod. Erst nach langen vergeblichen Versuchen wird das nötige Codewort gefunden. Die Entschlüsselung der Geheimschrift ist dabei identisch mit der Aufdeckung der Wahrheit.
(Simone VERNE: Jules Veme et le roman initiatique. Contribution a
l'etude de l'imaginaire. Grenoble 1972) S. 406-

Denken mit Rhizomen

[...] das Rhizom ist das Bild des Denkens, das sich unter dem der Bäume ausbreitet.
In dieser Frage haben wir kein Modell, nicht einmal einen Wegweiser, aber wir haben einen Bezugspunkt, eine Kreuzung, eine Überschneidung, die immer wieder zu erneuern ist: das ist der Wissensstand über das Gehirn.
[...] Und heute inspiriert uns nicht der Computer, sondern die Mikrobiologie des Gehirns: dieses erweist sich als ein Rhizom, eher Gras als Baum [...]
Das heißt nicht, daß wir abhängig von der Erkenntnis, die wir vom Gehirn haben, denken, sondern jeder neue Gedanke zieht frische, unbekannte Bahnen im Gehirn, windet es, faltet es oder spaltet es. [...] Die Philosophie mobilisiert neue Verknüpfungen, neue Bahnungen, neue Synapsen, indem sie Begriffe schafft, gleichzeitig entdeckt die Gehirnforschung mit ihren Mitteln die objektive matierielle Entsprechung oder das Möglichkeitsmaterial eines ganzen Bilds des Denkens.
Am Kino interessiert mich, daß die Leinwand hier ein Gehirn sein kann, wie in den Filmen von Resnais oder Syberberg. Der FIlm arbeitet nicht nur mit Verknüpfungen durch rationale Schnitte, sondern mit Neu-Verknüpfungen über irrationale Schnitte: das ist ein anderes Bild des Denkens. Wirklich interessant an den Videoclips war anfangs, daß manchen den Eindruck vermittelten, über Verknüpfungen und Sprünge zu funktionieren, die nicht mehr diue des Wachzustandes waren, aber auch nicht die des Traums oder Alptraums. Für einen Augenblick haben sie etwas gestreift, das zum Denken gehörte.

(Deleuze, Gilles: Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt/Main 1993, OT: Pourparlers, Paris 1990, 216-218)

Die Fernschule des Jahres 1999 (Kurd LASSWITZ)

Die Fernschule des Jahres 1999 vernetzt Schüler und Lehrer durch ,,Fernsprecher" und ,,Fernseher" miteinander. 23 Der Unterricht wird den Schülern zu Hause auf einer Art Monitor vermittelt, wie auch der Lehrer seine Schüler auf einer Reihe von Bildschirmen an einer Wand seiner Wohnung sieht. Der Vortrag des Lehrers wird bereits vor dem Unterricht auf einen Phonographen eingespielt und dann seinerseits von den Schülern phonographisch gespeichert. Lehrer wie Schüler sind vor Überanstrengung geschützt: Der Lehrer durch eine ,,Hirnbinde" (95), die einen unverhältnismäßig hohen Einsatz von ;, Gedankenkraft verhindert, die Schüler durch ein Konzentrationsmeßgerät, das bei Leistungsabfall automatisch die Verbindung zum Lehrer unterbricht. Die als Traum gekennzeichnete pädagogische Utopie endet mit der resignativen Feststellung, daß alle technischen Innovationen nichts an den festgefahrenen Ritualen des Schulbetriebs änderten.
In der späteren Erzählung Der Gehirnspiegel 24 erfindet ein ,,Onkel Pausius" einen Apparat, der das Gehirn durchleuchtet und die Vorstellungen aus einem Bildschirm aufzeichnet, die Gedanken gewissermaßen ,,photographiert" (101). Allerdings kann das Gerät nur optische Vorstellungen wiedergeben. Da auch Phantasiebilder auf den Schirm übertragbar sind, zeichnet sich eine neue, immaterielle Kunst ab. Der Maler der Zukunft benötigt keine Utensilien und keine Fertigkeiten mehr, ,,die Seele malt unmittelbar" (107). Vorderhand dient der Apparat freilich bloß dazu, Unbewußtes sichtbar zu m.n chen. Dabei geht es nicht um die Wiedergewinnung dessen, was Freud das ,,Verdrängte" genannt hat, sondern schlicht um die Wiederfindung des Vergessenen.
Einer Frau wird in Erinnerung gerufen, wo sie ihre Schlüssel liegengelassen hat. Ironischerweise bleibt das von der Frau bewußt VerheimIiehte, närnlich daß sie in den Freund ihres Ehemanns verliebt ist, unentdeckt. Woher diese Diskretion des Apparates rührt, erklärt der Autor nicht. Zur Vorsicht wird die ganze Geschichte am Ende noch als Aprilscherz deklariert.

23 Kurd LASSWITZ: Die Fernschule. In: Kurd LASSWITZ: Nie und Immer. Bd. 2: Traumkristalle. Neue Märchen. Stark vermehrte Aufl. Leipzig [ 1907], S. 81-96. [Zuerst erschienen in: Nie und Immer. Neue Märchen. Leipzig 1902.]

24 Kurd LASSWITZ: Der Gehirnspiegel. Ein Triumph der Technik. In: Die Woche, 1. Jg. (1900), Nr. 3. Wiederabgedr. in: Nie und Immer. Bd. 2: Traumkristalle. Neue Märchen. Leipzig [1907], S. 97-108.

(Roland Innerhofer: DEUTSCHE SCIENCE FICTION 1870-1914. Rekonstruktion und Analyse der Anfänge einer Gattung, Wien 1996, S. 407)
2.rtf


[1] Vannevar Bush : As we may think. Atlantic Mounthly 176, July 1945, S.101-108; eine Übersetzung wichtiger Teile findet sich auf Hartmut Winklers "Open Desk":
http://www.uni-paderborn.de /~winkler/
Zu MEMEX: http://win-www.uia.ac.be/u/debra/INF706/memex.html
[2] Berichtet nach: Anselm Haverkamp: Auswendigkeit. Das Gedächtnis der Rhetorik, in: Anselm Haverkamp und Renate Lachmann: Gedächtniskunst. Raum - Bild - Schrift. Studien zur Mnemotechnik, Frankfurt am Main 1991, S. 25-52, hier S. 25-26


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