TEXTE: HEIKO IDENSEN
Bibliothek als Schnittstelle

¶Die Bibliothek als Schnittstelle von Medien, Diskursen und Dokumenten

... oder: Digitale Bibliotheken zwischen Utopie und globalisierten Wissensmärkten


Die Bibliothek als Schnittstelle von Medien, Diskursen und Dokumenten

Oder: Hypertexte als Imaginationsraum zwischen Lesen und Schreiben ...

Heiko Idensen

Digitale Bibliotheken zwischen Utopie und globalisierten Wissensmärkten

Seit der Aufklärung gilt Wissens als Basis der Wissenschaften und als entscheidender Schlüssel zur utopischen Wissensgesellschaft, in der jeder Zugang zum Wissen hat, und zur Dynamik gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Innovationsprozesse.

Projekte wie die Enzyklopädie Diderots und d'Alemberts, die noch das gesamte Produktionswissen ihrer Zeit sammeln wollten, zeigen aber auch schon die Sackgasse eines rein kumulativen Wissensbegriffes auf. Welche Grenzen rein quantitavive Konzepte der Archivierung nach sich ziehen können, deren einziger Erfolgs-Parameter in der Anzahl verfügbarer Bänden oder gespeicherter Terrabyte von Informationen liegt, macht schon eine Untersuchung zu Einflußfaktoren in wissenschaftlichen Publikatinsweisen deutlich.

Referenzierung des Wissens, Einflußangst?

Folgende Tabelle gibt an, auf welchen Anteil von Publikationen aus verschiedenen Wissensgebieten nicht Bezug genommen wurde:

Tabelle 1 (Digitale Bibliotheken, S. 67, zit. nach Lesk, M.: Practical Digital Libraries, San Francisco 1997, S. 67)

Fachgebiet
Prozentanteil der in 10 Jahren nicht refenzierten Veröffentlichungen
Naturwissenschaften
22,4
Sozialwissenschaften 48,0
Geisteswissenschaften 93,1


Ich möchte in meinen folgenden Überlegungen und Beispielen Ansatzpunkte für einen dynamischen aktiven Wissensbegriff suchen, bei dem es darum geht, "Wissen in Aktion" zu beobachten, generative Prozesse, in denen über Datenbanken und vernetzte Schreibumgebungen im Netz Querbeziehungen zwischen Dokumenten und Dokumentstypen enstehen, Annotationen und Randbemerkungen vorgenommen werden, gemeinschaftliche work-in-progress-Prozesse der Arbeit an Dokumenten im Entstehen begriffen sind.

Im Einzelnen geht es um:

Liebe zu den Büchern, zu den Dokumenten (oder: ist der Kunde König?)

In manchen Darstellungen wird beklagt, daß sich Biblkiothekare mehr für ihre Bücher als für ihre "Kunden" interessieren:

"Der Bibliothekar von einst war eine Spitzweg-Figur, den Kopf voller preußischer Instruktionen und kleinformatiger Karteikästchen. Sein einziger natürlicher Feind war der Benutzer."

(so der Vorsitzende des Wissenschaftsrats Hoffmann, der das Magazin Focus zitiert, nach Digitale Bibliotheken, S. 140)

Virtuelle Gemeinschaften, Kollaborationsformen

Die Nutzer (LeserInnen und Schreiber gleichermaßen wie auch Suchende und professionelle Ver-, Ent- und Auswerter von Quellen) machen sich indes selbständig und entwickeln parallel zu den Thesauri und Klassifikationsformen der klassichen Bibliothek eigene Linkstrukturen, Auszeichnungssprachen, andere Formen der Refenzierung und der Assoziation von Dokumenten - sowohl im Bereich der Netz- und Medienwissenschaft - als auch im Medien- und Netzkunstbereich. Auch generische Formen der Netzkommunikation und - verbreitung (etwa die Musiktauschbörse Napster) spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung innovativer neuer digitaler Kultur- und Distributions-Modelle.
Ein alternativer Server, auf dem größtenteils OPEN CONTENT vorgehalten wird, bringt die Fragestellung provokativ in einer Bannerwerbung auf den Punkt:

"MP3 is free - why not txt?"

In dieser Hinsicht kann etwa auch die Kultur der Newsgroups und Mailnglisten wichtige Impulse für die Entwicklung innovativer digitaler Bibliothekskonzepte geben, z.b. wenn es um gemeinschaftlich angereicherter und kollaborativ zu pflegende Wissensbestände geht. Neben festen Referenzierungen, Verschlagwortungen digitaler Dokumente durch fachfremde Informationsbroker oder Bibliotheks-Angestellte nach festen Verschlagwortungs und Auszeichnungsregeln, sollten sich nach meinen Erfahrungen mit digitalen Textbeständen in kulturwissenschaftlichen Forschungsprojekten Digitale Bibliotheken durchaus öffnen für Computer Supported Cooperative Work.

Gerade das aktive Wissen, die spannenden Wissensbereiche an den entscheidenden Schnittstellen von Forschung, Gesellschaft erforden hybride Wissensformen, mit offenen Schnittstellen zu Anwendern, Betroffenen und Kritikern.

Beispiele (Ratings und Filterprozesse)

RATINGS in Mailinglisten (slashdot.org und Assoziationsblaster)

Suchen und Finden: Interfaces zur Datenmanipulation

Aus meinen Erfahrungen in der Produktion von mehreren CD-ROMs, die aus sehr breit gestreuten texuellen wie multimedialen Materialien bestanden, liegt der entscheidende Mehrwert in der Organisationsweise digitaler Materialien -im weitesten Sinne in der Offenheit und Gestaltbarkeit der Schnittstelle zu den LeserInnen und BenutzerInnen:

Beispiele (erweiterte Netz-Features):

a) Klassifikationsschemata und Verschlagwortung auf der Konfigurationen -CD-ROM und die
b) Suchmaschine auf der HYPERFICTION CD-ROM
c) google als Suchmaschine, die Ratings nach Referenzierungshäufigkeiten vornimmt
d) Assoziationsblaster: Direktzugriff; Datenassoziation
e) Personalisierung des Zugangs auf umfangreiche Zitat-Datenbank in nic-las; Annotationsmöglichkeiten
f) Kommentierung einzelner Thesen und Absätze in open-theory
Auch solche dynamischen Features könnten Erweiterungen von Nutzungsmöglichkeiten in digitalen Bibliotheken darstellen, die gerade auch für eine Ausbildung an der FH Potsdam mit den drei Schwerpunkte ARCHIV, BIBLIOTHEK und DOKUMENTATION sinnliche und direkte problemorientierte und praktische Einstiegsmöglichkeiten für studentischen Projektarbeit darstellen.
Außerdem bietet die Arbeit an solchen erweiterten Netz-Features für das Bibliothekswesen wesentliche Möglichkeiten, die Vorteile des Netzarbeit auch direkt für die Forschung und Lehre auszubauen:

Beispiel (Annotation und Lesezeichen in "digitaler Handbibliothek")

Nach dem Beispiel der Kataloge etwa von AMAZON können personalisierte Erweiterungen (Kritiken, Exzerpte, thematische Annotationen und Querbezüge) in systematische Datenbestände eingearbeitet werden.

"Ob nun die Handbibliothek die richtige Metapher ist oder ob andere besser geeignet sind, sei dahingestellt.
Die zentrale Frage, welche die heutige Technik besser lösen kann als die ältere, ist die nach der persönlichen Schnittstelle zum Meer des Wissens und der Information. Da Information umd Wissen im Gegegensatz zu anderen Rohstoffen keinem sich erschöpfenden Verbrauch unterliegen, kann leicht der Eindruck eines relativen Überangebots entstehen. Dann muß unter Umständen sehr selektierend und manchmal sogar proaktiv, d.h. langfristig planend, mit diesen Rohstoffen umgegangen werden. [...] Selektieren, Filtern, Bewerten und Verknüpfen sind daher die wichtigsten Aktivitäten des Wissensarbeiters."
(Digitale Bibliotheken, S. 192)

Wissensmanagement

ist deshalb momentan als Begriff in aller Munde, weil es die Kernkompetenz beschreibt und betrifft, die technische und wissenschaftliche Wissensformationen zusammenführt, die Unternehmen, Wissenschaftler, Künstler, Ingenieure, Bibliothekare ... benötigen, um sich am globalisierten Markt zu behaupten.
Es geht nicht nur um eine Schulung oder permanente Weiterbildung des einzelnen Mitarbeiters, sondern um die Gesamtintelligenz einer ganzen Körperschaft als Gesamtgebilde, um eine systemische Intelligenz, neudeutsch Corporate IQ, in der sich eben die Wissensresourcen aller Beteiligten aufgehoben finden.
Für die Generierung, Prozessierung, Verteilung und Kommunikation solcher dynamsicher Wissensprozesse rücken Werkzeuge für kooperatives Arbeiten auch wieder verstärkt in die Aufmerksamkeit.

Alles Speichern - aber was ist produktives Wissen?

"We can even imagine building the ultimate personal assistant consisting of `on body' computers that can record, index, an retrieve everything we've read, heard and seen."
(Bell G., Gray J.N.: The revolution yet to happen. In: Denning P.J., Metcalfe R.M. (Eds.): Beyond Calculation: The Next Fifty Years oc Computing, New York, 1997, 433)

Hinter einem solchen Szenario steht die Vorstellung, daß sämtliche Daten, mit denen wir im Laufe unseres Lebens konfrontiert werden, prinzipiell speicherbar, prozessierbar und auch maschinell auswertbar sein werden bzw. könnten. Nicht nur, daß alle technischen Geräte in Haushalt, Büro, in der Stadt und überall prinzipiell adressierbar sind, sondern daß wirklich `alles' als eine mögliche Datenquellen betrachtet wird: die Umwelt ebenso wie unser Körper. Entscheidend werden in diesen Bereichen die Tiefe und die Breite der Durchdringung unseres Alltags mit Informationstechnologie im weitesten Sinn.
In einem Phasenmodell (zit. nach Seitz K.: Wettlauf ins 21. Jahrhundert, Berlin 1998) wird die Entwicklung der Informationstechnik in vier Wellenbewegungen auf die Anzahl (in Millionen) betroffener Nutzer projeziert:
Nach den Phasen der Großsysteme (10 Millionen Nutzer)in den 80er Jahren, Personal-Computern (100 Millionen Nutzer) in den 90er Jahren und Rechnernetzen (1 Milliarde Nutzer) bis 2010, würde unmittelbar eine `Phase der Inhalte' bevorstehen (2020: bis 3 Milliarde betroffene Nutzer).
Diese Prognosen beziehen sich allerdings größtenteils auf Unterhaltung und Werbung - also weniger auf etwas, das ich noch im emphatischen Sinne auch als einen `kulturellen Inhalt' bezeichnen würde.

->Docuverse: ist 'alles' doch (noch) möglich?

Von der imaginären Bibliothek zur Utopie vernetzter Publikationsweisen


Alexander Kluge hat im Schatten seiner Medienprojekte - für eine Rettung kultureller Grundwerte - die Utopie der Bibliothek hoch gehalten: In Anlehnung an die Bibliothek von Alexandria würden alle Autoren "die Bibliothek" in ihren Herzen tragen - auch die verlorenen, verbotenen, verschollenen, verbrannten Bücher. Und was ist ein Autor? Ganz einfach: einer, der selbständig arbeitet, läßt Alexander Kluge vernehmen.

... in alphabetischer Ordnung?

"Abdul Kassem Ismael, grand vizier of Persia in the tenth century A.D., never traveled without his library of 117,000 volumes, carried by a caravan of 400 camels trained to walk in alphabetical order."
Fund in: Harper's 296 (Jan. 1998)
(zit. nach Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 1)

'Buch im Singular'

"Gegen das nur objekthafte Verständnis des Buches steht die literaturtheoretisch als Intertextualität oder Diskursivität umschriebene Realität des Buches. Hier markiert das Buch eine offene Struktur, eine Verdichtung im Gewebe der Schriften. Anschaulich-konkret wird seine textuelle Form im philologischen Verweisungsapparat. Fußnoten und Anmerkungen, Zitate und Textfiliationen überschreiten die Grenzen der Buchdeckel und verbinden den Leser mit dem vollständigen Textkorpus der Bibliothek. Hinzu kommen die computergestützten Formen des mehrspurigen Lesens. Paginierung, Index oder bibliographische Verweise sind als Absprungmarken ausgeführt, mit denen an jeder Stelle umgeblättert und weitergelesen werden kann. Die praktische Handhabung des elektronischen Textes demonstriert erst recht, daß das so vertraut erscheidende 'Buch im Singular' ein vorausetzungsreiches Phänomen ist. Entgegen seiner offensichtlichen Existenz ist es eine - als solche nicht mehr auffallende - Abstraktion, die mittels technischer Eingriffe in das sich allseits verwebende Schrift-Werk realisiert wird und dem Benutzer schließlich als gebrauchsfertiges Medienformat vorliegt."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 1-2)

Buch im Plural: Bibliothek als Vollform des Buches

"Wenn es das Buch nur im Plural gibt, wenn ein Buch immer aus anderen Büchern entstanden ist, und als fertig vor uns liegender Band immer auf anderen Bücher, vergangene und zukünftige, verweist, dann müssen wir, so die Konsequenz, auch die Bibliothek als Vollform des Buches anerkennen. Doch sobald wir dem gerecht werden wollen und uns auf die Bibliothek als eine sehr große Textkumulation einlassen, wird es schwierig. Wir stehen vor vollen Regalen und wissen nicht, was mit den Beständen anzufangen ist. In dem Augenblick, wo alles zugänglich ist, scheint die Bibliothek zu einem hermetischen Ort zu werden. [...] Kann man nur ein je besondere Buch, nicht aber eine Bibliothek lesen [...]? [...] Die Bibliothek interessiert nicht länger als philosophische Metapher für etwas anderes [...]. Durchgesetzt hat sich eine utilitaristische Sicht, die von der Bibliothek als Beschaffungsanstalt spricht. Auf ein eigenes, über Zweck- und Nutzenkalkulationen hinausgehendes Wissen von der Bibliothek wird jedoch auch hier verzichtet. Man hält sich an die institutionell eingespielte Arbeitsteilung - und die macht die Bibliothekswissenschaft verandtwortlich. Ihr obliegt die Gebrauchstüchtigkeit der Bibliothek, und das meint vor allem, daß sie dem Leser ein genaues Verzeichnis und einen entsprechenden Lageplanbereitzustellen hat. Solange man an die Evidenz solcher Übersichten glaubt, ist die Frage: Wie liest man eine Bibliothek?, immer schon gelöst.
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 2-3)

Literatur: Selbstlektüre-Bibliothekslektüre

"Weder die Bibliothek noch die Geschichte des Buches sind so das eigentliche Thema. Beides sind vielmehr Bezugsrahmen, um die Literatur in Szene zu setzen. Ob das zu einer Rechtfertigung der Literatur reicht, muß der Leser entscheiden.
Klar ist, daß die ausgewählte Problemfassung nicht zufällig ist, da die Literatur, weil ohne spezifischen Gebrauchs- und Funktionskontext und damit prinzipiell ohne feste Referenz, wie kein anderer Büchereibenutzer auf die Bibliothek angewiesen ist. Hier hat sie nicht nur ihre Inspirationsquelle. Die Bibliothek ist das tragende System. Wie die Literatur sich im Docuversum der Bibliothek bewegt, wie sie sucht, was sie gebrauchen kann, wie sie nutzt, was sich findet, sollen die individuellen, als je besondere Bibliotheks-Poetiken gelesenen Fallgeschichten vorführen. Sie demonstrieren, daß die Literatur sich keineswegs nur fortschreibt, indem sie sich selbst liest. Hier wird der Nachweis geführt, daß die Literatur über die Selbstlektüre hinaus Bibliothekslektüre ist."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 7)

Be-nutzung ohne Grenzen

"Für die Literatur scheint es definitive Grenzen bei der Arbeit an der Bibliothek, bei der Überführung von Nichtlesbarem ins Lesbare, nicht zu geben - vielleicht weil die charakteristische Operation der Literatur, so Nicholson Baker, das Komma-Setzen ist: Die Literatur kann alles unterscheiden, und sie kann alles verbinden. Das Zugleich von Disjunktion und Konjunktion läßt sich verstehen als poetologische Umschreibung für die Fähigkeit der Literatur, auf alles und jedes zugreifen zu können, was in der Bibliothek versammelt ist. Ihre Version des alten Topos inventis aliquid addere facile est - es ist leicht, zu schon Gefundenem etwas hinzuzufügen - ist zugleich das bibliothekarische Bewegungs- und Forsetzungsprinzip, aus dem heraus die Literatur sich erhält. In dem Maße, wie es der Literatur gelingt, sich im Suchen und Finden gegen die Konvention zu behaupten, und sie immer wieder Neues und Überraschendes zu zeigen vermag, kann sie sich in ihrer Findigkeit auch stets von neuem revitalisieren. Literatur [...] ist Bibliothekslektüre."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 7)

Was ist eigentlich eine Bibliothek? (relative Zahlen)

"Das Wort 'Bibliothek', griechischen Ursprungs und im 1. Jahrhunder v. Chr. als bibliotheca von den Römern übernommen, umfaßt sowohl den Raum der (Bücher-) Aufbewahrung, das Gestell oder den Schrank zur Aufstellung als auch eine Sammlung von Büchern. Zusätzlich zu den ebenso bekannten wie trivialen Bestimmungen verzeichnet der Große Pauly eine weitere Konnotation: das Wort finde sich 'zum Teil in der Nebenbedeutung des Umfangreichen'. Dieser Nebensinn von 'Bibliothek' schließt nicht nur an die Alltagsvorstellung an, wonach den Titel 'Bibliothek' allein eine größere Ansammlung von Büchern verdient. Als Zahlwort ist 'Bibliothek' zugleich ein Übergang von der Wort- in eine Begriffsgeschichte verstanden worden. [...] 'Eine Bibliothek ist eine beträchtliche Sammlung von Büchern.' (Schrettinger: Versuch eines vollständigen Lehrbuchs der Bibliotheks-Wissenschaft. Erster Band. I. S. 11) [...] Seit der ersten Bibliothek, der Bibliothek von Alexandria - in der Antike auch einfach die 'große Bibliothek' genannt - gibt es das Faszinosum der großen Zahl(en). Endlos die Abschätzungen, wieviele Schriftrollen tatsächlich in Alexandrien waren - 40.000 oder 400.000 oder 700.000."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 48-49)

der Mythos der vollständige Bibliothek: es muß im Leben mehr als alles geben!

" Die Aufmerksamkeit, die solche Zahlenangaben und Zahlenspiele finden, gilt nicht nur dem betriebstechnischen Informationswert. Auch geht es um mehr als soziales Prestige, um den materiellen Reichtum oder den Willen zum Wissen, den man in großen Bücherzahlen sehen und auf die jeweiligen Besitzer zurückrechnen kann. (FN 8 In der Bibliothek der Fugger, so hieß es, standen soviele Bücher, wie es Sterne am Himmel gibt.) Zahlen machen ihren eigenen Sinn. [...] (50) [...]
(56) Aber auch das verwaltungstechnisch institutinaliserte 'Alles' hat keine Zahl, ist nicht in Quantitäten zu fassen - und folgerichtig findet sich selbst Im Zeitalter der Rechenmaschinen für die umfassendste aller alexandrinischen Bibliotheken, die Library of Congress, nur die sagenhafte Größe von 100.000.000 eingelagerten (Medien-) Einheiten. 'Alles' wird als magische Zahl, [...] auch zur Vision kommerzieller Unternehmungen - wie im 'Alexandria Project' der Computerfirma Oracle. Hier wird das 'Alles' - als wäre dies möglich - nicht einmal gesteigert, hat man doch vor, 'alle Bücher, alle Magazine und Zeitungen, alle Filme, TV Shows, wissenschaftliche Veröffentlichungen aus allen Kontinenten' in digitalisierter Formn zu vereinigen. Spätestens seit dieser Version - laut Pressemitteilung [...] will man mit 'allen Daten dieser Welt hantieren' - scheint das Unternehmen endgültig hypertroph und jede Chiffrierung des Großen in Zahlen endgültig als bloße 'Denkadresse' aufgeflogen. (56) [...] Wie soll man sich dann eine Bibliothek vorstellen, die alles hat? Ist das überhaupt noch ene Bibliothek?" (57)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 50-57)

Borges?

Docuverse: ist 'alles' doch (noch) möglich?

"Irritierend ist das alexandrinische Projekt, weil seine raison d'être, das 'Alles', sich nicht in konkrete titel und Unterscheidungen rückübersetzen läßt. 'Alles' bezieht sich auf eine unbestimmte Gesamtheit aller Markierungen und Klassifikationenen, für die es keinen akzeptierten Terminus gibt. Bislang haben Umschreibungen dominiert, die sich - wie 'Universalbibliothek' oder 'Bibliotheksverbund' - nahe an bestehende Bibliotheken und die von ihnen organisierten Kapazitäten halten. [...] Inzwischen scheint sich hier etwas zu ändern. Zum einen [...] hat die Diskussion um dieses Thema Fahrt gewonnen. Sie ist längst nicht mehr auf Bibliotheksfachleute beschräkt [...]. Bemerkenswert ist ferner, daß sich bis dahin weitgehend getrennte Diskurse zusammenfinden. Technik und Fiktion, konkrete Machbarkeiten und allegorisierende Beschreibungen, haben miteinander Kontakt aufgenommen und unterlaufen so jeden Versuch, eindeutig zwischen der empirisch-realen Bibliothek und dem kulturellen Konzept 'Bibliothek' zu unterscheiden. War 'Bibliothek' über die Grundvorstellung von kulturellen Schatzhaus hinaus in der literarisch gebildeten Vergangenheit ein 'romantisches Sujet unbegrenzter Interpretationen' (FN 37 Schlaffer, Heinz: Borges. Frankfurt/M.: Fischer 1993. S.72. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein, war das Wissen der historia litteraria noch nach dem Modell der Bibliothek modelliert. Erst um 1800 wird die Bibliothek zum bloßen Hilfsmittel degradiert: Witz, Genie und Originalität werden als wesentlich selbständig gegenüber der Bibliothek gedacht. Gut möglich, daß sie ihr Profil erst gegen das bibliotheksförmige Wissen gewinnen.), so avanciert sie heute als Infoworld oder Docuversum zu einem Grundbegriff der Technik-Kultur. Fiktion und Realität überkreuzen sich.
Was vor wenigen Jahrzehnten nur als Bibliothekspantasie gehandelt wurde, ist so zu einer Begrifflichkeit mit schon gesellschaftsweiter Überzeugungskraft avanciert.
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 58-59)

die Qual der Wahl

"Beunruhigend an der alexandrinisichen Zahl ist weiter, daß sie einerseits Inbegriff der Größe und Macht aller bibliothekarischen Sammlungen repräsentiert - zugleich aber das 'Alles' als Parallelbegriff zum Unendlichen genau das unmöglich zu machen scheint, worauf es bei der Bibliothek ankommt: daß man in ihr etwas finden kann.
'Die Wahl eines unter vielen Büchern', so Vilém Flusser, 'stellt das Wählen überhaupt in Frage, da bei ihr klar wird, daß nur aus begrenzter Menge gewählt werden kann.' (Flusser, Vilém: Die Schrift. hat Schreiben Zukunft? Göttingen: European Photography 1990. S. 97)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 58-59)

Topographie der Bibliothek: Standort - Buchgedächtnis

Der Adressenkatalog entstand aus der Praxis heraus, aus dem tagtäglichen Kontakt mit den Beständen und braucht daher weder eine spezielle, gar wissenschaftliche Vermittlung noch eigene Aufschreibe- und Nachschlaghilfen wie Bestandsverzeichnisse und Standortlisten. Irgendwann, nach langen Jahren an einem und demselben Ort, stellt sich als Resultat unzählig vieler Gänge und Zugriffe eine auf den Punkt genaue Topographie der Bibliothek ein - so wie bei jenem berühmten Vorbild, dessen Leistung als unerreichbar, ja als erfunden gilt, aber dennoch als legendär anerkannt worden ist. Im Kern der Legende steht der historisch verbürgte Florentiner Bibliothekar Antonio Magliabechi. Von ihm wird 'behauptet [...], er habe nie ein Buch zu Ende gelesen und doch gäbe es keinen anderen , der so gut wie er die Bücher und deren Inhalte kenne.' (Willms: Bücherfreunde. Büchernarren. S. 132f.) Sein Geheimnis ist ein phänomenales Buchgedächtnis:

'Eines Tages soll Cosimo III., in desen Diensten als Bibliothekar er seit 1673 stand, nach ihm geschickt haben mit der Bitte, ob es ihm möglich sei, ein ganz bestimmtes, äußerst seltenes Buch herbeizuschaffen. Magliabechi soll darauf geantwortet haben: 'Nein, das ist unmöglich. Denn von diesem Buch existiert lediglich ein Exemplar, und dieses befindet sich in der Palastbibliothek in Konstantinopel. Es ist, wenn man die Bibliothek betritt, das siebte Buch im zweiten Regal auf der rechten Seite." (ebenda)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 131)

Der Hyperkatalog?

"Die Bibliotheken sind in einer 'on-line hell', einem Teufelskreis: Einmal mit der Elektronifizierung begonnen, werden immer neue Folgeinvestitionen fälig, nur um irgendwann - vielleicht! - einmal die versprochenen Leistungen auch tatsächlich ohne Programaabstürze und ohne hineinprogrammierte Unzulänglichkeiten beanspruchen zu können. (FN 89 Eine der neuen Losungen ist der 'Hyperkatalog': Mit ihm sollen sich die Begrenzungen einer eindimensionalen Suche, die nur nach 'gefunden' und 'nicht gefunden' deifferenzieren kann, überwinden lassen. Eine Hoffnung mehr, obwohl man weiß [...] 'wie ohnmachtig wir der neuen Entwicklung gegenüber stehen.' (Rauch, Wolfgang: Die Entlinearisierung der Bibliothek. In: Bibliothek 18 (1994). S. 92-94. Hier S. 93) Für die Bibliothek reservierte Gelder fließen daher in wachsendem Maß an die Informationsindustrie."
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 151)

Wissensformen: alphabetische Listen, Kommentare

"Bloße Listen nach Alphabet oder ähnlich unbewegliche Raster passen sich der Denkbewegung nicht an; er erschweren Neues. Das ist eine Kritik, die noch für das Großprojekt der Enzyklopädie D'Alemberts und Diderots gelten soll:
'und eben dieses Buch, was den Franzosen ihr Triumpf ist, ist für mich das erste Zeichen zu ihrem Verfall. Sie haben nichts zu schreiben und machen so Abregés, Dictionaires, Histoires, Vocabulaires, Esprits, Encyclopadieen, u.s.w. (FN 59 In einer Geschichte der Wissensformen ist die Enzyklopädie - entgegen Herders polemische Abwertung - bereits ein Schritt hin zu Darstellungen, die Variation erleichtern. Die alphabetische Ordnung entlastet die Darlegung von Kommentaren und Worterklärungen, die sich allein auf einen überlieferten Wissenskosmos beziehen.)
(Nikolaus Wegmann: Bücherlabyrinthe. Suchen und Finden im alexandrinischen Zeitalter, Köln 2000, S. 220)

DIE Bibliothek der Gnade

"Die Bibliothek der Gnade wurde im Jahre 1997 gegründet. (...) in sämtlichen Zeitungen erschien eines Novembertages 1997 die gleiche Annonce. Es sei, hieß es dort, eine Spezialbibliothek geschaffen worden. Ihr Ziel bestünde in der Sammlung, Archivierung und dem öffentlichen Zurverfügungstellen all derjenigen Werke, die keinen Verlag gefunden hatten. Arbeiten jeder Art und jeglichen Umfangs seien willkommen. Die Bibliothek mache keine Unterschiede. Tagebücher, verschmähte Enzyklopädien, Waschzettel, Abhandlungen, Träume, Spruchsammlungen, Witze, Pamphlete, Romane - was auch immer in Schriftform vorliege und gedemütigt sei, es fände nun seinen Ort und seine Signatur. (...) Jedes eingereichte Manuskript werde mit Freuden angenommen und zugleich einer konservatorischen Behandlung unterzogen, um es für spätere Jahrhunderte und deren klügeres Urteil haltbar zu machen. Jedermann habe, Tag und Nacht, Zutritt zur Bibliothek. Auf Verlangen erhielte man eine mit neuartigen Reproduktionstechniken blitzschnell hergestellte Kopie jeder beliebigen Arbeit kostenlos ausgehändigt. Modernste Computertechnologie mit ausgeklügelten Retrievalsystemen ermöglichen den uneingeschränkten Zugriff auf die Bestände, in sämtlichen Sprachen der Welt. (...) Es ist kein Geheimnis, daß sich gerade in den Anfängen der Bibliothek die Mehrzahl der Benutzer aus Autoren rekrutierte. (...) Mit dem unaufhaltsamen Anwachsen der Gnadenbibliothek (...) spitze sich der Konflikt zwischen der althergebrachten Lese- und Schreibkultur auf der einen Seite und der anarchistischen Flut der Freien auf der anderen Seite zu. Die Beliebtheit der Gnadenbibliotheken verkleinerte die Absatzchancen des selektierenden Verlagswesens drastisch. (...) Energisch wies man auf die eigene Bedeutsamkeit hin. Die Flut einzudämmen, aus dem Strom aus Höchstem und Tiefstem, aus Geschmiere, Mittelmäßigen, Dilettantischem, Widerwärtigem (...) die wenigen Fische herauszuangeln, die der Lesemühe wert seien, müsse als undankbares und edles Geschäft hoch geachtet werden. (...)"
(Thomas Lehr: Zweiwaser oder die Bibliothek der Gnade, Berlin 1992, S. 347 ff)

CONNECT!

¶Der Computer und sein Diener (wer (a)dressiert wen?)

Angenommen [...] die Maschine gelangt bei ihren Berechnungen an einen Punkt, an dem sie die Eingabe eines bestimmten Werts aus ihrer Bibliothek benötigt. Sie hält an und leutet eine Glocke. Daraufhin sieht ihr Gehilfe nach und stellt fest, daß sie, sagen wir, den Logarithmus von 2003 verlangt. Er läuft zu den Lochkarten, aus denen die Logarithmentafel besteht, sucht unter ihnen die gewünschte heraus und gibt sie der Maschine ein. Diese überprüft zuallererst, ob ihr die korrekte Karte gebracht wurde oder nicht [...] Entdeckt die Maschine jedoch, daß ihr der Operator eine falsche Karte brachte, schlägt sie eine lautere Glocke, hält wiederum an und weist ein Schild vor: "Falsche Karte!" Und der Operator wird entdecken, daß die Maschine recht hat - und wird die Karte durch die richtige ersetzen müssen. Denn immer wird die Maschine eine falsche Eingabe mit lautem Glockenläuten ablehnen und nicht weiterrechnen, bis sie genau die intellektuelle Nahrung bekommt, die sie wünscht. (Charles Babbage: Passages from the Life of a Philosopher. London 1864, 119 ff. nach:Kittler 87, 227)

Die Imaginäre Bibliothek


Nach verschiedenen Projekten auf Medienfestivals, in denen PooL-Processing [46] versucht hatte, vor Ort einen ironischen, ästhetischen, offenen Umgang mit Informationen und Informationsmedien in Gang zu setzen, ist die Imaginäre Bibliothek eine Fortsetzung des reinen "Informations-Processing" mit anderen Mitteln: Ein Text/Bild-Archiv wird inszeniert - hypertextuelle Navigationsprozesse werden mit poetischen Bruchstücken der Buchkultur aufgeladen. Der Leser als Reisender/Navigator/User wird zum neuen Helden, der gegen die stupide Vorherrschaft designter Bild-Schirm-Medien einen aussichtslosen einsamen Kampf führt. Die Programmierung [47] der Imaginären Bibliothek setzt die Metapher einer labyrinthischen Bibliothek in Szene und folgt damit dem postmodernen 'Sprachspiel' von der aktiven Rolle des Lesers, die dann noch leichtfertig als 'Befreiungsideologie' des Informationsmediums Computer ausgegeben wird. Es wäre wirklich wunderbar, könnte man im Weben einer Hypertext-Struktur der Entstehung von Gedanken beiwohnen - und das auch noch als gemeinschaftliches - kooperatives - Bild-Schirm- Denken. Dabei ist die Bibliothek wahrscheinlich hermetischer als all unsere Beschreibungen und Beschwörungen vom offenen (Hyper-) Text es wahrhaben wollen - und vielleicht ist es gerade diese (relative) Abgeschlossenheit (bei unendlichen Kombinationsmöglichkeiten), die "funktioniert" und dem Leser wirklich die Illusion vermittelt, einen produktiven Akt auszuführen! Das Struktur-Zitat der unendlich fragmentarisierten Bibliothek scheint gerade den wunden Punkt der Leser (und Schreiber) im Zeitalter der technischen (Re-) Produzierbarkeit von Texten zu treffen: alle sind jetzt angeschlossen und schreiben und lesen gleichzeitig an einer über die ganze Welt verteilten Textur [48] . Da seltsamerweise keines dieser hier erscheinenden Worte markiert ist, kann ich kein Wort anklicken. Ich komme zunächst nicht weiter, kann von diesem Text aus nirgendwohin [49] gelangen.

Umgebung für eine kollektive Textproduktion

In unserer letzten Installation auf der Ars Electronica 1990 "Die imaginäre Bibliothek"[1] haben wir versucht, eine Umgebung für eine kollektive Textproduktion zu schaffen.
Zwei Computer-Terminals mit einer HyperText-Oberfläche sind innerhalb eines Rundbaus inmitten von Büchern und Buch-Objekten plaziert. Ausgewählte Exemplare, die verschiedene Ausprägungen nicht-linearer Buchformen vorstellen: zeilenweises Blättern, kombinatorisches Lesen, visuelle Poesie...
Während die Leser als Reisende in einer Bibliothek mit antiken und modernen Autoren kommunizieren, drucken zwei Drucker im Hintergrund permanent die Lese-Touren der Benutzer aus. Diese Endlos-Ausdrucke -zu Buch-Rollen gerollt- vergrößern den Bestand der imaginären Bibliothek sichtlich. Die Arbeit der Leser wird Bestandteil der Bibliothek.
Das Ziel der Anwendung ist es, durch verzweigtes assoziatives Lesen und Navigieren den Benutzer in ein Netzwerk aus Texten zu verstricken. Aktives Lesen, das nach und nach in ein Schreiben übergeführt wird. Neben provokativen Zwischenbemerkungen, Fragen und Aufforderungen eines im Hintergrund lauernden Dämons wird der Leser durch assoziative Verweise von einem Text zum anderen geführt, von einem Buch zum anderen, zu korrespondierenden Bildern oder zu "generativen Büchern". Dies sind programmierte Bücher, in denen bestimmte text-generative Prinzipien als Produktionsanweisung umgesetzt sind, so daß der Leser selbst mittels dieser Programme poetische Prinzipien anwenden kann: Permutationen, Reihungen, Frage-Antwort-Komplexe, Mesostics, Romananfänge weiterschreiben, visuelle Poesie, Texte aus Teilen vorgegebener Texte zusammenschneiden ...

Kanal 4: Die Imaginäre Bibliothek

Noch extremer und vielschichter ist das Szenario der Bibliothek: ein Haus in dem Bücher wohnen, in denen wiederum Texte beheimatet sind, die voller Zeichen sind, aus denen sich alles mögliche herauslesen läßt, während Leser und Schreiber, Bibliothekare, Wissenschaftler und Verrückte durch die Gänge streifen, auf der Suche nach Texten, Verzeichnissen und Referenzen.
Inspiriert von den Bibliotheksphantasien von Borges, Eco und Foucault wurde die 'Imaginäre Biblihothek' zum Tummelplatz elektronischer Texte, die - herausgerissen aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen jetzt 'befreit' von ihren eigenen Autoren zirkulieren können: Lieblingsstellen und Szenen der 'Weltliteratur' werdem dem umherschweifenden Leser als Textadventure, Rollenspiel, Filmscript, Gebrauchswanweisung - kurz als Material für Sprachspiele und Spielzüge präsentiert mit den Ziel, daß Leser und Leserin - völlig übermüdet und verirrt im Labyrinth literarischer Verweise zwischen den Zeilen anfangen, selbst etwas zu kombinieren, weiterzuschreiben, zusammenzusetzen.
http://www.hyperdis.de/pool/()

Die imaginäre Bibliothek: DauerReden-LeseReisen

Am Anfang war das Wort.

... es wurde gesprochen, getanzt, gesungen, geliebt, verdoppelt, erzählt, geknotet, gebetet, wiederholt, rezitiert, vergessen, eingeritzt, eingebrannt, gemalt, gemeißelt, geschrieben, in Tabellen gelistet, in magischen Formeln versteckt, gedruckt, gebunden, verlegt, als Fußnote an den Rand gedrängt, indiziert, gereimt, gezählt, formalisiert, codiert, compiliert, gespeichert, gescannt, als Muster wiedererkannt, übertragen, gefaxt, verschlüsselt, komprimiert, optimiert, transformiert, konvertiert, genormt, gelöscht, gelinkt, überschrieben, als Absprungsort markiert, zum Objekt erklärt, als Programm aktiviert, das Worte schafft...
Das Universum, das andere die Bibliothek nennen, setzt sich aus einer undefinierten, womöglich unendlichen Zahl ineinander verschachtelter Bildschirme zusammen. Weite, in die Tiefe führende Wege, die nur über das Aktivieren bestimmter Schalter zu erreichen sind, werden eingefaßt durch Markierungen am Rande dieser Blätter aus vergessenen Schätzen geschriebener, gezeichneter, imaginierter Buch-Utopien.
Die Anordnung der auf dem Bildschirm erscheinenden Bücher ist niemals dieselbe, ebensowenig die Art und Weise, in der sich der Benutzer durch die verschiedenen Gebiete der Bibliothek hindurchbewegt.
Das Buch ist bisher das radikalste Interface für den Entwurf virtueller Welten. Alle anderen Maschinen an die sich der Mensch derzeitig anschließen kann, spiegeln hauptsächlich ihre eigene Funktionalität zurück oder lassen den gelangweilten Geist in raffinierte Rückkopplungsschleifen eintreten: Brainmachines. Sie erscheinen als blasse Abbilder eines phantasmagorischen Lesens.
Auf der Oberfläche der imaginären Bibliothek sind einige ausgewählte Exemplare besonders ungewöhnlicher, abwegiger Bücher, die in der herkömmlichen linearen papierenen Buchform nicht lesbar waren, als hypertextuelles Programm realisiert.
Trotz zahlreicher Hilfen, Reiseerleichterungen und Führungen durch das Labyrinth der Bibliothek, wird der Benutzer, den wir den Reisenden nennen möchten, ohne ein Minimum an Phantasie, Leselust oder Expeditionsdrang nicht weit kommen.
Lesen und Denken kann sich in diesem mehrdimensionalen Raum der imaginären Bibliothek in verschiedene Richtungen entfalten: Von jeder Stelle der verzweigten Bibliothek kann man in die unteren oder oberen Stockwerke gelangen, sich horizontal oder vertikal fortbewegen. In Verlauf dieses gezielten Umherschweifens ist ein Verirren des Lesers nicht ausgeschlossen, teilweise sogar erwünscht.

Lesen als Reisen

Die imaginäre Bibliothek ist kein Fundus katalogisierter Bücher. Sie bietet dem reisenden Leser eine Topographie interessanter Lesepfade, unterstützt ihn bei waghalsigen Exkursionen, kartographiert die erbeuteten Fundstücke. Ermattete Reisende werden animiert, durch Interviews und poetische Sprachspiele unterhalten.
Über eine spezielle Leitung ist eine Interaktion mit den "Agenten" der Bücher möglich: Ein imaginäres Erinnerungstheater, in dem die Reisenden mit antiken und modernen Autoren kommunizieren. Dieser wechselseitige Dialog gewinnt die Qualität einer mündlichen Rede.
Die Autoren der Bücher sind dabei weniger als Autoritäten oder Markenzeichen wichtig. Sie sind vielmehr als Etiketten vorzustellen, als geschriebene oder gedruckte Zettel, die an bestimmte Aussagen und Sätze geheftet sind. Mit dem Eintritt in die imaginäre Bibliothek wird der Bereich des geschützten Copyrights verlassen.

kombinatorisches Dauerreden

Die imaginäre Bibliothek präsentiert sich als virtuelle Lesemaschine, die - wenn sie nicht in einen Dialog mit dem Leser verwickelt ist - in ein kombinatorisches Dauerreden verfällt:
Plato: "Wer den unbeseelten Computer zum Lesen benutzt, in dessen Seele wird zugleich viel Vergeßlichkeit kommen, denn er wird das Gedächtnis vernachlässigen. Im Vertrauen auf die künstlichen Speicher werden sich die Menschen von nun an anhand von fremden, ihnen äußerlichen Zeichen und nicht mehr aus sich selbst erinnern..."
Schnell betätige ich einen Schalter, um das Dauerreden der Bibliothek gegen die Technologisierung des Wortes zu unterbrechen. Über eine Suchfunktion lande ich auf dem Index "Bibliotheksphantasie".
Foucault: "Etwas Wunderbares entsteht auf dem virtuellen Schirm, auf dem ein Schwarm vergessener Wörter sich mit lichtenen Lettern wie Viren ausbreiten... das Imaginäre haust zwischen dem Schirm und dem wachsamen Ausspähen des Lesers..."
Das soll in den Zwischenspeicher, ins Kurzzeitgedächtnis kopiert werden. Dort ist noch der Satz eines früheren Lesers abgelegt:
"Die Bibliotheken werden endlich Städte werden... ich habe die Fahrt nach einem Buch angetreten; vielleicht war es der Katalog der Kataloge; jetzt können meine Augen kaum entziffern, was ich schreibe..."

... anfangen, zu schreiben ...

Bevor ich anfange zu Schreiben, lasse ich mir noch ein Fragment zu "Index der Orte / Index der Gemeinplätze" auf den Monitor projezieren.
Ausgehend von einer Grafik mit sehr seltsamen magischen Zeichen rollt ein längerer Text vor meinen Augen ab, der - immer wieder mit kleinen Symbolen und Erinnerungsbildern geschmückt - die Gestalt einer animierten Sequenz annimmt, die mich so fasziniert, daß ich immer wieder die Wiederholungsfunktion aktiviere. Aus heiterem Himmel meldet sich in einen kleinen Fenster unten links der maxwellsche Dämon: "Sie haben sich offensichtlich in einer Endlos-Schleife verfangen! Wünschen Sie eine Lesehilfe oder ein Zusammenfassung des Überflogenen? Möchten Sie vielleicht mit mir spielen?"

Bibliothek als Theater - Computer als Theater ....

Über "Zusammenfassung" komme ich zu der Darstellung eines Theaters, das in verschiedene Gänge mit Bücherregalen zu verzweigen scheint. Ich erfahre, daß in der Renaissance jeder Intellektuelle bereits über einen Gedächtnispalast zum Aufbewahren von Reden und Textbausteinen verfügte: Eine frühe Vorform der imaginären Bibliothek?
Simonides: "Als Erinnerungsorte werden solche ausgewählt, die möglichst geräumig, abwechslungsreich und einprägsam sind, so daß unser Denken ohne Zaudern und Stocken alle Teile durchlaufen kann. Dann faßt man das, was geschrieben oder in Gedanken ausgearbeitet wurde, in einen Begriff zusammen und kennzeichnet diesen mit einem Merkmal, das zur Anregung des Gedächtnisses dienen soll..."

Aus dem Index der imaginären Bibliothek:


Abschriften / Arche Noah / Archive / Ars Combinatoria / Bibliotheksphantasterei / Buch der Natur / Buch im Buch / Buchobjekte / Buchrolle / Druckfehler / Emblematik / Gedächtnisarchitektur / Labyrinth / Landkarte einer Erzählung / Listen / Memory Theater / Robinson / Paradiesbuch / Pattern Poetry / Plagiate / Speicher / Topographie des Zufalls / Unendliches Buch / Universalbibliothek / Verzeichnis aller verlorenen Bücher / Zettelkasten / Zitieren / Zwischenraum der Texte

1..DauerReden


Die Bibliothek befindet sich in einem kombinatorischen Dauerreden, d.h. per Random-Operationen wird fortdauernd zu einer zufälligen Seite eines zufällig ausgewählten Buches verzweigt, diese wird ausgedruckt (eine Warteschleife reduziert die Papierverschwendung). Ein beliebiger Tastendruck eines beliebigen Benutzers/Besuchers/Lesers unterbricht dieses DauerReden und verzweigt in den zweiten möglichen Status der Bibliothek: LeseReisen.

2.Das unendliche Buch


An bestimmten Stellen der 5 Hauptbücher wird zu dem generativen Buch "Das unendliche Buch" verzweigt. Hier wird die Zufalls-Kombinatorik auf Wortebene fortgesetzt: aus einer zufälligen Seite eines zufälligen Buches wird ein Wort herausgeschnitten und einer unter dem Benutzernamen angelegten neuen Seite des unendlichen Buches angefügt, bis diese Seite mit 64 Worten gefüllt ist.

Hypertext-Netzwerke können als Fortführung der Utopie eines Universums, das andere die Bibliothek nennen, gesehen werden: Im Unterschied zur gedruckten Enzyklopädie haben Hypertexte keine vordefinierte Ordnungsstruktur (ob alphabetische oder thematische Sortierung von Informationspartikeln ist kein Problem, da dynamische Umstrukturierungen des Wissensbestandes jederzeit möglich sind).
In der telematischen Version der Enzyklopädie öffnet sich die klassische Trennung von Autor / Text / Leser und die machtpolitische Kommunikationsschaltung von Code - Sender - Empfänger in ein Dokuversum frei verknüpfbarer Objektdateien.
Ted Nelson - Herausgeber des subkulturell inspirierten, im Stil eines Fanzines layouteten Hypermedia-Kultbuchs "Computer Lib - Dream Machines" (von zwei Seiten lesbar, mehrere vernetzte Textblöcke nebst Skizzen, Zeichnungen und Fotos) hat eine Datenstruktur und ein weltumspannendes Netzwerk für eine elektronische Universal-Enzyklopädie entwickelt: XANADU. Über Schnittstellen zu allen verfügbaren Computersystemen will er seine Vision eines weltweiten Netzwerkes verwirklichen, in dem Millionen von Nutzern auf einer gemeinsamen elektronischen Schreiboberfläche gleichzeitig arbeiten. Es geht hier keineswegs nur um eine rein technokratische Vernetzung und formale Datenstrukturen (das 'Schreibzeug' arbeitet ja schließlich an unseren Gedanken mit), sondern um einen gemeinsamen 'konzeptuellen Raum' von Lesern und Schreibenden, der als Entwurfsmodell für eine Literatur im technologischen Zeitalter verstanden werden kann. Hypertext als ein Medium für Informationsaustausch, -entwicklung und -auswertung verändert die Erscheinungsweise (den Körper) der Texte ähnlich radikal wie vordem die Druckkultur.

Netzwerk aus Texten

Das Ziel der Anwendung ist es, durch verzweigtes assoziatives Lesen und Navigieren den Benutzer in ein Netzwerk aus Texten zu verstricken. Aktives Lesen, das nach und nach in ein Schreiben übergeführt wird. Neben provokativen Zwischenbemerkungen, Fragen und Aufforderungen eines im Hintergrund lauernden Dämons wird der Leser durch assoziative Links von einem Text zum anderen geführt, von einem Buch zum anderen, zu korrespondierenden Bildern oder zu "generativen Büchern". Dies sind programmierte Bücher, in denen bestimmte text-generative Prinzipien als Produktionsanweisung umgesetzt sind, so daß der Leser selbst mittels dieser Programme poetische Prinzipien anwenden kann: Permutationen, Reihungen, Frage-Antwort-Komplexe, Romananfänge weiterschreiben, Texte aus Teilen vorgegebener Text zusammenschneiden, visuelle Poesie...

Die Implementierung

Die Oberfläche ist Character-orientiert, Grafiken werden extern dazugeladen. Es wird eine einheitliche Oberflächenstruktur verwendet mit möglichst wenig Buttons.
Das Leitprinzip der Benutzerführung ist weniger das eines rationalen, zielgerichteten Browsing mit Hilfsmitteln wie Schlagwort, Index, Suchbaum etc. als vielmehr eine Art 'Verirren als Methode': die Imaginäre Bibliothek als Werkzeug des Verirrens. Dieser Weg, der normalen EDV-Anwendungen vollkommen zuwiderzulaufen scheint, leitet sich aus der labyrintischen Struktur der Bibliothek, als auch von dem kreuz und quer vernetzten Datenbestand ab, der bewußt aus sehr unterschiedlichen disparaten Textfragmenten besteht. Aussageverkettungen ergeben sich weniger durch lineare Lesesequenzen, als vielmehr durch Sprünge und Querverweise. So kann auch der Einstieg in die verschiedenen Themengebiete und Bücher an jeder Stelle erfolgen. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Die Reisemetapher in Verbindung mit der dauernd versuchten Aktivierung des Lesers (Lesereisen-DauerReden) ermöglicht eine Vielzahl raümlich- geographisch-topologischer Operationen (sie kommen jetzt in ein..., im Vorraum der Bibliothek..., rennen die Treppen hinunter...) wie auch Transformationen von Operationen eines realen Leseaktes auf die Oberfläche des Computers: umblättern, Buch aufschlagen, stöbern, nicht entziffern können, das Buch aus der Hand legen ...

LeseReisen

In der ausführlichen Gruppenarbeit am Beispiel der oben skizzierten Anwendung versuchten wir herauszufinden, inwieweit sich Operationen eines kreativen Leseaktes ("assoziatives Lesen") in die Strukturen einer HyperText - Umgebung transformieren lassen. Wir gingen dabei aus von dem Modell des Zeitung-Lesens: sprunghafte Lesebewegungen, die von unterschiedlichen Markierungen und Anlässen geführt und geleitet werden: Überschriften, Rubriken, persönliche Vorlieben, Aktuelles ... Wir fragten uns, ob eine solche Art und Weise des Zusammenklaubens von Informationen in einer HyperText-Umgebung realisiert werden kann.
Navigieren in der Imaginären Bibliothek sollte zeigen, ob Lesen nicht doch immer in großen Abschnitten sequentiell verläuft.
Verschiedene Lese-Durchgänge zeigten zunächst, daß - gerade bei einer Fülle von Querverweisen - immer wieder gern auf lineare, aufeinander aufbauende Lese-Wege zurückgegriffen wurde. Ein Prinzip des "gezielten Umherschweifens" erwies sich im großen und ganzen als gangbar: innerhalb einer halbwegs strukturierten und "ausgeschilderten" (teils mit Kommentaren versehenen) LeseReise kann an jeder beliebigen Stelle ein persönlicher Ausflug unternommen werden (assoziativer Sprung oder Verfolgen verschiedener Link-Typen). Über den Button "Zurück" kommt man einfach wieder auf den linearen Weg zurück. Dieses Wechselspiel von linearem und sprunghaft verzweigtem Lesen erfordert allerdings vom Leser ein hohes Maß an Kompetenz und Aktivität, dem auf der Programmebene entsprechende Werkzeuge gegenüberstehen müssen:

1.Orientierungs-Marken, die anzeigen, wo ich mich gerade befinde
2.Memorierungshilfen, die das Gestalten eines eigenen Leseweges aktiv unterstützen
3.Protokolle, die vollzogene Lesebewegungen aufzeichnen

Lesen / Schreiben

Das HyperText-Lesen wird somit zu einem Hybrid zwischen Lesen und Schreiben. Die Tätigkeit des Lesers nähert sich der des Autoren immer mehr an. Der Leser schreibt sich im Wechselspiel von Linearisieren und De-linearisieren in das Informationsnetzwerk mit ein.

Dieser Prozeß wird in der Imaginären Bibliothek durch folgende Werkzeuge unterstützt:
-Notizfenster auf jeder Seite, in der Kommentare der Leser aufbewahrt werden
- programmierte Bücher, in denen die Prozesse, denen der Leser in den präsentierten Texte begegnet ist, selbst ausprobieren kann. Diese Leser-Texte werden Bestandteil der Bibliothek.
- Übersichten über die verschiedenen Abteilungen der Bibliothek, in die verzweigt werden kann
programmierte "Guided Tours", die an jeder Stelle verlassen werden können

enter

Das Universum, das andere die Bibliothek nennen, setzt sich aus einer undefinierten, womöglich unendlichen Zahl ineinander verschachtelter Bildschirme zusammen, auf denen die verschiedenen Medienströme zusammenlaufen: Ein Mausklick startet die Metamorphose eines Fernseh-Schirms in einen Standard-Computer-Screen, eine Weltkugel dreht sich, unendlich lange Ladezeiten für ein kleines Icon, das ein sich permanent aufblätterndes Buch darstellt.
(Imaginäre Bibliothek (1990-1995), (Literarische Experimente, elektronische Essays, Dokumentationen von PooL-Processing und kommentierte Navigationshilfen zu Literatur-, Kunst- und Theorie-Projekten im WWW):
http://www.uni-hildesheim.de/ami/pool/)
Ich klicke auf das Buch ... die Weltkugel dreht sich wieder - jetzt ist es noch deutlicher zu erkennen, es sind Netze, die sich um die Welt legen - ein Text erscheint:

Das Universum, das andere die Bibliothek nennen ... (Borges)


'Das Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbegrenzten und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen, mit weiten Entlüftungsschächten in der Mitte, die mit sehr niedrigen Geländern eingefaßt sind. Von jedem Sechseck aus kann man die unteren und oberen Stockwerke sehen: ohne ein Ende. Die Anordnung der Galerien ist unwandelbar dieselbe. Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien: ihre Höhe, die sich mit der Höhe des Stockwerks deckt, übertrifft nur wenig die Größe eines normalen Bibliothekars. Eine der freien Wände öffnet sich auf einen schmalen Gang, der in eine andere Galerie, genau wie die erste, genau wie alle, einmündet. Links und rechts vom Gang befinden sich zwei winzigkleine Kabinette. In dem einen kann man im Stehen schlafen, in dem anderen seine Notdurft verrichten. Hier führt eine Wendeltreppe vorbei, die sich abgrundtief senkt und sich weit empor erhebt. In dem Gang ist ein Spiegel, der den Schein getreulich verdoppelt.' "
(Umberto Eco: Die Bibliothek, München 1978. Festvortrag zum 25jährigen Jubiläum der Mailänder Stadtbibliothek am 10. März 1981)

ein anderer Vortrag?

Erschrocken halte ich inne und starre auf den Bildschirm. Hat sich die neue Seite nicht aufgebaut, stimmt etwas nicht mit dem CACHE? Oder handelt es sich einfach um eine 3 Jahre später vorgenommene Transskription von Ecos Vortrag? Schnell überfliege ich den Text:
"Ihnen ist sicherlich die schöne Erzählung von Jorge Luis Borges "Die Bibliothek von Babel" bekannt. (Jorge Luis Borges:Die Bibliothek von Babel, Stuttgart 1981, S. 47-57)
Dort beschreibt Borges einen unendlichen, aus sechseckigen Galerien bestehenden Bibliotheksaufbau. Durch Zufall stößt der Chef eines höheren Sechsecks auf ein Buch, das fast zwei Seiten gleichartiger Zeilen aufweist. Bald kommt er zu dem Schluß, daß sämtliche Bücher aus den gleichen fünfundzwanzig Elementen (nämlich dem Raum, dem Punkt, dem Komma und den zweiundzwanzig Lettern des Alphabets) bestehen, und daß es in der Bibliothek keine zwei identischen Bücher gibt. Die Bibliothek ist total, d.h. alles, was sich ausdrücken läßt, ist verzeichnet. Als diese Erkenntnis verkündet wird, herrscht große Hoffnung unter den Menschen, bald aber tritt Ernüchterung ein, als die amtlichen Suchen, die "Inquisitoren", immer mehr einen strapazierten Eindruck machen und zu der fast unerträglichen Gewißheit gelangen, daß es kostbare Bücher geben könnte, die unzugänglich seien. Eine Sekte versucht, diese Bücher durch Würfeln von Buchstaben und Zeichen hervorzubringen, andere sind der Meinung, man sollte zunächst alle überflüssigen Bücher ausmerzen, während andere schließlich an ein Buch glauben, das Inbegriff und Auszug aller Bücher sein sollte. Diese ungeheure Bibliothek ist aber letztlich, so Borges, überflüssig bzw. sie kann durch einen einzigen Band mit unendlich dünnen Blättern ersetzt werden, allerdings mit jenem unbegreiflichen Blatt in der Mitte, das keine Rückseite hätte."
(Rafael Capurro, Buchkultur im Informationszeitalter: Überlegungen zum Bezug zwischen Bibliotheken, Datenbanken u. Nutzern: Vortrag am 7.5. 1984 in d. Bad. Landesbibliothek Karlsruhe, S.3)

Programmfunktion aktivieren ...

Ich aktiviere den (mir in vorherigen Versionen des Browsers noch nicht aufgefallenen) Schalter "concept-search /context".
Im Resumee-Fenster erscheint ein weiteres Fenster. (gewollte Verschachtelung oder Programmfehler?)
"Bibliotheken sind bekanntlich der Ort der Aufbewahrung und Bereitstellung des publizierten Wissens. ..."
"Bibliotheken können und sollten als Informationsvermittlungsstellen tätig werden. Fachinformationen aus Online-Datenbanken spielen dabei eine immer größerer Rolle ..."(a.a.0, S. 4 ff)
"In einigen Fachbereichen ist das Publikationssystem bereits zusammengebrochen. Sie steigen notgedrungen auf das Internet um."
(Martin Rost: Wissenschaft und Internet: Zunft trift auf High-Tech, S. 173, in: Martin Rost (Hg.): Die Netz-Revolution. auf dem Weg in die Weltgesellschaft, Frankfurt/Main 1996, S. 165-179)
Es folgen gleich eine Unzahl von Links zum Online-Bibliographieren.
Über die Programmfunktion "Influences" lande ich auf einer Webseite:
The Garden of Forking Paths, the section of the Great Libyrinth devoted to Jorge Luis Borges. http://www.microserve.com/~thequail/libyrinth/borges.html()
Dort geht es in rasendem Tempo (ich werde nur kurz abgelenkt von einer Seite mit Zufallskombinationen von Buchstaben aus Borges-Zitaten, sowie einem "fiktionalen Bücherregal" mit all den Titeln, die Borges nie geschrieben hat - Achtung: Ergänzung durch den Benutzer möglich und erwünscht!-) von Gabriel García Márquez über Umberto Eco zu William Gibsons "Mona Lisa Overdrive":

Umleitung- Verirrung

Der Protagonist wird über ein Interface am Kopf an eine black box angeschlossen, die später ein "Aleph" genannt wird - und als virtuelles Universum/ Künstliche Intelligenz direkt mit seinem Nervensystem verbunden ist. Das Aleph bei Borges dagegen ist ein magischer Punkt, der das ganze Universum enthält, und den man nur aus einer ganz bestimmten Perspektive anvisieren kann ...
Es folgen Links zu Marquis de Sade, William S. Burroughs, James Joyce, Carlos Castaneda, Douglas Hofstadter, einem schottischen Comic Zeichner, sowie einer Unzahl von Science Fiction Autoren. Auch hier ist der Leser wieder aufgefordert, weitere Autoren und Werke einzugeben, die von Borges beeinflußt sind.
Ich finde mich zwischen bizarren dunklen und abgründigen Zeichnungen von hybriden Mensch-Tier-Gestalten wieder.

cache 06: (zurück zur Bibliothek)

Über die History-Funktion kehre ich zur Recherche Bibliothek zurück, ersetze "Vortrag" durch "Input". Diesmal dauert die Suche länger. Lange Zeit erscheint - außer einer Werbung für den ultimativen Web-Editor - nichts auf dem Bildschirm. Dann entrollt sich langsam eine lange Liste. Sollte ich vergessen haben, das zweite keyword nach Bibliothek einzugeben (50696 mal wird das Wort "Bibliothek", 4915480 mal das Wort "library" im Index von Altavista (der aus 30 Millionen Seiten aus insgesamt 275.600 Servern besteht, außerdem rund 4 Millionen Artikel aus 14.000 Usenet news groups erfaßt hat und über 17 Millionen mal pro Tag 'gelesen' wird))
Ich wähle einen Treffer aus, der nicht so weit 'oben' in der Liste plaziert ist.

cache 08: (Bibliothek der Gnade)

"Die Bibliothek der Gnade wurde im Jahre 1997 gegründet. (...) in sämtlichen Zeitungen erschien eines Novembertages 1997 die gleiche Annonce. Es sei, hieß es dort, eine Spezialbibliothek geschaffen worden. Ihr Ziel bestünde in der Sammlung, Archivierung und dem öffentlichen Zurverfügungstellen all derjenigen Werke, die keinen Verlag gefunden hatten. Arbeiten jeder Art und jeglichen Umfangs seien willkommen. Die Bibliothek mache keine Unterschiede. Tagebücher, verschmähte Enzyklopädien, Waschzettel, Abhandlungen, Träume, Spruchsammlungen, Witze, Pamphlete, Romane - was auch immer in Schriftform vorliege und gedemütigt sei, es fände nun seinen Ort und seine Signatur. (...) Jedes eingereichte Manuskript werde mit Freuden angenommen und zugleich einer konservatorischen Behandlung unterzogen, um es für spätere Jahrhunderte und deren klügeres Urteil haltbar zu machen. Jedermann habe, Tag und Nacht, Zutritt zur Bibliothek. Auf Verlangen erhielte man eine mit neuartigen Reproduktionstechniken blitzschnell hergestellte Kopie jeder beliebigen Arbeit kostenlos ausgehändigt. Modernste Computertechnologie mit ausgeklügelten Retrievalsystemen ermöglichen den uneingeschränkten Zugriff auf die Bestände, in sämtlichen Sprachen der Welt. (...) Es ist kein Geheimnis, daß sich gerade in den Anfängen der Bibliothek die Mehrzahl der Benutzer aus Autoren rekrutierte. (...) Mit dem unaufhaltsamen Anwachsen der Gnadenbibliothek (...) spitze sich der Konflikt zwischen der althergebrachten Lese- und Schreibkultur auf der einen Seite und der anarchistischen Flut der Freien auf der anderen Seite zu. Die Beliebtheit der Gnadenbibliotheken verkleinerte die Absatzchancen des selektierenden Verlagswesens drastisch. (...) Energisch wies man auf die eigene Bedeutsamkeit hin. Die Flut einzudämmen, aus dem Strom aus Höchstem und Tiefstem, aus Geschmiere, Mittelmäßigen, Dilettantischem, Widerwärtigem (...) die wenigen Fische herauszuangeln, die der Lesemühe wert seien, müsse als undankbares und edles Geschäft hoch geachtet werden. (...)"
(Thomas Lehr: Zweiwaser oder die Bibliothek der Gnade, Berlin 1992, S. 347 ff)

Das "Phoenix Project"

1. Das "Phoenix Project" ist ein Versuch, im Internet eine digitale Bibliothek einzurichten: An verschiedenen dezentralisierten Orten in der ganzen Welt sollen Archiv-Center eingerichtet werden, in denen bosnische und kroatische Menschen die Möglichkeit haben, ihre Lieblingbücher einzuscannen. In Kooperation mit verschiedenen Bibliotheken (u.a. der New York Public Library), die slawische Abteilungen pflegen, und der Brown University (an der viele Pilotprojekte zum elektronischen Publizieren, zu literarischen Hypertexten etc. laufen) werden die Texte nach und nach im Netz allgemein zur Verfügung gestellt, während gleichzeitig - zunächst in Kellerräumen der ausgebrannten Bibliothek in Sarajewo - für die Bevölkerung von Sarajewo Terminalräume eingerichtet werden, über die sie Zugriff zu der digitalen Bibliothek haben. Darüber hinaus funktioniert diese 'digitale Bibliothek' auch als ein Kommunikationssystem, ähnlich den Wandzeitungen im revolutionären China ... (Informationen über Ingo Günther: i-gun@Maestro.com - siehe auch: Ingo Günther (1995), the phoenix project, in: Zeitschrift MedienKunst e.V. (Hg.), Nonlocated online > Digitale territories, incorporations and the matrix, Innsbruck (ISSN 1019-4193), map XIIa - Eine Sondernummer der Zeitschrift Medien.Kunst.Passagen, die verschiedene Netzwerkprojekte -als ausklappbare Maps gebunden - vorstellt. Ein Versuch, den Texten auch im Druckmedium eine karthographische Funktion zukommen zu lassen. Eine geplante 'extended Version' ist zu suchen unter:http://www.uni-koeln.de/kr+cf/ )

Die Turing-Galaxis

Einen wunderbaren Überblick über Netzwerk-Aktivitäten bietet Volker Grassmuck, der auch - in Absetzung von der Gutenberg-Galaxis - gleich ein neues Paradigma für das neue Zeitalter parat hat - "Die Turing-Galaxis", die zunächst noch mit den Benutzermetaphern der Gutenberg-Galaxis arbeitet: "Der Computer tut so, als sei er Schreibmaschine, Gedrucktes und Bibliothek. [...] Bibliothekare gehörten zu den ersten, die die neue Galaxis erschlossen und besiedelt haben. Mehr als tausend Bibliothekskataloge sind heute online, über siebenhundert digitale Zeitschriften, Hunderte von Volltextbüchern [...] Wir beobachten heute einerseits, daß traditionelle Bibliotheken [...] sich auf Volldigitalisierung und Vernetzung zuentwickeln. Andererseits hat sich in der bislang wenig bibliophilen Matrix eine Hypertextoberfläche herausgebildet, die die Millionen angeschlossenener Rechner effektiv zu einer Gesamtbibliothek mit Fernleihe auf Tastendruck machen."(Grassmuck, Volker R. (1995), Die Turing Galaxis. Das Universal-Medium auf dem Weg zur Weltsimulation, in: Lettre International, Heft 28, I/95, S. 48-55; hier: S. 51)


Immaterialien-Schreibprojekt

Immaterialien-Schreibprojekt

Ein kollektives Schreibexperiment, das im Vorfeld der von Lyotard konzipierten Immaterialien Ausstellung (28.3.-15.7.1985 im Centre Beaubourg) die "Wirkungen der neuen Informationstechnologien auf die Entstehung der Gedanken" untersucht, stellt ein frühes Beispiel für intertextuelle Textproduktion mittels vernetzter Computerterminals dar. Ein breit angelegtes Diskursexperiment auf den unterschiedlichsten Ebenen:

1. primärer Schreibprozeß: 30 Autoren aus verschiedenen Disziplinen (Kunst, Literatur, Wissenschaft, Technik) schreiben ein halbes Jahr über vernetzte Personalcomputer in einen Zentralspeicher.
2. Bedeutungsfelder, Verabredungen, Formate: Die Textbausteine sind 2-10zeilige Definitionen zu 50 Schlagwörtern, die sich auf die Fragestellungen der Ausstellung beziehen.
3. Kompetenz, Machtstruktur: Alle Definitionen sind allen zugänglich und können beliebig ergänzt, widerlegt, variiert werden.
4. Interaktion, aktiver Leser: Das Lexikon dieses Prozesses ist während der Ausstellung den Besuchern im "Labyrinth der Bibliothek" wiederum als offenes Informationssystem zugänglich. Jeder Leser kann sich einschreiben.
5. Gesellschaftliches Feld: Außerhalb des Museums zirkulieren die Texte über MiniTel.
10.5 Sprachuniformierung
Die postmoderne Philosophie versucht mit dem Instrumentarium der Sprachkritik gegen eine Universalisierung und Vereinheitlichung der Sprache im Prozeß telematischer Sequenzialisierung vorzugehen. Im Kontext dieser Perpektive erscheint das von Lyotard initierte Sprachspiel gescheitert: "Gefragt war vor allem nach Veränderungen des Schreibens und Denkens, die durch die Verwendung der neuen Kommunikationstechnologien entstehen. Das Ergebnis liegt nahe bei Null. Die Autoren haben die Eigenheit ihres Schreibens bewahrt und vor kommunikativer Angleichung geschützt. Entweder intervenierten sie überhaupt nicht gegenüber den anderen Texten oder sie taten es in sehr oberflächlicher Form. Sie haben sich - ganz im Sinne der von Lyotard 1983 propagierten Perspektive sprachlicher Eigenheit - der Intention der Ausstellung, die vor allen die positiven Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechnologien eruieren wollte, widersetzt." (Welsch 91, 221)

Online-Denken

Nicht mehr in Seiten-/Buch-/Bibliotheks-Einteilungen und Paradigmen schreiben, sondern on-line-thinking (NETZ-WERK-DENKEN) als Fortsetzung des on-screen-thinking (BILD-SCHIRM-DENKENS) in soziale Netz-Werk-Strukturen hinein - rhizomatische kollaborative Text-Produktion: Online unmittelbar im Kontext kommunikativen Handelns, sozialer Rückkopplungen, kommunikativer Akte, gesellschaftlichen Zeichenaustausches, aktiver Semiose, von Transport- und Austauschprozessen ... kurz als generatives Touren durch Texte: Text-Touren. Nicht mehr in der kleinsten Einheit von Satz/Kapitel/Story oder Buch schreiben, sondern in Knoten - als kleinste Informationseinheit, die am Bild-Schirm erfaßt werden kann und die als kleinster universell verknüpfbarer Baustein im Netz der Systeme zirkuliert.

Die Vorstellung, daß alle Namen - und damit die kollektive Geschichte aller Menschen - in einem Buch aufgezeichnet werden können findet sich als literarischer Entwurf in der Enzyklopädie der Toten[2]: Im Labyrinth der Bibliothek womöglich unendlich ineinander verschachtelter Gänge findet sich garantiert auch das Exemplar, das die Menge der Einzelheiten komplett enthält aus denen sich dein Leben zusammensetzt. Blätterst du das Buch auf, läuft alles vor deinen Augen ab: Jeder Gedanke, jeder Blick, jeder Atemzug ist aufgezeichnet. Geschichte ist die Gesamtheit flüchtiger Ereignisse.
18 Milliarden Namen
In einem Granitmassiv des Felsengebirges östlich von Salt Lake City befindet sich eines der seltsamsten Archive. Hinein führen vier durch den Felsen gebohrte Tunnel, die miteinander durch ein Labyrinth von Korridoren verbunden sind. Hier werden die Namen von 18 Milliarden Menschen, lebenden und toten, aufbewahrt, sorgfältig auf 1 000 250 Mikrofilmen registriert, gewonnen durch sorgfältigstes Abschreiben aller möglichen Register auf der ganzen Welt. Die Mormonen können mit Hilfe dieses phantastischen Archivs in die Vergangenheit zurückkehren und wollen die Taufe aller Menschen vornehmen. Jeden Monat kommen an die zehn Kilometer neuer Mikrofilme hinzu.

Was ist Hypertext?

Schließt man zuerst das Praefix Hyper aus, so bleibt immerhin der Text. Text kann als lineare Abfolge von Schriftzeichen angesehen werden, die Worte und Sätze bilden, und die demjenigen, der die Regeln der Verknüpfung und der Codierung der Textzeichen beherrscht, etwas erzählen.

Zeichenkette "Text"

Vor der Erfindung der Bücher im 400 Jahrhundert ist die Lineratät und Materialität der Zeichenkette "TEXT" außerordentlich starr: So wurde das Leben eines Pharaos nicht nur vom Aufbau seines Grabes begleitet, sondern auch vom einem kontinuierlichen Text, der als biografische Zeichenfolge in die Wand seiner Ruhestätte eingemeißelt wurde. Mit dem Tod des Pharaos bricht auch die Einschreibung der Lebenslinie ab: oder in den Worten des Setzers: sie bricht um.
Die Erfindung des Papyrus und das Umbrechen der Textlinie ermöglichte schließlich das schleifenförmige Schreiben auf Rollen. Diese Rollen konnten bedenkliche Längen haben, und ihre Handhabkarkeit entsprach etwa der einer großen Textdatei, die durch das Fenster eines Datenmonitors scrollt. Das Buch endlich brachte die Bequemlichkeit mit sich, nach dem Ablesen der Textlinie nicht mehr zum Anfang zurückspulen zu müssen. Mit dem Zuklappen des Buches war dies sofort wiederbenutzbar.
Zerschneidet man schließliche den Text eines Buches - der trotz Umbruch und Seitenwechsel als Textlinie existiert - in Seiten oder in einzelne Absätze und klebt die so gewonnenen Text-Fragmente auf gleichgroße Karteikarten, so kommt man dem Prinzip des Hyper-Textes schon bedrohlich nah.

Karteikasten

Im Karteikasten, der als Vorgänger und Konkurrent zur herkömmlichen Datenbank zu sehen ist, partialisiert sich die Textlinie in herauslösbare, kontextfreie Splitter, die - handelt es sich etwa um einen nun zerschnittenen Bericht einer Beichte, die Buße vor den Sündenfall ermöglichte.
Der Schlüssel eines Karteikasten liegt in dem Prinzip einer abstrakten Ordnungsregel begründet (von A-Z oder von 1-N, oder einer begrifflichen Ordnung). Geht nun der Katalog einer Bibliothek verloren, so wird aus dem treffsicheren Zugriff des Lesers auf die Bücher, die ihn interessieren, eine spannende und langwierige Odyssee, die ihn vielleicht etwas entdecken läßt, was ihm der Ordnungswille der Kataloge hartnäckig vorenthalten hätte. Auch mit dieser Metapher des Stöbernden Lesers und der Plötzlichkeit des Zufalls, nähern wir uns einem Organisationsprinzip von HyperText.
Neben der Zerstörung der Textlinien durch Bücher und der Zerstörung der Bücher durch Karteikarten, gibt es vorallem Bücher, die keine sind.

Fußnote

In wissenschaftliche Abhandlungen etwa, in denen der Fußnotenteil über den Textteil herrscht, spaltet sich die Textlinie in zwei parallele Lese-Ebenen auf: In eine liniare Textlinie und eine non-lineare korrespondierende Datenbank. Der Leser dieser Nicht-Bücher wechselt zwischen den Ebenen der Textlinie und den dort angeklebten Refferenzen hin und her.
Ein anderes Beispiel von nicht-Büchern sind die handlichen Ratgeber. In ihnen gibt es noch den Anschein einer Textlinie, doch ihre wesentliche Qualität liegt in der Übersicht und Güte ihrer Gliederung, die auf die Stellen im Buch verweisen, zu denen der Leser Rat sucht. Komplexe Ratgeber enthalten bereits Strukturen von Problemlösungsprogrammen.

Tastendrücken

Aus dem passiven Channel-switching - dem prototypischen Rezeptionstrauma des Massenmedienkonsumenten - wird die produktive Tätigkeit der Informationsgesellschaft schlechthin: Tastendrücken.
Diese Tätigkeit ist weder Lesen noch Schreiben in herkömmlichen Sinn - eher eine Mischung aus beiden, eine Art Schreib-Lesen: produktive Rezeption - rezeptive Produktion.
Der Einsatz im Spiel ist hoch: den Nutzern wird versprochen, jetzt Leser, Autor, Regisseur, Zuschauer, Schauspieler, Verleger, Bibliothekar, Redakteur, Kritiker, Seemann ... in eins werden zu können.

HyperMedia Kulturrevolution

Die Hoffnungen von Medientheoretikern, subversiven Praktikern und schwärmenden Medienphilosophen auf eine Revolutionierung der Massenkultur in ein dialogisches Kommunikations-Netzwerk, in der jeder über seine persönlichen Kommunikationsmittel quer zu politischen, nationalen, sozialen und regionalen Ordnungsstrukturen senden und empfangen kann, sind noch lange nicht eingelöst.
Die Technisierung des Schreibens und Lesens hat genausowenig dazu beigetragen, massenhaft 'schreibende Leser' hervorzubringen, wie die Vermarktung von Tonband, Walkman, Photokamera und Videoequipment alle Konsumenten in Reporter, Tonkünstler, Fotografen und Filmer verwandelt hat.
Während auf der einen Seite technokratische Technikkonzepte konsequent die Zerstörung natürlicher Ressourcen als auch persönlicher Lebenswelten durch einen Anschluß der Konsumenten an mediale Ersatzköper, -hirne und -welten kompensieren, träumen experimentierende Medienkünstler, datenreisende Hacker und kalifornische Soft- und Hardwarebastler weiterhin von einem utopischen Umgang mit Informationstechnologie:
Computopia - persönliche Computer mit visuellen objekt-orientierten Benutzeroberflächen ermöglichen eine intelligente Verknüpfung aller im Computer verfügbaren Informationen in Text, Bild, Ton oder angeschlossener Peripherie-Geräte wie CD, Video und Bildplatte.
Von Gesamtdatenwerk ist die Rede: die Medienkompetenz von Druckerpresse, akustischen Aufnahmegeräten, Film- und Videokamera, Telefon, Sendeanstalten, Verlagen, Bibliotheken, Zettelkästen der Autoren ... scheinen sich jetzt in einem Medium zu vereinen: HyperMedia.

Das Netz


Das Netz war eine öffentliche Einrichtung, dem sich Gemeinschaften, Multis, Städte und sogar Einzelne anschlossen. Es enthielt Informationen über die Welt, über lebende und viele tote Sprachen. Es indexierte vorhandene Bibliotheken und enthielt entweder den vollständigen Text oder Zusammenfassungen von Büchern und Artikeln. Es war die Standardkommunikationsweise der Menschen, wobei Bilder, Codes oder Stimme akzeptiert wurden. Es war auch ein Spielfeld, ein Gewirr von Spielen und speziellen Interesengebieten, ein großer Club mit tausend Räumen, ein Ort, wo man sich traf ... (Marge Piercy, Body of Glass, Penguin 1991, 141, in: online - Kunst im Netz )

Online-Denken


Nicht mehr in Seiten-, Buch-, Bibliotheks-Paradigmen schreiben, sondern on-line-thinking als Fortsetzung des on-screen-thinking in soziale Netz-Werk-Strukturen hinein - rhizomatische kollaborative Text-Produktion:

Der Knackpunk (und mögliche Paradigmenwechsel) wäre aber gerade das Schreiben im öffentlichen Raum, das eben als 'angewandte Grammatologie' (Gregory Ulmer) 'wirkliche' hypermediale Aufschreibesysteme ermöglichen müssen - alles andere ist eben doch konsumierbar und somit unter dem Hype 'virtual Reality' / Multimedia-Madness ... abzubuchen als Ersatzdroge. Leser und Autoren werden durch einen solchen 'eindimensionalen Gebrauch' von Hypertext als KlickText geradezu wieder zu ganz traditionellen Formen zurückgeführt (etwa derm Run auf 'authentische Literatur nach all den Experimenten der 60-80er Jahre)[3] - oder sie fallen gar einer reaktinären fundamentalistischen Position (wie etwa Postman) zum Opfer.

Kooperatives Arbeiten

Hinsichtlich der oftmals vernachlässigten kommunikativen Dimension und der demokratischen Ausrichtung der Dialogsituation in kooperativen Hypermediaanwendungen sei in diesem Zusammenhang Gene Youngblood erwähnt, der den Computer als ein Meta-Medium definiert, das verschiedene Systeme zum Zweck einer kommunikablen Funktionseinheit koppelt.
In Anlehnung an ihn, nutzen hypermediale Netzwerkprojekte den elektronischen Datenraum, um frei von geographischen und über kulturelle Grenzen hinweg, intermedial und interkulturell zu kommunizieren.[4]

MetaMEDIEN

Gestützt auf Simulationsinstrumente (persönliche Metamedien), stellen wir Modelle alternativer Wirklichkeiten her (Kunst); gestützt auf konversationelle Netzwerke (die öffentlichen Metamedien also), können wir aber auch die kulturellen Kontexte kontrollieren, die die Publikation und den Empfang dieser Modelle determinieren (Politik). Die Kontrolle des Kontextes beinhaltet die Kontrolle der Bedeutung, die Kontrolle der Bedeutung ist identisch mit der Kontrolle der Wirklichkeit.
...Es gibt nur eine Art von Netzwerk, das die Funktion eines wahrhaft öffentlichen Metamediums erfüllen könnte: ein benutzerkontrolliertes, multikulturelles, multimediales, konversationelles Netzwerk mit einer maximalen perzeptionellen Bandbreite. (Youngblood, Metadesign in Kunstforum Bd.89, 2/1988,, S.76)
Youngblood formuliert eine Maximalforderung an Netzwerke, die im Mikrobereich mit den Möglichkeiten Objektorientierter Programme und verteilter Hypermedia-Systeme korrespondieren: Emanzipation des Benutzers, Einschreibung in das System, Rhetorik des Ankommens und des Aufbrechens.[5]

Neue Arten des Einbildens

Die besten Programme und Netzwerkkonzepte für neue Wissenszirkulation nützen allerdings nichts, wenn sie nicht von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, Projekten, Institutionen quer durch alle Wissensgebiete benutzt werden. ...Hypertext-Systeme (stellen) eine Herausforderung für neue Arten des Einbildens mittels Informationstechnologie dar. ... statt die Entfremdung des Menschen zu vervollkommnen erscheinen die Terminals von Hyper-Media-Environments plötzlich als Oberflächen, auf denen in kooperativen, sozialen Prozessen Information hergestellt und verteilt werden. (Idensen/Krohn, Kunstnetzwerke in: Rötzer, Der digitale Schein, Frankfurt/Main 1990, S.300)
Solche neuen Formen der Wissensverarbeitung müssen im Mikro-Bereich durch die Entwicklung assoziativer Textgenerierungs und Lesemodelle vorbereitet werden. Mehrdimensionalität von Informationen, mehrere Pfade, denen man sinnvollerweise folgen kann, die Möglichkeit, spontanen Einfällen zu folgen oder diese aufzeichnen zu können, gehören geauso dazu wie Retrieval- und Browsingmechanismen, die allerdings mit den inhaltlichen und stilistischen Dimensionen der Texte in Einklang gebracht werden müssen.
Für solche Prozesse können auch für anderen Applikationen Anregungen aus der eher literarisch inspirierten Imaginären Bibliothek gewonnen werden.

BILD-SCHIRM-DENKEN

Die Wissensarchitekturen von Bibliotheken, Universitäten, Konferenzen, persönlichen Bücherregalen, Schreibtischen, Buchhandlungen, Zeitschriften ... lassen sich - mehr oder weniger komfortabel - direkt auf dem Bildschirm realisieren.
Während sich die Gedankenbilder der Moderne noch hauptsächlich auf den Oberflächen von Buchseiten[6] vollzogen, spielen sich postmoderne Denk-, Forschungs- und Einbildungsprozesse direkt auf oder vor Monitoren ab - und die 'Literatur' des Informationszeitalters wird zu einem Netzwerk untereinander verknüpfter Dateien.
In der Druckkultur blieben die produktiven Momente der Entstehung von neuen Text-Kompilaten, Versionen und Konstellationen ein Privileg der Schreiber - die virtuell 'online'[7] mit der Literatur, der Wissenschaft, dem kollektiven Gedächtnis waren. Der universelle User hat jetzt alle Operationsmöglichkeiten der Recherche, der Verknüpfung und der Re-Kompilation von Texten und Dokumenten ganz konkret auf seinem Terminal zu Verfügung - die Frage ist nur, ob er diese auch aktiv als Kulturtechnik nutzen kann.

Suchen/Finden

Der schon sprichtwörtlich gewordenen Tatsache des "Lost in Hyperspace" stehen mittlerweile mächtige Suchmachinen, Indexlisten und Software-Agenten gegenüber, die dem verwirrten und verirrten Forschungsreisen zur wichtigen Navigationshilfe werden können. Die in Zeitschriften und Büchern veröffentlichten Listen und Tips helfen in der online-Praxis oft nicht weiter, da Informationen hier keinesfalls festgeschrieben sind, sondern sich in ständiger Bewegung befinden.
Die Search engines wachsen im Gesamtkontext des Netzes dynamisch mit den euphorischen Ausdehnungen und immensen Wachstumsraten, den Widerspruechen und Ambivalenzen (weltweiter Marktplatz vs. rhizomatischnes Geflecht der Underground und Alternativ-Kultur ...) sowie den poltischen Turbulenzen (Zensur, Kontrollversuche seitens verschiedener Regierungen) mit. Waehrend die gotischen Baumeister die Plaene fuer die Kathedralen noch direkt in den Boden ritzen konnten, auf dem dann direkt gebaut wurde, arbeiten wir doch heutzutage auf allen Ebenen der Wissenzirkulation mit immensen Datenbeständen, die durch verschiedene Archive, Listen, Register und Verweissysteme (Episteme im foucaultsche Sinne) organisiert und natuerlich auch kontrolliert werden. Waehrend das Telefonbuch vielleicht dabei noch gar nicht sehr ideologisch ist (natuerlich sind hier doch meistens die Namen der Maenner verzeichnet, die die Anschluesse *besitzen*, auch Wohngemeinschaften etwa fallen schon durch das Raster des normalen Telefonbuches ...) spiegeln doch die Bücherlisten und Verzeichnisse von Bibliotheken nach Autorname und Sachschlagwort doch schon ganz deutlich ganz bestimmte Wissensformationen und Organisationsweisen: eben das Baum-Schema, das Abstammung, Vererbung und Weitergabe gemaess eines patriarchalischen Logozentrismus organisiert. Ich sehe nun in der Tat die Anstrengungen der Search engines aehnlich dem Baum des Wissens in der Enzyklopaedie: Versuche der Visualisierung, Hierarchisierung und Indexierung eines chaotischen Dokuverse (einschliesslich des Gesprächs der Welt in den Newsgroups).
Wobei natuerlich nur die Darstellung (ganz deutlich etwa bei Yahoo mit ihrer Kategorierungs-Maschine, die ganz affirmativ arbeitet: Warhol oder Popstars werden selbst zu Kategorien (unter Art), während Randbereiche der Kunst ganz klar herausfallen) hierarchisiert und (nach welchen Methoden auch immer: Konzeptsuche oder Schlagwortsuche) systematisiert wird: Der Gebrauch der Suchmaschinen wird wieder ein unsystematicher sein: Stichprobenhaftes, anspringen gefundener Seiten, Rückspruenge, Verirrungen und Verwirrungen ...

Vielleicht sind die Suchmaschinen noch gar nicht die Landkarten zum Navigieren im Netz, aber eine gewissen Beruhigung liegt doch immerhin darinn, dass Agenten, Programme, Algorithmen oder auch 20 Leute, die zusammen Kaffe trinken (Yahoo) den aberwitzigen Versuch unternehmen, das Wissen, das im Netz (ziellos?) zirkuliert, leiten und ordnen zu wollen.

Doch im Gegensatz zu den literarischen Überschreitungen von Ordnungssystemem[8] fordern die Search engines geradezu wortwörtlich zu einem Sprung auf ... weg vom Verzeichnis, vom Index, von der Liste irgendwelcher Dokumente zu den (vermeintlich) gesuchten Inhalten.

cache 09: (Online Kulturtechnik)

Die Wissensarchitekturen von Bibliotheken, Universitäten, Konferenzen, persönlichen Bücherregalen, Schreibtischen, Buchhandlungen, Zeitschriften ... lassen sich - mehr oder weniger komfortabel - direkt auf dem Bildschirm realisieren.
Während sich die Gedankenbilder der Moderne noch hauptsächlich auf den Oberflächen von Buchseiten (Die aufkommenden technischen Medien beflügelten die Literatur seit der Jahrhunderwende und führten zu einer Reflektion medialer Auflösungserscheinungen in der Literatur (Futurismus, Noveau Roman, James Joyce). "Das Wort Aufschreibesystem [...] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Entnahme, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben. [...] Nun sind zwar alle Bibliotheken Aufschreibesysteme, aber nicht alle Aufschreibesysteme Bücher. [...] Archäologien der Gegenwart müssen auch Datenspeicherung, -übertragung und-berechnung in technischen Medien zur Kenntnis nehmen." Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900, München 1987, S.429) vollzogen, spielen sich postmoderne Denk-, Forschungs- und Einbildungsprozesse direkt auf oder vor Monitoren ab - und die 'Literatur' des Informationszeitalters wird zu einem Netzwerk untereinander verknüpfter Dateien.
In der Druckkultur blieben die produktiven Momente der Entstehung von neuen Text-Kompilaten, Versionen und Konstellationen ein Privileg der Schreiber - die virtuell 'online' mit der Literatur, der Wissenschaft, dem kollektiven Gedächtnis waren. Der universelle User hat jetzt alle Operationsmöglichkeiten der Recherche, der Verknüpfung und der Re-Kompilation von Texten und Dokumenten ganz konkret auf seinem Terminal zu Verfügung - die Frage ist nur, ob er diese auch aktiv als Kulturtechnik nutzen kann.

cache 40: (whats new whats cool?)

Etwas wunderbares erscheint auf dem virtuellen Schirm, auf dem ein Schwarm vergessener Wörter sich mit lichtenen Lettern wie Viren ausbreitet ... das Imaginäre haust zwischen dem Schirm und dem wachsamen Ausspähen des Lesers ....
"So veränderte Zenodot (Zenodotos von Ephesos, geb. 330, war wahrscheinlich der erste Bibliothekar des 'Museums' und 'Sachbearbeiter' für Literatur) zum Beispiel Vers 88 des vierten Gesangs der Ilias den Text an der Stelle, an der von Pallas Athene die Rede ist, weil es ihm unmöglich erschien, von einer Göttin zu sagen, "sie müsse nach einem Gegenstand ihrer Suche angestrengt forschen". Im ersten Gesang hatte er aus irgendeinem anderen Grund (der glücklicherweise niemanden nach ihm mehr überzeugt hat) dafür plädiert, die berühmten Verse 4 und 5 einfach zu streichen ...
Aber natürlich waren die Bibliothekare nicht allein mit dieser Art kapriziöser Eingriffe beschäftigt. Sie klassifizierten, unterteilten die Bücher, erstellten Abschriften und versahen Texte mit Anmerkungen. Währenddessen wuchs das Material unausgesetzt an, und sie selbst trugen mit ihren umfänglichen Kommentaren zu dieser Anhäufung bei. ...
(Luciano Canfora: Die verschwundene Bibliothek, Berlin 1988, S. 46)

Überflüssige und zu vernichtende Bücher ... (Fundamentalism)

" Der Kalif Omar, als General Amru ihm 662 die Eroberung Alexandrias samt dem Anschlußproblem meldete, was mit den Resten der berühmten Bibliothek zu geschehen habe, antwortete bekanntlich: ,,,Stimmen die Bücher mit dem Koran, dem Worte Gottes, dann sind sie überflüssig und brauchen nicht erhalten zu werden; stimmen sie nicht, dann sind sie gefährlich, lasse sie also verbrennen!' "4
Eine strahlende Konsequenzlogik, die mit jeglicher Redundanz aufräumte, 1798 aber schon darum ausschied, weil es spätestens seit Gutenbergs Erfindung effektiv zerstörbare Unikate nicht mehr gab. Die Speicherplatzersparnis mußte Umwege nehmen, unter denen die Veröffentlichung von Buchmeßkatalogen selber eine der wichtigsten (und von Novalis sichtlich begriffene) war. Nennt man, einigermaßen formalisiert, rund 3500 deutsche Bücher von 1798 die Daten, 5 dann war ihr Meßkatalog das Buch der Bücher, die Bibel oder technischer gesprochen: das Adreßregister sämtlicher Daten. Relativ auf Professoren, die ,,das gesammte Buchwesen der Welt noch einmal setzten", brachte der Katalog Speicherplatzersparnisse um einen Schätzfaktor von 107 (bei 3500 Büchern zu 150 Seiten und 20 Eintragungen pro Meßkatalogseite).
Die Verhältnisse zwischen Adressen, Daten und Befehlen, auch wenn erst von Neumanns Computertechnologie sie zu biunivoker Pefektion brachte, erlauben es, beliebige historische Systeme zu messen. Frühromantik hieß einfach, die ungeheure Last Buchstaben systematisch zu adressieren und diese Adressierbarkeit selber in ein Subjekt als Befehlsspeicher zu setzen. Aber weil nach Luhmann ,,die Geschichtsschreibung und ihre Theorie", ,,was immer sonst [sie] noch erfordern mögen", ,,mindestens zwei Abgrenzungsereignisse, also drei Epochen für eine Gesamtdarstellung als Prozeß brauchen", 6 wird das Speichersystem von 1800 erst durch unvermeidlich grobschlächtige Abgrenzungen meßbar- gegen die Barockrhetorik einerseits, moderne Nachrichtentechnologien andererseits. "
(Friedrich A. Kittler: Über romantische Datenverarbeitung, in: Ernst Behler und Jochen Hörisch (Hrsg.): Die Aktualität der Frühromantik, Paderborn, München, Wien, Zürich 1987, S. 127-140, hier: S. 129)

Der Autor wird Leser


"Autorbewegungen oder Operationen" fallen Input und Output, Lesen und Schreiben so zusammen, daß das Subjekt aller Daten Herr wird. An die eine Systemstelle des Gelehrten, der Bücher abwechselnd studierte und imitierte, treten also zwei selbstreferenzielle Funktionen, die rekursiv mit ihrem Komplement arbeiten: Autorschaft und Leserschaft.
Der Autor wird Leser, der Leser Autor (oder Interpret), bis die Datenmenge wahrhaft bewältigt ist. Die Autoren, im Vertrauen auf einen historisch neuen Uberfluß an Privatbibliotheken, unterlassen Zitate und Anmerkungen, die produktive Leger fortan selbst nachschlagen können. Wenn ein Dramatiker wie Schiller seinem Werk keine Lohensteinschen Anmerkungen, sondern gedruckte Briefe über Don Carlos mitgibt, treten durch sauberen Schnitt zwei Textsorten auseinander: das Werk auf der einen Seite und die Selbsthistorisierung des Autors auf der anderen. Aus solcher Dichtung und Wahrheit erfahren Leser in der Tat, ,,wen man vor sich hat", ohne Zeile für Zeile lesen zu müssen. Der Autor als Leser seiner selbst hat ihnen ,,die Naturationen [seiner] Natur" ja schon auf eine genetisch-biographische Formel gebracht. Und wenn solche Leser ihre Mnemotechnik, die ohnehin auf Privatbibliotheken ausgelagert ist, auch noch nach Maßgabe des Meßkatalogs organisieren, also nur Autornamen und Buchtitel speichern, ist die Buchstabenlast wahrhaft bewältigt. Das System kann jenen Schwenk vollziehen, auf den um 1800 alles ankommt: vom ,,nie sich erschöpfenden Genusse" an ,,Einem guten Buche", wie der altmodische A ihn noch anpreist, zur extensiven Lektüre einer ,,Büchermacherey", die B zufolge ,,noch bey weiten nicht gehörig ins Große getrieben wird" (II 664). Jeder Autor ,,könnt nicht Kinder genug haben" (ebd.) und jeder Leser nicht genug davon bekommen und vergessen. Das macht seitdem, allen Kanonisierungsversuchen von Schule oder Universität zum Trotz, den prekären Status ,,ewiger Werke" aus, gegen die Friedrich Schlegel bekanntlich den Schutz des Himmels herbeiflehte. 21"
(Friedrich A. Kittler: Über romantische Datenverarbeitung, in: Ernst Behler und Jochen Hörisch (Hrsg.): Die Aktualität der Frühromantik, Paderborn, München, Wien, Zürich 1987, S. 127-140, hier:S. 135)

Ein zu zitierender Satz:

"So wie Borges' mythische Bibliothek jedes nur denkbare Buch umfaßt, scheint das Word Wide Web jede nur denkbare Seite zu enthalten."[9]

archivX010: Gedächtnis und Bibliothek

"Wie bekannt entwickeln Kulturen unterschiedliche 'Gedächtnisverfahren' (z.B. Bibliotheken oder Mediotheken[10]); vielleicht könnte man einmal genauer der Frage nachgehen, ob kulturelle Gedächtnisverfahren gerade deshalb in Form von Speichern bzw. Daten organisiert sind, weil das menschliche Gedächtnis gerade nicht als Bibliothek und Erinnerung gerade nicht als Abruf aus einer Datenbank funktionieren, während bis heute meist eine topologische und funktionale Äquivalenz zwischen Gedächtnis/Erinnerung und kulturellen Speicherprozessen unterstellt wird. Und schließlich wäre auch einmal genauer zu klären, welche strukturellen und prozessualen Äquivalenzen zwischen Erinnern und Lesen bestehen - etwa im Unterschied zur Rezeption audio-visueller Medienangebote. [...]
Die ehrwürdige und bis heute weitverbreitete Vorstellung von Bedeutungsspeicherung in Texten und dem Bedeutungstransport durch Texte bzw. andere Dokumente ist heute theoretisch wie empirisch kaum zu verteidigen. [...] Texte und Dokumente sind [...] keine Bedeutungsspeicher, sondern Anlässe für subjektgebundene semantische Operationen, für nachdenken und Erinnern. Sie bieten Anlässe, Wahrnehmungen und Erfahrungen zu objektivieren und weitere Wahrnehmungen und Erfahrungen daran anzuschließen."[11]

15.5 intermediales Schreiben

[caron]
Die einzelnen 'Ladungen' (Bahnungen / Schichtungen / Theoreme / Techno-Mytho-Gramme / Schreib-Räume / Mnemotechne (?) / virtuelle Bildschirme / HypertextKnoten) durchlaufen verschiedene konzeptuelle und technologische Netzwerkstrukturen und werden durch verschiedene Sinne und Aufschreibesysteme aufgefangen, 'prozessiert', verarbeitet und wieder ausgegeben.
Ein vernetztes inter-mediales Schreiben (er)öffnet den Schreibraum wieder für die von der Druckkultur ausgeschlossenen und unterdrückten 'Triebe' und Wisensformationen (ideographische und phonetische Codes (?), Bild-Schriften, Bider-Denken, sprechende Bilder, 'schlagende' Bilder ...) Elektronisches Schreiben, das sich nicht nur als komfortabler Ersatz herkömmlicher Aufschreibesysteme versteht, sondern als ein Schreiben an Orten, Schreiben mit Modellen ( Applied, 153) ist ein Vehikel (Fortbewegungsmittel) durch postmoderne Wissens-Landschaften: der vernetzte Bildschirm der Orte (<- Burroughs) als Durchgangszone postmoderner Wissenszirkulation - wie der Marktplatz, der Zirkus, das Theater, die Bibliothek, die Psyche, ... das Buch zu Durchgangsorten antiken und modernen Wissens wurden.
Diese erstmals (?) im Computer möglichen Vernetzungen oraler, skripturaler, typographischer und medialer Wissensformationen erfordern eine neue Rhetorik / Semiologie, die die strukturalistischen und poststrukturalistischen Fixierungen auf Sprache als gedruckten Text durch Rückgriff auf orale und antike Gedächtniskünste ebenso dekonstruieren, wie durch eine Erweiterung gestischer (?), filmischer, fotographischer, 'kybernetischer' Schreibweisen.

abschreiben:

In der Manuskriptkultur ein produktiver Vorgang der Vervielfältigung und Übertragung von Texten aus einem Kontext in einen anderen, Meditationsübung, Einverleibung eines Textkörpers (das Abschreiben eines Manuskriptes dauerte bis zu einem halben Jahr - 45 Kopisten schrieben fast zwei Jahre an der Erstausstattung der Medicäischen Bibliothek in Florenz).
Eine pädagogische Unart, identische Kopien von Texten durch wiederholtes Abschreiben herzustellen; Gesetze, Verbote und Regeln konnten so in die "Seele" (Plato) der Schüler einprogrammiert werden. Die Druckerpresse industrialisiert und potenziert den Abschreibevorgang. Als Widerstand gegen diese Profanisierung des Buchkörpers beharren einige Mönche noch eine Zeit nach Erfindung des Buchdrucks auf einem manuellen Abschreiben. Am Ende der Druckkultur sorgen Fotokopierer für eine weitere Beschleunigung der Textzirkulation: Reproduktion ohne Ursprung, Papier ohne Copyright, weitere Zerstückelung des Textkörpers in Loseblattsammlungen. Die Streuung von Informationen führt zu einer Explosion persönlicher Archive. (=>füttern) Selbst das Abschreiben von Zitaten (Exzerpieren) als Vorübung wissenschaftlicher Textproduktion gerinnt zum Kopieren flüchtig überflogener Texte. (=>zitieren) Auf der Oberfläche der Kopie geht die Sezierung des Textes mit Unterstreichungen und Randbemerkungen weiter. Wissensaneignung ist nicht mehr Abschreiben, sondern Kopieren. (=>anmerken) Spontane Veröffentlichungformen (Fanzines, Collage-Magazine, Copy-Art) in Selbstverlagen nehmen Publikationsstrategien elektronischen Publizierens vorweg. Jetzt übernehmen Scanner das Einlesen gedruckter Texte - im Ansatz auch schon mit semantischer und struktureller Aufbereitung. Uns bleibt das ungehinderte Durchqueren, Empfangen, Mischen und Verschicken elektronischer Texte.

Umcodieren der Literatur

"Das Umcodieren der Literatur in die neuen Codes ist eine schwindelerregende Lernaufgabe. Sie verlangt von uns, aus unserer Gedankenwelt in eine fremde hinüberzusetzen: aus der Welt der gesprochenen Sprachen in die der ideografischen Bilder, aus der Welt der logischen Regeln in die der mathematischen, und vor allem aus der Welt der Zeile in die des aus Punkten gebildeten Netzes. Wahrscheinlich werden wir mit dem Umcodieren nicht beginnen können, bevor wir eine Übersetzungstheorie und Übersetzungsphilosophie ausgearbeitet haben. Davon sind wir noch weit entfernt."
(Vilém Flusser, Die Schrift)

2.1.1 Bergbesteigung


Ausgehend von einer Stelle im Livius, wo von einem Aussichtspunkt berichtet wird, von dem aus man zwei Meere zugleich überblicken kann, macht Petrarca dieses Experiment der Besteigung des Mont Ventoux. Weil er "nicht alles nachschlagen" will und keine Klarheit in den Schriften findet, zieht er die konkrete Erfahrung dem mittelalterlichen Bücherwissen vor. Ein Leseakt wird in eine konkrete Erfahrung, eine Reise umgesetzt.
Und so findet man ihn, zum größten Unverständnis seiner Zeitgenossen und nach nicht unbedeutenden Strapazen, schon bald auf dem Gipfel des Berges wieder. Zunächst betäubt von der Weite und Schutzlosgkeit des ungewohnten Blicks, flüchtet er sich in innere Betrachtungen, bevor er dem neuen, irdischen Vergnügen seiner Augen Vertrauen schenkt. Doch dieses wird sogleich getrübt: So, als wisse er bereits von dem Diktum Kants, daß die reine Anschauung blind sei, greift Petrarca auf das bewährte Medium des Buches zurück und zückt - als gälte es den Blick zu bewaffnen - das "faustfüllende Bändchen allerwinzigsten Formats", in dessen praktischer Form er gerade die Bekenntnisse des Augustinus stets als Handorakel mit sich zu führen scheint. Und im Moment des betont zufälligen Aufschlagens des Buches wird dieses ganze avantgardistische Projekt einer Vorausschau der Moderne von seiner historischen Vergangenheit eingeholt, verdunkelt sich der Himmel dieses frührennaissancehaften Panoramas und rollt sich wie in der johannitischen Apokalypse zusammen, um den vorwitzig auf ferne Bergketten weisenden Finger wieder zwischen die Seiten eines Buches verharren zu lassen. Gott als seinen Zeugen anrufend, beschwört Petrarca die Zufälligkeit und damit Schicksalshaftigkeit, mit der ihm folgende Lese-Offenbarung zuteil wurde: (Wetzel, Michael: Die Enden des Buches oder die Widerkehr der Schrift: Von den literarischen zu den technischen Medien. Weinheim, (VCH, Acta Homaniora) 1991, 24/25)
" Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahinfließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahn der Gestirne, und haben nicht acht ihrer selbst." (Petrarca, F.: Brief an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro in Paris. in: Dichtungen, Briefe, Schriften, hrg. von H.W. Eppelsheimer, Frankfurt/M. 1980, 96)

2.1.2 GedächtnisMacht


Die Versuchung der Bergszene, die Macht der Bibliothek infage zu stellen, ruft einerseits eine signifikante Bibelstelle in Erinnerung (der Teufel führt Jesus auf einen hohen Berg und versucht ihn durch die Macht des Anblicks der ihm zu Füßen liegenden Welt zu verführen), andererseits stellt das Aufrufen des augustinischen Textes eine Verdopplung intertextueller Bezüge dar: die Lesenden (Petrarca / Augustinus) beziehen eine aufgeschlagenen Textstelle auf sich selbst, und wenden durch diese Verdoppelung des Leseaktes ihren Blick wieder von der Außenwelt ab, um sich einem wesentlicherem Lesen zuzuwenden. Vom äußeren Buch (der Natur) zur spirituellen inneren Schrift, einem grenzenlosen inneren Gedächtnis (nach: Wetzel, Michael: Die Enden des Buches oder die Widerkehr der Schrift: Von den literarischen zu den technischen Medien. Weinheim, (VCH, Acta Homaniora) 1991, 24):
"Sie finden nichts daran zu staunen, daß ich jetzt beim nennen all der Dinge nichts davon mit Augen sehe: und könnte doch davon nicht reden, schaute ich nicht Berg, Meer und Fluß und Sterne, die ich gesehen und den Ozean, von dem ich sagen hörte, drinnen in meinem Gedächtnis so gewaltig im Raume gelagert, als erblickte ich sie draußen." (Petrarca, F.: Brief an Francesco Dionigi von Borgo San Sepolcro in Paris. in: Dichtungen, Briefe, Schriften, hrg. von H.W. Eppelsheimer, Frankfurt/M. 1980, 96)

Links


Albert Endres, Dieter W. Fellner: Digitale Bibliotheken. Informatik-Lösungen für globale Wissensmärkte, Heidelberg 2000
Einige Kapitel sind online unter:
http://www.dpunkt.de/lehrbuch/DigLib2000.html
***
Die endlose Bibliothek oder Borges' Visionen:
http://www-public.rz.uni-duesseldorf.de/~karlowsk/projekt.html

Die unendliche Bibliothek. Digitale Informationen in Wissenschaft, Verlag und Bibliothek:
http://www.ddb.de/extra/unendbib/unendbib.htm

Die Virtuelle Bibliothek (ULB Düsseldorf):
http://www.rz.uni-duesseldorf.de/WWW/ulb/virtbibl.html


85. Deutscher Bibliothekartag (Göttingen):
http://www.rz.uni-duesseldorf.de/WWW/ulb/goett.html


Christine Wörner: Die Nutzung von Internet in öffentlichen Bibliotheken. Bestandsaufnahme und Perspektiven
http://www.gwdg.de/~sub/ebene_2/2_bfpa.htm

Thomas Hilberer: Literarische Texte über das Internet. (Vortrag auf dem 85. Deutschen Bibliothekarstag, Göttingen 1995):
http://promo.net/pg/german.html

The Surrealist Compliment Generator:
http://pharmdec.wustl.edu/cgi-bin/jardin_scripts/SCG


Textmaschinen (Lullus, Thora, Queneau):
http://fub46.zedat.fu-berlin.de:8080/~cantsin/


[1] Idensen/Krohn, Die imaginäre Bibliothek, in: Hattinger/Weibel (Hg.), Digitale Träume, Linz 1990

[2] Danilo Kis, Enzyklopädie der Toten, Frankfurt/Main 1988

[3] Selbst Ted Nelsons heutige Positionen erscheinen sehr pragmatisch bis konventionell - verglichen mit der Aufbruchsstimmung der frühen Texte aus den 60er Jahren. Ein in das Dokuversum eingebautes 'Transcopyright' (©)-Schema soll die Literatur vor ihrem Untergang bewahren: "Literatur" - oder das System zusammenhängender Medienobjekte - ist ein Metaparadigma, da alle anderen Paradigmen in ihr enthalten sind. Literatur bleibt bestehen, ihr kollektiver Bestand ist die größte Kostbarkeit der Menschheit. Elektronische Dokumente und die wild expandierende Front neuer Medien gefährden jedoch Zugang und Wiederverwendung dieses Erbes in bedenklichem Maße.
Die Medienbeschleunigung unserer Tage verbindet schneller und schneller werdende Filme, Werbespots und Spiele mit zunehmender Unwissenheit und Desinteresse an der Vergangenheit. Die neue Kultur verfälschten elektronischen Stammesgefühls gefährdet das Kulturerbe. Wertbeständiges elektronisches Publizieren wird immer wichtiger. Dies ist weniger eine technische Angelegenheit als vielmehr eine Frage von Verpflichtung und wettbewerbsfähigem Handeln.

Wir müssen wertbeständiges Publizieren erleichtern und fördern und für die Wiederverwendbarkeit aller elektronischen Formate sorgen." (Ted Nelson in: Interface 3 Programmheft, )
[4] Allerdings ist es im künstlerischen / kulturvermittelnden Bereich trotz der forcierten Installation von leistungsfähigen Datennetzen und dem hohen Verbreitungsgrad anschließbarer Endgeräte bisher noch zu keinem nennenswerten, langfristigen telematischen Netzwerk-Projekt gekommen. Die Schwierigkeiten bei der Realisierung eines Kunst-Netzwerkes finden sich dabei keineswegs nur auf der technischen Seite. So haben die öffentlichen wie kommerziellen Netzwerke zwar die Technisierung der Kommunikation vorantreiben können, regen aber in keiner Weise zu neuartigen und kreativen Prozessen im Umgang mit den neuen Technologien an. Ganz im Gegenteil: eher scheint der über Anweisung und logische Syntax ablaufende Dialog mit und über die Maschine auch den zwischenmenschlichen Dialog zu verarmen.
[5] Vgl.: Landow, G.P.: The rhetoric of hypertext: Some rules for authors. in: Journal for Computing in Higher Education 1,1 Frühjahr 1989 S.39-64
[6] Die aufkommenden technischen Medien beflügelten die Literatur seit der Jahrhunderwende und führten zu einer Reflektion medialer Auflösungserscheinungen in der Literatur (Futurismus, Noveau Roman, James Joyce). "Das Wort Aufschreibesystem [...] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Entnahme, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben. [...] Nun sind zwar alle Bibliotheken Aufschreibesysteme, aber nicht alle Aufschreibesysteme Bücher. [...] Archäologien der Gegenwart müssen auch Datenspeicherung, -übertragung und-berechnung in technischen Medien zur Kenntnis nehmen." Kittler, Friedrich (1987), Aufschreibesysteme 1800/1900, München, S.429
[7] Die poetischen Operationen mit denen Ezra Pound, Stéphané Mallarmée, James Joyce u.a. die Verwendung der Sprache revolutionieren, sind genau dieselben, die die Pioniere einer vernetzten Ideenproduktion in den sechziger Jahren auf der neuen Wunschmaschine Computer implementieren: assoziativer Zugriff auf Daten unterschiedlichster Art, offene Texte, die an jeder Stelle verändert, ergänzt und mit anderen Textstellen (oder Bildern) verknüpft werden können; jedes Wort wird zu einem Knoten von Bedeutungen, zu einem möglichen Absprungort für neue Konstellationen, Anspielungen und Verweise ...
Schreiben (als écriture im poetischen Sinne, als Tätigkeit, als Machen, Hervorbringung) geschieht (schon) immer on-line: eingeschaltet in die Projektions-Apparatur (eines Aufschreibe-Systems), schaltet der Schreibprozeß ständig hin und her zwischen Senden/Empfangen, Erinnern/Vergessen, Fortführung/ Bruch ...
[8] In der "Ordnung der Dinge" wird zitiert "eine gewissen chinesische Enzyklopaedie", in der es heisst, dass "die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchscheine e)Sirenen, f) Fabeltieren, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie tolle Hunde gebären, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen. (Borges, in: Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge, Franskfurt/ Main 1978, S. 17))

[9] Jon Ippolito: http://www. Gegeben: Das Universum. Gezeigt: Jedes Kunstwerk, in: Deep Storage. Arsenale der Erinnerung. Sammeln, Speichern, Archivieren in der Kunst, München 1997, S. 157-164, hier S. 157. Dieser wunderbare Katalogtext projiziert - ähnlich der "Imaginären Bibliothek" - Borges' Bibliotheksphantasien(Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel, in Gesammelte Werke, Erzählungen 1, München 1981) auf das WWW und verweist dabei auf eine Vielzahl künstlerischer Projekte im Netz, die ästhetische Transformationen von "Archiven" vornehmen - angeregt etwa von Daniel Rubey, "Meditating on the Library as Archive: From Alexandria to the Internet", in Talkback! 1, 4. Dez. 1995, http://math240/lehman.cuny.edu/talkback/Talk_html/CenterP-Rubey-1-capt.html.
Siehe auch: The Garden of Forking Paths, the section of the Great Libyrinth devoted to Jorge Luis Borges: http://www.microserve.com/~thequail/libyrinth/borges.html
[10]Vgl. zu diesem Komplex den äußerst lesenswerten Studienbrief "Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis" von A. & J. Assmann (Funkkolleg Medien und Kommunikation, Studienbrief 5, Weinheim/Basel 1990. S. 41-82).
[11] Siegfried J. Schmidt: Gedächnis - Erzählen - Identität, in: Aleida Assmann und Dietrich Harth (Hg.): Mnemosyne. Formen und Funktionen der kultureller Erinnerung, Frankfurt am Main 1991, S. 378-397, hier: S. 390,391