"Wen kümmerts, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert, wer spricht" (Samuel Beckett)
"Der
Autorname hat seinen Ort nicht im Personenstand der Menschen , nicht in der
Werkfiktion, sondern in dem Bruch, der eine bestimmte Gruppe von Diskursen un
dihre einmalige Seinsweise hervorbringt. Folglich könnte man sagen,
daß es in einer Kultur wie der unseren eine bestimmte Anzahl von
Diskursen gibt, die die Funktion 'Autor' haben, während andere sie nicht
haben. Foucault(
1979, S.17)[...]
Und als man Eigentumsverhältnisse für Texte schuf, als man Gesetze erließ über Autorenrechte, über die Beziehung zwischen Autor und Verleger, über Wiedergaberechte, usw. - das heißt zwischen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts - wurde aus der Möglichkeit der Übertretung, die dem Schreibakt eigen war, immer mehr ein der Literatur eigener Imperativ So als ob der Autor jetzt, seitdem er in das Eigentumssystem unserer Gesellschaft aufgenommen wurde, den so erreichten Status kompensierte durch die Rückkehr zur alten Bipolarität der Rede Foucault( 1979, S. 18) [...].
Andererseits
gilt die Funktion Autor nicht übertall und nicht ständig für
Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer
Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die texte, die wir heute
'literarisch' nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien,
Komödien) aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich
die Autorfrage stellte; ihre Anonymität machte keine Schwierigkeit, ihr
echtes oder vermutetes Alter war für sie Garantie genug. Im Gegensatz dazu
wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die
Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die
Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nunr akzeptiert und
hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors
gekennzeichnet waren. 'Hyppokrates sagte', 'Pinius erzählt' waren nicht
nur die Formeln eines Autoritätsverweises, sondern die Indizien für
Diskurse, die als bewiesen angenommen werden sollten. Zu einer Umkehr kam es im
17. oder 18. Jahrhundert; man begann wissenschaftliche Texte um ihrer selbst
willen zu akzeptieren, in der Anonymität einer feststehenden oder immer
wieder neu beweisbaren Wahrheit; ihre Zugehörigkeit zu einem
systematischen Ganzen sicherte sie ab, nicht der Rückverweis auf eine
Person, die sie geschaffen hatte. Die Funktion Autor verwischt sich, der Name
des Erfinders dient höchstens noch dazu, einem Theorem, einem Satz, einem
bemerkenswerten Effekt, einer Eigenschaft, einem Körper, einer Menge von
Elementen, einem Krankheitssyndrom einen Namen zu geben. Aber 'literarische'
DIskurse können nur noch rezipiert werden, wenn sie mit der Funktion
Autor versehen sind: jeden Poesie- oder Fiktionstext befragt man danach, woher
er kommt, wer ihn geschrieben hat, zu welchem Zeitpunkt, unter welchen
Umständen oder nach welchem Entwurf. Foucault(
1979, S. 19)