Michel Foucault


Zur Autorenfunktion bei Michel Foucault

"Wen kümmerts, wer spricht, hat jemand gesagt, wen kümmert, wer spricht" (Samuel Beckett)

Autorname als Diskursfunktion

"Der Autorname hat seinen Ort nicht im Personenstand der Menschen , nicht in der Werkfiktion, sondern in dem Bruch, der eine bestimmte Gruppe von Diskursen un dihre einmalige Seinsweise hervorbringt. Folglich könnte man sagen, daß es in einer Kultur wie der unseren eine bestimmte Anzahl von Diskursen gibt, die die Funktion 'Autor' haben, während andere sie nicht haben. Foucault( 1979, S.17)[...]

Autorenrechte: Eigentumsverhältnisse für Texte

Und als man Eigentumsverhältnisse für Texte schuf, als man Gesetze erließ über Autorenrechte, über die Beziehung zwischen Autor und Verleger, über Wiedergaberechte, usw. - das heißt zwischen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts - wurde aus der Möglichkeit der Übertretung, die dem Schreibakt eigen war, immer mehr ein der Literatur eigener Imperativ So als ob der Autor jetzt, seitdem er in das Eigentumssystem unserer Gesellschaft aufgenommen wurde, den so erreichten Status kompensierte durch die Rückkehr zur alten Bipolarität der Rede Foucault( 1979, S. 18) [...].

Autorenfunktion in wissenschaftlichen Texten und literarischen Texten

Andererseits gilt die Funktion Autor nicht übertall und nicht ständig für Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die texte, die wir heute 'literarisch' nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien, Komödien) aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich die Autorfrage stellte; ihre Anonymität machte keine Schwierigkeit, ihr echtes oder vermutetes Alter war für sie Garantie genug. Im Gegensatz dazu wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nunr akzeptiert und hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors gekennzeichnet waren. 'Hyppokrates sagte', 'Pinius erzählt' waren nicht nur die Formeln eines Autoritätsverweises, sondern die Indizien für Diskurse, die als bewiesen angenommen werden sollten. Zu einer Umkehr kam es im 17. oder 18. Jahrhundert; man begann wissenschaftliche Texte um ihrer selbst willen zu akzeptieren, in der Anonymität einer feststehenden oder immer wieder neu beweisbaren Wahrheit; ihre Zugehörigkeit zu einem systematischen Ganzen sicherte sie ab, nicht der Rückverweis auf eine Person, die sie geschaffen hatte. Die Funktion Autor verwischt sich, der Name des Erfinders dient höchstens noch dazu, einem Theorem, einem Satz, einem bemerkenswerten Effekt, einer Eigenschaft, einem Körper, einer Menge von Elementen, einem Krankheitssyndrom einen Namen zu geben. Aber 'literarische' DIskurse können nur noch rezipiert werden, wenn sie mit der Funktion Autor versehen sind: jeden Poesie- oder Fiktionstext befragt man danach, woher er kommt, wer ihn geschrieben hat, zu welchem Zeitpunkt, unter welchen Umständen oder nach welchem Entwurf. Foucault( 1979, S. 19)

Foucault, Michel 1979: Was ist ein Autor? in: Schriften zur Literatur, Berlin