Thema dieser Diplomarbeit sind die neuen Möglichkeiten des Erzählens
mit dem Computer. Die Grundprinzipien dieses zu untersuchenden Erzählens
sind die Hypertextualität und die damit verbundene Interaktivität.
Das Erzählen erfolgt nicht linear, sondern netz- oder baumartig nach dem
Hypertextprinzip des Mehrfachverknüpfens von Informationseinheiten. Eine
hypertextuelle Struktur ist auf Interaktivität angewiesen. Sich
verzweigende Strukturen bedürfen der Aktivität des Rezipienten, um
eine von mehreren möglichen Verzweigungen auszuwählen. Diese Art des
Erzählens wird gemeinhin unter dem Begriff nicht-lineares, bzw.
non-lineares Erzählen gefaßt.
In dieser Arbeit will ich den beiden Erzählprinzipien noch ein drittes
hinzufügen. Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt dieser neuen Art des
Erzählens ist m.E. der multimediale Aspekt. Der Computer kann als "Medium
der Medien" aufgrund seiner Digitalität andere Medien in sich aufnehmen.[1] Diese Möglichkeit eines `Mixed
Media'-Erzählstils soll in die Betrachtungen einfließen. So
bezeichne ich diese Art des Erzählens nicht als nicht-lineares oder
hypertextuelles sondern als hypermediales Erzählen.[2]
"Hypertext is young; narrative is old."[3] Und
damit ist auch das hypermediale Erzählen auf der Basis des Computers noch
sehr jung. Schon in den frühen Achtzigern entwickelte Lynn Hershman den
nicht-linearen Film `Lorna'.[4] Als Basis diente
jedoch noch nicht der Computer, sondern ein interaktives Bildplattensystem.
Grahame Weinbren, der Pionier des `Interactive Cinema', und Roberta Friedman
folgten 1986 mit ihrem `Erlking', ebenfalls auf einem kostspieligen
Bildplattensystem. 1987 wurde mit Bill Atkinsons `Hypercard', einem
Hypertextsystem für Macintosh Rechner, auf der Bostoner Macworld Expo der
Beginn des "Zeitalters von Hypermedia für jedermann" postuliert.[5] Im gleichen Jahr wird die erste Hyperfiction
veröffentlicht, die in der Fachwelt für Aufregung sorgt.[6] Michael Joyce präsentiert mit `Afternoon,
a story', dem "granddaddy of hypertext fiction",[7] die neuentdeckten literarischen Möglichkeiten des
Hypertext. 1991 wird das World Wide Web (WWW) für die Netzgemeinde
freigegeben. Das WWW ist aufgrund seiner multimedia-fähigen HTML[8]-Programmierung ein weltumspannendes
hypermediales Netzwerk. Hypermedia wird zur Normaltät des digitalen
Alltags. 1997 ist der Schwerpunkt auf den Internationalen Kurzfilmtagen
Oberhausen `HYPER MEDIA - Gestern und Morgen. Nonlineares Denken und Gestalten
in Film, Video und digitalen Medien'. Das hypermediale Erzählen wird zu
einem öffentlichen Thema.
`Interactive Cinema' und Hyperfiction sind die "Wurzeln" des hypermedialen
Erzählens, obwohl sie selber nur eingeschränkt als hypermedial zu
bezeichnen sind. Das `Interaktive Cinema' begreift sich als Medium des
interaktiven Films, in dem Text vornehmlich für Bildschirmfragen genutzt
wird; Hyperfiction ist interaktive Literatur mit vereinzelten Bildern und
Graphiken, die eher illustrieren als eine eigenständige erzählerische
Aussage haben. Durch den multimedialen Ansatz werden jedoch die zu beiden
Erzählpraxen gehörigen Theorien zu einer Theorie des hypermedialen
Erzählens verbunden. Hypermediales Erzählen setzt sich sowohl aus
interaktiver hypertextueller Literatur als auch interaktivem hypertextuellen
Film zusammen. Comic und Hörspiel, die über keine eigene interaktive
hypertextuelle Theorie und fast keine so geartete Praxis verfügen, sind
ebenso Bestandteile dieser Art des Erzählens. Bis auf explizite
Einschränkungen sind die Aussagen der Theorie des interaktiven Kinos und
der Hyperfictiontheorie für das hypermediale Erzählen allgemein
zutreffend, auch wenn in Zitaten aus den Theorien auf der einen Seite von
Zuschauern, auf der anderen von Lesern gesprochen wird.
Aufgrund dieses multimedialen Ansatzes fließen auch verschiedene
Erzähltheorien aus Literatur, Film und Comic in eine Theorie des
hypermedialen Erzählens ein.
In Grahame Weinbrens Aufsatz `In the Ocean of Streams of Story' über die
Theorie des interaktiven Kinos, den ich für eines der wesentlichen Werke
für eine Theorie des hypermedialen Erzählens halte, wird die zentrale
Frage des Erzählens in der Hypermedia gestellt. "What kind of story will
fit the medium and what will be the grammar of its telling?" Diese Diplomarbeit
will versuchen, Antworten auf diese beiden Fragen zu geben, wobei die
Beantwortung in umgekehrter Reihenfolge erfolgt. Die Analyse des Erzählens
steht im Vordergrund. Aus der Art des Erzählens wird dann
geschlußfolgert werden, wie die Geschichten aussehen können, bzw.
müssen, die auf diese hypermediale Weise erzählt werden sollen.
Die Diplomarbeit beginnt mit einem praktischen Teil, meiner eigenen
hypermedialen Erzählung `Bahnreisen', die den theoretischen
Ausführungen auf CD-ROM beiliegt. Erstens hebt `Bahnreisen' anders als das
interaktive Kino und die Hyperfiction den multimedialen Aspekt hervor und ist
deshalb besser geeignet für die exemplarische Beschreibung hypermedialen
Erzählens. Zweitens läßt sich Theorie am eigenen Beispiel
vorteilhafter begründen, weil man besser mit der Materie vertraut ist, und
weiß, was aus Gründen und was aus Mangel nicht realisiert wurde.
Als zweites Kapitel folgt die Beschreibung hypermedialer Erzählweisen am
Beispiel von `Bahnreisen', wobei der Schwerpunkt auf den multimedialen
Erzählweisen liegt, da die Erklärung des multimedialen Prinzips im
Gegensatz zu den Prinzipien Interaktivität und Hypertextualität
konkreter Beispiele bedarf; die Prinzipien Interaktivität und
Hypertextualität werden vor allem im folgenden Theorieteil behandelt. Den
Abschluß dieses Kapitels bildet eine strukturelle Kritik an
`Bahnreisen'.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich ausführlich mit der Theorie des
hypermedialen Erzählens. Zuerst werden die drei Grundprinzipien referiert
und prinzipienspezifische Probleme jeweils im Zusammenhang diskutiert. Das
Prinzip der Interaktivität regelt den Eingriff des Rezipienten in das
Erzählen der Geschichte und die Reaktion der Anwendung. Das Prinzip
Multimedialität steht für medienübergreifende Erzählweisen.
Das dritte Prinzip, die Hypertextualität, liefert dem hypermedialen
Erzählen die Theorie der Einheiten und Verknüpfungen, die Theorie der
Struktur. Im vierten Punkt dieses Kapitels geht es um die konkreten
Unterschiede des hypermedialen Erzählens zum traditionellen linearen
Erzählen. Zuerst erfolgt eine Abgleichnung des hypermedialen
Erzählens mit der zeitgenössischen Erzähltheorie, wobei die
Punkte Raum und Zeit als ordnende Prinzipien einer Erzählung und die
Unterscheidung von Geschichte und Diskurs im Vordergrund stehen. Im
Zusammenhang mit der Betrachtung von Diskursen im hypermedialen Erzählen
werden die Probleme der Nicht-strukturierbarkeit, der Spannungserzeugung und
das zentrale Problem der Kohärenzherstellung und -aufrechterhaltung
erörtert. Zweitens werden als strukturelle Unterschiede die Grundbausteine
des hypermedialen Erzählens - die Erzähleinheiten und die
Verknüpfungen - analysiert. Darauf aufbauend werden vier praktische und
ein theoretisches Erzählstrukturmodell als Alternative zur linearen
Erzählstruktur vorgestellt und analysiert. Den Abschluß dieses
Kapitels bildet der Versuch einer Lösung des als zentral erachteten
hypermedialen Kohärenzproblems.
Das Schlußkapitel bildet ein Resümee über die Konsequenzen
für das hypermediale Erzählen und für hypermediale Geschichten,
die aus den praktischen und theoretischen Erkenntnissen erwachsen. Der
Schluß liefert somit eine Antwort der der Diplomarbeit zugrunde liegenden
Frage nach der Art des Erzählens und der besonderen Art der hypermedialen
Geschichten.[9]
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(Die
mit "CD" gekennzeichneten Beiträge befinden sich auf der CD-ROM)
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Denken und Gestalten in Film, Video und Digitalen Medien", darin:
DAVENPORT, Glorianna: Die Erweiterung der dokumentarischen Tradition, url:http://www.uni-duisburg.de/HRZ/IKF/Hyper/HypGD13d.html
, date: 4.4.1997
HALES, Christopher: Warum sollen Filme interaktiv sein?. url:
http://www.uni-duisburg.de/HRZ/IKF/Hyper/HypCHa4d.html,
date: 4.4.1997, CD
KLUSZCZYNSKI, Ryszard W.: (Audio)Visual Labyrinths - Non-linear discourses in
linear media, Oberhausen 1997, url:
http://www.uni-duisburg.de/HRZ/IKF/Hyper/HypRWK2d.html,
date: 4.4.1997, CD
LE GRICE, Malcolm:Eine non-lineare Tradition - Experimentalfilm und
digitales Kino, url:
http://www.uni-duisburg.de/HRZ/IKF/Hyper/HypLeG2d.html
date: 4.4.1997, CD
REISER, Martin: Neue Strukturen für Interaktivität, url:
http://www.uni-duisburg.de/HRZ/IKF/Hyper/HypMRi2d.html,
date: 4.4.1997, CD
ASTON, Judith; TRURAN, Christine: New media and narrative. Integrating theory
and practice. url:http://www-iet.open.ac.uk/iet/MENO/ht97/aston.html
, date: 4.4.1997, CD
CALVI, Licia: Navigation and Narrative: A Temporal Framework for Hypertext
Narrative, url: http://www-iet.open.ac.uk/iet/MENO/ht97/calvi.html,
date: 4.4.1997, CD
EASTGATE SYSTEMS: Hypertext Fiction From Eastgate. Verkaufskatalog, url: http://www.eastgate.com/products/Cat_Fictions.html,
date: 26.3.1997
FEED: Page versus Pixel, Diskussionrunde des Online Magazins FEED vom Mai `95,
url: http://www.feedmag.com/95.05dialog1.html,
date: 26.3.1997, CD
IDENSEN, Heiko: Stoßen/Ziehen/Interagieren? In: Telepolis-Online, url:http://www.heise.de/tp/film/6124/1.htm , date: 11.4.1997, CD
JOYCE, Michael: Hypertext Narrative, url:
http://noel.pd.org/topos/perforations/perf3/hypertext_narrative.html,
date: 26.3.1997, CD
LIESTøL, Gunnar: "Über Narrativität, Rhetorik und Vermittlung
in Hypermedia", http://www.mogul.no/mogul/kunnskapsbank/GL/rhetorik.htm,
date: 3.4.97, date: 4.4.1997, CD
MILLER, Hugh: Micronarrative and interaction: How can we build a satisfying
story out of a string of anecdotes?, url: http://www-iet.open.ac.uk/iet/MENO/ht97/miller.html,
date: 24.3.1997, CD
MÜNZ, Stefan: n:m-Relation, kohäsive Geschlossenheit, url: http://ourworld.compuserve.com/homepages/muenz/htxt202.htm,
date: 5.2.1997
MÜNZ, Stefan: Hypertext, url: http://ourworld.compuserve.com/homepages/muenz/htxt.htm,
date: 5.2.1997
WEINBREN, Grahame: In the Ocean of Streams of Story, url:
http://www.sva.edu/MFJ/journalPages/MFJ28/GWOCEAN.HTML,
date: 24.3.1997, CD
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LARSEN, Deena: Marble Springs (Hyperfiction), Cambridge (USA) 1993
LIALINA, Olia: My Boyfriend Came Back from the War, url:
http://sunsite.cs.msu.su/wwwart/war/
, date: 22.7.1997, CD
MOULTHROP, Stuart: Victory Garden (Hyperfiction), Cambridge (USA) 1991
Heiko Gerken
Ilmenaustr. 9
21335 Lüneburg
[1] Florian Rötzer, 1991, S. 28
[2] Hypertext wird, wenn der Schwerpunkt der
Sichtweise auf seinen multimedialen Fähigkeiten liegt, als Hypermedia
bezeichnet.
[3] Michael Joyce: Hypertext narrative, WWW
[4] Nähere Informationen der Autorin
über die interaktive Kunst-Videodisk `Lorna' (1979-83) sind im WWW unter
url: http://arakis.ucdavis.edu/hershman/ad/ad.html zu finden.
[5] Peter Glaser, 1995, S. 93
[6] Hyperfiction - elektronische, fiktive
Literatur auf der Basis des Computers - wird auch als `Hypertext Fiction' oder
`Electronic Fiction' bezeichnet.
[7] Robert Coover, in: The New York Times Book
Review, zitiert aus dem WWW-Verkaufskatalog von Eastgate Systems: `Hypertext
Fiction From Eastgate'
[8] Hypertext Markup
Language
[9] In dieser Arbeit wird konsequent die
männliche Form des Begriffes "Rezipient" benutzt. Dies ist kein
Ausschluß der Hälfte der Menschheit, sondern dient nur der
Lesbarkeit der Diplomarbeit, da eine konsequente weibliche Form oder das
große "I" m.E. noch Stolpersteine im Lesefluß sind.