Konfigurationen zwischen Absturz...

Henk Claassens Vortrag "Konfigurationen zwischen Absturz und Wirklichkeit" im Rahmen des Kongresses "Konfigurationen zwischen Kunst und Medien" hatte starken Einfluß auf die Produktion dieser CD-ROM. Dies äußerte sich zum einen im Umgang mit den Dokumenten selbst, zum anderen in den Animationen, verwendeten grafischen Elementen und der narrativen Struktur.
Während der Vorarbeiten kamen unsere Diskussionen immer wieder bei einer Frage an: wie vermittelt man die Fiktion eines Kongresses? Bei diesen Diskussionen einigten wir uns auf die Formel: Für einen ästhetisch/narrativen Umgang mit Aufzeichnungen, Dokumenten, Präsentationen und Diskussionen eines Kongresses bedarf es Distanz.
Doch wie erzeugt man Distanz?

Distanz 1: Die Narrative Ebene

Durch den Einzug einer narrativen Ebene in die Dokumentation wird Distanz zweifach erzeugt:
einerseits durch die Geschichte an sich (vermittelt durch den Interface-Agenten Kai N. Random), andererseits durch die Verlegung der Erzählzeit in die Zukunft. Kai stößt als Netzarchäologe der Zukunft auf die fragmentierte Datenschicht des Kongresses.
Aus Kongressdaten werden Artefakte.

Distanz 2: Dekontextualisierung

Dekontextualisierender Umgang mit Material ist eines der Merkmale von Hypertexten bzw. Hypermedien(>Gerken '97<). Im Produktionsprozess des dokufiktionalen Teils haben wir dies verdreifacht. Die strikte personelle Trennung von Aufnahme (cut), Bearbeitung (convert) und Einbau (paste) des Materials ließ den Kontext des realen Kongresses immer stärker in den Hintergrund treten. Was blieb, waren Fragmente der Art, wie sie auch in den Notizbüchern der Besucher entstanden waren. (siehe Distanz 4)

Distanz 3: Interface

Das Interface ist immer ein Dazwischen. Kai N. Random ist Interface hoch drei. Auf der narrativen Ebene ist Kai derjenige, der zwischen den einzelnen Artefakten moderiert, sie "verbindet". Auf der bildlichen Ebene ist Kai wörtlich genommen InterFace - ein Zwischengesicht: Stirn, Augen, Ohren, Hals und Krawatte (-> Quit) dienen als Navigationsbuttons. Auf der Programmebene verbindet die "KI" Kai die Artefakte miteinander, da die Auswahl der Links vom Programm durch eine Kombination von Datenbank, Gedächtnis und Zufall vorgenommen wird. Durch diesen "Motor", der im Hintergrund die Auswahl trifft und immer nur Fragmente anbietet die in einem "gewissen thematischen Zusammenhang stehen" (K.N. Random), bleibt dem Nutzer nur noch die Assoziationsarbeit.
Kai N. Random hat die Aufgabe beim CD-ROM-Flaneur das Gefühl zu unterdrücken, ein abgeschlossenes Werk zu rezipieren (siehe Distanz 2).Der Arbeit liegt keine Raummetapher zugrunde, demnach macht es keinen Sinn navigieren zu wollen. Dem Gehirn eines Kongreßbesuchers, der mit den dort fortgeführten Diskussionen wenig vertraut ist, ähnelt diese CD-ROM mehr, als daß sie sich um die Vortragenden in irgend einer Weise sorgt. Der CD-ROM-Besucher hangelt sich mit dem Gefühl des drohenden Rechnerabsturzes durch die Artefakte und läßt sich deformieren. (Wer sich informieren will, und keinen Gefallen an Deformation hat unterlasse bitte den Doppelklick auf startmac/start95.exe).

Distanz 4: Collage

Der Computer ist Schere, Kleber, Pool und Oberfläche zugleich.
Wir haben die Arbeitsweise cut/copy/paste nach der Materialaufnahme nicht mehr verlassen. Dies setzt sich bis zum Rezipienten fort, der das "Werk" wiederum als Pool begreifen kann. Im Kopf des Rezipienten, so hoffen wir, wird weiter geklebt, geschnitten und projiziert.
Die zerstückelten Fragmente aus Audio, Video und Text haben wir in Elemente aus den grafischen Benutzeroberflächen eingearbeitet und mit (dialogischen) Hintergrundbildern kombiniert. So stehen die Mittel der Computerwelt in einem neuen Zusammenhang und eröffnen eine neue Sichtweise auf dieses Medium. Die Collage wird somit rekursiv.
Der Computer als totale Collagemaschine.

Distanzen

Der abstürzende CD-ROM-User sitzt an einem Datenfluß und läßt Datenfragmente an sich vorbeiziehen. Die Motivation, den Fluß zu stoppen und ein Fragment herauszugreifen, kann durch Wiedererkennung, Irritation oder schlicht und ergreifend Neugierde entstehen. Die Fragmente suchen, ihres ursprünglichen Zusammenhangs beraubt, nach neuen Zusammenhängen. Angebote dazu werden auf der Programmebene durch die graphische Umsetzung und durch die Verlinkung mit anderen Fragmenten gemacht.
Zusätzlich wird ein Verstehen durch Rückbezug auf "Texte im Kopf" provoziert. Der Rezipient ist als aktiver Teil der Collage unverzichtbar. Erst im Kopf wird die intertextuelle Ebene der Aufzeichnungen, Dokumente, Präsentationen und Diskussionen durch die Distanzen vollends befreit.
Kai N. Random der Intertexterzeuger! <;-)>

Appendix

Achtung (nochmal): Der dokufiktionale Teil ist kein Instrument für das gezielte Zugreifen auf Informationen. Leuchtender, blinkender roter Hinweispfeil (blink,blink): Es geht um Browsing und Rekombination als kreative Prinzipien. Die leidige Diskussion um Copyrightfragen, Autorenschaft und Authentizität haben wir uns aus diesem Grund reichlich gespart.
Wir sind uns darüber bewußt, daß dies nicht nur auf Zustimmung stoßen wird und stellen dafür Diskussionsraum im Internet zur Verfügung:
http://exp.psychologie.uni-kassel.de/forum/boards/hyperheik/wwwboard.html

Gerken&Kilian
August'98