PooL-Processing stellt in den Raum des Nebeneinanders verschiedener Produktionen/Produzenten/Rezipienten/Medien einen PooL für einen lebendigen Datenfluß zur Verfügung. PooL-Processing verarbeitet, verknüpft, indiziert Sprach- und Bildinformationen. Unser verschaltetes System von Informationsgewinnung, -verarbeitung, -manipulation und Aufbereitung ermöglicht eine produktive Koppelung der verschiedenen Ebenen des Festivals.
Ziel von PooL-Processing ist, den öffentlichen und privaten Diskurs zu beschleunigen und durch gezielte Rückkopplungen ein lebendiges Klima der Auseinandersetzung zu schaffen: PooL-Processing ist der Versuch, das, was zwischen den "Bewohnern der Dorfgemeinschaft" (global village), den installierten TV und Radio-Wellen, Aktionen, Videos, Performances, Computern, Seminaren und dem Leben passiert, zu vernetzen.
PooL-Processing besteht im wesentlichen aus zwei interaktiven Informationsverarbeitungssystemen. Mit allen Bewohnern wird ein intertextuelles Archiv von Zitaten, Meinungen und Aussagen und ein Bild-Pool visueller Momentaufnahmen, Images und Spuren produziert.
Alle Informationen sind jedem zugänglich und können durch den Benutzer an jeder Stelle erweitert werden.
Im Fortschreiben des privat-öffentlichen Diskurses während des Festivals, im Wachsen der Verknüpfungsebenen und Imageproduktionen werden die verschiedensten Formen von Gesprächen auf unterschiedliche Weise gelockt, provoziert, verlängert und gegen und miteinander ins Spiel gebracht.
Vernetzung der verschiedenen Ebenen des Festivals
Diskursbeschleunigung
lebendiger Datenfluß
Imageprocessing.
Der offensive Gebrauch von Informationstechnik, der Versuch auch assoziative Denkstrukturen durch die Apparaturen aufzuzeichnen und für ästhetische Produktion zu nutzen, ist Motiv und Motivation des PooLs.
Zur Erschaffung eines dialogisch vernetzten Raumes und zur Entwendung der Informationsmaschinen für ästhethische Produktionen muß man nach unseren Erfahrungen die bisherigen Methoden der Informationsgewinnung/erzeugung auf die Spitze treiben. Statt der Immunisierungsstrategie eines angepaßten Informationsdesigns zu folgen, dem die Medienkunst oftmals kritiklos zuarbeitet, halten wir einen Rückgriff auf die historischen Entstehungsbedingungen des Computers für notwendig: Informationskrieg, secret service, Kryptologie.
Unsere Agentur für ästhetische Information setzt daher die Methoden der Informationsverarbeitung konsequent in diesem Sinne ein und wendet sie auf die Strukturen und inhaltlichen Gesichtspunkte der ars electronica an:
-Ablauschen des Geflüsters im Medien-Dorf, Brucknerhaus, ORF-Studio und entlang der Donau
-Verhör von Produzenten über Ideen, Produktionsweisen, Projekte.
-Interviews mit Referenten des Symposions und Hausmeistern
-Produktion von Gerüchten, Informationsskandalen, gezielten Falschmeldungen, Propaganda
-Entwenden von Informationen und unbefugte Weitergabe, sowie handeln mit Informationen
-Anstiftung zu poetischen Produktionsformen
-dialogische Einschreibung in offene Kunst-Netzwerke
-permanente Agententätigkeit.
Die Systeme und Agenten von PooL-Processing arbeiten seit März 1988 und begleiten kontinuierlich Medienfestivals, Symposien, Messen ... Neben aktuellen Installationen vor Ort ensteht ein digitales BILD-TEXT-ARCHIV FÜR ÄSTHETISCHE INFORMATION mit einer Datenbank aus dem Bereich Medienkunst, Philosophie der neuen Technologien, historischen und literarischen Quellen, sowie einer Sammlung von Bildmaterial aktueller Medienkunst und Kunstmaschinen. PooL Processing versteht sich als von jedem benutzbares Interface und sucht ständig Agenten, Kollaborateure und Informanten zur Zusammenarbeit.
Durch unseren unmittelbar vorausgegangenen Einsatz auf dem Europäischen Medienkunstfestival Osnabrück vom 6.-10 September 1989 tragen wir die dort gesammelten Informationen zur Ars Electronica und wollen so Impulse für die Vernetzung dieser beiden Festivals geben.
PooL Processing wird während der vier Tage und Nächte der ars electronica folgende Outputs produzieren:
-tägliche Herausgabe des Magazins Special Path No...
-Sondernummern zu Themen des Symposions, der Diskussionen im ORF, speziellen Projekten des Medien-Dorfes
-Installation von Terminals für interaktiven Datenaustausch der Mediendorfbewohner mit den PooL
-sporadische Statements, Deklarationen, Ausrufe, Projektionen.
Heiko Idensen, Matthias Krohn, Heiko Daxl, Kai Hoffmann, Henrich Deppenmeier
Agenten mit besonderen Aktionen:
Bruno Hoffmann präsentiert in einer Seance die gesamte literarische Analogie zum Großen Glas Marcel Duchamps:"Extra-Schnelle Ausstellung der Ausrüstung für die Abstoßung ins Unendliche".
Detlef Gerlach:"DER GENERALIST, DER EIN UND ALLES"- Dialog, Diskussion und Demonstration. Über mögliche Universalisierungen von natürlicher und künstlicher Intelligenz. ("es kommt auf dem wärmecharakter im denken an. das ist die neue qualität des willens."j. beuys)
Das größte Manko der gegenwärtigen Philosophien von ´Simulation´ und ´Postmodernem Wissen´ ist das Fehlen einer emphatischen ästhetischen PRAXIS. Kunst und Realität sind zu einer operationalen Einheit verschmolzen:"Überall leben wir schon in der "ästhetischen " Halluzination der Realität. der alte Slogan "Die Realität geht über die Fiktion hinaus", die dem surrealistischen Stadium dieser Ästhetisierung des Lebens noch entsprach, ist überholt. Es gibt keine FIKTION mehr, der sich das Leben, noch dazu siegreich entgegenstellen könnte.." (Baudrillard)
So verlor sich die Philosophenrunde der letzen ars electronica in eine endlos verschlungene Argumentationskette, in der ein Bogen gespannt wurde von Aids (als Rettung der Menschheit vor den fatalen Folgen der Befreiung der Sexualität) zu Computerviren (als Möglichkeit der Selbstparodie künstlicher Intelligenzen). Unklar blieb, wie ein schöpferischer Akt innerhalb der maschinellen Verkettungen aussehen kann.
Die Maschinen laufen im Rausch des Funktionierens, sie kennen keinen Überfluß und keine ÜBERSCHREITUNG. Nie wird eine Maschine die ihr zugeschriebenen Funktionen übersteigen.
Der Mensch als OPERATOR sieht sich einem universellen Rückkopplungsmechanismus gegenüber, der alle Sensationen bisheriger Medien kassiert: auf dem Bildschirm sieht er die Bilder/Strukturen/Zellen/Wucherungen des eigenen Denkens veräußerlicht, an die er sich von Außen wieder anschließt. Selbst connected, verzweifelte Selbstreferenz, Auflösung aller Sinne in einem exzentrischen Kommunikationsakt, bei dem alle Daten, Verzweigungen, Programme, Schleifen, Fiktionen und Fakten stets in einer Kreislinie auf sich selbst zurückfallen. Selbstähnlichkeit. Referenzlosigkeit. (Baudrillard auf der ars electronica 88)
Das alles können Operationen einer neuen Poetik werden, wenn wir uns von der STRATEGIE DER SIMULATION nicht einlullen lassen und das, was auf dem Bildschirm erscheint in einer Kurzschlußreaktion als Wahrheit nehmen.
Ein ästhetischer Eingriff ist auf der Materialebene schon vorbereitet, denn die OBJEKTE, mit denen wir umgehen, sind von intelligenten Mechanismen (Tabellenkalkulationen, polyhierarchische Thesauri, endlosen Wenn-Dann-Verknüpfungen) auseinandergenommen worden. Im Vergleich zu einem linearen Text, einem Schnappschuß, einem Musikstück oder einem Gedicht sind sie als MATERIAL FREIGESETZT von Realität, von der reinen Anschauung, von der Natur.
Ein fataler Kurzschluß wäre es allerdings, diesen OUTPUT selbst als intelligent zu beschwören oder für Kunst zu halten. Ein PROZESS DES ZUSAMMENSETZENS/der KONZENTRATION und KOMBINATION kann hier in einem Akt der ENTWENDUNG einsetzen: Die Philosophen haben den Output informationsverarbeitender Maschinen bisher nur verschieden interpretiert, jetzt kommt es darauf an, diese Bedeutungsvektoren UMZUKEHREN. Statt gebannt auf die Simulationseffekte dieser Maschinen zu starren, müssen wir die empfangenen Informationen FÜTTERN: manipulieren, anreichern, für eigene Zwecke einsetzen, umstellen, löschen, unbefugt weitergeben, ausspähen, veröffentlichen. Dies alles ohne Rücksicht auf AUTOR/Eigentümer/SENDER.
Endlich muß Schluß sein mit dem Gerede von Sender/Empfänger, Autor/Leser, Kommunikation/Konversation, dem Mythos von MEDIUM und BOTSCHAFT. Diese Trennungen gehören im einer revolutionären UMKEHRUNG der PERSPEKTIVE der Vergangenheit an. Gefragt ist jetzt nicht mal mehr eine VERÄNDERUNG der Welt, sondern ein energetisch aufgeladener FEEDBACK-BOGEN, der die Verteilungskanäle wiederum in umgekehrter Richtung durchlaufen kann und die Sender über die Reaktionen der Empfänger informiert(Flusser). Das Scheitern der Philologen/Semiologen/Soziologen liegt darin, daß sie immer noch versuchen, das in den technischen Bildern Verborgene zu entziffern, anstatt deren PROGRAMM für sich nutzbar zu machen. Während die traditionellen Bilder und Texte SPIEGEL waren, sind technische Bilder - durchaus im emphatischen Sinne des Wortes PROJEKTIONEN. Ein derartig FREIER VERKEHR in öffentlich zugänglichen Netzen kann den SPIEGEL einer falsch verstandenen SIMULATIONS-REZEPTION zerschlagen.
Und genau diesen entscheidenden Prozeß dürfen wir nicht den Technikern, Systemprogrammierern und Datenschutzbeauftragten überlassen! Ein systemintegrierender Schaltplan der Medien verlängert nur die gegenwärtige Struktur gesellschaftlicher Kommunikation: zentralisierter Sender - vereinzelter, einsamer, in die Enge getriebener Empfänger.
Das wäre auf die Spitze getrieben die Fortsetzung einer Medienstrategie des Faschismus (GLEICH-schaltung von Volksempfängern und UKW-Übermittlung von Marschbefehlen an die Front, wie Kittler sie befürchtet) zur Meinungsvielfalt in der bürgerlichen Demokratie, die sich bekanntlich in der Wahl des eingeschalteten Programms erschöpft. Diese Konsumenten müssen durch Talk-Shows, Mitmach- und Grußsendungen sowie Volksbefragungen zumindest medial in ihrer totalen ZERSTREUUNG aufgefangen werden. Neben Bodybuilding, Squash und Sex gibt es Zerstreuung in den Labyrinthen interaktiver Abenteuerspiele oder -wie in Frankreich - einen Anschluß an das erotische Mini-TEL, das noch eine viel größere Parodie auf Erotik, Verführung und Gespräch zu werden verspricht.
Ein offensiv ästhetischer Gebrauch von Medienverbundsystemen wird da erschwert, wo eine MEDIEN-KRITIK am Output der Medien, d.h. den technischen Bildern selbst ansetzt (und so in den Untergangsgesang auf die literale Kultur einstimmt und nicht am produktionsästhetischen Nerv, d.h. an den Schaltungs- und Vernetzungsstrukturen. Auch die übliche Forderung nach sozialer Kontrolle der Sender bzw. sozialem Engagement der Produzenten (der Autor als Agent der Massen) löst nicht die INTERFACE-Problematik zwischen Medien und Produzenten. Dagegen stehen auf der Seite der Kunst die formalen Experimente einer sozial isolierten Avantgarde (Beckett, Cage), die innerhalb des Materials ihres Mediums (Sprache, Ton) aus den geschlossenen Zirkeln der Codierung ausbrechen.
Derartige Produktionsweisen aus dem Bereich der Kunst in einen anderen Umgang mit den Kommunikationsmedien einzuschleusen, weist möglicherweise aus dem Dilemma postmoderner Endzeittheorien heraus und läßt einen neuen ästhetischen Produktionsbegriff zu, der sich auf den Oberflächen der neuen Medien abspielt.
Solche programmatischen ENTWENDUNGEN suchen wir in einer quergelesenen Geschichte der Informationsverarbeitung ...