Odysseen des Wissens:


Odysseen des Wissens:

vernetzte Schreibweisen in digitalen Diskursen
http://www.hyperdis.de/enzyklopaedie

CH: Christiane Heibach
FC: Florian Cramer
HI: Heiko Idensen
JM: Joachim Meier
MK: Markus.Krajewski

Anti-Copyright

Das Fanzine VAGUE, das mit Beiträgen über Situationisten, Terrorismus, William S. Burroughs den radical chic der Londoner Gegenkultur der zweiten Hälfte der 1980er Jahre definiert und das populärste Medium des Plagiarism wird, verkehrt das Proto-Copyleft der Situationistischen Internationale in die Negation eines "Anti-Copyright".

"Anti-Copyright" heißt auch ein Mail Art-Distributionsprojekt, das 1989 vom späteren Netzkünstler und -essayisten Matthew Fuller in Cardiff betrieben wird.
FC

Antwort, ohne

Die Massenmedien sind dadurch charakterisiert, daß sie anti-mediatorisch sind, intransitiv dadurch, daß sie Nicht-Kommunikation fabrizieren - vorausgesetzt man findet sich bereit, Kommunikation als Austausch zu definieren, als reziproken Raum von Rede und Antwort, als Raum also einer Verantwortung [...] als eine vom einen zum anderen im Austausch sich herstellende persönliche Korrelation. Anders gesagt: vorausgesetzt, man definiert Kommunikation anders denn als bloße(n) Sendung/Empfang einer Information, und sei sie auch umkehrbar durch Feed-Back. Die gesamte gegenwärtige Architektur der Medien gründet jedoch auf dieser letzteren Definition: die Medien sind dasjenige, welche die Antwort für immer untersagt, das, was jeden Tauschprozeß verunmöglicht [...] die Macht gehört demjenigen, der zu geben vermag und dem nicht zurückgegeben werden kann. [...] Hier wird zwar gesprochen, aber so, daß nirgends darauf geantwortet werden kann. Deshalb besteht auch die einzig mögliche Revolution in diesem Bereich [...] in der Wiederherstellung dieser Möglichkeit der Antwort. [...] Jeglicher Versuch, die Inhalte zu demokratisieren, sie zu unterwandern [...], oder die Macht über die Medien zu erobern, ist hoffnungslos, wenn nicht das Monopol der Rede gebrochen wird, und zwar nicht, um jedem Einzelnen das Wort zu erteilen, sondern damit die Rede ausgetauscht, gegeben und zurückgegeben werden kann, wie manchmal der Blick oder ein Lächeln, und ohne daß sie je angehalten, zum Gerinnen gebracht, gespeichert und an irgendeiner Stelle des gesellschaftlichen Prozesses neu verteilt werden kann.
(Baudrillard, Jean: Requiem für die Medien, in: ders.: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, 83-118, hier: 91,92)
HI

Archiv: audiovisuelles

Die Archäologie, die Genealogie ist ebenso eine Geologie. Die Archäologie ist das Archiv, und das Archiv hat zwei Teile: Audio-visuell geht es nicht um "Wörter und Dinge" (Foucaults Buch Les mots et les choses trägt nur aus Ironie diesen Titel). Man muß die Dinge spalten, um aus ihnen die Sichtbarkeiten zu ziehen. ... Ebenso muß man die Wörter und die Sätze spalten, um aus ihnen die Aussagen zu ziehen. Und das Aussagbare einer Epoche ist die herrschende Form der Sprache, un die ihr inhärenten Variationen, durch die sie sich unaufhörlich überschreitet, indem sie von einem homogenen System zum nächsten springt (die Sprache befindet sich stets im Ungleichgewicht). Das große historische Prinzip Foucaults lautet: Jede historische Formation sagt alles, was sie sagen kann, und sieht alles, was sie sehen kann. Zum Beispiel der Wahnsinn im 17. jahrhundert: Unter welchem Licht kann er gesehen und in welchen Aussagen kann er gesagt werden? Und wir heute: Was sind wir zu sagen imstande, was sind wir zu sehen imstande? ...
Und daß es zwischen den Sehen und dem Sagen eine Disjunktion gibt, daß die beiden durch einen Abstand, eine irreduzible Distanz getrennt werden, bedeutet nur dies: Man wird das Problem der Erkenntnis (oder vielmehr des Wissens) nicht lösen, indem man eine Entsprechung oder auch eine Ausgleichung geltend macht. Man wird die Vernunft, die sie überkreuzt und ineinander verflicht, anderswo suchen müssen. Es ist, als ob das Archiv von einem großen Riß durchzogen wäre, der auf der einen Seite die Form des Sichtbaren und auf der anderen die Form des Aussagbaren setzt, die beide irreduzibel aufeinander sind. Und außerhalb der Formen, in einer anderen Dimension läuft der Faden, der sie miteinander verkettet und das Zwischen besetzt.
(Deleuze, Gilles: Das Leben als ein Kunstwerk. Gespräch mit Didier Eribon. in: Schmid, Wilhelm (Hg.): Denken und Existenz bei Michel Foucault. Frankfurt/ Main 1991, 163/164; (andere Übersetzung in: Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 139)
HI

Archiv: Denken

Denken ist zunächst Sehen und Sagen, aber unter der Bedingung, daß das Auge nicht bei den Dingen stehenbleibt, sondern sich bis zu den 'Sichtbarkeiten' erhebt, und daß die Sprache nicht bei den Wörtern oder SÄtzen stehenbleibt, sondern sich bis zu den ,Aussagen` erhebt. Das ist das Denken als Archiv. Und dan ist Denken Macht, das heißt Machtverhältnisse zu spannen, unter der Bedingung, zu begreifen, daß die Kräfteverhältnisse sich nicht auf Gewalt reduzieren, sondern Handlungen in Hinsicht auf Handlungen darstellen, das heißt Akte wie 'anstacheln, eingeben, umleiten, erleichtern oder erschweren, erweitern oder begrenzen, mehr oder weniger wahrscheinlich machen.`(Michel Foucault: Wie wird Macht ausgeübt? in: Hubert L.Dreyfus u. Paul Rabinow: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt/M. 1987, 255) Das ist das Denken als Strategie. Schließlich findet in den letzten Büchern die Entdeckung eines Denkens als 'Prozeß der Subjektwerdung' statt: Es ist stumpfsinnig, darin eine Rückkehr zum Subjekt zu sehen. Es handelt sich um die Konstituierung von Existenzweisen, oder wie Nietzsche sagte, um die Erfindung neuer Möglichkeiten des Lebens. Die Existenz nicht als Subjekt, sondern als Kunstwerk, und diese letze Phase ist das Künstler-Denken. Offensichtlich liegt das Wesentliche darin, zu zeigen, wie man notwendigerweise von der einen dieser Bestimmungen zur nächsten gelangt: Diese Übergänge sind nicht schon fertig, sie fallen mit den Wegen zusammen, die Foucault einschlägt, mit den Stufen, die er emporsteigt, der er ebenso entstehen läßt wie verspürt.
(Deleuze, Gilles: Das Leben als ein Kunstwerk. Gespräch mit Didier Eribon. in: Schmid, Wilhelm (Hg.): Denken und Existenz bei Michel Foucault. Frankfurt/ Main 1991, 162-163)
HI

archivieren: querlesen & schreiben

Alles beginnt wie in einer Erzählung von Borges: Ein neuer Archivar und Datenschutzbeauftragter wird gesucht - technokratischer Repräsentant einer neuen Speichertechnologie oder begeisterter Anhänger der alten Archive, der den Zugang zu den telematischen Netzwerken kontrollieren und beschränken will? Herkömmliche autorisierte Aussagen, vertikale oder horizontale Hierarchien sind schwer zu finden in den vernetzten Datenbeständen. Die neuen Informationseinheiten bestehen nicht aus Proposition, Sätzen, Geschichten, Mythen, sondern aus (einfachen) Aussagen. Keine Fakten, keine Fiktionen. Die neuen Archive können nur quergelesen werden - diagonale Schnitte durch verschiedene Datensätze. Häufungen, Kreuzungspunkte, Aussageverkettungen, die jeder aus dem anonymen Gemurmel des Netzes knüpfen kann. Formationen, deren Referenzpunkte erst durch Suchbewegungen der Archivbenutzer projeziert werden. Durch ein Herauslösen von 'fragment showers of information', von Wortchunks aus der mehr oder minder zufälligen Anordnung der Daten im Archiv.
(HI, ev. Entwendung eines Zitats in: Deleuze, Gilles: Foucault, Frankfurt/Main 1992, OT: Foucault, Paris, 1986)
HI

Audiovisionen

"Diejenigen, die McLuhan nicht richtig gelesen haben oder verstanden haben, könnten denken, daß es in der Natur der Sache liegt, daß die audiovisuellen Medien an die Stelle des Buchs treten, da sie ebenso viele schöpferische Möglichkeiten wie die verstorbene Literatur oder andere Ausdrucksformen haben. Das stimmt nicht. Denn wenn die audiovisuellen Medien das Buch ersetzen sollten, so nicht als konkurrierendes Ausdrucksmittel, sondern als Monopol von Organisationen, die die schöpferischen Möglichkeiten im audiovisuellen bereich ebenfalls ersticken. Wenn die Literatur stirbt, so notwendigerweise eines gewaltsamen Todes und durch politischen Mord. [...] Die Frage liegt nicht in einem Vergleich der Genres. Es geht nicht um die Alternative zwischen schriftlicher Literatur und audiovisuellen Medien. Sondern um die zwischen schöpferischen Potenzen [...] und Unterwerfung. Es ist sehr fraglich, ob das Audiovisuelle sich schöpferische Bedingungen geben kann, wenn die Literatur nicht die ihren bewahrt. Die Möglichkeiten der Schöpfung können sehr verschieden sein, je nach der Ausdrucksform, sie kommunizieren dennoch, da sie alle sich der Einrichtung eines vom Markt und Konformität diktierten Kulturraumes, d.h. einer "marktgerechten Produktion" widersetzen müssen."
(Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 190/191)
HI

Aufschreibesysteme: Bleistift, Kugelschreiber und Filzstift

"der text erscheint in zwei fassungen, die durch die drucktype unterschieden sind. es ist also jeweils die linke beziehungsweise die rechte spalte im zusammenhang zu lesen. niemand ist es jedoch verwehrt, von der linken in die rechte oder von der rechten in die linke hinüberzulesen. es wird empfohlen, mit bleistift, kugelschreiber und filzstift zu lesen. mit dem bleistift streicht man die stellen an, die zusammengehören, auch wenn sie weit auseinander oder in verschiedenen spalten stehen. mit dem kugelschreiber korrigiert man, was korrekturbedürftig erscheint, ergänzt, was einem zur ergänzung einfällt, nicht nur die anführungszeichen an stellen, wo man jemanden sprechen hört, sondern auch wörter, satzteile, redensarten, sprichwörter, zitate (auch selbstgemachte, vom himmel gefallene, denkbare, sagbare).
der filzstift macht unleserlich, was überflüssig erscheint. bedenken sie dabei, dass seine schwarzen würmer zum text gehören werden."
(Mon, Franz, herzzero, Neuwied 1968, 5)
HI

Aufschreibesysteme: Diskursnetzwerke

"Das Wort Aufschreibesystem [...] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Entnahme, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben. [...] Nun sind zwar alle Bibliotheken Aufschreibesysteme, aber nicht alle Aufschreibesysteme Bücher. [...] Archäologien der Gegenwart müssen auch Datenspeicherung, -übertragung und-berechnung in technischen Medien zur Kenntnis nehmen." (Kittler, Friedrich (1987), Aufschreibesysteme 1800/1900, München, 429)
HI

Aufschreibesysteme: Literatur-technische Medien

Die poetischen Operationen mit denen Ezra Pound, Stéphané Mallarmée, James Joyce u.a. die Verwendung der Sprache revolutionieren, sind genau dieselben, die die Pioniere einer vernetzten Ideenproduktion in den sechziger Jahren auf der neuen Wunschmaschine Computer implementieren: assoziativer Zugriff auf Daten unterschiedlichster Art, offene Texte, die an jeder Stelle verändert, ergänzt und mit anderen Textstellen (oder Bildern) verknüpft werden können; jedes Wort wird zu einem Knoten von Bedeutungen, zu einem möglichen Absprungort für neue Konstellationen, Anspielungen und Verweise ...
Schreiben (als écriture im poetischen Sinne, als Tätigkeit, als Machen, Hervorbringung) geschieht (schon) immer on-line: eingeschaltet in die Projektions-Apparatur (eines Aufschreibe-Systems), schaltet der Schreibprozeß ständig hin und her zwischen Senden/Empfangen, Erinnern/Vergessen, Fortführung/ Bruch ...
Die aufkommenden technischen Medien beflügelten die Literatur seit der Jahrhunderwende und führten zu einer Reflektion medialer Auflösungserscheinungen in der Literatur (Futurismus, Noveau Roman, James Joyce).
HI

Aufschreibesysteme: typographischer interaktionsfreier Reflexionsraum?

"Aktuell schein es eindeutig so zu sein, daß Gedrucktes aus dem Zentrum der kulturellen Diskursorganisation rückt. Der mythologisierende Ausdruck einer ,neuen Einbildungskraft` steht vor dem Hintergrund der Annahme, daß der alphanumerische Code konkurrenziert und womöglich verdrängt wird. .[..] Der Buchdruck, die neuzeitliche Rationalität, die Aufklärung und das wahrnehmungstheoretische Konzept moderner Wissenschaft hängen eng zusammen. (siehe Elisabeth Eisenstein: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa, Wien 1997) Die Wissenschaft, ,selbst ein Kind der typographischen Informationsgewinnung und -verarbeitung` (Michael Giesecke), tendiert zur Legitimation ihres eigenen Apparates. Die Philosophie als ein Spezialfall der modernern Wissenschaft kommentiert, interpretiert und verwaltet Texte, sie bedeutet Arbeit am interaktionsfreien Reflexionsraum und thematisiert deshalb ihre Medien so gut wie nie, noch ist Kommunikation für sie ein wirkliches Thema."
(Frank Hartmann: Medienphilosophie, Wien 2000, 25)
HI

Aussagen: mit variablen Subjekt-Stellen

Die Aussagen aus den neuen Archiven verweisen weder auf Autoren, Aussagesubjekte, noch auf Instanzen, die für die Speicherung, Konservierung, Kontrolle sorgen.
Diese Datenbanken versorgen den postmodernen Menschen mit Grund'nahrung': Information und Verknüpfbarkeit. (->Lyotard) Analog zu literarischen Produktionsweisen (->Blanchot) bestehen die Hypertexte aus Mannigfaltigkeiten, die sich nicht axiomatisch noch typologisch, sondern topologisch verknüpfen. (vgl. Deleuze, Gilles: Foucault, Frankfurt/Main 1992, OT: Foucault, Paris, 1986, 9-36)
"Man muß niemand Besonderes sein, um eine Aussage zu produzieren, und die Aussage verfweist auf kein Cogito, weder auf ein tranzendentales Subjekt, das sie ermöglichte, noch auf ein Selbst (Moi), das sie zum ersten Male (oder zum wiederholten Male) äußerte, noch verweist sie auf einen Zeitgeist, der sie konservierte, propagierte und kontrollierte. (vgl. Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, Frankfurt/Main 1981, Originaltitel: L'archéologie du savoir, 225)Es gibt für jede Aussage zahlreiche und außerdem sehr variable Subjekt-'Stellen'. Aber genau weil in jedem einzelnen Falle sehr verschiedene Idividuen diese Plätze einnehmen können, ist die Aussage der spezifische Gegenstand einer Häufung, gemäß der sie sich erhält, überträgt oder wiederholt. Diese Häufung ist so etwas wie die Bildung eines Vorrats [...].
(Deleuze, Gilles: Foucault, Frankfurt/Main 1992, OT: Foucault, Paris, 1986, 13)
HI

Aussage: das große Murmeln

"Das Subjekt ist eine Variable oder besser eine Gesamtheit von Variablen der Aussage. Es ist eine aus der einfachen Funktion oder aus der Aussage selbst abgeleitete Funktion. [...] das Subjekt ist ein Platz oder eine Position, die je nach Typus und Schwelle der Aussage stark variiert, und der 'Autor' selbst ist nur eine dieser in bestimmten Fällen möglichen Positionen. Es kann sogar mehrere Positionen für ein und dieselbe Aussage geben. So daß am Anfang ein man spricht steht, ein anonymes Murmeln, in dem die Stellungen für mögliche Subjekte vorgesehen sind: 'ein unaufhörliches und verwirrtes Summen des Diskurses.' [Subjekt der Aussage: Archäologie 134, großes Murmeln: Anfang von 'Ordnung des Diskurses' und Schluß 'Was ist ein Autor']
(Gilles Deleuze: Foucault, Frankfurt am Main 1987, OT, Paris 1986, 79)
HI

Automobilität: Fahrn, Fahrn, Fahrn auf der Autobahn ...

"Die auf der Windschutzscheibe erscheindende (illusorische) Belebtheit erweitert die Natur um etwas, was ehedem den Fabeltieren zukam. [...] Die Ordnung des ländlichen Lebens, die Ruhe des Landes werden über den Haufen geworfen von der industriellen Revolution [...] und werden es künftig noch viel mehr durch die Revolution des Transportwesens, das heißt den exponentiellen Anstieg der Geschwindigkeit der Massenkommunikationsmittel. Telegraf, Telefon, Radio und Fernsehen zeichnen sich schon im Abteilfenster des Zuges oder im Heckfenster des Autos ab. [...]" (51)
Derart in Fahrt gekommen: Fast forward >>:
"Der Verlust kinetischer und taktiler Eindrücke, von Geruchseindrücken, wie sie die direkte Fortbewegung noch lieferte, läßt sich nicht durch eine vermittelte, eine Medien-Wahrnehmung, durch das Vorbeiziehen der Bilder an der Windschutzscheibe des Autos, auf der Kinoleinwand oder gar dem kleinen Fernsehbildschirm ersetzen. Dieser illusorische Ersatz ist gleichsam zu einer 'Spitzenindustrie' der Elektronik geworden."
(Virilio, Paul: Fahrzeug, in : Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Bark, K.; Gente, P.; Paris, H.; Richter, S. (Hg.), Leipzig 1990, 47-70, hier: 51; 62)
HI

Autor: Schreiber, Kompilator, Kommentator

"Es gibt vier Arten, ein Buch zu machen. Man kann Fremdes schreiben, ohne etwas hinzuzufügen oder zu verändern, dann ist man ein Schreiber (scriptor). Man kann Fremdes schreiben und etwas hinzufügen, das nicht von einem selbst kommt, dann ist man ein Kompilator (compilator). Man kann auch schreiben, was von anderen und von einem selbst kommt, aber doch hauptsächlich das eines anderen, dem man das Eigene zur Erklärung beifügt, und dann ist man ein Kommentator (commentator), aber nicht ein Autor. Man kann auch Eigenes und Fremdes schreiben, aber das Eigene als Hauptsache und das Fremde zur Bekräftigung beifügen, und dann muß man als Autor (auctor) bezeichnet werden." (Illich, Ivan (1991): Im Weinberg des Textes. Als das moderne Schriftbild entstand. Ein Kommentar zu Hugos "Didascalicion", Frankfurt/Main, Originaltitel: L'Ere du livre, Paris 1990, S. 112)
HI

Autors, Tod des - Geburt des Lesers

"Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ,Botschaft` des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedenen Schreibweisen [écritures], von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unterschiedlichen Stätten der Kultur. [...] Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft und dieser Ort ist nicht der Autor [...], sondern der Leser. Der Leser ist der Raum, in dem sich alle Zitate, aus denen sich die Schrift zusammensetzt, einschreiben, ohne dass ein einziges verloren ginge. Die Einheit eines Textes liegt nicht in seinem Ursprung, sondern in seinem Zielpunkt. [...] Die traditionelle Kritik hat sich niemals um den Leser gekümmert; sie kennt in der Literatur keinen anderen Menschen als denjenigen, der schreibt. [...] Wir wissen, dass der Mythos umgekehrt werden muss, um der Schrift eine Zukunft zugeben. Die Geburt des Lesers ist zu bezahlen mit dem Tod des Autors."
(Roland Barthes, "Der Tod des Autors", in: Texte zur Theorie der Autorschaft, hg. v. Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez, Simone Winko, Stuttgart 2000, S. 185-193, hier S. 190 f.)
HI

Autor als immaterieller Netzarbeiter: Subjekt/Objekt

Ein Ensemble von Tätigkeitsmerkmalen, die in der Moderne ganz klar dem Autor, dem Künstler oder dem Intellektuellen zugedacht und auf den ,Leib geschrieben` waren, vollzieht sich jetzt über das ,Interface` des allgemeinen immateriellen Arbeiters, der entscheidend daran mitwirkt, die Netzwerke der neuen Produktionsweisen aufzubauen, Akkumulations- und Reproduktionsprozesse der neuen Märkte aufzuspüren, den Aktienkurs in Turbulenzen zu bringen - und vor allem seine eigenen Subjektivitäten ins Spiel zu bringen, allzeit bereit, jederzeit selbst unternehmerisch tätig zu werden und gleichzeitig die Verhältnisse und das Verständnis davon, was Arbeit, Artikulation, Zeichen und Wert ist, radikal in Frage zu stellen; Lazzazato beschreibt eben jenes absurde Verhältnis, gleichzeitig Produzent und Konsument, Autor und Leser, Kapital und Arbeit, Subjekt und Objekt zu sein: "Das ,Rohmaterial` der immateriellen Arbeit ist Subjektivität [...]. Die Produktion von Subjektivität hört auf, in erster Linie ein Instrument sozialer Kontrolle zu sein, Marktsubjekte für Tauschverhältnisse hervorzubringen; sie wird unmittelbar produktiv, zielt [...] auf die Konstruktion konsumierend-kommunizierender Subjekte, die selbst ,aktiv` sind. Immaterielle Produzentinnen und Produzenten [...] sorgen dafür, dass eine Nachfrage befriedigt wird, und zur gleichen Zeit schaffen sie diese Nachfrage. Die Tatsache, dass immaterielle Arbeit Subjektivität und (ökonomischen) Wert zur gleichen Zeit produziert, zeigt, wie die kapitalistische Produktionsweise unser Leben durchdrungen und hergebrachte Unterscheidungen - Ökonomie, Macht, Wissen - niedergerissen hat. Der Prozeß gesellschaftlicher Kommunikation ist mitsamt seinem Hauptinhalt, der Produktion von Subjektivität, unmittelbar produktiv geworden: Hier wird gewissermaßen die Produktion ,produziert`."
(57 f)
Dieses Ineinanderfallen und Überlagern der Produktionsprozesse (von Wissen, Gedanken, Bildern, Tönen, Sprache, Programmen und Organisationsweisen) und deren Kommunikation, Verbreitung und Verwertung schließt materielle und ästhetisch-wissenschaftliche Produktionsweisen kurz: die klassischen Autorfunktionen werden industriell-organisierten Produktionsprozessen unterworfen, während die Rezipienten, Konsumenten und Adressaten durch produktive Rezeption zum aktiven Bestandteil des Verwertungs- und Reproduktionskreislaufes werden. Genau an dieser Schnittstelle, dieser kreativen Austauschbeziehung liegen die entscheidenden Möglichkeiten der neuen Produktionsverhältnisse: "Immaterielle Arbeit konstituiert unmittelbar kollektive Formen, Netzwerke und Ströme."
(Lazzazato, Maurizio, "Verwertung und Kommunikation. Der Zyklus immaterieller Produktion", in: Umherschweifende Produzenten, S. 53-66, hier: 61)
HI

Autorenfunktion

"Andererseits gilt die Funktion Autor nicht übertall und nicht ständig für Diskurse. In unserer Kultur haben nicht immer die gleichen Texte einer Zuschreibung bedurft. Es gab eine Zeit, in der die Texte, die wir heute 'literarisch' nennen (Berichte, Erzählungen, Epen, Tragödien, Komödien), aufgenommen, verbreitet und gewertet wurden, ohne daß sich die Autorfrage stellte [...]. Im Gegensatz dazu wurden die Texte, die wir heute wissenschaftlich nennen, über die Kosmologie und den Himmel, die Medizin und die Krankheiten, die Naturwissenschaften oder die Geographie im Mittelalter nur akzeptiert und hatten nur dann einen Wahrheitswert, wenn sie durch den Namen des Autors gekennzeichnet waren." (Foucault, Michel 1979: Was ist ein Autor? In: Ders.: Schriften zur Literatur. Berlin, S. 7-31, leicht gekürzte Neuauflage in: Foucault 1999: Botschaften der Macht, Stuttgart, 30-49, S. 19)
HI

Autorschaft, Übertragung der

"Die Ordnung des Diskurses zeigt Foucault als Meister der Texteröffnung. Bereits mit seinen ersten Worten, die zunächste den Eindruck erwecken, als müßte der Leser über sie hinweg in den Vortrag erst noch hineinfinden, ist er beim Thema. Wir bemerken es, indem wir der Aporie dieses Anfangs innewerden, des ausdrücklichesn Wunsches nämlich, nicht anfangen zu müssen.
Das in diesem Verlangen zum Ausdruck gebrachte Unbehagen gilt offenkundig der durch die Rede hervorgerufenen Situation, die immer schon da ist, sobald der Redner seine Stimme erhebt. Der absolute, in die Leere des Raumes und der Zeit gesprochene Beginn ist eine Fiktion. Reden bedeutet mitteilen, und es heißt auch, Beziehungen zu stiften und Positionen zu besetzen. Dieser Redner, der da zu uns spricht, sperrt sich dagegen, unversehens als Urheber seiner Aussage identifiziert zu werden. Statt als Verkünder einer Wahrheit hervortreten zu wollen, sucht er Schutz in seinem Text, den er, wie wir erfahren, am liebsten durch den Seiteneingang betreten hätte. (53)[...]
Solchen Fiktionalisierungen vergleichbar ist das auch in der Philosophie von alters her geläufige, gelegentlich auch von Foucault angeführte Verfahren der Prosopopöie, nämlich die Übertragung der Autorschaft auf einen fiktiven Erzähler, der stimmführend die Gedanken vorträgt, um das Wort in der Schwebe zu halten und vor übereilten Zugriffen zu bewahren."
(Ralf Konersmann: Der Philosoph mit der Maske. Michel Foucaults L'ordred du discours, in: Michel Foucault. Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 1991, OT: L'ordre du discours, Paris 1992, 53-94, hier 53, 54)
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BESCHREIBUNGEN

Immer zu viele in Romanen
(Flaubert, Gustave: Wörterbuch der Gemeinplätze, München 1985, Originaltitel: Dictionaire des idées reçues, Paris 1972)
HI

Bibliothek der Gnade

"Die Bibliothek der Gnade wurde im Jahre 1997 gegründet. (...) in sämtlichen Zeitungen erschien eines Novembertages 1997 die gleiche Annonce. Es sei, hieß es dort, eine Spezialbibliothek geschaffen worden. Ihr Ziel bestünde in der Sammlung, Archivierung und dem öffentlichen Zurverfügungstellen all derjenigen Werke, die keinen Verlag gefunden hatten. Arbeiten jeder Art und jeglichen Umfangs seien willkommen. Die Bibliothek mache keine Unterschiede. Tagebücher, verschmähte Enzyklopädien, Waschzettel, Abhandlungen, Träume, Spruchsammlungen, Witze, Pamphlete, Romane - was auch immer in Schriftform vorliege und gedemütigt sei, es fände nun seinen Ort und seine Signatur. (...) Jedes eingereichte Manuskript werde mit Freuden angenommen und zugleich einer konservatorischen Behandlung unterzogen, um es für spätere Jahrhunderte und deren klügeres Urteil haltbar zu machen. Jedermann habe, Tag und Nacht, Zutritt zur Bibliothek. Auf Verlangen erhielte man eine mit neuartigen Reproduktionstechniken blitzschnell hergestellte Kopie jeder beliebigen Arbeit kostenlos ausgehändigt. Modernste Computertechnologie mit ausgeklügelten Retrievalsystemen ermöglichen den uneingeschränkten Zugriff auf die Bestände, in sämtlichen Sprachen der Welt. (...) Es ist kein Geheimnis, daß sich gerade in den Anfängen der Bibliothek die Mehrzahl der Benutzer aus Autoren rekrutierte. (...) Mit dem unaufhaltsamen Anwachsen der Gnadenbibliothek (...) spitze sich der Konflikt zwischen der althergebrachten Lese- und Schreibkultur auf der einen Seite und der anarchistischen Flut der Freien auf der anderen Seite zu. Die Beliebtheit der Gnadenbibliotheken verkleinerte die Absatzchancen des selektierenden Verlagswesens drastisch. (...) Energisch wies man auf die eigene Bedeutsamkeit hin. Die Flut einzudämmen, aus dem Strom aus Höchstem und Tiefstem, aus Geschmiere, Mittelmäßigen, Dilettantischem, Widerwärtigem (...) die wenigen Fische herauszuangeln, die der Lesemühe wert seien, müsse als undankbares und edles Geschäft hoch geachtet werden. (...)"
(Thomas Lehr: Zweiwaser oder die Bibliothek der Gnade, Berlin 1992, S. 347 ff)
HI

Begriff: Metapher, Analogie, unexakte

Sie lehnen sehr heftig Metaphern ab, auch die Analogien [...] Aber später reden Sie immerzu von unscharfen Mengen, von offenen Systemen. [...] Wäre es nicht möglich, daß sie darin Metaphern sehen? [..]
Es gibt Begriffe, die von Natur aus exakt, quantitativ, in Gleichungen ausdrückbar sind und die nur durch ihre Exaktheit Bedeutung haben: diese kann ein Schriftsteller oder Philosoph nur im metaphorischen Sinne verwenden, was sehr schlecht ist, denn sie gehören zur exakten Wissenschaft. Es gibt jedoch auch Begriffe, die grundsätzlich unexakt sind und dennoch absolut streng und auf die die Wissenschaftler nicht verzichten können; sie gehören gleichzeitig Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern. (Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 47)
HI

BSD

Akronym für "Berkeley Software Distribution". Derivat des Unix-Betriebssystems, das seit den 1970er Jahren an der University of California at Berkeley, u.a. unter dem Projektleiter Bill Joy, entwickelt wurde. Der originale Unix-Quellcode von AT&T wurde schrittweise durch Eigenentwicklungen, die unter eine Freie Software-Lizenz gestellt wurden, ersetzt. Seit Anfang der 90er Jahre gibt es mit NetBSD, FreeBSD und OpenBSD (sowie deren Vorläufer BSD386) funktional vollständige freie BSD-Derivate, die mit GNU/Linux konkurrieren. FC

Buch als Brille

"Das Buch hat aufgehört, ein Mikrokosmos nach klassischer und abendländischer Art zu sein. Das Buch ist kein Bild der Welt und noch viel weniger Signifikant. Es ist noch schöne organische Totalität, auch nicht mehr Einheit des Sinns. Michel Foucault antwortet auf die Frage, was für ihn ein Buch sei: eine Werkzeugkiste. (Michel Foucault (1976): Mikrophysik der Macht, Berlin, 45) Und Proust, dessen Werk voller Bedeutungen stecken soll, meinte, daß sein Buch wie eine Brille sei: probiert, ob sie euch paßt; ob ihr mit ihr etwas sehen könnt, was euch sonst entgangen wäre; wenn nicht, dann laßt mein Buch liegen und sucht andere, mit denen es besser geht. Findet die Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen könnt.

Wir lesen und schreiben nicht mehr in der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod des Buches, sondern eine neue Art zu lesen. In einem Buch gibt' s nichts zu verstehen, aber viel dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Ein Buch muß mit etwas anderem 'Maschine' machen, es muß ein kleines Werkzeug für ein Außen sein."
(Deleuze, Gilles; Guattari, Félix (1977): Rhizom, Berlin (Originaltitel: Rhizome. Introduction (1976), Paris, 40)
HI

Buch als kleine Maschine

Es gibt keinen Unterschied zwischen dem, wovon ein Buch handelt, und der Art, wie es gemacht ist. Ein Buch hat also kein Objekt mehr. Als Verkettung steht es nur in Verbindung mit anderen Verkettungen... Man fragt nie, was ein Buch bedeuten will, Signifikant hin, Signifikant her, man sucht in einem Buch nichts zu begreifen; man fragt, womit ein Buch funktioniert, in welchen Verbindungen es Intensitäten strömen läßt... Ein Buch existiert überhaupt nur durch das Außen und im Außen. Wenn das Buch also selbst eine kleine Maschine ist, in welchem meßbaren Verhältnis steht dann diese literarische Maschine zu einer Kriegsmaschine, einer Liebesmaschine, einer Revolutionsmaschine, etc. und zu einer a b s t r a k t e n M a s c h i n e , die alle mit sich zieht? Man hat uns vorgeworfen, wir hätten uns zu oft auf Literaten berufen. ein idiotischer Vorwurf. Denn beim Schreiben geht es nur darum, zu wissen, an welche andere Maschine die literarische Maschine angeschlossen werden kann, ja angeschlossen werden muß, damit sie funktioniert.
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Rhizom, Berlin 1977, 7)
HI

Buch als Mapping und Rasterplan

Der Konsistenzplan (Raster) ist das Außen aller Vielheiten... Es ist möglich und notwendig, alle diese Vielheiten auf ein und demselben Konsistenz- oder Äußerlichkeitsplan flachzudrücken, welche Dimension auch immer sie haben mögen. Das Ideal eines Buches wäre, alles auf einem solchen Plan der Äußerlichkeit auszubreiten, auf einer einzigen Seite, auf ein und demselben Strand: gelebte Ereignisse, historische Bestimmungen, Gedankengebäude, Individuen, Gruppen und soziale Formationen.
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Rhizom, Berlin 1977, 15)
HI

Buch-Interface

"Mit der Fusion von Technologie und Kultur hat es etwas Merkwürdige auf sich. [...] Als James Joyce 1922 seinen Roman Ulysses veröffentlichte, der alle unseren Erwartungen darüber revolutionierte, wie ein Buch aussehen solle, war er da sehr viel anders als Gutenberg? Man konnte es damals zwar nicht erkennen, doch Joyce war ein hochbegabter Techniker, der mit seiner Buch-Maschine herumexperimentierte und sie Dinge tun ließ, die sie noch nie zuvor getan hatte. Seine Zeitgenossen hielten ihn für einen Künstler (oder einen Pornographen, je nachdem mit wem man sprach), doch aus heutiger Sicht hätte er ebensogut ein Propgrammierer sein können, der den Programmcode für eine Satz- und Druck-Anwendung schreibt. Joyce schrieb die Software für eine Hardware, die einst Johannes Gutenberg ersonnen hatte. Wenn man den Blickwinkel umkehrt, bleibt die Analogie genauso gültig: Gutenbergs umwälzende Erfindung, welche die vorhandene Manuskript-Technologie revolutionierte, die auf Gänsekiele und Schreiber angewiesen war, bleibt ein ebenso profunder schöpferischer Akt wie Molly Blooms Schlußmonolog in Ulysses. Beide Innovationen waren das Ergebnis aufregend einfallsreicher Sprünge nach vorn, und beide veränderten unsere Sicht auf die Welt. Gutenberg baute eine Maschine, die Joyce mit einigen innovativen Programmen frisierte, und Joyce brüllte die Variation eines Themas hinaus, das ursprünglich Gutenberg zu Papier gebracht hatte. Beide waren Künstler. Beide waren Techniker."
(Steven Johnson, Interface Culture. Wie neue Technologien Kreativität und Kommunikation verändern, Stuttgart 1999, (OT, New York 1997), S. 11)
HI

black box

Das Subjekt schrumpft zur BLACK-BOX. Das ist zauberhaft, DAS IST MAGISCH. (Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
HI

chinesische Enzyklopädie

Dieses Buch hat seine Entstehung einem Text von Borges zu verdanken. Dem Lachen, das bei seiner Lektüre alle Vertrautheiten unseres Denkens aufrüttelt, des Denkens unserer Zeit und unseres Raumes, das alle geordneten Oberflächen und alle Pläne erschüttert und unsere tausendjährige Handhabung des Gleichen und des Anderen schwanken läßt und in Unruhe versetzt. Dieser Text zitiert "eine gewisse chinesiche Enzyklopädie", in der es heißt, daß "die Tiere sich wie folgt gruppieren: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebären, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen. (Jorge Luis Borges, Die analytische Sprache John Wilkins', 212) Bei dem Erstaunen über diese Taxinomie erreicht man mit einem Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird - die Grenze unseres Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken. (Die Ordnung der Dinge, 17)
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Copyleft

In einer Geschichte des Copylefts sollte folgendes Zitat nicht fehlen:

"Alle in Situationistische Internationale veröffentlichten Texte dürfen frei - auch ohne Herkunftsangabe - abgedruckt, übersetzt und bearbeitet werden." (Situationistische Internationale, übers. von Pierre Gallissaires und Hannah Mittelstädt, Hamburg: MAD Verlag, 1976, Bd.1)
Dieses Impressum, das alle formalen Kriterien einer Freien Software-Lizenz gemäß den Debian Free Software Guidelines und gemäß der Open Source Definition erfüllt, formuliert kein neues "Open Content"-Copyleft, sondern steht in einer politischen Künstlerzeitschrift von 1958. (s.a. Anti-Copyright)
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Copyleft vs. Plagiat

Open Source bzw. Freie Software kennt zumindest den traditionellen Begriff des Plagiats nicht, weil ihr Code frei kopierbar ist und daher auch kein plagiierbares "Original" kennt. Das Copyleft der GNU General Public License ist kein Anti-Copyright, sondern eine neue Form des Copyrights, das die freie Zirkulation von Code mit Mitteln des Urheberrechts verteidigt. So gibt es in Freier Software durchaus einen Straftatsbestand der illegitimen Appropriation, dann zum Beispiel, wenn freier Code entgegen der Lizenzbestimmung in unfreier Software verwendet wird oder wenn die Herkunft von Code, der in anderen freien Code übernommen wird, nicht kenntlich gemacht wird.
FC

C.R.E.W.

"Compact for Responsive Electronic Writing (C.R.E.W.)" ist ein Zusammenschluß von Word Wide Web Autoren, die ihre Dokumente öffnen wollen für Links von anderen Lesern/Schreibern aus der Gemeinschaft. Durch diese Querverbindungen auf Gegenseitigkeit hoffen die Initiatoren, das WWW von einem passiven Hypertext, in dem die Leser lediglich Links folgen können, in einen aktiven zu transformieren, in dem die Leser auch neue Links erzeugen können.
"Präambel
Wir glauben an Hypermedia und das World Wide Web...
Hyperdokumente sind nicht nur Ansammlungen von Knoten und Links, sondern Entfaltungen von Knoten und Links im Raum ...
Der Hypermedia-Raum ist nicht der Raum des Buches ...
Wir sehen die Notwendigkeit, Computer-Netzwerke zur Erfindung neuer kollektiver Formationen der Intelligenz zu benutzen, für neue Interaktionweisen zwischen Menschen ...
Es ist besser, zu handeln, als darüber zu schreiben!"
Einschreiben kann man sich unter:
http://raven.ubalt.edu/features/crew/crew.html
HI

Cut & Paste: Crossreading & -writing

"nimm eine zeitung. nimm eine schere. suche einen artikel aus von der länge des gedichts, das du machen willst. schneide ihn aus. dann schneide jedes seiner wörter aus und tue es in einen beutel. schüttele ihn. dann nimm einen ausschnitt nach dem anderen heraus und schreibe ihn ab. das gedicht wird sein wie du."
(Tristan Tzara, zit. n. Mon, Franz, collage in der literatur, in: prinzip collage, hg. v. Franz Mon u. Heinz Neidel, Neuwied u. Berlin 1968, S. 50)
Eine solch radikale Gebrauchsanweisung, die an den Leser appelliert, selbst spielerische Zufallskombinatoriken anzuwenden, um ein Gedicht nach dadaistischer Manier zu erzeugen, fordert vom Leser das Unmögliche: aus der passiven, bisweilen lustvollen und auch produktiven Lese-Aktivität auf die Seite des Produzenten zu wechseln. Experimentelle Literatur und Kunst war und ist voll solcher verlockenden Versprechen auf eine Mitautorschaft der Leser. Und doch bleiben solche Manifeste und Konzepte mit Anstiftungen zur Destruktion des Literatur- und Kunstbetriebs letztlich eine rhetorischen Geste, weil die gesellschaftlichen und kulturellen Produktions- und Rezeptionsformen derartige Überschreitungen verhindern. Das Ausschneiden von Wörtern aus einem allgemein verfügbaren Zeichenvorrat ist eben nur eine Verlängerung des lange bekannten ,Crossreadings`, das durch das Zeitungslayout mit seiner simultanen Präsentation verschiedenster unzusammenhängender Materialien geradezu herausgefordert wird, wie Lichtenberg es schon beschrieb: "Man muß sich vorstellen, das Lesen geschehe in einem öffentlichen Blatte, worin sowohl politsche, als gelehrte Neuigkeiten, Avertissements von allerlei Art u. s. w. anzutreffen sind: der Druck jeder Seite sei in zwei oder mehrere Columnen geteilt und man lese die Seiten quer durch, aus einer Columne in die andere."
(Georg Christoph Lichtenberg, zit. n. Riha, Karl, Cross-Reading und Cross-Talking. Zitat-Collagen als poetische und satirische Technik, Stuttgart 1971, S. 7)
HI

Copyleft

Neologismus der Free Software Foundation für das Copyright Freier Software. Das Copyleft der GPL ist als Summe der zwanzigjährigen Erfahrung einer Netzkultur lesbar: Ursprünglich erfunden, um die traditionelle akademische und künstlerische Zitierfreiheit und freie Distributionskanäle (wie die Bibliotheken in der Buchkultur) auch für Computerprogrammierer zu bewahren, hat das Copyleft das herk^mmliche Urheberrecht dennoch radikal umgeschrieben. Die Idee der Freien Software, daß Code - d.h. Text - nicht nur frei kopiert, sondern auch modifiziert, beliebig wiederverwendet und sogar kommerziell verkauft werden kann, ohne den Autor zu bezahlen (siehe die Debian Free Software Guidelines), ist seit der Neuzeit den westlichen Künsten und Wissenschaft fremd. In der Buchkultur würden die Schreibweisen Freier Software-Entwickler als Plagiate und geistiger Diebstahl angesehen werden. FC

Cruise missiles: zu schnell zum Denken der Kritik?

"Die Menge der in Umlauf befindlichen Botschaften war nie so groß wie heute, aber wir verfügen nur über sehr wenige Instrumente, die uns erlauben würden, die relevanten Informationen herauszufiltern und entsprechend unseren zwangsläufig subjektiven Sichtweisen und Bedürfnissen Bezüge herzustellen, uns also im Fluß der Information zurechtzufinden. Hier ist der Raum des Wissens kein protokollierbarer Gegenstand mehr, sondern wird zum Projekt. Einen Raum des Wissens errichten hieße, sich mit institutionellen, technischen und begrifflichen Instrumenten auszustatten, um Informationen 'begehbar' zu machen, so daß sich jeder selbst in diesem neuen Raum lokalisieren kann und die anderen je nach seinen Interessen, Kompetenzen, Plänen, Mitteln und wechselseitigen Identitäten erkennen kann." (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 25)
Aus Projekten Projektile machen!
HI

Cyberfiction: Junges Genre

Der Vergleich mit James Joyce ist aus verschiedenen Gründen nicht gerade ein fairer: Einmal fallen auch bei der Buchdruck-Literatur die Meister nicht in Scharen vom Himmel. Dann aber existieren vorläufig weder geeignete Analyse- und Bewertungsinstrumente, noch Ansätze zu einem Kanon von Hyperfictions. Müsste ein Leser nämlich einen unbekannten Joyce-Text aus 300 Buch-Manuskripten herauspicken, dürfte er auch seine liebe Mühe haben, und der Befund von der literarästhetisch wenig überzeugenden Qualität der gesichteten Texte dürfte ihm wahrscheinlich zuvorderst auf der Zunge liegen. Man müsste zumindest berücksichtigen, dass Hyperfiction (auch Webfiction oder Netzliteratur genannt) ein sehr junges Phänomen ist, das durchaus etwas Kredit und Aufmerksamkeit verdient, hat es sich doch immerhin in wenigen Jahren ein eigenes Literaturmilieu geschaffen, das den literarischen Avantgarden nahe steht und so unterschiedliche Richtungen zu umfassen vermag wie Erzählung, Kurzgeschichte, Text- und Bilddrama, Cut-up, Konkrete Poesie und Rap.
BS

Cyberfiction: Literaturbetrieb und Netzliteratur:

Der Literaturbetrieb ist der neuen Literatur gegenüber sehr zurückhaltend, ja abwehrend. Das Neue ist schwierig einzuschätzen, da sich die ihr zugrunde liegenden Techniken und die daraus resultierenden Aufschreibesysteme in ständiger Entwicklung befinden und sich somit auch ihre kreative Anwendung ständig weiter verbessert und verändert. Zwar gibt es bereits seit mehreren Jahren einen Internet-Literatur-Wettbewerb, doch weder ins »Literarische Quartett« noch an die Klagenfurter Ingeborg Bachmann-Tage noch in die »Frankfurter Anthologie« hat sich bisher ein literarischer Text der neuen Art verirrt. Und wenn sich dann ein Feuilleton doch an einen literarischen Hypertext heranwagt, wird sehr schnell und etwas unbeholfen auf die dürftige Qualität mancher Online-Texte hingewiesen und beispielsweise mit dem Verdikt geschlossen, dass weit und breit kein Online-James-Joyce in Sicht sei. Zu Recht oder zu Unrecht? Wird damit eine potente Avantgarde übersehen oder lediglich ein versprengtes Häufchen von E-Bastlern ignoriert?
BS

Cyberfiction: Übersehene Avantgarde?

Eine Gruppe von jungen Autorinnen und Autoren macht sich seit geraumer Zeit die Computertechnik sowie das Internet zu Nutzen, um neue literarische Gestaltungs- und Ausdrucksformen zu finden. Die Experimente fanden bisher eher abseits der Hauptverkehrsströme der Datenautobahn statt, sie wurden vom herrschenden Literaturbetrieb geflissentlich übergangen und schienen auch den Internet-Trend-Auguren keiner Erwähnung wert. In unfreiwilliger, aber produktiver Stille haben diese Autorinnen und Autoren in den letzten fünf Jahren vielfältige Projekte ausgeführt, ihre eigenen Gefässe, Online-Foren, und -Bibliotheken aufgebaut, in und mit denen sie kommunizieren und arbeiten und den Diskurs über Hyperfictions und Netzliteratur weiter voranzutreiben suchen.
BS

Datenbank, philosophische

Aber all dies erklärt noch nicht die Bezeichnung philosophische Datenbank. Der Ausdruck "Bank" wurde in bewußter Anlehnung an die heutige wirtschaftliche-kommerziell orientierte Gesellschaft gewählt, um die heiligen Symbole dieser gesellschaft wie "Bank", "Geld", "Aktie", "Daten" usw. für individuelle Absichten zu gebrauchen (oder mi·brauchen).. Die philosophische Datenbank soll offen sein für jeden, der an einem sozialen Codex oder einer individuellen europäischen Kultur ( die nicht absolut die Kultur des Individuums ist ) arbeitet. Er soll mit uns einen Kontakt aufnehmen, wir werden ihm einen Schlüssel reservieren und ein Paßwort für den Computer. Dieser Computer ist allerdings mit keinem Terminal in Europa verbunden... Wir glauben, da· es notwendig ist, den Computer von Europa abzukapseln, um zu verhindern, da· die neue universelle Theorie von einer einzelnen Person geschrieben wird..

3000 Meter Seehöhe . ein Safe, tief in den Felsen hineingebaut - 200 Schlüssel für einen Safe - ein BASIC-programmierbarer Computer - nicht weit davon eine Schutzhütte für die dort erbeitenden Leute - das ist die philosophische Datenbank von Minus Delta t. (Minus Delta t auf dem EMAF 1998)
HI

Debian Free Software Guidelines

Eine formale Definition, unter welchen Bedingungen Software lizensiert werden muß, um sich als Freie Software zu qualifizieren (http://www.debian.org/social_contract.html). Hier eine Zusammenfassung:
Freie Software darf beliebig kopiert werden.
Nicht nur die ausführbare Binärdatei, sondern auch der Programm-Quelltext ist frei verfügbar.
Der Quelltext darf modifiziert und in anderen Programmen verwendet werden.
Der Gebrauch Freier Software unterliegt keinen Restriktionen. Auch beim kommerziellen Einsatz fallen keine Lizenzgebühren an.
Der Vertrieb Freier Software unterliegt keinen Restriktionen. Freie Software darf kommerziell verkauft werden, ohne die Autoren zu bezahlen.
Debian ist eine nichtkommerzielle GNU/Linux-Distribution, die ausschließlich aus Freier Software besteht. FC

denkkollektiv

als widerstandsaviso, (132) dem das adjektivum >denkkollektiv< gebührt, denn jede tatsache hat dreierlei beziehungen zum denkkollektiv: (1) jede tatsache muss auf der linie des geistigen interesses ihres denkkollektives liegen, denn widerstand ist nur dort möglich, wo ein streben (wunsch) vorhanden ist (2) der widerstand muss im denkkollektiv als solcher wirken, und jedem teilnehmer als denkzwang und weiter als unmittelbar zu erlebende gestalt vermittelt werden - die intrakollektiv auf keinen fall dekonstruierbar ist -> wahrheit ... mit warum fragen erhält man eine selbstbeschreibung (3) eine (in unterschiedlichen denkstilen lesbare) tatsache muss im stil des denkkollektivs ausgedrückt werden - damit es als sein ausdruck wiedererkannt werden kann: (135) jede tatsache ... übt eine wirkung auf ein eigentlich grenzenloses gebiet (unmarked space - medium, dass in differenz zu ihr, die tatsache beobachtet): ein entwickeltes, zu harmonischem system ausgebautes wissen besitzt die eigenschaft, dass jede neue tatsache harmonisch alle früheren tatsachen - wenn auch noch so geringfügig - ändert. jede entdeckung ist (muss um gestalt anzunehmen synchronisieren werden und ist) in diesem falle eigentlich eine neuschöpfung / aktualisierung der ganzen welt des denkkollektivs (der grad der bewusstheit dieser synchronisation bestimmt den grad der autonomie). so bildet sich ein allseitig zusammenhängendes getriebe der tatsachen, durch beständige wechselwirkung (reproduktion) sich (m sinne der bewahrung einer identität) im (fliessenden) gleichgewicht erhaltend. dieses zusammenhängende geflecht (schwacher / vom unbewussten umschlossenen bindungen -> rhizom) verleiht der >tatsachenwelt< massive beharrlichkeit und erweckt das gefühl fixer wirklichkeit (die immer erwirkt (enacted) ist - der sogenannte ziegelstein verhält sich so, wie man es annehmen könnte ...), selbständiger existenz der welt wo selbstbewusstheit des beobachters seinen platz hätte ......
JM

Détournement

In den 1950er Jahren eigenet sich die Situationistische Internationale Lautréamonts "plagiat" an und nennt es "détournement". Daß Lautréamonts Diktum, "Das Plagiat ist notwendig..." das Plagiat paradoxal mit dem hegelianischen Fortschrittsgedanken verbindet, kommt der Situationistischen Internationale entgegen, denn einerseits beschreibt sich sich als Avantgarde in einer Zeit, in der die künstlerischen Avantgarden bereits historisch geworden sind, andererseits aber verfolgt sie dennoch die politischen Utopien des Marxismus. Gemäß dieser Logik kontaminiert das situationistische "détournement" Lautréamonts Plagiat mit Brechts V-Effekt. Ein früher situationistischer Text würdigt das Theater am Schiffbauerdamm, heute Berliner Ensemble: "In den Arbeiterstaaten steht nur das von Brecht in Berlin durchgeführte Experiment den Konstruktionen nahe, auf die es uns heute ankommt" (Guy Debord, Rapport zur Konstruktion von Situationen, Hamburg: Nautilus, 1980 (Paris 1957), S.34f).
FC

Diskurs: Anfangen

"In den Diskurs [...] hätte ich mich gerne verstohlen eingeschlichen. Anstatt das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber umgarnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. Ich hätte gewünscht, während meines Sprechens eine Stimme ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus war: ich wäre es dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzuschjließen, sie fortzusetzen, mich in ihren Fugen unbemerkt einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben, indem sie für einen Augenblick aussetzte. Dann gäbe es kein Anfangen. Anstatt der Urheber des Diskurses zu sein, wäre ich im Zufall seines Ablaufs nur eine winzige Lücke und vielleicht sein Ende.
Ich hätte gewünscht, daß es hinter mir eine Stimme gäbe, die schon seit langem ds Wort ergriffen hätte und im vornhinein alles, was ich sage, verdoppelte und daß diese Stimme so spräche: 'Man muß weiterreden, ich kann nicht weitermachen, man muß weiterreden, man muß Wörter sagen, solange es welche gibt; man muß sie sagen, bis sie mich finden, bis sie mich sagen - befremdete Mühe, befremdetes Versagen, ; man muß weiterreden; vielleicht ist es schon gesagt, vielleicht haben sie mich schon an dei Schwelle getragen, an das Tor, welches sich schon auf meine Geschichte öffnet (seine Öffnung würde mich erstaunen).'
Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht anfangen zu müssen; ein ähnliches Begehren, sich von vornherein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und nicht von außen ansehen zu müssen, was er Einzigartiges, Bedrohliches, ja vielleicht Verderbliches an sich hat. Auf diesen so verbreiteten Wunsch gibt die Institution eine ironische Antwort, indem sie die Anfänge feierlich gestaltet, indem sie sei mit ehrfürchtigem Schweigen umgibt und zu weithin sichtbaren Zeichen ritualisiert."
(... mit diesen Worten nimmt Michel Foucault am 2. Dezember 1970 seine Tätigkeit am eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France auf ...)
(Michel Foucault. Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt am Main 1991, OT: L'ordre du discours, Paris 1992, 9-10)
HI

Diskurs: Fragmente einer Sprache der Liebe

In der ganzen ,Spanne` des Liebeslebens tauchen die Figuren im Kopf des liebenden Subjekts ohne jede Ordnung auf, denn sie hängen jewils vom (inneren oder äußeren) Zufall ab. Bei jedem dieser Zwischenfälle schöpf der Liebende aus dem Vorrat (dem Thesaurus?) der Figuren, je nach den Bedürfnissen, den Weisungen oder den Lüsten seines Imaginären. Jede Figur blitzt auf.. Keine Logik hält die Figuren zusammen, determiniert ihre Nachbarschaft. .. sie sind Erynnien; sie ereifern sich, prallen aufeinander, kehren wieder, beruhigen sich, kehren wieder, entfernen sich, ohne größere Ordnung als die des Mückenschwarms. Der dis-cursus der Liebe ist nicht dialektisch; er wechselt wie ein immerwährender Kalender, wie eine Enzyklopädie der affektiven Kultur.. in linguistischen Begriffen würde man sagen, da· die Figuren DISTRIBUTIV, aber nicht integrativ sind; sie verbleiben immer auf derselben Ebene: der Liebende spricht in Satzbündeln, faßt diese Sätze aber nicht auf einer höheren Ebene zusammen, zu keinem Werk; es ist ein horizontaler Diskurs..
(Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt am Main 1984, 19)
HI

Diskurs: Gelegenheitslektüre, Unterhaltungen mit Freunden, im Vorbeigehen

Zur Konstitution diese liebenden Subjeks sind Bruchstücke verschiednene Ursprungs "montiert" worden. Da ist, was sich aus einer systematischen Lektüre ergeben hat, der des Werther. Da ist, was aus wiederholter Lektüre hervorgegangen ist (Das Symposion von Plato, Zen-Texte, Die Psychoanalyse, manche Mystiker, Nietzsche, die deutschen "Lieder"). Da ist,. was aus der Gelegenheitslektüre stammt. Was aus der Unterhaltung mit Freunden stammt. Da ist schließlich, was aus meinem eigenen Leben stammt. Was aus Büchern und von Freunden stammt, taucht gelegentlich an den Rändern des Textes auf, in Gestalt der Titel von Büchern und der Initialen von Freunden. Die Quellen, die damit bezeichnet werden, sind nicht die der Autorität, sondern die der Freundschaft: ich berufe mich nicht auf Garantien, ich gedenke, mit einer Art im Vorbeigehen erstatteten Grußes, lediglich dessen, was verführt,. was überzeugt.
(Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt am Main 1984, 21)
HI

Diskurs: Vernetzung

Vernetzungen ohne Ende und vor allem ohne Zentrum.
Das ist sicherlich ein Problem für die Macht, das Subjekt, die Wahrheit ... nicht für die Kunst.
Der sich hier abspielende Diskurs - das hier entstehende Netzwerk - bedient sich nicht einer Meta-Spache (es existiert weder eine Metasprache hypermedialer Vernetzungen noch eine der Diskurse (Wissenschaftstheorie? Foucault? ...), sondern er versucht, eine Häufung / Zusammenballung / ein Zusammenstoßen von Materialien aus unterschiedlichen Diskursen zu organisieren, in der Hoffnung daß sich Interferenzen / Überlagerungen / Slots / Anschlüsse / Abstoßungen / Imports und Exports / neue Verteilungen ereignen.
Zusammengehalten und gespeist werden diese Koppelungsversuche von einem aus verschiedenen Künsten, Theoriefragmenten, experimentellen Schreibweisen genährten Willen, ästhetische Produktionsweisen in technologischen Environments 'ansiedeln' zu können: als Programm, als Virus, als Anwendung, Entwendung, als Vehikel, als Fortbewegung ...
Aus den Interferenzen solcher (?) praktischer Vernetzungsexeperimente oder aus ironischen oder willentlichen Fehl-'Schaltungen' mit anderen Diskursen und Begriffen werden Begriffslandschaften und Ideengebäude konstruiert in denen Aspekte / Vektoren / Koordinaten / Kreuzungen / Querverbindungen ... einer Poetik der Vernetzung aufblitzen, die als Spuren / Ideenbilder / Gedächtnisbilder montiert und gespeichert werden können. (HI vgl. Ulmer, Gregory: Applied Grammatology. Post(e)-Pedagogy from Jacques Derrida to Joseph Beuys, Balitimore und London, 1985151 und vgl. Transport)
HI

Diskurs-Markup-Language (DML)

"Die Entwicklung einer wissenschaftlichen DML würde für das Wissenschaftssystem ein Politikum ersten Ranges darstellen. [...]
1. Das Ziel der Entwicklung einer DML besteht darin, die Möglichkeit zu unterstützen, daß Positionen in einem Diskurs kontrolliert aufeinander Bezug nehmen können. Auf diese Weise läßt sich die Evolution von Themen und Argumenten spezifisch beobachten, und diese können ihrerseits einem Diskurs unterzogen werden. Technisch wäre anzustreben, daß Computer Texte möglichst 'intelligent' bearbeiten können.
2. Die vollgültige Anwendung einer DML speziell für den wissenschaftlichen Diskurs setzt die vollständige Digitalisierung des wissenschaftlichen Diskursmediums voraus. [...] Eine DML wäre sowohl Produkt als auch Katalysator einer anstehenden Industrialisierung und Demokratisierung (nicht nur) der Wissenschaft. Sie würde die Arten der Anschlüsse an Publikationen standardisieren. [...]
3.Wenn Autoren eine DML benutzen, um ihre Texte spezifisch ineinander zu verschränken, entsteht ein Netz von Texten. [...] Die DML müßte so entworfen sein, daß sie auch Links auf nichtdigitalisierte Publikationen zu setzen erlaubt. [...] Eine DML ließe sich zunächst an HTML orientiert entwerfen (oder gar dort einflechten). [...] Die Anwendung der DML muß nicht auf die Infrastruktur des WWW beschränkt sein, sondern könnte sinnvoll gerade auch in Debatten eingesetzt werden, die via E-mails und News-Artikeln geführt werden. Der maßgebliche Unterschied zwischen der DML und der HTML bestünde darin, daß bei einer DML auch die Art der Bezugnahme durch einen Link ausgewiesen wäre. HTML sieht außerdem keine Möglichkeit vor, auf einen einzelnen Satz einer HTML-Seite Bezug zu nehmen, sofern dieser Satz nicht vom Linkgeber von vornherein mit einer Referenz-Marke versehen wurde. In einer DML müßte aber jeder einzelne Satz adressierbar sein. Die Adreßvergabe für Texte (und daraus abgeleitete Adressen für die Sätze im Text) könnten ähnlich dem ISBN-Verfahren geregelt werden, wonach sich Autoren bzw. Organisationen ein Set von Nummern reservieren."
(ROST, Martin (1996): Wissenschaftliche Kommunikation im Netz. Vorschlag zur Entwicklung einer Diskurs-Markup-Language, in: Heibach, Christiane ; Bollmann, Stefan (Hg.) (1996), Kursbuch Internet - Anschlüsse an Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur, Mannheim, 415 f
http://www.netzservice.de/Home/maro/ mr_dml.html)
HI

Docuverse

Ted Nelson prägte in seinen visionären Entwürfen hypertextueller Kommunikationslandschaften den utopischen Begriff von elektronischer Literatur als "Dokuverse" :"Literature is an ongoing system of interconnecting documents."(Nelson (1981) :2/9 ff.) Vgl. Bolz (1993): 216 ff.): "Der Abschied von den diskreten, privaten Dokumenten der Gutenberg-Galaxis ist eben auch ein Abschied von den Ordnungsmustern Hierarchie, Kategorie und Sequenz. [...] Es gibt gar keine Einzelgegenstände des Wissens [...] es sind nur Knotenpunkte unzähliger Querverbindungen, Gatter und Netze."
Hypertext-Netzwerke können insofern als Fortführung der Utopie eines Universums, das andere die Bibliothek nennen, gesehen werden: In der telematischen Version der Enzyklopädie öffnet sich die klassische Trennung von Autor / Text / Leser und die machtpolitische Kommunikationsschaltung von Code - Sender - Empfänger in ein Dokuversum frei verknüpfbarer Objektdateien.
Ted Nelson - Herausgeber des subkulturell inspirierten, im Stil eines Fanzines layouteten Hypermedia-Kultbuchs "Computer Lib - Dream Machines" (von zwei Seiten lesbar, mehrere vernetzte Textblöcke nebst Skizzen, Zeichnungen und Fotos) hat eine Datenstruktur und ein weltumspannendes Netzwerk für eine elektronische Universal-Enzyklopädie entwickelt: XANADU. Über Schnittstellen zu allen verfügbaren Computersystemen will er seine Vision eines weltweiten Netzwerkes verwirklichen, in dem Millionen von Nutzern auf einer gemeinsamen elektronischen Schreiboberfläche gleichzeitig arbeiten. Es geht hier keineswegs nur um eine rein technokratische Vernetzung und formale Datenstrukturen (das 'Schreibzeug' arbeitet ja schließlich an unseren Gedanken mit), sondern um einen gemeinsamen 'konzeptuellen Raum' von Lesern und Schreibenden, der als Entwurfsmodell für eine Literatur im technologischen Zeitalter verstanden werden kann.
Die Hardliner der eher technokratisch ausgerichteten Entwurfsgeschichte von Hypertext-Programmen entnehmen den Texten Nelsons entscheidende Anregungen und Konzepte, die sie konkret in Programmstrukturen übersetzen (Link- und Vernetzungsstrukturen, topographische "Benutzermetaphern", Medienströme als Symbolmanipulationen ...) - während eine kritische Medientheorie und die 'cultural studies' eher den Universalansprüchen seiner Text-Theorie nachgehen und Hypertext dann als Lösung aller Medienkonflikte zwischen Buchkultur und neuen Medien anbieten - als das Medium der Postmoderne schlechthin.(siehe Idensen (1993)
Tim Berners-Lee (Ted Nelson and Xanadu); http://www.w3.org/pub/WWW/Xanadu.html
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Einbilden: Erleben, Erkennen und Handeln in derFunktion technischer Bilder

Im Unterschied zum Schreiber haben es die Einbilder nicht nötig, tiefe Einsicht in ihr Tun zu nehmen. Sie sind durch die Apparate von der Notwendigkeit der Tiefe emanzipiert und damit frei, ihre volle Aufmerksamkeit dem Einbilden zu widmen. Der Schreiber muß sich für die Struktur seines Textes interessieren: für Buchstaben, für die Regeln, welche die Buchstaben zu Reihen ordnen [...] und für die phonetischen,rhythmischen und musikalischen Aspekte seines Textes. Ein großer Teil seiner schöpferischen, informativen Leistung besteht gerade in dem Modellieren dieesr Strukturen. Ganz anders der Einbildner. Er verfügt über automatische Apparate, die all dies für ihn ausklammern können, so daß es ihm ermöglicht wird, sich völig auf die einzubildende Fläche zu konzentrieren. Seine Kriterien beim Tastendrücken sind daher "oberflächlich" in einem doppelten Sinn dieses Wortes: sie beziehen sich nicht auf den tieferen bilderzeugenden Vorgang, und sie sind allein auf die zu erzeugende Oberfläche gerichtet.
Diese Oberflächlichkeit der Einbildner [...] läßt eine nie vorher erahnte Einbildungskraft zu Worte. Es erscheinen Bilder, wie sie nie zuvor geträumt werden konnten. Und dabei sind die Fots, die Filme, die Fernseh- und Videobilder nur Vorboten dessen, was die Gewalt der Einbildungskraft in Zukunft bereitstellen wird. (33,34) [...]
Dank den Fotos, den Filmen, den Fernseh- und Videobildern, und in Zukunft vor allem Dank den mit Computern synthetisierten Bildern, sind wir eigentlich überhaupt erst wieder fähig, aus der sich verflüchtigt habenden Welt der Abstraktionen ins konkrete Erleben, Erkennen, Werten und Handeln zurückzukehren. (35) [...]
Wir leben in einer eingebildeten Welt der technischer Bilder, und wir erleben, erkennen, werten und handeln immer häufiger in Funktion dieser Bilder. (35)
(Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen, 1985, 33-35)
HI

einbilden: auf den Oberflächen des Bildschirms

Der alphabetisch orientierte Mensch muß sich über die Welt beugen wie über ein Buch, um die unermeßliche Menge von Spuren, Anzeichen, Malen, Zeichen ... zu entziffern. Alles in der Welt scheint ein Zeichen für etwas zu sein. (Zu Beginn der Schriftkultur stehen die Inschriften aufrecht dem Leser -noch wie Bilder - entgegen; der Buchdruck linearisiert die Momente der Einbildungskraft auf Schriftzeilen, die sich waagerecht auf einer Fläche ausbreiten; Computer-Bildschirme holen die Flächen, auf denen sich Prozesse produktiver Einbildungskraft abspielen in die Vertikale zurück: Erzeuger technischer Bilder sitzen jetzt aufrecht vor dem Schirm - nicht mehr in einer verbeugenden Haltung über die Zeichen gebeugt - wie der Maler vor einem Bild. Während traditionelle Bilder und Texte wie Spiegel funktionieren, die Bedeutungsvektoren aus der Welt in mimetischen Prozessen auffangen, codieren und auf die Oberflächen der Einbildung reflektieren, funktionieren die technischen Bilder wie Projektionen: sie fangen bedeutungslose Zeichen und Partikel (Bildpunkte, Schriftzeichen, Töne) auf und derartig codiert stehen diese jetzt als Ideenobjekte für Operationen auf der Oberfläche der Hypermedien zur Verfügung. Der Akt des Abbildens / Einbildens hat sich umgekehrt: Hypertexte und technische Bilder sind keine Reproduktionen, sondern programmierbare, produktive Bilder. Die Einbildner stehen nicht mehr über der Apparatur (wie im Gebrauch von Analogmedien, z.B. Schreibmaschine), sondern die bildschirmorientierten Einbildungsprozesse erfolgen aus dem Inneren der Hypermedien heraus. Die Imagination arbeitet nicht über die Maschine in die Strukturen von Texten hinein (Ideologie der 'Tiefe' ästhetischer Gebilde), sondern die bilderzeugenden Vorgänge richten sich ganz auf die Oberfläche des Bildschirms. Eine Kulturkritik sollte nicht mehr fragen, was bedeuten Hypertexte, sondern wohin zeigen sie. (HI vgl. Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen 1985, 31-44 und Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.):
Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Band 1-4., 198)
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Essay

Der Essay als diskursive, literarische und wissenschaftliche Form hat viele Ähnlichkeiten mit den Prinzipien des Hypertexts: Arbeit mit Fragmenten, Revolte gegen geschlossene Systeme, Konstruktion von Begrifflichkeiten als >Work in progress<, kulturkritische Subjektivität, Kristallisierung der einzelnen Elemente durch Bewegung, Spontaneität subjektiver Phantasie, Experimentieren mit Gedankenbildern, nichtfiktionale Kurzform, mosaikhaft lockere Gedankenführung, undogmatische Reflexion, Denken in Brüchen, sprunghaft assoziative Beleuchtung des Themas von verschiedenen Seiten, freie, unsystematische Betrachtung in Prosa, anstößige Übergänge, geistesrevolutionärer Angriff auf die Welt, Denken in Sprüngen, Querverbindung der Elemente statt linearer diskursiver Ordnung, Versuchsanordnungen nach Paradigmen aus benachbarten (wissenschaftlichen) Disziplinen, unmittelbare Einführung von Begriffen, vernetzte Definitorik, Affinität zum Bild (Cut-Up aus: Theodor W. Adorno: Der Essay als Form, in: Noten zur Literatur, Frankfurt/Main 1981, S. 9-33 (geschrieben 1954-58) und verschiedenen Lexikondefinitionen zum >Essay<.)
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Essayismus, Utopie des

"[...] mehr als das definitorische Verfahren urgiert der Essay die Wechselwirkung seiner Begriffe im Prozeß geistiger Erfahrung. In ihr bilden jene kein Kontinuum der Operationen, der Gedanke schreitet nicht einsinnig fort, sondern die Momente verflechten sich teppichhaft. Von der Dichte dieser Verflechtung hängt die Fruchtbarkeit von Gedanken ab. Eigentlich denkt der Denkende gar nicht, sondern macht sich zum Schauplatz geistiger Erfahrungen, ohne sie aufzudröseln."
(Theodor W. Adorno: Der Essay als Form, in: Noten zur Literatur, Frankfurt/Main 1981, S. 9-33 (geschrieben 1954-58), 21)
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Enzyklopädie: Wissensräume, Wissensbäume, Topographien (Klick Overview!)

"Das Wissen ist keine statische Pyramide mehr, es spinnt und bereist ein weites, bewegliches Netz von Laboratorien, Forschungszentren, Bibliotheken, Datenbanken, Menschen, technischen Abläufen, Medien, Aufzeichnungs- und Meßinstrumenten. Es ist ein Netz, das sich unablässig in ein und derselben Bewegung unter Menschen und Nicht-Menschen ausdehnt und dabei Moleküle, soziale Gruppen, Elektronen und Institutionen in Beziehung setzt.
Das 18. Jahrhundert eines Robinson Crusoe und der Encyclopédie markiert vielleicht das Ende einer Ära, in der ein einziger Mensch die Gesamtheit des Wissens in sich vereinen konnte. Die Enzyklopädie des Raumes der Waren ruht nicht mehr im Gedächtnis lebendiger Menschen oder in einem Buch oder geschlossenen System: Sie zirkuliert in einem Raum der Übersetzungen und Verweise." (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 210, 211)
HI

Enzyklopädie: Wissensbaum, Navigation, Anwendung

Als Denis Diderot und Jean Le Rond d'Alembert am Vorabend der französischen Revolution mit dem Projekt Enzyklopädie ein universelles Wörterbuch der schönen und mechanischen Künste zusammentragen, ist dieses Unternehmen nur als ein kooperatives Recherche- und Schreibprojekt unterschiedlichster Experten zu bewerkstelligen. Die Vernetzung der einzelnen - alphabetisch geordneten Wissensbausteine - geschieht über die Darstellung eines Wissensbaumes (Ein Ausschnitt aus einer Darstellung dieses Wissensbaumes findet sich in der Imaginären Bibliothek (http://www.hyperdis.de/pool/), eine Transkription des Schematas in d' Alembert, Jean Le Rond; Denis Diderot u.a., Enzyklopädie. Eine Auswahl, Frankfurt/Main 1989, 28-29)
Auf dieser ,Weltkarte des Wissens` können die verschiedenen Wissensgebiete in einer Zusammenschau überblickt werden, so dass Zusammenhänge, Verzweigungen, Hierarchien der einzelnen Wissenspartikel deutlich werden. Im Gegensatz zum linearen Lesen arbeitet man sich durch die Enzyklopädie mittels sachbezogener, struktureller und sprachlicher Verweise. Der Leser wird somit zum aktiven Bestandteil der Wissensorganisation. Er kann selbst - unterstützt durch Karte und alphabetische Register - eigene Wissenspfade abschreiten und die ausgebreiteten Wissenspartikel als mechanisch-künstlerisches und operationelles Produktionswissen selbst zur Anwendung bringen.
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Enzyklopädie: User hört die Signale! (das Rauschen in den Kanälen)

"Bereits Diderot und d'Alembert haben das architektonische Diagramm, die hierarchische Ordnung aufgegeben, denn ihre Encyclopédie ist nach der alphabetischen Unordnung aufgebaut. Im Sinne eines Hypertextes besteht ihre eigentliche Ordnung in einem Netz innerer Verweise. Die enzyklopädische Bibliothek verjagt das Buch. Und die Bibbliothek dehnt sich aus, quillt über und versucht, sich selbst mittels Katalogen und Indexsystemen zu lokalisieren. Zitate und Referenzen zeichnen ein Netz der Lektüren und Kreisprozesse des Wissens, das die alten Grenzen in Frage stellt. [...] Wie kann man die wissenschaftliche und technische Information, aber auch die Bilder eines Museums oder eines audiovisuelen Archivs [...] klassifizieren und organisieren? All diese ungeschickten Versuche, sich zu diesem Zwecke doch immer der erstarrten Korpora alter Disziplinen zu bedienen, müssen zum Scheitern verurteilt sein, wenn das Wissen lediglich an den sich bewegenden Rändern, an den Kreuzungen, in den Interferenzen existiert und alles eine Frage des Imports und Exports ist?" (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 211)
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Falte: Monade

Das ist der bekannteste Satz von Leibniz:
Jedes Subjekt oder jede Seele (Monade) ist völlig geschlossen, ohne Türen und Fenster, und enthält in ihrem sehr dunklen Grund die ganze Welt, von der sie ein kleines Teilstück erhellt, das für jede von ihnen variiert. Die Welt ist also in jeder Seele gefaltet, aber in jeder anders, weil ein kleines Stück der Falte beleuchtet ist. [...] Aber es ist auch unsere Situation moderner Menschen, wenn man die neuen Formen berücksichtigt, in denen die Dinge sich falten. In der minimalistischen Kunst kommt bei Tony Smith folgende Situation vor:
ein Wagen auf einer dunklen Straße, es gibt nur das Licht der Scheinwerfer und den Asphalt, der mit graßer Geschwindigkeit in der Windschutzscheibe dahinjagt.
Das ist eine moderne Version der Monade, die Windschutzscheibe spielt die Rolle der kleinen erleuchteten Region. [...]
In unserem sozialen Leben wird das System Fenster/Außenwelt zunehmend ersetzt durch das System geschlossener Raum/Monitor: man liest die Welt eher, als daß man sie sieht. Außerdem gibt es nicht nur eine soziale ,Morphologie`, die mit Texturen arbeitet, auch in der Stadt- und Raumordnungsplanung gibt es Barock. Die Architektur ist immer eine Politik gewesen, und jede neue Architektur ist auf revolutionäre Kräfte angewiesen, sie kann sagen: ,Wir suchen ein Volk [...] Das Volk ist immer eine neue Welle, eine neue Falte im sozialen Stoff; und das Werk ist immer eine Faltung, die für neue Materialien spezifisch ist.
(Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 228-229)
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Fälschung

Der vorgetäuschten Neuheit des Plagiats entspricht reziprok die simulierte Historizität der Fälschung. Fast alle Religionen und gnostischen Schulen begründen sich auf rückdatierten Pseudoepigraphien und zum Teil über Jahrhunderte hinweg kollektiv verwendete Namen von Propheten und Evangelisten.
FC

Falte: Textur

Nach wie vor ist die Krümmung ein bevorzugter Gegenstand der Mathematik oder der Funktionentheorie. Daß die Materie nicht aus Körnchen besteht, sondern, wie Leibniz sagt, aus imer kleineren Falten - dieser Hypothese kann die Physik der Elementarteilchen und Kräfte einen Sinn geben. Und dem Phänomen, daß der Organismus Schauplatz und Agens endogener Faltungen ist, begegnet die Molekularbiologie nun auf ihrem Gebiet, wie vorher schon die dei Embryologie: Morphogenese hat immer mit Faltung zu tun [..] Der komplexe Begriff der Textur hat überall eine maßgebliche Bedeutung gewonnen. Schon seit langer Zeit hat sich der Gedanken durchgesetzt, daß es eine molekulare Wahrnehmung gibt. Wenn die Verhaltensforscher die Lebenswelten der Tiere bestimmen, tun sie das in einer Weise, die Leibniz sehr nahe kommt: sie zeigen, daß ein Tier auf eine Anzahl von Stimuli antwortet, manchmal sehr wenige, die seine kleinen Lichter im dunklen Grund der unermeßlichen Natur sind.
(Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 230)
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Fanzines

Im Nordamerika der späten 1980er und frühen 1990er Jahre sind "Zines" ein subkulturelles Massenphänomen waren und vor der Popularisierung des Internet eine außerordentlich starke Netzkultur kreieren. Um 1990 rezensiert das Meta-Zine Factsheet Five pro Ausgabe über 1300 Zines.
FC

Flanieren (programmatisch)

Ich aktiviere ein Programm, das Textpassagen aus einer umfangreichen Zitatdatenbank permutiert und versucht, diese Fragmente in den aktuellen Kontext einzupassen:
Was nie geschrieben wurde, lesen. Ein Rausch kommt über den, der lange ohne Ziel durch vernetzte Bildschirmlandschaften schweift. Das Gehen gewinnt mit jedem Schritt wachsende Gewalt; der Rausch, mit dem der Tastende durch fremde Datenräume zieht, saugt seine Nahrung nicht nur aus dem, was ihm da sinnlich vor Augen kommt, sondern wird oft des bloßen Wissens, ja toter Daten, wie eines Erfahrenen und Gelebten sich bemächtigen. Der Reiz der nächsten Verzweigung, des Absprungs [...] der Bildschirm blinzelt zum Flaneur - nicht umgekehrt? (einen geradezu genialen - dekonstruktivistischen Gebrauch des Eye-Tracking-Verfahrens, das in der Tat die Augenbewegungen am Bildschirm einschreibt, macht die Installation "Der Zerseher" von Joachim Sauter, indem gerade die betrachteten Bildpunkte nach und nach ausgelöst werden!)
Die Entstehung der Computerkultur aus dem Rausch des Flanierens. Bildschirme als Straßen und Wohnungen des Kollektivs, der Menge? Der Müßiggang der Computersüchtigen?
Die Verlockungen der Virtual Reality bestehen darin, vollends in dieses Theater einzutreten, darin zu verschwinden, sich einsperren zu lassen in die Entgrenzungsphantasien.
"Es gibt keine Kommunikation, weil es keine Transportmittel der Kommunikation gibt" Der Bildschirmschoner scheint jetzt in eine andere Floskeldatenbank zu verzweigen
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fraktales Subjekt

in Spiegelscherben zerborsten, in eine Vielzahl von Egos zerfallen, in endloser Angleichung an sich selbst verloren, eigenwilliger Narziß mit SICH SELBST IDENTISCH.
-micht mehr von ANDEREN entfremdet, sondern von den CLONES. Sämtliche Körperteile des Menschen kreisen wie Satelliten um ihm herum, so daß der Mensch selbst exorbitant wird. Er ist selbst zum Satelliten geworden, aus seinem eigenen Körper herausgedrängt.
(Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
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Freie Software

Freie Software ist nicht "Freeware", "Shareware" oder andere kostenlose proprietäre Software (wie z.B. Microsoft Internet Explorer, QuickTime und Real Player), sondern - nach einer Definition der Free Software Foundation - Software die "frei ist wie die freie Rede, nicht wie freies Bier", d.h. Software, die unter einem Copyleft steht. Die Debian Free Software Guidelines geben Kriterien für die Bestimmung Freier Software. Prominente Beispiele Freier Software sind der Betriebssystemkernel Linux, die GNU-Tools und der Apache Webserver. FC

Free Software Foundation

Begründerin des GNU-Projekts und Erfinderin des Copylefts. http://www.fsf.org
Gründer und Vorsitzender der Free Software Foundation ist der ehemalige MIT-Hacker Richard M. Stallman. (Siehe auch Rekursive Akronyme.) FC

Gedächtnis: Input, Puffer, Speicher, Déjà-vu

Nach dem heutigen Stand der Gedächtnisforschung liegt vor dem eigentlichen Erinnerungsspeicher eine Pufferzone von 7 Sekunden. Ein Schlag auf den Kopf löscht die Erinnerung an diese vorangegangene Zeitspanne aus, indem sie den Inhalt des Puffers löscht. Unser Gegenwartssinn umfaßt aber genau diese Zeitspanne und unser INPUT an Sinneswahrnehmungen wird somit auf einer endlosen Zeitschlaufe aufgezeichnet, die uns 7 Sekunden zur Analyse läßt, bevor die Information wieder gelöscht wird. In dieser Zeitspanne sortiert und interpretiert das Gehirn die Summe der Wahrnehmungen und wählt die wesentlichen für die Speicherung aus. Die eigenartige Empfindung des Déjà -vu - daß· sich das 'jetzt' schon einmal ereignet hat - ist offensichtlich auf ein momentanes Versagen des Löschvorgangs zurückzuführen, so daß· wir Erinnerungsdaten begegnen, die bereits gespeichert waren und nun wiederkehren. Der Eindruck, daß· die Zeit einmal rasend schnell, dann wieder langsam schleppend zu vergehen scheint, muß· mit der 'Laufgeschwindigkeit' der Endlosschleife zusammenhängen.
(William S. Burroughs, Electronic Revolution, Bonn 1976, 46)
HI

Gedächtnis: Tele-Memory

Die Gedächtniskunst basiert von anfang an auf künstlichen, externalisierten Hilfsmitteln, Maschinen und Methoden, mündliche Reden zu speichern. Einer "Schrift vor der Schrift"- Aufschreibesysteme, die -verknüpft mit alchemistischen Praktiken- Wissen veräußerlichen, verräumlichen, visualisieren.
Aktive Bilder - vergleichbar mit aktiven Bildschirm-Bereichen (Button ....)
Schlagende Bilder - animiertes Wissen - Animationen ...
TV kann betrachtet werden als ein öffentliches Ausstrahlen von aktiven Bildern, produziert in der Abwesenheit einer spezifischen Information als Hilfsmittel des Denkens.
Die Aktivierung des Gedächtnisses wird als ein imaginärer Gang durch die Gedächtnisorte ausgeführt.
Das Editieren solcher Spaziergänge ist eine Bastelei, eine Montage.
(HI vgl: Ulmer, Gregory: Teletheory. Grammatology in the Age of Video, New York 1989, 135)
HI

glattes + gekerbtes

(511) das ideal der reproduktion, deduktion oder induktion ist immer und überall ein teil der königswissenschaft, und behandelt die unterschiede von zeit und raum als variable, deren konstante form durch das gesetz freigelegt wird: man braucht nur einen raum, der eingekerbt und der schwerkraft unterworfen ist, und es zeigen sich dieselben phänomene, wenn dieselben bedingungen gegeben sind oder wenn zwischen den unterschiedlichen bedingungen und den variablen phänomenen dieselbe konstante beziehung entsteht. reproduktion setzt die beständigkeit eines festen blickpunktes voraus, der ausserhalb des reproduzierten liegt. man sieht dem fliessen vom ufer (oder der brücke) aus zu. aber folgen ist etwas anderes als das ideal der reproduktion. nicht besser sondern anders ... man ist gezwungen zu folgen, wenn man auf der suche nach den singularitäten einer materie oder vielmehr eines materials ist und es nicht darauf abgesehen hat, eine form (um den raum einzukerben) zu entdecken, ... sondern ein gebiet der geschwindigkeit betreten will ... (513) der folgende ordnet alle verfahren den sinnlich-anschaulichen bedingungen der intuition und der konstruktion unter - dem strom der materie folgen, den glatten raum abstecken und zusammenfügen.

nun ja, sind halt schon marxisten mit ihren ,,mechanischen beziehungen zur intuition" - und doch versuchen sie systemisch eine diskussion dessen, was glatten (aktiv gekoppelten) oder gekerbten (passiv gekoppelten) raum verbindet - die grenze ... oder gleich wirklich mit benjamin´schem marx:"die reform des bewusstseins besteht nur darin, dass man die welt ... aus dem traume über sich selbst aufweckt" ... oder in fundamentalopposition zur traumverklärung von siegenthaler als traum von einer besseren welt: (pw 17) ,,dem bewusstlosen tun des träumenden individuums, ist die geschichte unter kapitalistischen produktionsverhältnissen jedenfalls darin vergleichbar, dass sie zwar von menschen gemacht, aber ohne (lebendiges) bewusstsein und plan, gleichwie im traum, gemacht wird."
JM

GNU

Rekursives Ak ronym für "GNU's not Unix". Das GNU-Projekt wurde von der Free Software Foundation gegründet, um ein funktionales Äuivalent des Unix-Betriebs als Freie Software zu entwickeln. Zusammen mit Linux bildet die GNU-Software die Basis eines freien Betriebssystems. FC

GNU/Linux

Betriebssystem auf der Basis des Linux-Kernels und der GNU-Software. Funktional ähnliche Alternativen zu GNU/Linux sind die drei freien Varianten von BSD. FC

GPL

Akronym für GNU General Public License. Von der Free Software Foundation formuliertes Copyleft, unter dem u.a. die GNU-Software und der Linux-Kernel stehen. Im Unterschied zu anderen Lizenzen Freier Software erlaubt die GPL, unter ihr lizenzierten Programm-Quelltexte nur dann zu modifizieren, wenn die modifizierten Versionen wieder unter die GPL gestellt werden. (Im Unterschied dazu darf z.B. BSD-Quellcode auch in nichtfreier Software verwendet werden.) FC

Hermeneutik?

Immer wieder wird betont, daß Hypertext grundlegende textuelle Methoden veräußerlicht: "Hypertext macht explizit, was lineare Schriften noch der hermeneutischen Arbeit auflasten [...]. Der gesamte hermeneutische Gehalt eines Texts ist in der Verzweigungsstruktur seiner elektronischen Darstellung manifest."(ebd., S.222) Harmut Winkler kontert in seiner grundlegenden Untersuchung zum 'Dokuverse' (Winkler 1996): "Damit ist es heraus. Das neue Medium verspricht ein Grauen zu eliminieren. Das Grauen vor der Tatsache, daß Texte grundsätzlich auslegbar sind, und ihr hermeneutischer Gehalt eben nie 'manifest'. Der hermeneutische Gehalt - und zwar der 'gesamte' - soll aus seinem doppelt unheimlichen Sitz befreit werden, aus dem Dunkel der Köpfe und aus der Dispersion über die verschiedenen Individuen und Deutungen, und überführt in den luziden Außenraum, in dem er einer Deutung nicht mehr bedarf." (Hartmut Winkler: Docuverse - Zur Medientheorie der Computer, München 1997; das erste Kapitel findet sich unter Hartmut Winklers "Open Desk": www.rz.uni-frankfurt.de/~winkler
HI

Hyperfiction

Aber was bedeutet denn «Hyperfiction»? In den meisten Wörterbüchern und Lexika, selbst den elektronischen, sucht man das Wort «Hyperfiction» noch vergeblich; dies im Gegensatz zum Begriff «Hypertext», der bereits weitverbreitet und lexikographisch im allgemeinen zuverlässig verzeichnet ist - einzig die französische «Encyclopædia Universalis» in CD-Rom, Version 4.0, 1998, bietet einen längeren Artikel über «Hyperfiction» an.
Dagegen ist das Wort im Internet recht geläufig: Eine Recherche bei Altavista ergibt 2280 Vorkommen, eine auf die deutsche Sprache reduzierte Recherche ergibt immerhin noch 230 Funde. Dieselbe Suche im deutschen Ableger Fireball zeigt 399 deutschsprachige Webseiten zum Thema an. Darunter die empfehlenswerten Seiten der «Mailingliste Netzliteratur» (http://netzliteratur.de), der Internet-Literatur-Webring «bla» (http://www.bla2.de/index.htm) von Guido Grigat sowie der Literaturserver am See (http://literatur.lake.de) von Dirk Schröder u.a. Online ist also genügend Material vorhanden, obwohl die Definitionen teils sehr knapp und dürftig gehalten sind wie beispielsweise der Eintrag im Internet-Begriffslexikon von Klick (http://klick.link-m.de/hilfe/glossar/) beweist: «Hyperfiction wird ein neues Literaturgenre genannt, das Links/ Verweise mit einbindet und deshalb mehr als nur einen Handlungsstrang hat. Oftmals bleibt der Leserin die Lese-Reihenfolge selbst überlassen.»

Zuerst einmal weist der Begriff «Hyperfiction» auf die Eröffnung eines neuen, virtuellen Narrationsraums hin, in welchem Geschichten von Menschen und Lebensumständen erzählt werden wie in traditioneller Literatur zwar auch, aber dazu ganz neue Wege gesucht und neue Formen erprobt werden. Eine Hyperfiction ist ein elektronischer Hypertext, der Text als Gewebe oder Textur versteht, an der ständig weitergeflochten wird. Einzelne Texteinheiten werden innnerhalb und ausserhalb eines Dokumentes auf assoziative, nicht-sequentielle Weise, d.h. in der Struktur eines Rhizoms oder Baums miteinander verbunden. Der Leser erhält damit die Möglichkeit, verschiedenen Gewebefäden und damit auch Erzählsträngen zu folgen, ja, er muss neue Fäden finden und sie (weiter)spinnen. Somit hat er beim Lesen die Möglichkeit, mehrere Informationen oder Texteinheiten in eine neue Abfolge zu bringen und damit einen neuen Zusammenhang eigenschöpferisch zu kreieren. Gutes Beispiel dafür ist Susanne Berkenhegers «Zeit für die Bombe», eine Kurzgeschichte um vier Bombenleger, deren Ereignisse man je nach Lesedurchgang aus verschiedenen Perspektiven erleben kann. Von herkömmlichen Texten unterscheiden sich Hyperfictions vor allem in ihrer multiplen Anordnung, sie können inhaltlich wie formal auf verschiedene Arten gelesen werden und stehen dem Leser zum Nachwandern offen.
BS

Hyperfictions, Beginn deutschsprachiger

Mitte der neunziger Jahre tauchten auch im deutschen Sprachraum allmählich hybride Ausdrucksform der Hyperfictions auf. Anders als die amerikanischen Hyperfictions von Michael Joyce, Stuart Moulthrop und andern waren sie eng mit der Entwicklung und Ausbreitung des Internets verbunden. Mit dem World Wide Web war ein Vehikel entstanden, das in seiner Anlage die Tendenz des Computers zur Amalgamierung verschiedenster ästhetischer Ausdrucksformen verkörperte und eben auch virtuelle Narrationsräume eröffnete und damit Künstlern und Literaten ermöglichte, mit andersartigen narrativen Formen zu experimentieren und die besonderen Kommunikations- und Interaktionsformen des Internet in literarische Strukturen einzubinden bzw. vice versa diese in jene.

Das Internet hat sich rasch weiter entwickelt. Rein textbasierte Hyperfiktionen haben mittlerweile einen schweren Stand in der multimedialen Umgebung des World Wide Web. Anders als bei der Veröffentlichung von Michael Joyce's inzwischen klassischen Hyperfiction «Afternoon, a story» 1991 nimmt der Text heute keine prioritäre Stellung im elektronischen Medium mehr ein. Auch im deutschen Sprachbereich hat sich dies drastisch gewandelt: Konnte man 1994 bis 1996 noch vom Text als wichtigstem Element des elektronischen Publizierens ausgehen, hat er 1999 auch in Hyperfictions seine Führungsrolle eingebüsst. Text ist zwar noch immer wichtiger Sinnträger, doch er reiht sich nun als ein Spielelement gleichrangig neben Bild, Ton und Animation ein - schliesslich sind sie alle gleichermassen in binären Daten ausdrückbar. Die unmittelbare Zukunft, so scheint es, gehört multimedialen Hyperfictions mit simplen bis komplexen narrativen Mustern: immersiven Spielen und Umgebungen wie «The Last Express», «Riven» und «Blade Runner» - letztere beide auch kommerzielle Erfolge - und literarischen, künstlerischen Arbeiten wie beispielsweise «tango rgb» von Oliver Gassner und «Die Aaleskorte der Ölig» von Frank Klötgen und Dirk Günther. Gassner, ein leidenschaftliche Tangotänzer, arbeitet mit minimalistischen Methoden konstruktiver bzw. konkreter Kunst. In seinem lyrischen Multimedia-Projekt tanzt die Maschine den Tango nach den Anweisungen des Autors: Ein Quadrat aus kleinen Farbfeldern verändert seine Zusammensetzung rhythmisch und simuliert in seinem Bewegungsablauf die Schritte eines Tangos. Klötgens und Günthers Werk ist ein Bilderdrama in 20 Sequenzen, das von einem virtuellen Schauspielerensemble gespielt wird. Der Leser muss dabei die Regie übernehmen und über die Auswahl der Schauspieler und der Regieanweisungen die Szenen zusammenstellen. Am Ende läuft das Drama als Film ab und stellt eine von 6.9 Milliarden möglichen Spielvarianten dar.
BS

Hypertext: Palimpsest

"Als Hypertext bezeichne ich also jeden Text, der von einem früheren Text durch eine einfache Transformation [...] oder durch eine indirekte Transformation (durch Nachahmung) abgeleitet wurde. [...](18) Es gibt kein literarisches Werk, das nicht, in einem bestimmten Maß und je nach Lektüre, an ein anderes erinnert; in diesem Sinne sind alle Texte Hypertexte. Aber wie bei den Gleichen aus Orwells 1984 sind es manche mehr (oder offensichtlicher, massiver und expliziter) als andere [...] Ich kann in jedem beliebigen Werk die partiellen, lokalisierten und flüchtigen Echos irgendeines anderen, früheren oder späteren Werkes verfolgen. (20) [...] während der Hypertext fast immer fiktional ist, eine aus einer anderen Fiktion oder aus der Schilderung einer tatsächlichen Begebenheit abgeleitete Fiktion. [...] Der Hypertext kann nicht-fiktional sein, insbesonders wenn er sich von einem nicht-fiktionalen Werk herleitet. Ein Kant-Pastiche oder eine Versifikation der Kritik der reinen Vernunft wäre sicherlich ein nicht-fiktionaler Hypertext. [...] (530) Die Hypertextualität gehört gewissermaßen zum Basteln. [...] (532 )Sagen wir nur, daß die Kunst, 'aus Altem Neues zu machen', den Vorteil hat, daß sie Produkte hervorbringt, die komplexer und reizvoller sind als die 'eigens angefertigten' Produkte: eine neue Struktur legt sich über eine alte Struktur und verschränkt sich mit ihr, und die Dissonanz zwischen diesen beiden gleichzeitig vorhandenen Elementen verleiht dem Ganzen seinen Reiz. [...] Diese Doppeltheit des Objekts läßt sich im Bereich der Textbeziehungen durch das alte Bild des Palimpsests abbilden, auf dem man auf dem gleichen Pergament einen Text über einem anderen stehen sieht, den er nicht gänzlich überdeckt, sondern durchscheinen läßt. Pastiche und Parodie hieß es zu recht, 'bezeichnen die Literatur als Palimpsest' (R. Amossy und E. Rosen, La dama aux catleyas; in: Litérature, 14. Mai 1974 - Originalfußnote in Genette 1993)..Das muß, genereller, für jeden Hypertext gelten, wie Borges bereits zur Beziehung zwischen dem Text und seinen Vortexten anmerkte. ('Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass es berechtigt ist, wenn man in dem endlichen Quijote eine Art Palimpsest erblickt, auf dem - schwach, aber nicht entzifferbar - die Spuren der vorhergehenden Schrift unseres Freundes sich abzeichnen sollen.' (F.L. Borges, Gesammelte Werke, Bd. 3/I, S. 123); es handelt sich natürlich um unseren Freund und Kollegen Pierre Ménard. - Originalfußnote in Genette 1993).
Der Hypertext fordert uns zu einer relationalen Lektüre auf, deren Reiz [...] recht gut in dem [...] erfundenen Adjektiv zum Ausdruck kommt: palimpsestuöse Lektüre: Liebt man die Texte wirklich, so muß man von Zeit zu Zeit den Wunsch verspüren (mindestens) zwei gleichzeitig zu lesen. [...] Das Vergnügen am Hypertext ist jedoch auch ein Spiel." (553)
(Genette, Gérard (1993): Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main. Originaltitel (1982): Palimpsestes. La littérature au second degré, Paris, 18-553)
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Hypertext: Potentielle Textualitäten: (Von Oulipo zu Digipop)

"Bei der trafition: ellen schriftlichen Kommunikation werden alle Mittel der Montage im Moment der Ausarbeitung selbst eingesetzt. Sobald der Text einmal gedruckt ist, behält er in seiner Materialität eine gewisse Stabilität - bis sein Sinn vom Leser um- und neugestaltet wird. Der digitale Hypertext automatisiert und materialisiert diese Leseoperationen und erweitert deren Bedeutung ganz beträchtlich. Der für jede Reorganisation offenen Hypertext stellt ein dynamisches Reservoir, eine Matrix dar, von der aus ein durch den Text navigierender Leser oder 'User' sich seinen speziellen Text nach seinen momentanen Bedürfnissen zusammenstellen kann. Datenbanken, Expertensysteme, Kalkulationsprogramme, Hyperdokumente, interaktive Simulationen und andere virtuelle Welten sind potentielle Texte, Bilder, Klänge oder sogar taktile Qualitäten, die in spezifischen Situationen auf tausend verschiedenen Arten aktualisiert werden können. Das Digitale findet damit wieder zurück zur Sensibilität gegenüber dem Kontext, wie sie für körpergebundene Technologien kennzeichnend ist." ((Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 60,61)
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Hypertext-Euphorie (Fake)

1989 hackt PooL-Processing die Datenbank der Ars Electronica, verknüpft Installationen, Symposium, Kunstkritik in einem als Datenbank-Recherche getarnten Text (und fliegt aus dem offiziellen Katalog heraus): "Manifest für virtuelle Produktionen": "Die Revolutionierung der Kommunikation beginnt nicht in den Schlafzimmern, nicht auf der Straße, nicht in den Bibliotheken und nicht in den Guides and Manuals zur Textverarbeitung, sondern direkt auf den Oberflächen der informationsverarbeitenden Maschinen: [..] die Vernetzung fängt im Kopf an und breitet sich dann über verschiedenen Medien aus: Papier, Tasten, Mäuse, Bildschirme, Wände, Bücher, Telefonleitung, Bildschirm, Drucker, Papier, Buch, Wände..
Die Konzepte für eine solche hypermedial-verknüpfte, diskontinuierliche Ideen-Produktion und Weitergabe kompilieren wir aus der Literatur, der Ars Combinatoria, den historischen CUT-UPS eines Materialismus, der aus einer Montage von Einzelmomenten übergreifende Konstruktionen entwickelt und den subkulturellen Ursprüngen der "Computerkultur" in den 60er Jahren der USA, die, verbunden mit Hyper-Text Programmen, zu Möglichkeiten vielfältig vernetzter Schreib- und Leseoperationen führen:
1. Jede Information ist frei zugänglich und kann an jeder Stelle verändert, ergänzt und mit anderen Informationsteilen (Textstellen oder Bildern) verknüpft werden.
2. Die Unterscheidung zwischen Daten und Programmen ist aufgehoben: die Aktivierung eines Wissensbausteins kann sowohl einen Suchbegriff auslösen, als auch ein neues "Fenster" zur Eingabe eins Kommentars oder einer Randbemerkung öffnen
3. Die Strukturen/ Zusammenhänge/ der Kontext wird beim Schreiben und Lesen ebenso wichtig wie die einzelnen Wissensbausteine.
4. Der Unterschied zwischen Schreiben und Lesen, Abbilden und Einbilden, Codieren und Decodieren fällt in einen Produktionsmoment zusammen."
(Idensen/Krohn 1990. S.136 ff
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Hyperrealität

"All das definiert einen digitalen Raum, ein magnetisches Feld des Codes, mit Polarisierungen, Brechungen, Gravitationen von Modellen und dem ständigen Strom der kleinsten disjunktiven Einheiten (der Frage / Antwort-Zelle, die so etwas wie ein kybernetisches Atom der Signifikation ist). Man muß den Unterschied beachten, der zwischen diesem Kontrollfeld und dem traditionell repressiven Bereich der Polizei bestand, der noch einer signifikanten Gewalt entsprach. ... Vom ausdrücklichen Befehl geht man zur Programmierung durch den Code über, vom Ultimatum zum permanenten Druck, von der erzwungenen Passivität zu Modellen, die von vornherein auf die "aktive Reaktion" des Subjekts hin konstruiert worden sind, auf seine Einbeziehung, seine "spielerische" Partizipation etc. berechnet sind, bis zum Modell eines totalen "Environments" aus pausenlosen, spontanen Antworten, aus begeisterten feed-backs ... Die Realität geht im Hyperrealismus unter, in der exakten Verdoppelung des Realen, vorzugsweise auf der Grundlage eines anderen reproduktiven Mediums - Werbung, Photo etc. - und von Medium zu Medium verflüchtigt sich das Reale ... das, wovon man eine äquivalente Reproduktion herstellen kann. ... Heute, wo das Reale und das Imaginäre zu einer gemeinsamen operationalen Totalität verschmolzen sind, herrscht die ästhetische Faszination überall: es ist die unterschwellige Wahrnehmung (eine Art sechter Sinn) des Tricks, der Montage ... kein Produktionsraum mehr, sondern ein Band, das gelesen, codiert und decodiert wird, ein Magnetband der Zeichen - eine ästhetische Realität ... "
(Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, München 1982, S. 118
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Imaginäre Bibliothek

Das Universum, das andere die Bibliothek nennen, setzt sich aus einer undefinierten, womöglich unendlichen Zahl ineinander verschachtelter Bildschirme zusammen. Weite, in die Tiefe führende Wege, die nur über das Aktivieren bestimmter Schalter zu erreichen sind, werden eingefaßt durch Markierungen am Rande dieser Blätter aus vergessenen Schätzen geschriebener, gezeichneter, imaginierter Buch-Utopien.
Die Anordnung der auf dem Bildschirm erscheinenden Bücher ist niemals dieselbe, ebensowenig die Art und Weise, in der sich der Benutzer durch die verschiedenen Gebiete der Bibliothek hindurchbewegt.
Das Buch ist bisher das radikalste Interface für den Entwurf virtueller Welten. Alle anderen Maschinen an die sich der Mensch derzeitig anschließen kann, spiegeln hauptsächlich ihre eigene Funktionalität zurück oder lassen den gelangweilten Geist in raffinierte Rückkopplungsschleifen eintreten: Brainmachines. Sie erscheinen als blasse Abbilder eines phantasmagorischen Lesens.
Auf der Oberfläche der imaginären Bibliothek sind einige ausgewählte Exemplare besonders ungewöhnlicher, abwegiger Bücher, die in der herkömmlichen linearen papierenen Buchform nicht lesbar waren, als hypertextuelles Programm realisiert.
Lesen und Denken kann sich in diesem mehrdimensionalen Raum der imaginären Bibliothek in verschiedene Richtungen entfalten: Von jeder Stelle der verzweigten Bibliothek kann man in die unteren oder oberen Stockwerke gelangen, sich horizontal oder vertikal fortbewegen. In Verlauf dieses gezielten Umherschweifens ist ein Verirren des Lesers nicht ausgeschlossen, teilweise sogar erwünscht.
Schnell betätige ich einen Schalter, um das Dauerreden der Bibliothek gegen die Technologisierung des Wortes zu unterbrechen. Über eine Suchfunktion lande ich auf dem Index "Bibliotheksphantasie".
Foucault: "Etwas Wunderbares entsteht auf dem virtuellen Schirm, auf dem ein Schwarm vergessener Wörter sich mit lichtenen Lettern wie Viren ausbreiten... das Imaginäre haust zwischen dem Schirm und dem wachsamen Ausspähen des Lesers..."
Das soll in den Zwischenspeicher, ins Kurzzeitgedächtnis kopiert werden. Dort ist noch der Satz eines früheren Lesers abgelegt:
"Die Bibliotheken werden endlich Städte werden... ich habe die Fahrt nach einem Buch angetreten; vielleicht war es der Katalog der Kataloge; jetzt können meine Augen kaum entziffern, was ich schreibe..."
HI

Immaterialien

Im elektronischen Tagebuch finde ich mein Initiationserlebnis notiert, das mich dazu anregte, mich mit Computern zu beschäftigen, eine eigentümliche Hoffnung in diese Beschäftigung zu setzen.
Im Rahmen eines kollektives Schreibexperiments, das im Vorfeld der von Lyotard konzipierten `Immaterialien-Ausstellung' (28.3.-15.7. 1985 im Centre Beaubourg) stattfand, sollten die ´Wirkungen der neuen Informationstechnologien auf die Entstehung der Gedanken´ untersucht werden.
Dieses frühe Beispiel für intertextuelle Textproduktion mittels vernetzter Computerterminals stellt ein breit angelegtes Diskursexperiment auf den unterschiedlichsten Ebenen dar:
1. primärer Schreibprozeß: 30 Autoren aus verschiedenen Disziplinen (Kunst, Literatur, Wissenschaft, Technik) schreiben ein halbes Jahr über vernetzte Computer in eine zentrale Datenbank zu bestimmten Wörtern.
2. Bedeutungsfelder, Verabredungen, Formate: Die Textbausteine sind 2-10 zeilige Definitionen zu 50 Schlagwörtern, die sich auf die Fragestellungen der Ausstellung beziehen.

Atem / Autor / Befehl / Beweis / Bild / Code / Empfänger / Entmaterialisierung / Fassade / Gedächtnis / Geld / Geste / Gleichzeitigkeit / Grenzen / Geschwindigkeit / [...] Natur / Navigator / Netz / Prothese / [...] verführen / verschwommen / vielfach / wohnen / Wunsch / Zeichen / Zeit

(Die vollständige Liste und Hintergrundmaterial in: Lyotard, Jean-Francois (mit anderen): Immaterialität und Postmoderne, Berlin 1985, 17)
3. Kompetenz, Machtstruktur: Alle Definitionen sind allen zugänglich und können beliebig ergänzt, widerlegt, variiert werden.
4. Interaktion, aktiver Leser: Das Lexikon dieses Prozesses ist während der Ausstellung den Besuchern im "Labyrinth der Bibliothek" wiederum als offenes Informationssystem zugänglich. Jeder Leser kann sich einschreiben.
5. gesellschaftliches Feld: Außerhalb des Museums zirkulieren die Texte über MiniTel. (französisches BTX-System)
Der Computer spielt mir die Melodie vor, die ich hörte, als ich - ausgerüstet mit einem Empfänger - quer durch die Ausstellungszonen rannte, weil ich meine Begleiterin verloren hatte. So bekam ich ein verworrenes Sound-Gemisch aus den verschiedenen Sektoren zu hören. Auch mein kompletter Ausstellungsrundgang liegt aufgrund eines in der Ausstellung installierten Sensorsystems komplett vor - und doch ist die Erinnerung seltsam verblaßt. Ein "Total Recall" findet offensichtlich allein über die Medien nicht statt.
Wenn auch die Ausstellung "Les Immateriaux" nach wie vor eine der überzeugendsten Verräumlichungen postmoderner Theorien, Technologien und Kunst war, so scheint doch, befragt man die Archive, den französchen Ausstellungskatalog, die ganze Sekundärliteratur, das Sprachspiel insgesamt gescheitert zu sein.
Gerade der Anspruch postmoderner Philosophie, mit dem Instrumentarium der Sprachkritik gegen eine Universalisierung und Vereinheitlichung der Sprache im Prozeß telematischer Sequentialisierung vorzugehen, ist schwerlich realisiert worden.
In der Zwischenablage findet sich folgendes Zitat unter dem Stichwort "postmoderne Medienkritik" :
"Gefragt war vor allem nach Veränderungen des Schreibens und Denkens, die durch die Verwendung der neuen Kommunikationstechnologien entstehen. Das Ergebnis liegt nahe bei Null. Die Autoren haben die Eigenheit ihres Schreibens bewahrt und vor kommunikativer Angleichung geschützt. Entweder intervenierten sie überhaupt nicht gegenüber den anderen Texten, oder sie taten es in sehr oberflächlicher Form. Sie haben sich - ganz im Sinne der von Lyotard 1983 propagierten Perspektive sprachlicher Eigenheit - der Intention der Ausstellung, die vor allen die positiven Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechnologien eruieren wollte, widersetzt." (Welsch, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne, Weinheim 1991, 221)
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immaterielle Ökonomie der Arbeit: Netzwerke und Ströme

In der Gesellschaftstheorie wird der neue Status von Produktion als eine Ablösung vom industriellen Produktionssystem beschrieben, die Ökonomie der psychischen Produktion werde abgelöst durch eine ,immaterielle` Ökonomie der Information (in den quartären Sektoren der Kommunikationsdienstleistungen).
Die folgenden Merkmale markieren am deutlichsten den Bruch mit der industriellen Produktionsweise:
- die Quellen des Reichtums sind forthin konzeptuelle Tätigkeiten
- Wertzuwachs wird hauptsächlich durch Transaktionen aller Art in Kommunikation und Distribution erzeugt
- Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang und Transfer von Informationen erscheinen als die grundlegende Fähigkeit, geradezu als Grundbedingung, um arbeiten zu können
- grundlegende Produktivkraft wird der Wissenschaftssektor, genauer eben die Integration wissenschaftlicher Arbeit in die industriellen Produktionsprozesse
- vorherrschendes soziales Paradigma ist nicht mehr der einzelne, möglicherweise sogar in Serie geschaltete, Arbeiter der Massenproduktion, sondern das Team aus eigenverantwortlichen ProduzentInnen verschiedenster Qualifikationen
- virtuelle Managementstrategien laufen auf Animation zu eigenverantwortlicher Kooperation der ,subjektiven Produzenten` hinaus, anstatt auf Kontrolle linearer Arbeitsabläufe und reinem Zeitmanagement
- die individuellen und die kollektiven Interessen der Arbeitenden scheinen mit denen der Firma identisch zu sei, bzw. zu werden: jeder wird virtuell zu seinem eigenen ,Scheinselbständigen`
- Leben und Arbeit werden ununterscheidbar, freie Zeit läßt sich nicht mehr von der Arbeitszeit unterscheiden: wir sind ständig online, ständig erreichbar, immer adressierbar.
- soziale Kooperation und gesellschaftliche Interventionsprozesse werden zur Grundlage ,virtueller Arbeit`:
"Diese immaterielle Arbeit konstituiert sich unmittelbar kollektiv, ja man könnte sogar davon sprechen, dass sie nicht anders als in Form von Netzwerken und Strömen existiert. [...] Der Produktionszyklus selbst ist dabei abhängig von der kapitalistischen Initiative; sobald der ,Job` erledigt ist, löst sich der Zusammenhang auf in jene Netzwerke und Ströme [...]."
(Lazzazato, Maurizio, "Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Postfordismus", in: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion, hg. v. Toni Negri, Maurizio Lazzazato, Paolo Virno, Berlin 1998, S. 39-52, hier: S. 46-47)
HI

immaterielle Arbeit: IO_Lavoro Immateriale (Knowbotic Research)

Im Projekt IO_Lavoro Immateriale von Knowbotic Research (http://io.khm.de/) wurde diese Debatte um Theorie- und Praxisformen immaterieller Arbeit mittels spezieller technischer und sozialer Interfaces weitergetrieben. Maurizio Lazzarato stellte in diesem Zusammenhang eine Gruppe von Soziologen und Philosophen zusammen, die prototypisch in kollektive intellektuell-künstlerische Arbeitsformen verwickelt wurden :
"Jeder der Teilnehmer und Teilnehmerinnen trug selbstverfertigtes Textmaterial in die Datenbank ein, verband jeden Datensatz mit einem ihn repräsentierenden Schlüsselbegriff, und erstellte eine eigene konzeptuelle Karte, in der die Beziehungen der diskursiven Elemente durch Distanzen und Clusterbildungen repräsentiert wurden. Wiederum wurden diese Einzelkarten von einem Computersystem zusammengefasst und zu einer einzigen, dynamischen Karte synthetisiert, in der aufgrund algorithmischer Regeln stets neue potentielle Konstellationen zwischen den verschiedenen Materialien dargestellt werden."
(Andreas Broeckmann: "Knowbotic Research - Wirksamkeit und konnektives Handeln. Konstruktionen im Translokalen"
http://www.kulturprozent.ch/brainstorming/referenten/willhelm/knowbot.htm)
Mittels eines speziellen Editor-Interfaces ist diese Datenbank nach Anmeldung auch im Netz verfügbar und prinzipiell offen für weitere Einträge (http://io.khm.de/; Vgl. hier auch die kommentierende und interpretierende Projektkritik von Hans Ulrich Reck, "Konnektivität und Kartographie. Über: künstlerische Praxis, Arbeit, Subjektivität, Handeln")
HI

interface

Alle Bilder sind möglich. Es gibt kein Ereignis, das sich nicht in ein technisches Bild auflösen läßt, um in die SOFTWARE einzufließen und auf allen Programmen und Bildschirmen präsent zu sein. Durch die virtuellen maschinen ist der Mensch selbst in den Schaltkreis integriert. der Gegensatz Mensch/Maschine, innen/außen verwischt. Keinen Freiheit, keine Wahl. angeschlossen an einen intelligenten Terminal - connected. (Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
HI

Intertextualität

Am Beispiel der Manifeste des Plagiarism:

"From Lautréamont onwards it has become increasingly difficult to write. Not because people no longer have anything to say, but because Western society has fragmented to such a degree that it is now virtually impossible to write in the manner that has traditionally been considered 'good'. [...] Plagiarism saves time and effort." (VAGUE 18/19, London 1986, S.3) "[...] to strengthen this misconception by attempting to show a historical line running from Lautreamont onwards, and by this linear method avoiding the central paradox of such criticisms." (SMILE 6/7, Baltimore 1986)

"From Stockhausen onwards it has become increasingly difficult to create new music. Not because people no longer have anything to say, but because Western society has fragmented to such a degree that it is now virtually impossible to write in the style of classical, coherent compositions. [...} Plagiarism saves time and effort." (-->Plunderphonics-Manifest der Tape-beatles, http://www.hyperreal.org/intersection/zines/est/articles/plagiari.html)
"From Lautreamont onwards it has become increasingly difficult to write, not because we lack ideas and experiences to articulate - but due to Western society becoming so fragmented that it is no longer possible to piece together what was traditionally considered ´good' prose.", (Mind Invaders, London: Serpent's Tail, 1997, S.133)
"Plagiarism saves time and effort." (Luther Blissett, Plagiarism and Why You Should Use It, http://www.vanguardonline.f9.co.uk/00505.htm)

"Plagiarism saves time and effort." (phutile international, Phutilitarianism, an open source philosophy,
http://www.phutyleinternational.com/acright/acright.htm)
FC

Junggesellenmaschine: Duchamps Großes Glas

In der unteren Hälfte des "Glases", die von Duchamp als Junggesellen-Apparat bezeichnet wird, liefert ein Gas (unbekannter Herkunft) in den männlichen Gußformen die Abgüsse von neun Junggesellen. das Gas tritt durch die Kappilarröhrchen(2) aus den Gußformen hervor, gefriert und wird in Pailletten zerbrochen, die einen halbfesten Nebel bilden. Die Kapillarröhrchen lenken die Pailetten bis zur Öffnung des ersten Haarsiebs (6). Angezogen von der Schmetterlingspumpe(7), gehen die Pailleten durch die sieben Haarsiebe hindurch und verwandeln sich beim Durchgang in eine flüssige Suspension. Diese fällt auf den Toboggan (8) und "verspritzt" an seinem unteren Ende (9). Die Spritzer werden durch ein bewegliches Löchergewicht (10) kanalisiert und den Okulisten-Zeugen (11a - 11 d) zugeführt.

Die Schere(5e) kontrolliert den Druck der Spritzer, wenn sie aus den Okulisten-Zeugen austreten. Ein paar dieser Spritzer bilden hier eine Tropfenskulptur (14).. Das Spiegelbild der Tropfen dringt durch ds Kleid der Braut (17)- drei schmale Glasstreifen, senkrecht zum "Großen Glas"- und wird nach oben in die Domäne der Braut gespiegelt. Die kinetische Energie der übrigen Spritzer wird in Lichtenergie umgewandelt, während sie durch die Okulistenbilder geblendet werden, deren letztes eine Lupe ist, die auf dem " Glas " bloß durch einen Kreis (11d) dargestellt ist. Die Linse sammelt die Lichtenergie auf der Kampfkugel (12). Die Kampfkugel wird dadurch angeschlagen und zum Aufstieg gezwungen. Am Scheitel der Wurfbahn setzt sie den Uhrwerkmechanismus des Boxkampfes in Bewegung(13), und die zwei Widder ( 13a und 13b) bewirken bei ihrem Abstieg die Entkleidung der Braut.

Der Schwerpunkt-Jongleur (24), dessen Beine auf dem Kleid der Braut ruhen, wird durch die Entkleidung aus dem Gleichgewicht gebracht. Er hat etliche Mühe, das Herunterfallen einer Kugel aufzuhalten, die auf ihm balanziert. Außer seiner prismatischen Spiegelfunktion wirkt das Kleid der Braut auch noch als Kühler (18), der die hitzige Aufmerksamkeit der Junggesellen zurückdämmt, ferner bezeichnet das Kleid den idealen Horizont (19) des " Glases ". Die Wassermühle (4a-4c) wird von einem Wasserfall (3) angetrieben, während der Leiterwagen (4b) von einer Reihe komplizierter mechanischer Einrichtungen in Bewegung gesetzt wird. Er singt Litaneien, die im Friedhof der Uniformen und Livreen (1) vom Junggesellen-Gas vernommen werden, während in den männlichen Gußformen die erwähnten Abgüsse werstellt werden.

Der Schokoladenzerreiber (5) illustiert einen der Hauptzüge des Junggesellen, der "seine Schokolade selber zerreibt ". .. In der Domäne der Braut (obere Hälfte des "Glases) übermittel die Braut (16) ihre Befehle in einem Dreifach-"Rost" den Junggesellen und zwar durch drei Durchzugskolben. Diese sind von einer Art Milchstraße umgeben, die den graphischen Ausdruck der drei "Entfaltungen" der Braut darstellt. In den neun Schüssen (21) trifft sich das Verlangen der Braut mit dem dem Ausdruck des Verlangens der Junggesellen, dargestellt durch ein Schlagschatten-Bild (22), geformt aus der Spieglerischen Rückstrahlung der Tropfenskulptur
(Marcel Duchamp: in: Rene Simmen (Hg.): Der mechanische Mensch, Zürich 1967, 82)
HI

Junggesellenmaschine (KI)

Die künstliche Intelligenz ist eine Junggesellenmaschine. Aus dieser Jungfräulichkeit, der völligen Unkünstlichkeit folgt der Junggesellencharakter der telematischen Menschen. So wie ersich vor seinem Microcomputer ... das Schausspiel seines Gehirns oder seiner Intelligenz gibt, so erlebt der telematische Mensch durch das erotische Minitel das Schauspiel seiner Phantasmen und seiner virtuellen Sexualität. In beiden Fällen projeziert er seinen sexuellen Genuß oder seine Intelligenz aus sich raus und überträgt sie auf die zwischengeschaltete Maschine. Der andere als sexueller oder kognitiver Partner ist nie wirklich gemeint, als ob es ein Durchschreiten des Bildschirms geben möchte, wie das Durchschreiten des Spiegels. Vielmehr wird der Bildschirm selber gezielt Moment der Interface.'Die Maschine (der interaktiver Bildschirm) verwandelt den Prozeß der Kommunikation, die Beziehung des einen zum anderen, in einen Prozeß der Kommutation, das heißt in einen Prozeß der Wechselwirkung des Selben auf das Selbe. Es ist der Trick des Interface, daß der Andere praktisch zum Selben wird, daß die Andersheit verstohlen durch die Maschine eingeschleust wird.
(Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989, 128)
HI

Junggesellenmaschine (erotisches Minitel)

Liebe per Bildschirm / erotisches MINITEL. der sexuelle Genuß wird auf den Bildschirm projeziert- Durchschreiten des Bildschirms- Durchschreiten des Spiegels. Jegliche Andersartigketi WIRD GESTOHLEN. Der JUNGGESELLENCHARAKTER des telematischen Menschen: interAKTION - Wechselwirkung desselben zum Selben. auf dem Bildschirm geht es viel erotischer zu. Wozu noch miteinander reden in dieser neuen Höhle des Plato. Heute leben wir in einer Imagination der Vernetzung: was auf dem Bildschirm erscheint, kann in einem unmittelbaren KURZSCHLUSS abgelesen werden. Ein Rausch des FUNKTIONIERENS. Das einzige, was nicht möglich scheint: eine Maschine, die anstelle des Menschen Lust empfindet. (Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
HI

Karte, phantastsiche (als philosophsiches Frageelement)

Die ,geographisch` Perspektive betrifft eine sich feindlich gegenüberstehnede Anordnung von Kräften, eine Geopolitik. In einer (wie auch immer fiktiven) Projektion dieses Raumes, in dem die intellektuellen Praktiken vor sich gehen, könnte man das Spiel dreier Elemente unterscheiden: Den Platz, die Masse und die Wahrheit.
Diese phantastische Karte ist nur eine erste Annäherung. Der Platz, das ist der Posten, die institutionelle Situation, der Befähigungsnachweis, die soziale Identität, die von einer wissenschaftlichen Disziplin und von einer hierarchischen Anerkennung gelieferte Garantie. Er bildet einen Ort, dessen Rekrutierung einer Auswahl unterliegt, dessen Protokolle ein System von Aussortierungen und Richtigkeiten organisieren und dessen Diskurs mit einer Legitimität ausgestattet wird. [...] Die Masse, das ist die städtische oder ländliche Menge, ein unbewegter oder stürmischer Ozean, der - wie Diderot erzählt - gegen die Fenster der intelektuellen Laboratorien brandet. Die anonyme Kraft eines Leidens, eines Zorns, oder eines Lachens der im Zaum gehaltenen, unruhigen Menge überwältigt und zerstört manchmal das Gebäude des Wissens. Die Wahrheit ist ein Frageelement, das die Konfigurationen einer Ordnung des Sinns in Frage stellt. Sie taucht auf wie ein Zweifel, der das Wahrscheinliche, das heißt das Gesetzt des Milieus, überschreitet. Sie hat die Frendheit eines Einbruchs und einer ,Geburt` in der Kohärenz dessen, was allgemein ,anerkannt` ist. Sie erscheint als ein einzigartiges Faktum, das man zu vergessen sucht, weil es die Allgemeinheiten der Ideologie oder Theorie brüchig werden läßt.
(de Certeau, Michel: Das Lachen Michel Foucaults, in: Schmid, Wilhelm (Hg.): Denken und Existenz bei Michel Foucault. Frankfurt/ Main 1991, 227-249, hier: 236)
HI

Kritik als experimentelle Haltung

Foucault reformuliert die kritische philosophische Haltung, die historische der Aufklärung zu verdanken ist und die er für sich selbst in Anspruch nimmt - kritisch im Wortsinne: Es handelt sich um eine Grenzhaltung, bei der es darauf ankommt, sich an den Grenzen der Gegenwart, einer bestimmten Kultur und eines Denkens aufzuhalten, um es zu reflektieren, zu analysieren und zu überschreiten. Es ist zugleich die Etablierung einer experimentellen Haltung, die in der Gegenwart konkret die Punkte aufzuzeigen versucht, wo Veränderung möglich und wünschenswert ist, und die in praktischen Experimenten zu erproben sucht, welche Form die Veränderung tatsächlich annehmen kann. (Schmid, Wilhelm (Hg.): Denken und Existenz bei Michel Foucault. Frankfurt/ Main 1991, 25)
HI

Kritik: Medien-Kritik

Ein offensiv ästhetischer Gebrauch von Medienverbundsystemen wird da erschwert, wo eine Medien-Kritik nur am Output der Medien, d.h. den technischen Bildern selbst ansetzt (und so in den Untergangsgesang auf die literale Kultur einstimmt) und nicht am produktionsästhetischen Nerv, d.h. an den Schaltungs- und Vernetzungsstrukturen. Auch die übliche Forderung nach sozialer Kontrolle der Sender bzw. sozialem Engagement der Produzenten - der Autor als Agent der Massen, wie es in einem historischen Essay zur Medienkritik gefordert wird (vgl. Hans Magnus Enzensbergers altmodisch schönen Baukasten zu einer Theorie der Medien in: Kursbuch 20/ 1979, Über Ästhetische Fragen, Frankfurt am Main 1970, S.159-186) - löst nicht die Interface Problematik zwischen Medien und Produzenten. Produktionsweisen aus dem Bereich der Kunst in einen anderen Umgang mit den Kommunikationsmedien einzuschleusen, weist möglicherweise aus dem Dilemma postmoderner Endzeittheorien heraus und läßt einen neuen ästhetischen Produktionsbegriff zu, der sich auf den Oberflächen der neuen Medien abspielt." (Idensen, Heiko; Krohn, Matthias: Kunst-Netzwerke: Ideen als Objekte, in: Rötzer, Florian (Hrsg.), Digitaler Schein - Ästhetik der elektronischen Medien, Frankfurt/M. 1991, 371-396, hier: 376)
HI

kritisieren

Die Medientheorie steckt in einer verzwickten Krise (parallel zur Krise der Medien selbst und natürlich zu den Krisen, die die medialen Transformationen heraufbeschwören):
- ein sich in den Begrifflichkeiten unendlich 'medial' gebender Diskurs (McLuhan/de Kerkhove/Kittler/Bolz/teilweise Flusser) affirmiert technische Übertraguns-, Speicher- und Verarbeitungstechniken als (scheinbar) spielerische Metaphern ("die Welt als Benutzeroberfläche", "das postalische Verlangen") ...). Eine Fortsetzung essayistischer Methoden: regelmäßig Computerzeitschriften lesen und Details, Einzelheiten auf gängige philosophische Begriffssysteme zu projezieren - teilweise mit einer sich radikal gebärdenden Haltung (Gegensätze zwischen Objekt/Subjekt heben sich auf usw. usf.), die sich methodologisch aus dialektischen Diskursübungen und -techniken erklären lassen ... Die Theorien werden en vogue .. Modephilosophien ...
- zum Gegenangriff blasen die "richtigen" Philosophen, Germanisten und klassischen Diskursverwalter, die es satt sind nach der Welle französischer Strukturalisten und Dekonstruktivisten nun auch noch links von einer Generation "neuer" (?) Medienphilosophen überholt zu werden. Sie verteitigen die alten Werte und Kategorien (Sein und Schein, Subjekt/Objekt) gegen die Verunreinigungen und Verschmutzungen der neuen Theoriesplitter, kritisieren ihren assoziativen Stil und die Verwendung unexakte Begrifflichkeiten. Nichts sei neu an den Neuen Medien, der Medienwechsel Orale Kultur - Buchdruck wird als Parralele herangezogen. Der Demagogie eines Postman in nichts nachstehend werden die Abtrünnigen Medien-Theorie-Häretiker mit den Phrasen klassischer Meisterdenker (Marx, Hegel, Goethe) geschlagen. (HI)
HI

kognition

(selbstbeschreibung der gesellschaft bei luhmann) = wirksames handeln: die geschichte struktureller koppelung, die eine welt hervorbringt bzw. erzeugt - (121) der kern aller kognition liegt in der fähigkeit, bedeutung und sinn (beim menschen spezifisch über sprache und reflexion) zu erzeugen. dabei kann information nicht als irgendeine vorgegebene ordnung aufgefasst werden, sondern entspricht den regularitäten (formen), die sich aus den kognitiven aktivitäten (dem operierenden prozessieren) selbst ergeben ... wie funktioniert kognition = mithilfe eines netzwerkes von untereinander verknüpften elementen, das in der lage ist, seine struktur zu verändern, ohne den lebensprozess abzubrechen (identitätsverlust) ...

... zu siegenthalers metapher des rationalen akteurs, der quasi wie ein wissenschaftler seine hypothesen bastelt, hoffentlich nicht fundiert (im sinne eines bildes der welt) auf den prämissen der repräsentationstheorie (sondern in der form der sprache -> saussure -> was-fragen der beschreibung der gesellschaft muss auf wie-fragen (durch wen, mit welchen unterscheidungen wird beschrieben) umgestellt werden, da die differenz von zeichen und bezeichnetem rein semiotisch ist - ohne jede externe referenz ... keine repräsentation irgendetwas feststehenden), die varela (100) so einführt: (1) die welt ist vorgegeben (2) unsere kognition bezieht sich auf diese welt - wenn auch oft nur auf einen teil (abgetrennte probllembereiche -> schach) derselben (3) die art, auf die wir diese vorgegebene welt erkennen, besteht darin, ihre merkmale abzubilden und sodann auf der grundlage dieser abbildung zu handeln ... (104) henne: die welt hat feste gesetzte, die es zu erkennen gilt vs. ei: das kognitive system erzeugt seine eigene welt, und deren augenscheinliche stabilität ist der beweis für die internen gesetzte des organismus ......
JM

kollektive Bilder

"Ein Charakteristikum der Gemeinschaftsbildung in den sechziger Jahren aber war der Gedanke, daß der Einzelne im Dienste einer Sache im Kollektiv aufginge und dennoch seine Individualität bewahrte. Unter dieser Prämisse hatten sich 1975 Literaten, Filmemacher, Künstler und Soziologen in der 'Situationistischen Internationale' zusammengefunden, in der Absicht, das gesamte gesellschaftliche Leben umzuformen [...]. Unter obiger Prämisse arbeiteten auch die Pariser Künstler 1968 in den 'Ateliers Populaires' für einen gemeinsamen Kampf von Arbeitern und Intellektuellen [...] und fand ihren Höhepunkt nach dem 13. Mai, dem Beginn des Generalstreiks in Frankreich. An diesem Tag wurden die Druckwerkstätten der Kunstakademien in Paris besetzt, [...] und Tag und nacht dazu benutzt, Hunderttausende von Plakaten herzustellen: Von Alechinsky über Calder bis zu Matta, ein jeder, ob längst berühmter Künsterler oder unbekannter Kunststudent, arbeitete nach seinem Wunsch und Verlangen und anch eigenen künstlerischen Vorstellungen; wobei ein Kollektiv vor Drucklegung über die Annahme des Entwurfs nach dem Motto enschied, jede Kunst, die politisch richtig, aber künstlerisch schlecht sei, erledige sich ganz von selbst."
(Marie Luise Syring: Das große WIR oder Das Jahrzehnt der Kollektive am Beispiel Frankreichs, in: Florian Rötzer Hg.: Künstlergruppen. Von der Utopie einer Kollektiven Kunst, Kunstforum Bd. 116, 11/12 1991, 148-153, hier 151, 152)
HI

kollektives Gemälde aus modularen Feldern

"Als Idealbild für ein kollektives Gemälde unbestritten individuellen Gepräges könnte man ein Wandgemälde in Hommage an die kubanische Revolution gelten lassen, das 1967 in Havanna entstanden ist. Wilfredo Lam hatte die Beteiligten des 'Salon de Mai', in jenem Jahr durchweg Künstler, die dem Gedanken einer sozialistischen Utopie ergeben waren, nach Kuba eingeladen, um den Erfolg der kubanischen Revolution zu feiern. Ursprünglich war nur eine Ausstellung von etwa zweihunder aus Paris mitgebrachten Werken vorgesehen, als Eduardo Arroyo die Idee zu einem kollektiven Wandgemälde vorbrachte. Eine riesige Wand wurde im Freien aufgestellt, davor ein Gerüst, darauf als Grundstruktur eine Spirale, die man in neunzig gleichgroße Feldereingeteilt hatte. In jedem dieser Felder ging ein anderer Künstler ans Werk. [...] Alle unterlagen der fröhlichen, ja übermütigen Stimmung, zu der tanzende Girls und ständig die Arbeit begleitende Musikgruppen beitrugen: jeder wurde zum Maler-Darsteller, der sozusagen in aller Öffentlichkeit sein Bestes hab; die Medien waren zur Stelle, immer ware gleichzeitig vier oder fünf Künstler auf dem Gerüst. Der Arbeitsvorgang selbst wurde zu einem kollektiven, exaltierten Fest, in dem jedes Ich gerne zugunsten des großen WIR aufgegeben wurde."
(Marie Luise Syring: Das große WIR oder Das Jahrzehnt der Kollektive am Beispiel Frankreichs, in: Florian Rötzer Hg.: Künstlergruppen. Von der Utopie einer Kollektiven Kunst, Kunstforum Bd. 116, 11/12 1991, 148-153, hier: 152)
HI

kollaborative Diskurse: gemeinschaftliche Bücher - Schreiben in Gesellschaft

"Auch wenn sie sich noch nicht zu einer Disziplin versichtet haben, sind [...] kommunikologische Ansätze innerhalb verschiedener Disziplinen schon längere Zeit bemerkbar. Es geht dabei um eine Rekontextualisierung der philosophischen Fragestellungen im Rahmen der geänderten Bedeutung von Kommunikation auf neuen technischen Grundlagen.
Solche Rekontextualisierung funktioniert nur im Medienverbund und dedeutet eine neue Art von Diskursverflechtung jenseits des Monographien produzierenden wissenschaftlichen Autors. Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als die Aufklärer die Vermittlungsformen der Öffentlichkeit zu reflektieren begannen [..] keimten Zweifel an der Tragfähigkeit der als Effekt einer spezifischen Buchkultur durchschaubaren Autorenrolle auf.
'Journale sind eigentlich schon gemeinschaftliche Bücher', heißt es in einem Text des Novalis von 1798, und weiter: 'Das Schreiben in Gesellschaft ist ein interessantes Symptom - das noch eine große Ausbildung der Schriftstellrey ahnden läßt. Man wird vielleicht einmal in Masse schreiben, denken und handeln [..]'
(Novalis: Schriften II, 645, zit. nach: hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt, Frankfurt am Main 1989, 301)
(Frank Hartmann: Medienphilosophie, Wien 2000, 27,28)
HI

Kollaboration mit einem (endlosen) Satz: First collaborative Sentence

Der Pionier interaktiven Fernsehens und früher telematischer Projekte Douglas Davis wollte schon in seinen TV und Videoexperimenten aus den starren Sender-Empfänger-Paradigmen massenmedialer Medienschaltungen ausbrechen. Unvergessen ist eine Kameraeinstellung bei einer open-TV-Übertragung, in der er immer wieder gegen das Objektiv der aufnehmenden Kamera trommelt und den Zuschauern zuwinkt und sie auffordert, näher zu kommen.
Dieses Durchbrechen der Zuschauenden zur ,anderen Seite` konnte freilich in den Konzept-Art und Video-Kunst-Projekten nur simuliert werden - und so ist es nur konsequent, wenn gerade Douglas Davis den vielleicht wirklich ,ersten` hypertextuellen Virus im Netz 1995 aussetzt, den ersten wirkliche ,Welttext`:
Der First collaborative Sentence ist ein einziger Satz, der immer weiter geschrieben werden kann - und auch wird: ohne Thema, unstrukturiert, ohne Absender, ohne Empfänger, anonym, vollkommen offen - und den in seiner jetzigen Version vorzulesen wahrscheinlich ein ganzer Tag nicht ausreichen würde:
"THE WORLD'S FIRST Click here if want to see a close-up of yourself with your nose on the screen before plunging on ahead: CLICKCLICKCLICK CLICKCLOSER CLOSERCLOSERCLICKCLICKCLICKCLICK).
" THE WORLD'S FIRST WHAT ? YOU ASK. DON'T WORRY. SOON YOU'LL KNOW. BUT FIRST LET ME ASK SOMETHING FAR MORE IMPORTANT:
[...] moving us finally into the digital era and THIS MEDIUM, the InterNet/Web, where you take over from me ...
But not yet, please. Wait just a few pages....hold out your hand there...yes, I think I got it...your fingers...hand in hand let's look through....
ALL THE GOOD DIGITAL BITS YOU CAN RETRIEVE FROM US ALONG THE WAY [...]"
http://ca80.lehman.cuny.edu/davis/
HI

kollektive Einbildungskraft

"Welchen Zweck sollen also die neuen Kommunikationswerkzeuge erfüllen? Vom sozialen Standpunkt aus gesehen, wäre es sicher am sinnvollsten, Gruppen von Menschen bestimmte Instrumente in die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie ihre geistigen Kräfte bündeln und eine kollektive Intelligenz, eine kollektive Einbildungskraft erschaffen können. [...] Nach diesem Ansatz wäre das größte Architekturprojekt des 21. Jahrhunderts die Konstruktion und Einrichtung des interaktiven, sich bewegenden Raums des Cyberspace." ((Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 25, 26)
HI

Kollektive Intelligenz: Kapitalismus, Zirkulation und virtuelle Welten

"Welche Konzepte und Technologien könnten diesen Raum des Wissens und gleichzeitig die Identität des einzelnen in diesem Raum sichtbar machen? [...] Kollektive Intelligenzen tauchen auf und vernetzen sich, verlagern sich und verwandeln einander. Aus der Zirkulation , Verbindung und Metamorphose denkender Gemeinschaften entsteht und erhält sich der Raum des Wissens. Jede kollektive Intelligenz erzeugt eine virtuzelle Welt, in der die Beziehungen, die sie bestimmen, die Probleme, die sie in Bewegung bringen, die Bilder, die sie sich von ihrem Umfeld macht, ihr Gedächtnis und ihr Wissen im allgemeinen zum Ausdruck kommt. Die Mitglieder einer kollektiven Intelligenz produzieren, strukturieren und verändern ständig die virtuelle Welt, die Ausdruck ihrer Gemeinschaft ist: Die kollektive Intelligenz hört nicht auf zu lernen und zu erfinden. " (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 159)
HI

kollektives unbewusste

... bedeutung des kollektiv unbewussten: die gesellschaft kann sich bei steigendem wissen (und nicht obwohl, sondern weil ihr (nur unterschiedlich kodiertes) wissen zunimmt) nicht mehr über zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen veränderungen und umweltveränderungen informieren. weder die alten naturgesetze noch die erfahrung mit der technik helfen. es geht nicht um strikt, sondern um lose gekoppelte sachverhalte, die sich aber sprunghaft verändern können. ?? (in der art, wie an sie im vollzug der selbstbeobachtung angeschlossen wird) ... (1113) das problem liegt im rücken und lässt sich verschieben, wenn sich beobachter finden, die andere beobachter beobachten. die verschiebung kann auf der zeitdimension und auf der sozialdimension erfolgen ... man sieht später, was bei früheren beobachtungen ausgeschlossen wurde, oder andere sehen es....
JM

Kontrollgesellschaft

Man braucht keine Science Fiktion zu lesen (z.B. Ubik), um die vernetzen Medienverbundsysteme (auch) als Kontrollorgane zu sehen, die beständig den sozialen Raum abtasten, in jedem Moment Position, Tätigkeit, Zustand eines jeden Objektes/Elementes bestimmen, abspeichern und Zustandsänderungen verfolgen, Sanktionen nach bestimmten Schwellwerten auslösen können (Türöffner, Kreditkarten, Verkehrs- und Fahrkarten, Sozial-Karten (Arbeit, Krankenkasse) ...
Kontrolle der Warenzirkulation und Verteilung / Transformation der Produkte und Objekte, sowie soziale/telematische Kontrolle ...
"Wir sind dabei, in ,Kontroll`gesellschaften einzutreten, die genaugenommen keine Disziplinargesellschaften mehr sind [...], die nicht mehr durch Internierung funktionieren, sondern durch unablässige Kontrolle und unmittelbare Kommunikation. (250)
Jeden Gesellschaftstyp kann man selbstverständlich mit einem Maschinentyp in Beziehung setzen: einfache oder dynamische Maschinen für die Souveränitätsgesellschaften, energetische Maschinen für die Disziplinargesellschaften, Kybernetik und Computer für die Kontrollgesellschaften. Aber die Maschinen erklären nichts, man muß die kollektiven Gefüge analysieren, von denen die Maschinen nur ein Teil sind. Angesichts der kommenden Formen permanenter Kontrolle im offenen Milieu könnte es sein, daß uns die härtesten Internierungen zu einer freundlichen und rosigen Vergangenheit zu gehören scheinen. Sie Suche nach den Universalien der Kommunikation sollte uns das Fürchten lernen. Allerdings tauchen [...] auch Formen von Delinquenz und Widerstand (das ist zweierlei) auf. Zum Beispiel Computer-Hacker und elektronsiche Viren, die an dier Stelle der Streiks treten werden, bzw. an die Stelle dessen, was man im 19. Jahrhunder ,Sabotage` (der in die Maschine eingeschlossene Holzschuh - sabot). [...] (251, 252)
Sie fragen, ob die Kontroll- und Kommunikationsgesellshaften nicht Formen von Widerstand hervorbringe, die einem Kommunismus wieder Chancen geben könnten, verstanden als ,freie Assoziierung freier Individuen`. Ich weiß nicht, vielleicht. Aber nicht,weil die Minoritäten das Wort ergreifen können. Vielleicht sind Wort und Kommunikation verdorben. Sie sind völlig vom Geld durchdrungen: nicht zufallig, sondern ihrem Wesen nach. Eine Abwendung vom Wort ist nötig. Schöpferisch sein ist stets etwas anderes gewesen als kommunizieren. Das Wichtigste wird vielleicht sein, leeren Zwischenräumeder Nicht-Kommunikation zu schaffen, störende Unterbrechungen, um der Kontrolle zu entgehen.
(Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 252)
HI

Kooperation in der Kunst

"Kooperation heißt dagegen die künstlerische Arbeit als Miteinander unterschiedlicher einzelner zu organisieren . Es geht hier nicht um die gute alte Künbstlergruppe. Die verwandte, aber in sich abgeschlossenen künstlerische Individualitäten bündelte. Es geht um eine Aufspaltung der alten Arbeitseinheit auf unterschiedliche Individuen, die sich voneinander abstoßen, einander ergänzen, vor allem aber den Arbeitsprozeß in Gang halten. Es sind hierzu offenbar weitere Lockerungen nötig, die dann zwangsläufig mit dem Ideal der individuellen Leistung in Konflikt geraten. [...] Kooperation ist, im Unkreis der Kunst, ein Modell aus dem Handwerk. Sie fand, [...] in der Geschichte nur in der Ausführung statt, als Werkstattbetrieb oder in den minderen Künsten. Es ist also ein bestimmter Anteil an extensiver Arbeit erfordeerlich, der Routine einschließt. Es gibt aber auch ein Gegenmodell, das gleichfalls Handgreiflichkeit und Routine einschließt, aber ohne Arbeitszwang auskommt: die Produktion des Vergnügens, Tanz, Theater, Musik.
Beide male hat Kooperation mit der Entlastung von primärer Produktion - von schöpferischer Arbeit im Sinne von individueller (bürgerlicher oder marktwirtschaftlicher) Ein- und Erstmaligkeit - zu tun. Die ausübenden Künstler können sich die Abschottungen der produzierenden Künste nicht leisten. Kooperation ist unter der Voraussetzung möglich und erfordert, daß die Grundlage da ist. Die Grundlage ist doppelt: der vorliegende Text und das Ausmaß an Erlernbarkeit [...] Auf dieser Sicherheit stützt sich die Offenheit der ausübenden Künste für den Augenblick ab , die Stimulation der Ausführenden untereinander, der Austausch mit dem Publikum. (155) [...]
Kooperation nicht als Gelegenheit, sondern als zentrale Bestimmung künstlerischer Arbeit verstanden, verlangte allerdings in der Tat einen allgemeinen, nciht von besonderen Situationen und Individuen abhängigen Umbau der Arbeitsfunktion. Eine neue Produktionsform? Das wäre nur möglich, wenn die Kooperation zur Hauptsache würde. Darüber hataber keiner Befehlsgewalt. Es ist gesellschaftliche Umwälzungsarbeit, innerhalb deren das, was man heute greift und mit Überschriften versehen kann, nur immer einen von vielen Bausteinen darstellt. (157, 158)"
(Dieter Hoffmann-Axthelm: Kunst und Kooperation, in: Florian Rötzer Hg.: Künstlergruppen. Von der Utopie einer Kollektiven Kunst, Kunstforum Bd. 116, 11/12 1991, 154-159, hier: 155, 157, 158)
HI

Kooperation: innere Kooperative, selbstgenügsames Kollektiv

"Die kooperative Arbeitsleistung ist heute nahezu rein in Maschinentätigkeit ausdrückbar. Übersichtsfunktion und Ausführungsleistung stellen innerhalb dessen keinen Widerspruch mehr dar, sondern greifen zwangsläufig immer enger ineinander [...]. Daneben gibt es die ausgeschiedenen Anteile als autonome Schichten der bröckelnden Arbeitsperson, einerseits die Beschäftigung der arbeitslosen Hände, andererseits der leere, von der Abeit losgelöste soziale Austausch. Beides ist nuztlos und ohne Kontakt zueinander. [...] Zwischen beiden fehlt die Arbeit, die es einmal zusammenband. Die arbeitslos gewordenen Leistungssegmente sind frei und müssen parallel zur Arbeitszeit, vor allem aber außerhalb ihrer, beschäftigt werden. Dazu braucht es andere als Arbeitsgegenstände, Hobbys, Vereine, ehrenamtliche Nachtbarschaftshilfe, Sport, Politik usw. [...] alles Übungen zur Aneignung von etwas, was niemand mit Makroformeln wie Leben, Zeit, Ich usw. Umschreiben würde, sondern eher mit der Notwendigkeit, Teileseiner selbst auszuüben, eine Lücke zu füllen, Punkte stillstehender Zeit zu schaffen. [...] Der so oder so gelernte Zusammenhang zwischen Hand und sozialer Vernetzung ist nicht der archaische Zusammenhang, sondern eine moderne Reproduktion auf der Grundlage der durchlaufenen Entwicklung der Arbeitsperson. [...] Jeder ist, als Besitzer der arbeitslosen Kompetenz, eine innere Kooperative, ein selbstgenügsames Kollektiv. [...] Dieses formale Potential wird zunehmen und liegt gesellschaftlich bereit, um an anderem Ort genutzt zu werden. Es ist absehbar, daß sich die künstlerische Arbeit seiner bedient."
(Dieter Hoffmann-Axthelm: Kunst und Kooperation, in: Florian Rötzer Hg.: Künstlergruppen. Von der Utopie einer Kollektiven Kunst, Kunstforum Bd. 116, 11/12 1991, 154-159, hier: 158, 159)
HI

Kooperation/Improvisation: rhythmisierte Wahrnehmungszeit

"Der Kooperationserfahrenheit des Arbeitsvermögens entspricht in der ästhetischen Produktivität zwar nichts Gleichlautendes, aber in dem Maße, in dem künstlerische Praxis Aktion wird, sie ihren Zielpunkt in der öffentlichen Handlung hat und nicht in einem Außerhalb der Produktion, des Zeitpunktes, des Autors und des Ortes liegendem Produkt, bildet sich eine Art Taktstraße heraus, die Aktionszeit. Diese Trasse organisiert gleichsam selber , wie beim musikalischen Improvisieren, die Zeiten, in die die Beiträge unterschiedlicher Autoren hineingegehen können. Es ist, sobald die Zeitspannung hergestellt ist, immer schon etwas da.
Nur ist dieser Taktgeber in den bildenden Künsten kein reines Zeitmaß, sondern immer auch optisches Medium. Gegenstand sind die aktuellen Wahrnehmungsgewohnheiten: Schnitte, Beschleinigungen, Überblendungen, Gleichzeitigkeiten und Zeichenabstraktionen der alltäglichen Wahrnehmung. Foto, Film, Video, Computerfilm bringen sie nicht hervor, aber stellen siue dar, treiben sie voran, spitzen sie zu. Wir sollten die optischen Medien nicht überschätzen. Subjekt ist, bei aller Unterworfenheit unter Taktverfahren, noch immer die Wahrnehmung. Kooperation heißt, seit ihrer Erfindung, rhythmisierte Wahrnehmungszeit. Nicht neutralisierte optische Signale, sondern Lieder waren ihre ersten Taktgeber. Aus der Arbeitskraft ausgetrieben, kehre die Kooperation, so sie wieder ästhetisch würde, mur zu ihren Anfängen zurück."
(Dieter Hoffmann-Axthelm: Kunst und Kooperation, in: Florian Rötzer Hg.: Künstlergruppen. Von der Utopie einer Kollektiven Kunst, Kunstforum Bd. 116, 11/12 1991, 154-159, hier: 159)
HI

Kooperation, Takte der

"Jeder ist [...] eine innere Kooperative, ein selbstgenügsames Kollektiv. Er hat die für seine Leistung nötigen Ordnungen anschaulich in sich und übt sie schnell und sicher aus, ein Verfügen, das kein analytisches Nachvollziehen und Durchspielen, sonder der direkte Zugriff aus der Souveränität des Rück- und Überblicks ist. [...] Dieses formale Potential wird zunehmen und liegt gesellschaftlich bereit, um an anderem Ort genutzt zu werden. Es ist absehbar, daß sich die künstlerische Arbeit seiner bedient. Der Kooperationserfahrenheit des Arbeitsvermögens entspricht in der ästhetischen Produktivität zwar nichts gleichlautendes, aber in dem Maße, in dem künstlersiche Praxis Aktion wird, sie ihren Zielpunk in der öffnetlichen Handlung hat und nicht in einem Außerhalb der Produktion, des Zeitpunktes, der Autors und des Ortes liegendem Produkt, bildet sich eine Art Taktstraße heraus, die Aktionszeit. Diese Trasse organisiert gleichsam selber, wie beim musikalischen Improvisieren, die Zeiten, in die die Beiträge unterschiedlicher kooperierender Autoren hineingehen können. Es ist, sobald die Zeitspannung hergestellt ist, immer schon etwas da.
Nun ist dieser Taktgeber in den bildenden Künstern kein reines Zeitmaß, sonder immer auch optisches Medium."
(Frank Hartmann: Medienphilosophie, Wien 2000, 303)
HI

koppelung, aktive

beharrungstendenzen (fleck 40), aktive vorgehensweisen, die rationalität begründen, um die einlösung einer wissenschaftlichen traumwelt (die sich unbegründbar aus dem mystischen entfaltend unterscheidet - eine unterscheidung in der ein kollektiv unbewusstes (eine uridee) seinen ausdruck findet) sicher zu stellen: (1) ein widerspruch gegen das system erscheint undenkbar (2) was in das system nicht hineinpasst, bleibt ungesehen (3) es wird verschwiegen (nicht wieder aufgegriffen), auch wenn es bekannt ist (4) es wird mit grosser kraftanstrengung dem system nicht widersprechend erklärt (5) man sieht, beschreibt und bildet sogar sachverhalte ab, die den herrschenden anschauungen entsprechen, d.h. die sozusagen ihre realisierung sind - trotz aller rechte widersprechender anschauungen ... information, die gegen das system (oder nicht seiner form ent-) spricht, ist undenkbar, sie erscheint nicht-rational (das richtig vs. falsch ist somit denkstilabhängig und kontextfrei unentscheidbar ...

... flecks-fazit: "man zieht die grenze zwischen dem gedachten und dem existierenden zu scharf: dem denken (kongnition / bewusstsein) muss eine gewisse objekte schaffende kraft zuerkannt werden und den objekten eine herkunft aus dem denken. wohlverstanden: aus dem stilvollen denken eines kollektivs." ... und noch einmal zur realität im lauf der hypothesenevolution (124): ,,der forscher tastet: alles weicht zurück, nirgends ein fester halt. alles wird als artefizielle, willensmässige eigene wirkung empfunden: jede formulierung zerfliesst bei der nächsten probe. er sucht den widerstand, den (kollektiv begründeten) denkzwang, dem gegenüber er sich passiv fühlen könnte (man zitiert lieber, als selber zu schreiben - um legitimation für ein handeln zu erhalten, dessen man sich noch nicht sicher ist ... auch kann man dann die verantwortung für die aktiven dispositionen zurückweisen, die vermeintlich die signatur des kollektivs trägt und doch ins bewusstsein des handelnden selektioniert ihren ausdruck findet - von foerster will aktive koppelungen verantwortbar machen) ... die arbeit des forschers heisst: im verwickelten gemenge, im chaos, dem er gegenübersteht (ungerichtetes beobachten), das, was seinem willen (wünschen) gehorcht, von dem, was sich (unbewusst) von (seiner) selbst ergibt und sich dem willen (wünschen) widersetzt, zu unterscheiden ??. dies (was sich von selbst ergibt und sich dem willen (wünschen) widersetzt ??) ist der feste boden, den er, oder eigentlich das denkkollektiv immer wieder sucht. dies sind die passiven koppelungen eines handlungsraumes ..." die wissenschaftliche tatsachen (rational auch deshalb, weil sie unter rücksicht auf die unterliegenden aktiven bindungen wieder reproduziert werden können ... im sinne einer kraft, die vorgedachtes seiendes wieder erzeugen kann) (irgendwie zeitlich invers zur re-konstruktion von historischen tatsachen als ereignis der bisherigen denkgeschichte ...) ausdrücken über den mechanismus des grössten denkzwanges bei kleinster denkwillkürlichkeit ?? ...
JM

koppelung, passive

... gestaltendes beobachten (als bewertendes operieren) muss und kann nur der einzelne, wobei die passiven koppelungen die handlungsdifferenzen (-knotenpunkte) bilden, die erster ordnung als bezeichnend-unterscheidende bewegung in einer objektiven mit-welt empfunden wird ... über den zustand dieser umwelt ist man in unwissenheit, weil dieser in der wahrnehmung denkstilkonform überblendet wird. man kann in diesem zusammenhang statt von umwelt auch von mitwelt sprechen, also dem was c.g.jung das unbewusste nannte ... die beobachtbare tradierung von (kollektivem) wissen (aktion / operation=(doing what comes naturally) der sinn zugewiesen wird ??) schafft eine realität (- veranschaulicht: verschiedene denkfluchtlinien ,,verknoten sich in ihrer aneinanderstossenden entwicklung und schaffen einen fixen punkt. dieser wird zum ausgangspunkt neuer linien, die ringsherum sich entwickeln und wiederum an andere anstossen. auch die alten linien bleiben (weil in relation zueinander stehend im hinblick auch auf die eben entstandene aktive koppelung) nicht unverändert: immer neue knoten entstehen, und die (unbewusst mitgeführten) alten knoten verschieben sich gegenseitig. ein netzwerk in fortwährender fluktuation: es heisst wirklichkeit oder wahrheit " (105) - anknüpfungspunkte die jederzeit in beziehung zum ganzen wissensbestand des denkkollektivs stehen - und als historisches ereignis (geschlossene wahrnehmung) ihren konkreten, jeweiliger ausdruck erhalten (merkmal der einmaligkeit) ... die stilgemässe auflösung von problemen ist nur singulär möglich - diese auflösung heisst wahrheit - historisches ereignis ...) ...
... passive koppelungen (schönes beispiel zum zwang des stils bei gemälden, von dem man sich überzeugen kann, indem man auf ein gutes stilvolles gemälde einen ausschnitt eines anderen auflegt: die 2 teile streiten miteinander, auch wenn man 2 gemälde zueinander passenden inhaltes wählt. jedes produkt geistiger schöpfung enthält also beziehungen, die gar nicht anders sein können und die den zwangsweisen, passiven (mechanisch unbewusst erduldeten) koppelungen in den wissenschaftlichen sätzen entsprechen ... als die andere seite - dem unmarked space der anderen seite der form ...) legen so das handlungsfeld fest, in dem erfahrungen (erfahrungshorizonte) bewertet werden können (an den erwartungsbildenden regeln -> denkstil / dominante logik) darauf, ob sie für wahr(-genommene tatsachen) gehalten werden können (ob man ihnen vertrauen entgegen bringen kann als etwas reales) - unter wissenschaftlichen tatsachen (seiende welt) versteht fleck diejenigen wahrnehmungen (standpunktabhängigen beobachtungen), die denkstilgebunden als zwang, als unmittelbar zu erlebende gestalt erfahren werden -> als der (begrenzten und gerichteten) gestalt des traumes, wobei kein satz (call) nur aus passiven koppelungen (d.h. voraussetzungslos ohne mechanische bezüge zum kollektiven unbewussten) aufzubauen ist (- wohl aber eine absichtslose operation=(doing what comes naturally) im augenblick voraussetzungslos erfolgt) ...
... dabei hat das individuum nie, oder fast nie das bewusstsein des denkstiles, der fast immer einen un-bedingten (?) zwang auf sein denken (strukturierte form in passiven koppelungen) ausübt und gegen den ein widerspruch einfach undenkbar ist ... dem individuum ist der denkstil (aktive koppelungen) operativ unbewusst und somit äusserlich ... so wie die welt dem u-boot kapitän..
JM

kopernikanischen wende der geschichte

benjamins fazit im sinne einer kopernikanischen wende der geschichte (32): der historische blickstrahl fällt nicht länger aus der gegenwart zurück in die geschichte, sondern aus dieser (geschichte) voraus in jene (als komplement des beobachteten 1.ordnung -> die andere seite der form) - als einfall des erwachten bewusstseins ... (33) geschichte ist gegenstand einer konstruktion, deren ort nicht die homogene und leere zeit (von vorher / nachher - differenzen ist) sondern die von jetztzeit erfüllte bildet ... robespierre erkennt sich in rom (für ihn war es eine mit jetztzeit geladene vergangenheit(=gedächtnis)) wieder und zitiert dieses (rom kommt ihm in den sinn, wenn er nicht handelt, sondern reflektiert) ... geschichte schreiben heisst ... geschichte zitieren ... der gehalt von denkbildern (geil, analog zu traumbildern erster ordnung) ist das jetzt einer bestimmten erkennbarkeit (das zumeist unbewusst ist) ... in ihm (dem jetzt) ist die wahrheit (denkstilkongruentes gewünschtes sein) mit zeit bis zum zerspringen geladen ... stilstand als erwachen aus dem begrenzenden mythos des kollektiv unbewussten ... mit dem historiker als archivar, der material zur synchronisation von traum- und wachbild aus dem kollektiven unbewussten liefert ...
denk-/traumbilder: dialektik hält im bild inne und zitiert im historisch jüngsten den mythos als das längstvergangene ... bild ist dasjenige, worin das gewesene mit dem jetzt blitzhaft zu einer konstelation zusammentritt ... stillstand ... die verwertung der traumelemente beim aufwachen ist der kanon der dialektik. sie ist vorbildlich für den denker und verbindlich für den historiker ... jede gegenwart ist durch diejenigen bilder bestimmt, die mit ihr synchronistisch sind: jedes jetzt ist das jetzt einer bestimmten erkennbarkeit.
JM

Kybernetik

Die Kybernetik ist die Wissenschaft von der "Regelung der Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine" - so der Untertitel von Norbert Wieners berühmtem Werk "Kybernetik". Die Kybernetik verstand sich als interdisziplinäre Wissenschaft, deren gemeinsame Grundlage die Überzeugung war, daß es massive Parallelen zwischen den Steuerungsmechanismen der Systeme Mensch und Maschine gibt (Kybernetik kommt aus dem Griechischen: kybernetiké = Steuermann(skunst)).
"Von dieser Zeit an wurde uns klar, daß die ultraschnelle Rechenmaschine, so wie sie abhängig war von aufeinander folgenden Schaltern, beinhae ein ideales Modell der sich aus dem Nervensystem ergebenden Probleme darstellen mußte. Der Alles-oder-nichts-Charakter der Neuronenentladung ist völlig analog zur Auswahl einer binären Ziffer; und schonmehr als einer von uns hatte das binäre Zahlensystem als beste Basis des Rechnens in der Maschine erkannt. Die Synapse ist nichts als ein Mechanismus, der bestimmt, ob eine gewisse Kombination von Ausgängen von anderen Elementen ein ausreichender Anreiz für das Entladen des nächsten Elementes ist oder nicht uund muß ein genaues Analogon in der Rechenmaschine haben."
(Wiener, Norbert: Kybernetik. Regelung der Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine. Zweite, revidierte und ergänzte Auflage, Düsseldorf 1963, S. 42)

Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre fanden die berühmten Macy-Kongresse statt, in denen sich Mathematiker (u.a. Norbert Wiener), Biologen (u.a. Humberto Maturana), Anthropologen (Margret Mead, Gregory Bateson) und Wirtschaftswissenschaftler (z.B. Oskar Morgenstern, der zusammen mit John von Neumann die Spieltheorie begründete) trafen, um diese Fragestellung interdisziplinär zu untersuchen. Ihre Diskussionen stellten die theoretischen Weichen für den Konstruktivismus und die Systemtheorie.
CH

Leser

"In Wirklichkeit ist jeder Leser, wenn er liest, ein Leser nur seiner selbst. Das Werk des Schriftstellers ist dabei lediglich eine Art von optischem Instrument, das der Autor dem Leser reicht, damit er erkennen möge, was er in sich selbst vielleicht sonst nicht hätte schauen können."
(Proust, Marcel, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band I-XIII, Frankfurt am Main 1957, (OT: A la recherche du temps perdu, Paris 1920), Band XIII, 329)
HI

Leser und Hypertext-Fiction

Die ersten Empfindungen der allermeisten Leser gegenüber einer Hyperfiction dürften wohl ziemlich zwiespältig sein. Dies aus verständlichen Gründen, unterscheidet sich der Lektürevorgang bei Hyperfictions doch stark vom vertrauten Umgang mit herkömmlichen Erzählungen in Büchern. In vielen Hyperfictions ist die Struktur des Textes nicht auf den ersten Blick ersichtlich, die Verknüpfungen der Texteinheiten sind nicht kartografiert und meist ist auch kein Ende in Sicht: Der Text scheint damit undurchschaubar. Wer sich am Inhaltsverzeichnis, an den Kapitelüberschriften oder an den Seitenzahlen orientieren will wie in einem Buch, der findet meist nichts Vergleichbares. Der Hypertext offeriert im Fortschreiten der Lektüre immerfort von neuem unterschiedlich ausgeprägte Varianten und bewirkt derart eine ständige Veränderung der Geschichte. Hinzu kommt die Aufforderung an den Leser, mit seinen Entscheidungen die Geschichte zu lenken und schliesslich ein Ende zu setzen, wo kein Ende vorhanden zu sein scheint. Keine Frage, das sind schwierige Aufgabe für einen Leser, der sich zum ersten Mal in diesem Bereich bewegt. Doch mit etwas Geduld kann sich auch der buchgewohnte Leser an die Technologie und die neuen Formate gewöhnen und die Herausforderung zum Mitagieren am Text annehmen - etwas, was für die Video- und Computer-Game-Generation selbstverständlich ist - und kann zum neugierigen Wanderer werden, der die neuen narrativen Räume entschlossen für sich selbst entdeckt.
BS

Lektüre: Vernetzung

[...] aus dem Leser nicht mehr einen Konsumenten, sondern einen Textproduzenten zu machen. Unsere Literatur ist von der gnadenlosen Trennung gekennzeichnet, die die literarische Institution zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher des Textes, seinem Besitzer und seinem Käufer, seinem Autor und seinem Leser aufrecht erhält. Ein solcher Leser ist in seinem Nichtstun versunken [...] anstatt selber zu spielen und den Zauber des Signifikanten, die Wollust des Schreibens ganz wahrzunehmen, bleibt ihm als Anteil nur die armselige Freiheit, den Text entweder anzunehmen oder ihn zu verwerfen: Die Lektüre ist nichts anderes als ein Referendum.
(Barthes, Roland: S/Z, Frankfurt/Main 1976, 8)
HI

Link (enzyklopädisch)

Das Pariser Parlament bezieht sich in seinem Verbot der Enzyklopädie 1759 explizit auf die subversive Funktion der Querverweise ("[...] das ganze in diesem Wörterbuch verstreute Gift findet sich in den Verweisen."). Mit Verweisen von einem Band zu einem (erst später erscheinenden) anderen wurde die Zensur geschickt umgangen, etwa im berühmt gewordenen Verweis von 'Menschenfresser' (Anthropophages) im ersten Band auf die Begriffe 'Kommunion' und 'Eucharistie' oder vom orthodox gehaltenen Artikel 'Jesus Christus ' auf den eher ketzerischen Eintrag unter 'Eklektizismus ' (s.a. d'Alembert/Diderot 1989: 20 ff.)
HI

Link (intertextuell)

Es gibt keine offline-Links (auch die Literatur war in ihren produktiven Momenten immer 'online'!)
Jeder Text schreibt sich ein in ein intertextuelles Ensemble künstlerischer / kultureller / formaler / kanonischer / biographischer Konstellationen.
Jedes Wort produziert Bedeutungen erst im Kontext der umgebenden sprachlichen Einheiten - alles Geschriebene ist 'Zitat': Entwendung gelesener Schriften.
Neu ist allein die konkrete Zusammenschaltung sämtlicher Lese- und Schreibvorgänge im Netz - auf einer einzigen Oberfläche. Die Intertextualität der Druckkultur ist eine virtuelle, in literarischen Texten explizit hergestellte, produzierte. Die Intertextualität im Netz ist konkret, flach, pragmatisch, real(istisch).
D.h. die Dokumente/Fragmente 'treffen' sich tatsächlich - ein link führt tatsächlich zu einer (oder mehreren) Referenzstelle(n) im selben Text oder in anderen Texten.
Die Poetik eines link liegt keineswegs in der bloßen Anspielung, in einer metaphorischen oder impliziten Bezugnahme, sondern vollzieht sich in einem wirklichen Sprung, einer tatsächlichen Koppelung - eine Poetik des Transports. (Was nichts über die 'Qualität' oder Literarizität aussagt - ausgedruckt sind Netzwerktexte zumeist langweilig und 'nicht lesbar'.)
Versammelten, speicherten und bewahrten die Texte der Druckkultur noch Informationen und poetische Energie in einem geschlossenem Korpus, so sind die Dokumente des Netzwerk-Kultur eher exzentrisch, verweisen auf andere Texte, Archive, Medien, Server ...
HI

link (medial)

Der Link auf dem Wort eines Textfeldes z.B. vereint in sich die Funktionen von Überblendung und Montage, von Metapher und Metonymie und kann somit als ein poetisches Instrument von hoher Wertigkeit eingesetzt werden, indem es Operationen gestattet, die sich einerseits an der Poetik sprachlicher Konstruktionen orientieren, als auch darüber hinaus solche, die auf Kompositionstechniken der Zeitmedien Film, Musik und Drama verweisen.
HyperMediale Dokumente ermöglichen damit Modelle der Einbildung, die poetische Verknüpfungen sowohl aus den Schrift- als auch aus den Bildmedien auf die medialen Oberflächen übertragen:
"Technische Bilder sind eingebildete Flächen. Sie sind überhaupt erst Bilder, wenn man sie oberflächlich anschaut. Wenn ich technische Bilder einbilde, bilde ich aus dem Inneren des Apparates her. Alle technischen Bilder sind Einbildungen, nicht reproduktive, sondern produktive Bilder. Alle Zeiger, Zeichen, Verkehrssignale (HyperTexte) zeigen und deuten von nun an exzentrisch von uns selbst weg. Wir sind es von nun an, die auf die Welt Bedeutungen projezieren. Und die technischen Bilder sind derartige Projektionen." (Villem Flusser)
HI

link (Umgehung der Zensur)

Das Pariser Parlament bezieht sich in seinem Verbot der Enzyklopädie 1759 explizit auf die subversive Funktion dieser Querverweise ("[...] das ganze in diesem Wörterbuch verstreute Gift findet sich in den Verweisen."). Mit Verweisen von einem Band zu einem (erst später erscheinenden) anderen wurde die Zensur geschickt umgangen, etwa im berühmt gewordenen Verweis von ,Menschenfresser` (Anthropophages) im ersten Band auf die Begriffe ,Kommunion` und ,Eucharistie` oder vom orthodox gehaltenen Artikel ,Jesus Christus` auf den eher ketzerischen Eintrag unter ,Eklektizismus` (s.a. d'Alembert/Diderot 1989, S. 20 ff.)

Linux

Ein Unix-artiger Betriebssystemkern ("kernel"), der seit 1991 als Freie Software unter der Projektleitung von Linus Torvalds entwickelt wird. Zusammen mit der GNU-Software und anderer Freier Software wie XFree86 (eine freie Implementation des X-Window-Systems) bildet es ein Betriebssystem, das von der Free Software Foundation GNU/Linux, ansonsten i.d.R. in seiner Gesamtheit "Linux" genannt wird. FC

Liste aller Quellen

"ich hatte gute lust, auch eine liste sonstiger quellen beizugeben - habe in der tat auch schon begonnen, sie zusammenzutragen (schaufenster, gespräche, landschaften, daten, gesichter, pornographische photos, zufälle, schallplatten, filme) - doch mußte ich vor der fülle aufgeben." (Oswald Wiener, Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman, Reinbek bei Hamburg 1969, CXCIII)
HI

Macht als Vernetzung: Oberflächen der Herrschaft

"Es gibt kein Außen mehr, das der bequemen Fiktion kritischer Distanz Bedeutung verleihen könnte. [...] Die alten Herrschaftsverhältnisse des weißen kapitalistischen Patriarchats [...] normieren Heterogenität [..] wir selbst sind verflacht, ohne Subjektivität, die Tiefe erfordert [...]. Es ist Zeit, 'Den Tod der Klinik' (Anspielung auf Foucaults 'Geburt der Klinik', H.I.) zu schreiben. Die Methode der Klinik verlangt nach Körpern und Arbeit, wir jedoch verfügen über Texte und Oberflächen. Unsere Herrschaftsverhältnisse vermitteln sich nicht mehr durch Medikalisierung und Normierung. Sie vermitteln sich über Vernetzung, den Neuentwurf von Kommunikationszusammenhängen und Streßmanagement."
(Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt 1995, 202)
HI

Macht: Diagramm

Wie verhalten sich die Schaltpläne der Hypermedien, die versprechen, unter dem Paradigma der Beteiligung und der Interaktion gesellschaftliche Kommunikationsprozesse radikaldemokratisch umzugestalten, zur Macht und zur Gewalt des Gesamtsystems? Wird eine telematische Utopie vom Pluriversum der technischen Bilder (->Weibel) die Ein-kanaligen Schaltungen der Massenmedien überwinden und in ein benutzerkontrolliertes offenes Gesellschafts-Netzwerk verwandeln - oder werden die neuen Kommunikationsmedien nur einer kleinen technokratischen Elite zugänglich sein und die telematischen Informationskanäle lediglich zur Kontrolle, Erfassung und Lenkung von Waren- und Informationsströmem benutzt?
HI

Mail Art

Seit den späten 1960er Jahren beruht die Kommunikation des Mail Art-Netzwerks auf einem humanistischen Ethos, dem zumindest nominellen Glauben an an eine demokratische Kunst, an der jeder als Künstler partizipieren könne. Der amerikanische Anarchist Bob Black wendet dagegen ein, daß die Mail Art sich zum Kunstbetrieb verhalte wie die Paralympics zu den olympischen Spielen. Ihr System sei nicht egalitär, sondern belohne lediglich nach anderen Maßstäben. So beruhe das heimliche Starsystem der Mail Art - wie in Vereinskulturen - nicht auf Qualität, sondern Quantität und Kontinuität von Beiträgen. Sichtet man Archive und Anthologien der Mail Art, so stellt man in der Tat fest, daß ihr Gros sich im epigonalen Imitieren von Fluxus und Konzeptkunst erschöpft, diese Epigonalität aber nicht eingesteht und deshalb auch nicht, wie der Plagiarism, als künstlerische Strategie zu deklarieren weiß. FC

Maschine

"Doch ist von "Maschine" nicht im metaphorischen Sinn die Rede: der Mensch IST EINE MASCHINE von dem Augenblick an, da dieser Charakter dem Komplex, dem er unter genau bestimmbaren Bedingungen angehört, per Rekursion übermittelt wird. Der Komplex Mensch-Pferd-Bogen stellt eine nomadische Kriegsmaschine unter Bedingungen der Steppe dar. Die Menschen bilden eine Arbeitsmaschine unter den bürokratischen Bedingungen der großen Reiche ... und unter den gefahrvollen Bedingungen von Liebe und Tod bildet der Tänzer mit der Tanzfläche eine Maschine ... Nicht vom metaphorischen Gebrauch des Wortes Maschine gehen wir aus, sondern von einer (unklaren) Hypothese über ihre Entstehung: der Art und Weise wie beliebige Elemente durch REKURSION UND KOMMUNIKATION dazu gebracht werden, Maschine zu sein."
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Anti-Ödipus, Frankfurt/Main 1974, 498)
HI

Medienstrategie, sozialistische

Dagegen muß jede sozialistische Strategie der Medien die Isolation der einzelnen Teilnehmer am gesellschaftlichen Lern- und Produktionsprozeß aufzuheben trachten. Das ist ohne Selbstorganisation der Beteiligten nicht möglich. Dies ist der politische Kern der Medienfrage. [...] Wer sich Emanzipation von einem wie auch immer strukturierten technologischen Gerät oder Gerätesystem verspricht, verfällt einem obskuren Fortschrittsglauben; wer sich einbildet, Medienfreiheit werde sich von selbst einstellen, wenn nur jeder einzelne fleißig sende und empfange, geht einem Liberalismus auf dem Leim, der [...] mit der verwelkten Vorstellung von einer prästabilierten Harmonie der gesellschaftlichen Interessen hausieren geht. [...] Nur ein kollektives, organisiertes Vorgehen kann diese Papierwände zerreißen. Kommunikationsnetze, die zu solchen Zwecken aufgebaut werden, können über ihre primäre Funktion hinaus politisch interessante Organisationsmodelle abgeben. [...] Netzartige Kommunikationsmodelle [...], die auf dem Prinzip der Wechselwirkung aufgebaut sind: eine Massenzeitung, die von ihren Lesern geschrieben und verteilt wird, ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen usw. (Enzensberger, Hans Magnus: Baukasten zu einer Theorie der Medien, in: Kursbuch 20 Frankfurt/Main 1970, 159 -186, hier: 169,170)
HI

Medium

"Das Medium oder der Vorgang unserer Zeit - die elektrische Technik - formt und strukturiert die Muster gesellschaftlicher Beziehungen und alle Aspekte unseres Privatlebens um. Wir werden gezwungen, praktisch jeden Gdanken, jede Handlung und jede Einrichtung, die einst als selbstverständlich galten, neu zu überpürüfen und zubewerten. Alles ist im Wandel begriffen - du selbst, deine Familie, deine nähere Umgebung, deine Bildung, dein Beruf, deine Regierung und deine Beziehung zu 'den anderen' und zwar wandelt sich alles auf dramatische Art.
Gesellschaftsformen sind schon immer stärker durch die besondere Natur der Kommunikationsmedien, von denen sie Gebrauch machen, als durch den Inhalt der Kommunikation geformt worden. (...) Das Alphabet und die Drucktechnik begünstigten und ermutigten Zerlegungsvorgänge, Vorgänge der Spezialisierung und der Absonderung. Die Technik der Elektrizität hingegen fördert und bewirkt Vereinigung und Beteiligung. Man dann unmöglich ein Verständnis für gesellschaftliche und kulturelle Wandlungen gewinnen, ohne die Auswirkungen der Medien zu verstehen."
(McLuhan, Marshall: Das Medium ist Massage. Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1984, S. 10)
Dies ist die lange Form von McLuhans berühmtem Satz "Das Medium ist die Botschaft". Er verwendet dabei einen Medienbegriff, der beide Bedeutungen des Wortes "Medium" - vermittelndes Element und Milhieu - umfaßt. Medien sind alle künstlich geschaffenen Hilfsmittel des Menschen - vom Rad über die Kleidung, die Städte, das Verkehrssystem bis hin zu den Kommunikationsmedien. D.h. das gesamte Milhieu des Menschen wird von Medien konstituiert, deren Botschaft die Veränderungen sind, die sie im menschlichen Leben bewirken.
CH

MEMEX(MEMory EXtender, 1945): Schreibtisch eines Wissenschaftlers

Mit den Möglichkeiten digitaler Technik standen nicht nur die Formen der eigentlichen Lektüre, sondern der Ort derselben, sozusagen die literarische Topographie zur Disposition. Während die konkreten Weiterentwicklungen von Tisch-Benutzer-Interfaces experimenteller Interface-Designern, frühen Hypertext-Utopisten, kreativen Softwareentwicklern und Ingenieuren in den 70er Jahren bei XEROX-Parc und am MIT eine Reduktion von räumlichen und handlungsorientierten Benutzermetaphern auf eine unmittelbare platte Arbeitsoberfläche darstellen, projiziert der konzeptuelle Prototyp aller vernetzen Arbeitsumgebungen und hypertextuellen Environments MEMEX eine Gedächtnis-Erweiterung (MEMory EXtender) - klassisch im Sinne einer ,Umsetzung` geläufiger Medientheorien - ganz konkret auf den Arbeitstisch (Der Bild-Essay Schreib-Tische - Desk-Tops: Von der Ars Memoria zum "Memory Extender" von Heiko Idensen findet sich unter: http://www.hyperdis.de/txt/) eines Wissenschaftlers.
Daß die hier konzipierten medialen Schnittstellen (Trockenfotographie, Mikrofilm) sich noch nicht in Richtung der seit den 30er Jahren entwickelten Analogrechner orientieren, tut der Radikalität des Entwurfs keinen Abbruch. MEMEX gehört auch heute noch nicht auf die "Dead Media List" (http://www.well.com/user/jonl/deadmedia/), sondern fungiert immer noch als utopisches Modell für die Entwicklung adaptiver Benutzerschnittstellen und kooperativen Arbeitsumgebungen im Netz.
Ich drücke den Auslöser und mache ein Bildschirmfoto diese Szene. Enter.
Vannevar Bush beschreibt das Design der Tisch- und Gedächtniserweiterung wie folgt: "Der Memex besteht aus einem Schreibtisch und obwohl er auch aus einer gewissen Entfernung bedient werden kann, arbeitet der Benutzer vor allem direkt an diesem Möbelstück. Oben befinden sich schräge durchscheinende Schirme, auf die das Material bequem lesbar projiziert werden kann. Es gibt eine Tastatur und eine Reihe von Knöpfen und Hebeln. Ansonsten sieht es wie ein gewöhnlicher Schreibtisch aus. [...] Der größte Teil des Memex-Inhalts kann bereits fertig auf Mikrofilm erworben werden. Bücher jeder Art, Bilder, aktuelle Periodica, Zeitungen [...]. Und es gibt die Möglichkeit zur direkten Eingabe. Auf der Oberfläche des Memex befindet sich eine transparente Fläche: Hier können handschriftliche Notizen, Photographien, Memoranden, alles Mögliche aufgelegt werden. Wenn dies geschehen ist, wird durch Hebeldruck eine Photographie angefertigt, die auf dem nächsten leeren Segment des Memex-Films erscheint [..]. Jedes Buch einer Bibliothek kann so erheblich leichter aufgerufen und betrachtet werden, als wenn man es aus dem Regal nehmen müßte. Da dem Benutzer mehrere Projektionsflächen zur Verfügung stehen, kann er einen Gegenstand in Position lassen und weitere aufrufen. Er kann Notizen und Kommentare hinzufügen ganz so, als hätte er die Buchseite tatsächlich vor sich."

Ich betätige einen Hebel unter meinem Schreib-Tisch und schalte direkt zum zentralen Moment des MEMEX, dem viel zitierten Assoziationsmechanismus - eine Operation, die in allen bisherigen externalisierten Speicher- und Archivierungstechniken fehlte: "Das wahre Problem bei der Auswahl (Datenselektion) liegt allerdings tiefer und ist nicht nur durch die mangelnde Anwendung von Hilfsmitteln in den Bibliotheken oder die schleppende Entwicklung solcher Werkzeuge bedingt. Es ist vor allem die Künstlichkeit der Indizierungssysteme, die es erschwert, Zugang zu den Aufzeichnungen zu bekommen. Egal, welche Daten man in ein Archiv aufnimmt, sie werden alphabetisch oder numerisch abgelegt, und die Information wird (wenn überhaupt) wiedergefunden, indem man Unterabteilung für Unterabteilung durchgeht. [...] Der menschliche Geist arbeitet anders, nämlich mittels Assoziation. Kaum hat er sich eine Information beschafft, greift er schon auf die nächste zu, die durch Gedankenassoziation nahegelegt wird, entsprechend einem komplizierten Gewebe von Pfaden, das über die Hirnzellen verläuft."
Und genau die Mechanisierung dieser Assoziationsfähigkeit (Konsequent umgesetzt in ein kollaboratives Schreibprojekt ist dieses Prinzip im Assoziationsblaster) ist das Kernstück im MEMEX-Entwurf, das die weitstreuenden Wirkungen dieses Textes bis in die heutige Zeit ausmacht. Und hier realisiert sich im Modell eine Verschränkung und Koppelung kultureller Informationssegmente mit einem frei programmierbaren Indexsystem, das zudem auch noch verschiedene Medien anschlußfähig macht; und das finden wir auf keiner Buchseite.
(Bush, Vannevar, "As we may think", in: Atlantic Mounthly, Nr. 176, Juli 1945, S. 101-108; eine Übersetzung wichtiger Teile findet sich auf Hartmut Winklers Open Desk: http://www.uni-paderborn.de/~winkler/bush-d.html.. Der Originaltext ist vielfältig im Netz vorhanden, z. B. unter: http://win-www.uia.ac.be/u/debra/INF706/memex.html; oder: http://www.isg.sfu.ca/~duchier/misc/vbush/)
HI

MEMEX: assoziative Indexierung

"Es braucht jedoch noch einen weiteren Schritt zur assoziativen Indizierung. Deren grundlegender Gedanke ist ein Verfahren, von jeder beliebigen Information - sei es Buch, Artikel, Fotografie, Notiz - sofort und automatisch auf eine andere zu verweisen. Dies ist es, was den Memex wirklich Ausmacht: Es ist ein Vorgang, der zwei Informationen miteinander verbindet. Das ist das Kernstück.
[...] Vor ihm befinden sich zwei zu verbindende Informationen, auf nebeneinanderliegende Positionen projiziert. Am jeweils unteren Rand davon befinden sich eine Anzahl leerer Codeflächen, dort werden Zeiger gesetzt, die auf die jeweils andere Information zeigen. Der Benutzer drückt eine einzige Taste, und die Gegenstände sind dauerhaft miteinander verbunden. [...]
Danach kann jederzeit, wenn eine der Informationen auf einer der Projektionsflächen sichtbar ist, die andere sofort abgerufen werden, indem ein Knopf unter der entsprechenden Codefläche gedrückt wird. Darüber hinaus können mehrere Gegenstände, wenn sie auf diese Weise zu einem Pfad verbunden wurden, nacheinander durchgeschaut werden, schnell oder langsam, indem man einen ähnlichen Hebel bedient, wie er zum Durchblättern der Bücher benutzt wird. Es ist genau so, als wären die jeweiligen Artikel, Notizen, Bücher, Photographien etc. leibhaftig aus weit entfernten Quellen zusammengetragen und zu einem neuen Buch verbunden worden. Und es ist noch mehr als dies, denn jede Information kann so zu einem Teil unzähliger Pfade werden."
(Bush, Vannevar, "As we may think", in: Atlantic Mounthly, Nr. 176, Juli 1945, S. 101-108; eine Übersetzung wichtiger Teile findet sich auf Hartmut Winklers Open Desk: http://www.uni-paderborn.de/~winkler/bush-d.html.. Der Originaltext ist vielfältig im Netz vorhanden, z. B. unter: http://win-www.uia.ac.be/u/debra/INF706/memex.html; oder: http://www.isg.sfu.ca/~duchier/misc/vbush/)
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Mensch/Maschine

Bin ich nun Mensch, oder bin ich Maschine? Es gibt heute keine Antwort mehr auf diese Frage: realiter und subjektiv bin ich Mensch, virtuell und praktisch bin ich Maschine. Dies bezeichnet einen Zustand anthropologischer Ungewißheit. ... Durch die virtuellen Maschinen und die neuen Technologien jedoch bin ich keineswegs entfremdet. Sie bilden mit mir einen integrierten Schaltkreis (dies ist das Prinzip des Interface). Groß- und Microcomputer, Video und selbst der Fotoapparat sind wie Kontaktlinsen, durchsichtige Prothesen, die derart in den Körper integriert sind, daß sie fast schon genetisch zu ihm gehören, wie etwa pace maker ...Die Verbindung mit einem "intelligenten" Terminal ist -gewollt oder nicht - von derselben Art: es entsteht eine Struktur der Angeschlossenheit, der Einschaltung (nicht der Entfremdung)(, ein integrierter Schaltkreis. Die Prägung als Mensch oder Maschine ist dabei ununterscheidbar. Das Virtuelle im allgemeinen ist weder real noch irreal, weder immanent noch transzendent, weder innen noch außen; es verwischt all diese Bestimmungen.
(Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989, 125)
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Mensch/Maschine: Werkzeuge,Mischungen

Auch die Technologie hat Unrecht, wenn sie Werkzeuge an sich betrachtet: diese existieren nur im hinblick auf Mischungen, die sie möglich machen oder durch die sie möglich sind. Der Steigbügel hatte eine neue Symbiose Mensch-Pferd zur Folge, die zugleich neue Waffen und Geräte nach sich zog. Man kann Werkzeuge nicht von den Symbiosen oder Mischungen trennen, die ein maschinelles Gefüge Natur-Gesellschaft definieren. [...] eine Gesellschaft wird durch ihre Vermischungen und nicht durch ihre Werkzeuge definiert.
(Gilles Deleuze; Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1992, OT: Mille plateaux, Paris 1980, 126)
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Metadesign

"Gestützt auf Simulationsinstrumente (persönliche Metamedien), stellen wir Modelle alternativer Wirklichkeiten her (Kunst); ge-stützt auf konversationelle Netzwerke (die öffentlichen Metamedien also), können wir aber auch die kulturellen Kontexte kontrollie-ren, die die Publikation und den Empfang dieser Modelle determinieren (Politik). Die Kontrolle des Kontextes beinhaltet die Kontrolle der Bedeutung, die Kontrolle der Bedeutung ist identisch mit der Kontrolle der Wirklichkeit."
Es gibt nur eine Art von Netzwerk, das die Funktion eines wahr-haft öffentlichen Metamediums erfüllen könnte: ein benutzerkon-trolliertes, multikulturelles, multimediales, konversationelles Netzwerk mit einer maximalen perzeptionellen Bandbreite."
(Gene Youngblood: Metadesign in: Kunstforum Bd.98: Florian Rötzer (Hg.): Ästhetik des Immateriellen, 76-84, hier: 80, 79)
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Metaphern-Maschine

Doch: wir sind noch nicht tief genug in die abstrus-intellektuelle Welt der `technischen' `Concetti' Kirchers eingedrungen. Man begreift, was er selbst will, wenn man die zahllosen kommentierten `Experimente' nachliest, die er in seiner `Physiologia' (1624) den damaligen Höfen und Salons Europas empfielt. Was will er vorführen? `Kunstlichkeiten' aller Art, alle erdenklichen `Wunderbarkeiten', `Spectacula paradoxa rerum', eine Weltbühne der Paradoxien. `Maschinen` sind `paradoxale' Bilder, eine Discordia Concors von Natur und Idea, alogische Metaphern. Es ist ganz konsequent, daß er demzufolge eine Metaphern-Maschine erfindet. Dafür gibt er in der `Physiologia' drei Entwürfe: eine Spiegelmaschine, eine Maschine `zur Erzeugung von phantastischen Bildern in einem dunklen Raum' und eine regelrechte `Metaphern'-erzeugende `Stupore'-Maschine, die gleichzeitig eine Metamorpose-Maschine ist.
Die Erklärung ist ebenso verblüffend wie einfach. Irgendein Gast betritt diese Bilder-Fabrik. Versteckt in einem kastenartigen Möbel (zum Zuschauer hin geöffnet, um die Apparatur didaktisch sichtbar werden zu lassen) befindet sich eine Walze mit verschiedenen Bildern unter einem Spiegel. Betrachtet sich dieser Zuschauer nun in dem über dem Möbel hängenden Spiegel, so erscheint er (in dem Spiegel) als alles mögliche: als Sonne, Tier, Pflanze, Skelett, Pflanze, Gestein. Alles ist mit allem vergleichbar. Der Metamorphismus erscheint in der Bildermaschine Kirchers technisiert [...] `Aus dem Nichts', kommentiert KIRCHER seine Metapher-Maschine, `soll das vollkommene Bild entstehen'. Also Zauberei! [...]
Die `Translatio' (Übertragung) der Metapher macht alles möglich, vor allem dies: [...] das Antlitz des Menschen auf tausendfache Weise entstellen. Oder auch [...] das Gesicht des Menschen mit zwei flachen Spiegeln als ein wechselndes zeigen. Alles das nennt KIRCHER [...] die 'Große Kunst der Lichter und Schatten'. Dazu erklärt er, diese `große' Kunst könne `deformieren', `transformieren' und `reformieren'. [...] Nicht künstliche Menschen will er schaffen. Er will `technisch' künstliche Bilder erzeugen.
(Gustav René Hocke: Manierismus in der Literatur. Sprach-Alchimie und esoterische Kombinationskunst, Hamburg 1959, 123,124)
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Methode: angewandter Dekonstruktivismus?

1. Bisher ist die Methode des Dekonstruktivismus (der `Meta-Lektüre') hauptsächlich auf diskursiver Ebene (Literaturkritik, Philosophie ...) anhewandt worden, selten direkt auf poetischer ebene (d.h. nur dekonstruktivistische Rezeption - selten Produktion!).
Das führt zu einer `Ausleerung' und Überhöhung der dekonstruktivistischen Methode selbst (die Hyperstatisierung und Mythologisierung des Diskurses wie sie sich z.B. in den Wortspielen Derridas, den Fußnoten zu den Wortspielen, den Anmerkungen der Übersetzer zu den Wortspielen etc. äußert), was letztlich wohl auch ein Grund für die `Unlesbarkeit', `Abgehobenheit' und wenig `praktikabler' Anwendbarkeit vieler dekonstruktivistischer Versuche ist.
2. Die Medien als Produktionsinstrument werden überhaupt nicht in solche poetischen Hervorbringungsprozesse einbezogen, sondern höchstens als Werkzeuge / Auslöser / Beschleuniger dekonstruktivistischer Rezeptions-Modelle. (HI)
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Methode: AV-und Hypermedien-Lesbarkeit

Hypermedien stellen instrumentell und auf der Ebeheit der [einfacher] Operationen eigentlich genau das zur Verfügung, was sich dei `Schwärmer' früher Medien-Theorien vom Kino (z.B. Benjamin im Kunstwerkaufsatz) erträumten:
den `echt ästhetischen Rezipienten', dem Kritik zum Genuß wird (womit letztlich der Kritiker als Spezialist überflüssig wird).
Die Hypermedien wirken [auch wie der Film im Kunstwerkaufsatz] nicht wie Kunstformen, sondern wie wirkliche Medien:
Gebrauch: Instrumente praktischer Übungen.
Jeder ist von nun an der Möglichkeit nach Sender und Empfänger.
Die Medien-Netze schaffen einen komplexen, hochgradig vernetzten lokalen und globalen Datenraum, in dem eine Öffentlichkeit im klassichen Sinne (ebenso wie eine rein private Sphäre) nicht mehr existiert.
Zugleich verschwindet die Schrift als zentrale Antriebs- und kulturelle Kulminationskraft aus dem Zentrum der Kultur ... zugunsten eines topographischen Medien-Netzwerkes ...
(hier beißt sich die `Katze' - des Diskurses - in den Schwanz ....
Achtung. Mißachtung der Kritik am `Phonozentrismus' ---angebliche Bildhaftigkeit der Neuen Medien ? ---
(HI Entwendung von LiLi 87/88, 88-95 und Bolz, Schrift des Films, Entwendung des Zitats auf S. 30)
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Methode:Systemtheorie-Vernetzung

1. Die (Luhmannsche) Systemtheorie vernetzt strukturell Systeme auf allen Ebenen, ohne allerdings Hervorbringungsmethoden und - prozesse, Maschinen, rhetorische und poetische Operationen für autopoetische Prozesse konkret anzubieten (legiglich die Gleichstellung von strukturellen `systemischen' Aspekten *** BEISPIELE).
2. Wobei das Interessante am Luhmannschen Diskurs das hypertextuelle Prinzip (Zettelkästen u.ä.) der Hervorbringung ist.
Dieser Aspekt wird allerdings nur wenig diskurskritisch hinterfragt (und `selbstreflexiv' untersucht). (HI)
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Mobiles

Systeme ohne Zentrum.
Lebendige Metaphern.
Neue rhetorische Objekte, die - unter anderem - in den Informationstechnologien zirkulieren.
Im Netzwerk eines Rhizoms spielen sich Übertragungs- und Transportprozesse intensiver Zustände ab. Ladungen (poetisch / diskursiv / informationell) werden empfangen und abgeschickt (importiert und exportiert), eingefangen und verteilt, angezapft und aufgeteilt.
Ein Modell, das sich gleichermaßen auf organische Wachstumsprozesse, gesellschaftliche Kommunikationsweisen, technologische Kopplungen, ästhetische Operationen und nomadisches Umherschweifen anwenden läßt.
Also genau das, was wir brauchen, um die aktiven Symbolisierungsprozesse zu beschreiben, die durch eine ästhetische Vernetzung der Informationtechnologien in Gang gebracht werden.
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Montage

"Das archetypische Medium Schrift hat sich schon seit jeher verschiedenster Montage-, Misch- und Layouttechniken bedient. Ausdrucks- und Kommunikationsformen, die sich in keinster Weise nur auf einige simple Reproduktionen von Sprache beschränken.
Das Digitale hat demnach die Medien schon immer verfolgt, denn es ist Montage schlechthin - eine Montage, die sich auf die allerkleinsten Fragmente der Botschaft bezieht und in ihrer unendlichen Disponibilität für alle Kombinationen, Mischungen und Neuanordnungen der Zeichen offen ist. [...] Das Digitale ermöglicht es, Botschaften zu erzeugen, sie zu bearbeiten und sogar mit ihnen zu interagieren, Informationspartikel um Informationspartikel, Bit um Bit." (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 59, 60)
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Montage, enzyklopädische

Gerade die Tafeln und Abbildungen der Enzyklopädie setzen neue Standards im Wissensdesign und trugen wesentlich zur praktischen Umsetzung und Anwendung des Wissens - vor allem in den Bereichen Handwerk, Kunst und Buchdruck bei. Von den insgesamt fünfunddreißig Bänden sind allein zwölf Bände den Tafeln und Abbildungen gewidmet, zwei Registerbände verzeichnen Schlagworte, Wissensgebiete und Stichworte. Auch die Zeichnungen und Tafeln sind in das komplexe Verweissystem einbezogen, indem sie einerseits bestimmte Zusammenhänge und Mechanismen darstellen, Details am Rande erklären - und gleichzeitig Verweise auf übergreifende Artikel enthalten, die diese Einzelfunktionen wiederum in einen gröfleren Zusammenhang stellen. Die enzyklopädische Montage zeigt Querschnitte durch Maschinen und Arbeitsvorgänge, breitet die einzenen Objekte vor dem Leser so aus, daß dieser diese wieder zum eigenen Gebrauch zusammensetzen kann. Als eines der ersten großangelegten kapitalistischen Buchprojekte (die Geschichte dieses Projekts wird ausführlich und spannend erzählt in Darnton, Robert, Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopedie. Oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?, Berlin, 1993) beinhaltet sie gleichzeitig Gebrauchsanweisungen zur Buch-Herstellung (von der Papierproduktion über das Setzen bis zum Druck): "In jedem dicken Buch steckt ein dünnes, das heraus will." (ebd. S.9) Der Gebrauch der Enzyklopädie ist also der eines aktiven, operationellen ,Nachschlagens` - und somit zur fortlaufenden Lektüre nicht geeignet.
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Montage: Operatorieren am Sympolischen?

Ich begebe mich direkt in eine alte Datenbank, in der ich Exzerpte zum Kunstwerkaufsatz zu finden hoffe. Da unter dem Index "Natur" nichts zu finden ist, muß ich alle Text-Fragmente kurz durchscannen. Mein Hund will etwas von mir. Ich ignoriere das. Unvermeidlich stoße ich auf eine Skizzierung der Aura, die ich praktischerweise gleich in ein offenes Arbeitsfenster kopiere.
" Auch der Tatort ist menschenleer (21)", schreibt mein Rechner, schreibt Benjamin. Ich klicke auf "Weiter" .
"Die Apparatur nimmt unter Führung des Kameramannes laufend zu dieser Leistung Stellung ... einer Reihe von optischen Tests ... (24) ... Der Lesende ist jederzeit bereit, ein Schreibender zu werden ... (29)
... und tatsächlich stoße auf ein eingescanntes Foto in sehr schlechter Auflösung. Zu erkennen ist Benjamin, der etwas unbeholfen mit einer Kamera hantiert. Die Augenbrauen hochgezogen, scheint er den Betrachte durch die Kamera anzublicken .... (das Bild ist eine offensichtliche Fälschung oder Collage des berühmten Dziga Vertov als 'Mann mit der Kamera'. Doch was möchte Benjamin uns sagen? Ganz einfach: Ich klicke auf seinen Mund. Eine verrauschte Stimme spricht:
"Das Theater kennt prinzipiell die Stelle, von der aus das Geschehen nicht ohne weiteres als illusionär zu durchschauen ist. Der Aufnahmeszene im Film gegenüber gibt es diese Stelle nicht. Dessen illusionäre Natur ist eine Natur zweiten Grades; sie ist ein Ergebnis des Schnitts. Das heißt: Im Filmatelier ist die Apparatur derart tief in die Wirklichkeit eingedrungen, daß deren reiner, vom Fremdkörper der Apparatur freier Aspekt das Ergebnis einer besonderen Prozedur, nämlich der Aufnahme durch den eigens eingestellten photographischen Apparat und ihrer Montierung mit anderen Aufnahmen von der gleichen Art ist. Der apparatfreie Aspekt der Realität ist hier zu ihrem künstlichen geworden und der Anblick der unmittelbaren Wirklichkeit zur blauen Blume im Land der Technik. "
(Benjamin Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt / Main 1979, 7-44, hier: 31)
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Mythen: Medienmythen

Die Message ist unmißverständlich:
Achtung: hier geht ein Strang weiter, der in 3.13 begonnen wurde:
Den jeweiligen neuen Medien scheinen in den Umbruchsituationen geradezu mythische Qualitäten zu entwachsen, da sie aus der Überwindung festgewachsener Strukturen im Kontext der 'alten' Medien offenbar ein großes Energiepotential freisetzen. Gerade heutzutage nach dem (vermeintlichen ?) Scheitern sozialer Utopien und Projekte verschieben sich utopische Potentiale immer mehr in Technologien und Medien: Umwelt-Technologie, Freizeit- und Psycho-Technologien, Körper- und Ästhetik-Technologien. Während das mechanische Zeitalter in vielfachen Variationen den Mythos der Maschine als universelles Produktionsinstrument besungen hat, wartet die Postmoderne mit dem Mythos einer universellen Vernetzung auf: die telematischen Technologien versprechen eine Liberalisierung, Vervielfachung und Bereicherung der Kommunikationsweisen. Soziale Systeme als offene Netzwerke, in denen sich die Aussagen sternenförmig in alle Richtungen ausbreiten sollen, entstehen. Die forsche Behauptung lautet jetzt nicht mehr "Das Medium ist die Botschaft" (das galt für die Massenkommunikationsmittel), sondern: die Botschaft konstituiert sich erst in der Verknüpfung und Vernetzung von Medienströmen - Senden - Empfangen - Interagieren. Die Paradigmen der Übertragung, der Rückkopplung, der Autopoesis vernetzter Systeme sollen zu grundlegenden systemtheoretischen Operationen werden. Alle Wissenschaften, Diskurse, Text- und Ästhetikmodelle werden zu einem Unterfall des Informationskreislaufes und von ihm unterspült. Der Mythos war einst, wird erzählt, eine Erzählung, dann eine Aussage, jetzt ein unendlich fein gestricktes Netzwerk von Relationen.
Wie sollte man dem widersprechen? Also:
Die Vernetzung ist die Botschaft!
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Net.art

Partikuläre Schule der bildenden Netzkünste. Der Terminus wurde 1996 von dem Netzkünstler Vuc Cosic geprägt und wird seitdem mit einer bestimmten Generation von Netzkünstlern in den späten 1990er Jahren assoziiert, zu der neben Cosic auch Heath Bunting, Olia Lialina, Alexej Shulgin sowie die Gruppen jodi, I/O/D und Mongrel geh^ren. (Vgl. Josephine Bosma, Is It a Commercial? Nooo... Is It Spam? ... Nooo - It's Net Art, in: Mute, Nr.10, S. 73-74, 1998.) FC

nettime (Mailinglist)

Die nettime Mailing-List beschäftigt sich mit der Politik der Netzkultur und versucht mittels kollaborativer Text-Filter-Prozesse Formen der Netzkritik parasitär zu den Zentren der etablierten Kultur zu etablieren.

Für das Verhältnis Theorie/Praxis spielen die Kulturtechniken der Netzkultur selbst eine wichtige Rolle: im Bemühen Werkzeuge und Methoden für 'eine andere kollektive Subjektivität' zu finden entstehen und zirkulieren Texte in einer Weise, die nichts mehr mit der distanzierten Lobbyistik etablierter Medientheoretiker (die z.B. Werbung für die Telekom machen) zu tun hat: schneller, widerspruchsvoller, waghalsiger, wilder, heterogener, verrückter.

Nettime funktioniert dabei als ein 'sozialer Text-Filter' für eigene und gefundene Texte, Anfragen, Ankündigungen.
Zu verschiedenen Gelegenheiten (wie Konferenzen, Festivals) werden Aufrufe zum Einsenden von Texten zu bestimmten Stichworten gemacht, die dann weitläufig in Umlauf gebracht werden. Es geht nicht um die Ergebnisse, sondern um die Prozesse.
"100 % anti-copyright - not for commercial use"
http://www.nettime.org
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Networking in progress

Im Gebrauch digitaler Informationsnetzwerke bricht der für die abendländische Kultur konstitutive wesentliche Unterschied zwischen Schreiben und Lesen, Senden und Empfangen, Bezeichnen / Codieren und Interpretieren / Decodieren zusammen. Produktion, Verbreitung, Interpretation, Kommentierung, Retrieval von Informationen spielen sich in einem hypermedialen Netzwerk offener Verweis-, Navigations- und Strukturierungsoperationen ab.
Navigieren, Interagieren, Informationsdesign, Bild-Schirm-Denken bilden sich langsam als neue Diskurstechniken heraus. Diese hybriden Mischformen aus Produktion und Rezeption könnten neue Paradigmen für Schreiben und Lesen darstellen.
Vernetztes Denken als soziale, kulturelle und technologische Utopie unterstützt verteilte, kooperative Eingriffe in komplexe vernetzten Systeme - seien es Texte (Literatur), Dokumente und Daten (Informationssysteme, Episteme), soziale Strukturen oder kommunikative Akte.
In den Netzwerkprojekten geht es weniger um Kunst, um fertige Produkte, den Austausch von Objekten, sondern um ein net-working-in-progress: die Erfindung von Modellen, Strukturen, Wahrnehmungsfeldern. Aber das zu schaffen ist schon eine Kunst - auch wenn sie nicht so heißt und heißen will.
In Netz-Werk-Operationen ereignet sich ästhetisches Handeln mit verknüpfbaren Ideen-Objekten - als Projektionen einer kollektiv arbeitenden und frei zirkulierenden Einbildungskraft, die auch soziale Gestaltungen vornimmt:
Alles kann mit allem verbunden werden!
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Narration, Sprache, Technik

Doch gerade auch Autorinnen und Autoren mit fundierten Programmierkenntnissen, deren eigentliches Interesse vor allem der Sprache und der Narration gilt, entwickeln nach wie vor überzeugende und innovative Umsetzungen rein textbasierter Hyperfictions und deuten damit an, was für ein Potential in der geschickten Verschmelzung von Narration und Technologie vorborgen ist. So beispielsweise Susanne Berkenhegers faszinierendes Flugzeugabsturzszenario «Hilfe!» mit extensivem Javascript-Gebrauch, das in verschiedenen Versionen programmiert werden musste, damit es auf allen wichtigen Systemen und Browsern läuft, und Peter Berlichs Projekt «Zwischen den Zeilen», welches das Zwischen-den-Zeilen-lesen mit Hilfe der Layertechnik (Cascading Style Sheets) räumlich gelungen umsetzt. Berkenheger arbeitet mit kleinen und grossen Browser-Fenstern und kurzen dialogischen Sätzen. Ein Flugzeugabsturz lässt die verzwickten Beziehungen von vier Personen nochmals Revue passieren. Der Leser als fünfte Person wird dabei derart miteinbezogen, dass er zur handelnden Person wird, der die vier Figuren durch die Geschichte bzw. ihre intimen Verhältnisse leitet. Berlichs Kurzgeschichte dagegen spielt mit verschiedenen Textschichten. Die einzelnen Textabschnitte erscheinen nicht per Mausklick, sondern per Mouse-over im Browser und überlagern sich schichtweise beinahe bis zur Unleserlichkeit. Der Faszination der Hauptperson mit Autounfällen und seiner unglücklichen Liebe kommt man aber so richtig erst auf die Spur, wenn man wörtlich zwischen den Zeilen liest: nämlich in den Kommentarzeilen des Programmiercodes, wo Berlich in bester Erzählmanier seine Kurzgeschichte ausführlich kommentiert.
BS

Netzkritik

"Netzkritik ist nicht mehr als eine bestimmte offene Textform. Sie geht zurück auf eine Gruppenarbeit, auf Treffen und Mailinglistaktivitäten, auf Papierkrieg und Softwareentwicklung. Es gibt keine Weise, sich der Netzkritik als solcher 'zu stellen', sondern man kann sich darin betätigen oder nicht, etwas hinzufügen, etwas entgegnen oder etwas programmieren; [...] Es geht um eine bestimmte Umgangsweise mit dem Netz, keine Theorie, sondern eine Theoriepraxis. [...] (5)
Netzkritik ist ambivalent (descriptiv, immanent, unordentlich, symptomatisch, parodistisch), sie steht mit einem Bein im staubigen Gutenberg-Archiv der schmutzigen Materialität, mit dem anderen aber im körperlosen Digitalia. Sie bringt das Unbehagen in der Information an die Oberfläche und versucht das Unvereinbare produktiv zu machen, wie zum Beispiel die Schreib- und Übertragungsgeschwindigkeit mit der der Reflexion.
Es geht nach (dem frühen) Virilio darum, wieder einen Moment der Enscheidung herbeizuführen. Ziel dabei sind illegitime Anschlüsse, hybride Konstruktionen, eine "Ästhetik der Verlangsamung" und eine ganz eigene Mischung aus lokalen und globalen Elementen.
Es gibt kein wie auch immer genanntes Apriori mehr, auch keine Überlegenheit von Hardware über Software (trotz Kittler). Jede Verschaltung kann durch andere ersetzt werden, jeder Strom und jedes Kraftfeld ist als umpolbar zu denken. [...] Trotzdem braucht es eine neue materialistische Netzanalyse, die sich um Copyright und Kabelrechte sorgt. [...]
Netzkritik ist Teil eines Digitalen Dekonstruktivismus, der sich vom Moment der Gesellschaftskritik insofern löst, als er die Negation des 'Gesellschaftskörpers' und anderer Theoriephantasmen mitdenkt. Das Kommende mit fröhlicher Skepsis begrüßt. Es Grundlage einer neuen Weltordnung. .[...] (7) Was vorher noch mit viel Handarbeit auf der persönlichen Festplatte verteilt wurde, findet sich heute einen Klick weiter auf einer liebevoll gestsalteten Homepage. Das Programm des digitalen Ästhetizismus ist in die Software eingegangen und taucht in den neuen Versionen der Webbrowser auf. [...] Statt der Exegese von Texten geht es um Umleiten und Verschalten von Datenströmen, statt Interpretation geht es um Rekombination, statt Repräsentation geht es um Kontextualisierung, statt Differenzieerung geht es um Vernetzung."
(Gert Lovink; Pit Schulz: "Aufruf zur Netzkritik. Ein Zwischenbericht", in: nettime (Hg.), Netzkritik. Materialien zur Internet-Debatte, Berlin, 1997, 5-7;
http://www.desk.nl/~nettime/)
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Netz: Querverbindungen

Es gibt einen unablässigen, kontinuierlichen Dialog zwischen den Dingen, der das historische Gewebe der Ereignisse und Gesetze bildet, in deren Rahmen mein Eingriff [...] außergewöhnlich, intermittierend, und einem plötzlichen Zerreißen, einem Bruch der Kontinuität analog ist. Was ich tue, in meiner Arbeit, meinem Experimentieren und Denken - Selektion, Auswahl, Trennung -, kann sich als Zeichen im Gewebe der Dinge perpetuieren und in die Geschichte eingehen, es wird unvberzüglich in das stabile Netz der Beziehungen zwischen den Objekten aufgenommen. (Serres, Michel: Hermes II. Interferenz, Berlin, 1992, OT: Hermés II - L'interférence, Paris, 143)
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Netz: mobile Austausch- und Anzapfungsprozesse

[...] ich bewohne ein rauschendes Nachrichtennetz, das die Welt und den Anderen an den Rand des Brennpunktes rückt...; ich bin ein polytoper Knoten; für einen bestimmten Raum bin ich hier, und ich bin überall, in unendlich vielfältiger Weise. Hier eröffnet sich uns das Programm einer pluralistischen Ästhetik der Situation, deren Ziel es wäre, geduldig sämtlich Räume zu entfalten, die ich bewohne und die ebenso zahlreich sind wie die von der Wissenschaft geschaffenen Räume. In dieser Hinsicht befinde ich mich in einer Situation der Interferenz. Aber darüber hinaus definiert jeder dieser Räume einen eigenen Typ von Transport oder wird durch ihn definiert. Da ich in gewisser Hinsicht ubiquitär bin, bin ich in jeder nur vorstellbaren oder erdenklichen Weise mobil, bin ich der Sitz einer Vielzahl von Austausch- oder Anzapfungsprozessen. [...] (Serres, Michel: Hermes II. Interferenz, Berlin, 1992, OT: Hermés II - L'interférence, Paris, 199)
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Netz: Denken als Ortsveränderung

Jedes Wissensgebiet ist lediglich eine Region dieses Raumes; Denken ist nur möglich als Ortsveränderung innerhalb dieses Raumes. Diese Ortsveränderung ist das Denken selbst. Wenn es ein Subjekt des Denkens gibt, dann übermittel es das Wissen und die tote Information, dann zapft es die Reaktivierung der im Netz zirkulierenden Information an.
(Serres, Michel: Hermes II. Interferenz, Berlin, 1992, OT: Hermés II - L'interférence, Paris, 200)
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Netzdichtung

auch: "Netzliteratur", eigentlich: Computernetzdichtung. Dichtung, die in Computernetzen geschrieben und gelesen wird. Inwieweit sich aus dieser Definition Kriterien für die Form bzw. Programmierung von Netzdichtung ableiten lassen, ist unter Netzliteraten und ihren Lesern und Kritikern umstritten. Historische Beispiele einer "Netzdichtung" ohne Computer sind die Briefliteratur bzw. der Briefroman (seit dem 18. Jahrhundert), die Salondichtung (z.B. der Romantik) und die kollaborative Dichtung (z.B. in den Avantgarden des 20. Jahrhunderts). Als algorithmische Netzdichtung lesbar sind bereits die poetisch-mathematischen Spiele der Grands Rhétoriqueurs (15. Jahrhundert), des pegnesischen Blumenordens um Georg Philipp Harsd^rffer (17. Jahrhundert) und des Ouvroir de la littérature potentielle (Oulipo) (seit 1960). FC

Netzkünste

eigentlich: Computernetzkünste. Oberbegriff für künstlerische Arbeiten und Netzkulturen in verschiedenen Zeichensystemen, die in Computer-Netzwerken und insbesondere im Internet entstehen. Partikuläre Netzkünste sind z.B. "Net.art", Netzdichtung und elektronische Musik, die in digitalen Netzwerken generiert und rezipiert wird. FC

Netzkultur

wurde Mitte der 1990er Jahre Schlagwort eines partikulären künstlerischen, kunstkritischen und politischen Diskurses im Internet. Als Selbstbeschreibung (im Singular) wurde "Netzkultur" vor allem populär in Netz-Diskursforen wie Nettime http://www.nettime.org (s.a. Josephine Bosma, Pauline van Mourik Broekman, Ted Byfield, Matthew Fuller, Geert Lovink, Diana McCarthy, Pit Schultz, Felix Stalder, McKenzie Wark, and Faith Wilding (Hrsg.), Readme! Filtered by Nettime, Brooklyn: Autonomedia, 1999) und Rhizome (http://www.rhizome.org) sowie in ihrem weiteren Umfeld von Konferenzen und Kunstausstellungen. Die Kultur der Freien Software, die ungefähr zwanzig Jahre älter ist als jene der Netzkünstler, zeigt, daß es nicht nur eine, sondern viele Computer-Netzkulturen gibt. FC

Netzkulturen

eigentlich: Computernetzkulturen. Terminus für Kulturen, die sich maßgeblich durch Kommunikation und Kollaboration über Computernetzwerke konstituieren und definieren. FC

Oberfläche

Im 'oberflächlichlichen' Charakter von Hypertexten liegt gerade eine besondere Qualität - eben eine strukturelle/kartographische Organisationsweise mit offenen Verknüpfungsstrukturen - ananlog zu Karte/Diagramm/Mapping. (vgl. Idensen/Krohn 1994, S. 259).
"Ein offensiv ästhetischer Gebrauch von Medienverbundsystemen wird da erschwert, wo eine Medien-Kritik nur am Output der Medien, d.h. den technischen Bildern selbst ansetzt (und so in den Untergangsgesang auf die literale Kultur einstimmt) und nicht am produktionsästhetischen Nerv, d.h. an den Schaltungs- und Vernetzungsstrukturen. Auch die übliche Forderung nach sozialer Kontrolle der Sender bzw. sozialem Engagement der Produzenten - der Autor als Agent der Massen, wie es in einem historischen Essay zur Medienkritik gefordert wird (vgl. Hans Magnus Enzensbergers altmodisch schönen Baukasten zu einer Theorie der Medien in: Kursbuch 20/ 1979, Über Ästhetische Fragen, Frankfurt am Main 1970, S.159-186) - löst nicht die Interface Problematik zwischen Medien und Produzenten. Produktionsweisen aus dem Bereich der Kunst in einen anderen Umgang mit den Kommunikationsmedien einzuschleusen, weist möglicherweise aus dem Dilemma postmoderner Endzeittheorien heraus und läßt einen neuen ästhetischen Produktionsbegriff zu, der sich auf den Oberflächen der neuen Medien abspielt." (Idensen/Krohn: Kunst-Netzwerke, S.376)
Hypertexte sind also keine 'flachen Texte' im Sinne eines Mankos, einer fehlenden Komplexität, Tiefe, Sinnlichkeit etc. und überschreiten damit das Manko der Schriftkultur - fehlendes Feedback und eindimensionale Kommunikationsstrukturen bei unendlicher 'Tiefe' der Bedeutung.
Macht Karten, keine Kopien!
(vgl. Idensen/Krohn 1994, S. 259).
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Odysseus: dream machines: Interfaces kreativer Strategien

Die Mikrostruktur objektorientierter Programme kann man sich als feinverwobene und freigestaltbare Oberfläche vorstellen, auf der die konnektierten Künstler wagemutig-naiv wie Odysseus, zielge-richtet wie Marco Polo, verwegen wie Heinrich der Seefahrer, glücksuchend wie Hein von der Waterkant navigieren können. Ihre Reisen, ihre Ankunfts- und Abfahrtsorte zeichnen Adern, Pfade und Verkehrswege, markieren Knoten, Stützpunkte und Städte auf der einbildbaren Oberfläche, die dem Nachfolgenden als orientierungsstiftende Karte oder als Anlaß eigener Expeditionslust dienen mag. Mit jeder Reise dehnt und verwebt sich das Netz der Verknüpfungen zusehends und nur im Navigieren entwirrt es sich. Verbinden sich also im Mikrobereich der Programmebene die unterschiedlichen Produktionsformen mit den verschiedensten kreativen Strategien der Kunst-Navigateure, so rückt die Utopie einer umfassenden telematischen Vernetzung, in der die individuellen Produktionsformen in gesellschaftliche Kommunikation umgewandelt werden, ein gutes Stück näher. DREAM MACHINES!- CONNECT IT!
(Idensen, Heiko; Krohn, Matthias: Kunst-Netzwerke: Ideen als Objekte
in: Rötzer, Florian (Hrsg.), Digitaler Schein - Ästhetik der elektronischen Medien, Frankfurt / Main 1991, S.371-396)
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offene Kunstwerke/Texte

Eco (1973) beschreibt verschiedene 'Kunstwerke in Bewegung', die über das Ansprechen von Möglichkeitsfeldern einen aktiven Interpretations- und Rezeptionsprozeß herausfordern (Partituren serieller Musik, informelle Malerei, Visuelle Poesie, Live-Fernsehsendungen, Querschnittstechniken bei Joyce): "Jedes Ereignis, jedes Wort steht in einer möglichen Beziehung zu allen anderen, und es hängt von der semantischen Entscheidung bei einem Wort ab, wie alle übrigen zu verstehen sind." (Eco (1973): 39) Die Kunstwerke werden als Mechanismen aufgefaßt, derer man sich bedienen kann.
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Offene Standards

Protokoll- und Dateiformat-Spezifikationen, die von Komitees wie dem World Wide Web Consortium (W3C) und der Internet Engineering Taskforce (IETF) erstellt und zur ^ffentlichen Verwendung freigegeben werden. Im Unterschied zu "Open Source"- oder "Freie Software"-Entwicklern k^nnen Entwickler offener Standards nicht schreiben, was sie wollen und bei Meinungsverschiedenheiten Projekte abspalten, die Codebasis anders weiterwickeln, sondern müssen immer einen Konsens erzielen, der auch von Industrievertretern akzeptiert wird (vgl. Jeanette Hofmann. Der Erfolg offener Standards und seine Nebenwirkungen. Telepolis, 1999, http://www.heise.de/tp/deutsch/special/wos/6453/1.html). Dennoch gibt es eine hohe Affinität von Offenen Standards und Freier Software: E-Mail z.B. ist nichts anderes als das Unix-Systemkommando "mail", das auch jedes GNU/Linux und BSD-System enthält. Oft werden Referenzimplementationen offener Standards unter einem Copyleft freigegeben. Z.B. ist die Software "bind", auf der das Internet domain name system (DNS) basiert, Freie Software. FC

Open Source

Ein Konkurrenzterminus zu Freier Software, der 1998 von der Open Source Initiative http://www.osi.org um den Programmierer Eric S. Raymond lanciert wurde. "Open Source" und "Freie Software" unterscheiden sich nicht in ihrer technischen Definition. Laut seinen Erfindern ist "Open Source" lediglich ein anderer Name für Freie Software, um die Akzeptanz für Freie Software in der Computerindustrie zu verbessen (Quelle: Frequently asked questions about Open Source, http://www.opensource.org/faq.html). Die "Open Source Definition" (http://www.opensource.org/osd.html) basiert auf den Debian Free Software Guidelines. Dennoch wird "Open Source" oft mit Offenen Standards verwechselt oder mit Software, deren Quellcode nur unter restriktiven Lizenzbedingungen verfügbar ist (wie z.B. Suns Java). FC

Oszillation

Die Oszillation ist eigentlich ein Phänomen der analogen Welt. In der Elektrotechnik bezeichnet sie einen homogenen Wechsel von Spannungszuständen; in anderen wissenschaftlichen Gebieten wird die Oszillation als Schwingungsbewegung zwischen verschiedenartigen Elementen (z.B. in der Meteorologie, wo die Oszillation die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Ozean und Atmosphäre bezeichnet) oder als Schwankungsbewegung einer Kurve (der Börsenkurse in der Wirtschaft, der Leistungskurve eines Menschen in der Psychologie) aufgefaßt. Dennoch ist die Oszillation ebenfalls ein ontologisches Merkmal des Computers, dessen rekursive Prozesse als oszillatorische Schwingungen aufgefaßt werden können:

"Das 'wenn...dann...' der Logik enthält keine Zeit. Aber im Computer werden Ursache und Wirkung verwendet, um das 'wenn...dann..' der Logik zu simulieren; und alle Abfolgen von Ursache und Wikrung schließen notwendig Zeit ein. (Umgekehrt können wir sagen, daß in wissenschaftlichen Erklärungen das 'wenn...dann...' der Logik verwendet wird, um das 'wenn...dann...' von Ursache und Wirkung zu simulieren.) Der Computer stößt niemals wirklich auf eine logische Paradoxie, sondern nur auf die Simulation einer Paradoxie in Ketten von Ursache und Wirkung. Der Computer vergeht daher nicht. Er oszilliert nur."
(Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Frankfurt am Main 61983, S. 364)
CH

passagenwerk: eine historische montage

(besteht z.b. in der kunst, ohne anführungszeichen zu zitieren) (die signatur eines zeitalters zu gewinnen, durch vorzeigen der lumpen) des 19.jahrhunderts auszulegen ... eine konstruktion aus kleinsten, scharf und schneidend konfektionierten baugliedern zu errichten, flanierend in einer vage de rêves ..., wobei das schicksal der kultur nichts anderes war als ihr warencharakter (phantasmorgie) -> er ist nicht so sehr am ideologischen gehalt interessiert, (sondern an dem, was als erträumte >historische< tatsachen der zeit heute gelten darf - z.b. der stop des genauigkeitswettbewerbs) sondern an ihrer oberfläche oder aussenseite (die trug und versprechen in eins enthalten): benjamin beleuchtet mechanismen und orte der verklärung wie weltausstellungen und passagen ... die auch beobachtbare rückstände einer traumwelt (jede epoche träumt ja nicht nur die nächste, sondern träumend drängt sie auf das erwachen hin - hin zum jetzt der erkennbarkeit) sind ... orte der verklärung als zauberbilder des jahrhunderts, als wunschbilder eines kollektivs, mit denen es die unfertigkeit des gesellschaftlichen produkts sowie die mängel der gesellschaftlichen produktion sowohl aufleben, wie zu klären versuchte ...
JM

Passagenwerk: literarische Montage

Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. ich werde nichts Wertvolles entwenden und mir keine geistvollen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden.
(Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften Band V 1 und 2, Frankfurt am Main 1982, 574)
HI

Passagenwerk: Theorie/Material

Im vollendeten Passagenwerk wäre zwar eine Scheidung der Theorie vom Material gerade aufgehoben worden; in der fragmentarischen Gestalt jedoch, in der das Werk verblieb, ist den theoretischen Reflexionen Benjamins objektiv die Bedeutung zugewachsen, die Materialien in jenes Licht zu rücken, das er in ihnen entzünden wollte. Um so entscheidender ist freilich, darauf zu insistieren, daß volle Einsicht in Benjamins Intentionen allererst die Lektüre sämtlicher Aufzeichnungen, ein Studium des letzten verlorenen Zitats zu gewähren vermag.«
(Rolf Tiedemann, in: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main 1972, Das Passagenwerk Bd.V.1 und V.2, hier: V.1, 13, 41)
HI

Passagenwerk: TextBau

Die Fragmente des eigentlichen Passagenwerks kann man mit den Baumaterialien für ein Haus vergleichen, von dem nur gerade erst der Grundriß abgesteckt oder die Baugrube ausgehoben ist... Neben der Baugrube findet man die Exzerpte aufgehäuft, aus denen die Mauern errichtet worden wären. Benjamins eigene Reflexionen aber hätten den Mörtel abgegeben, durch den das Gebäude zusammenhalten sollte. ... Benjamins Absicht war, Material und Theorie, Zitat und Interpretation in eine gegenüber jeder gängigen Darstellungsform neue Konstellation zu bringen, in der alles Gewicht auf den Materialien und Zitaten liegen und Theorie und Deutung asketisch zurücktreten sollten. Als "ein zentrales Problem des historischen Materialismus", das er mit dem Passagenwerk zu lösen gedachte, hat er die Frage bezeichnet, "auf welchem Wege es möglich sei, gesteigerte Anschaulichkeit mit der Durchführung der marxistischen Methode zu verbinden. Die erste Etappe dieses Weges wird sein, das Prinzip der MONTAGE in die Geschichte zu übernehmen. Also die großen Konstruktionen aus kleinsten, scharf und schneidend konfektionierten Baugliedern zu errichten. Ja, in der Analyse des kleinen Einzelmoments den Kristall des Totalgeschehens zu entdecken. (Nach Adorno war es Benjamins Absicht, "auf alle offenbare Auslegung zu verzichten und die Bedeutungen einzig durch schockhafte Montage des Materials hervortreten zu lassen [...] Zur Krönung seines Antisubjektivismus sollte das Hauptwerk nur aus Zitaten bestehen.) (Rolf Tiedemann, in: Walter Benjamin: Gesammelte Schriften, Frankfurt/Main 1972, Das Passagenwerk Bd.V.1 und V.2, hier: V.1, 13)
HI

Plagiarism

In den späten 1980er Jahren übersetzen Anticopyright-Subkulturen das situationistische "détournement" (das wiederum auf Lautréamonts "Plagiat" rekurriert") in "plagiarism" zurück. Durch die Übertragung ins Englische allerdings ergänzt es die Denotation einer Methode - des Plagiierens - mit der Konnotation eines künstlerischen "Ismus". Statt, wie in den "Plagiarism"-Manifesten behauptet, den zeitgenössischen Kunstbetrieb und sein auf Originalität gegründetes Wertesystem anzugreifen, bildet der "Plagiarism" jedoch neben einer Reihe von Festivals of Plagiarism vor allem eine kollektive Praxis der Intertextualität heraus.
Die institutionellen und medialen Bedingungen des "Plagiarism" sind einem Foto in einem Bericht zum Glasgower Festival of Plagiarism in New Observations, Nr.101, New York, Mai/Juni 1994, S.25, ablesbar: Der Ort ist eine alternative Galerie, die Maschine im Vordergrund ein Fotokopierer, neben fotokopierten Pamphleten sind eingerahmte Collagen und selbstbedruckte T-Shirts ausgestellt. Nicht zu sehen sind auf diesem Foto sind andere Medien wie VHS-Video und Audiocassetten, die auf dem Festival eingesetzt wurden. Alle Medien und Techniken also sind analog. Interessanterweise werden auch Computer nur zur Produktion analoger Schrift- und Bildträger eingesetzt, zum Beispiel für den Schriftsatz von Zines. Die unbegrenzte Kopier- und Plagiierbarkeit von digitaler Information wird von keinem der Beteiligten reflektiert. Die Medien und technischen Werkzeuge sind emblematisch für Subkultur und nichtprofessionellen Kunstbetrieb:
Der Xerox-Kopierer ist das Vervielfältigungsinstrument der Fanzine-Kultur. Collagen und Fotokopien sind die Hauptmedien der Mail Art, die in den 1960er Jahren aus Ray Johnsons New York Correspondance School hervorgeht und in der sich an Dada und Fluxus orientierte Amateurkünstler vernetzen. Parallel zur Mail Art entsteht in den 1980er Jahren eine Kultur von selbstproduzierter z.T. experimenteller Popmusik auf Audiocassetten. Auf den späteren Festivals of Plagiarism werden die Musikcollagen der Plunderphonics quasi zur offiziellen Musik des "Plagiarism".
Nicht nur die Festivals of Plagiarism, sondern auch die seminalen Anticopyright-Publikationen aus ihrem Umfeld bedienten sich dieser Ästhetik.

Um zu provozieren, hätte ein radikaler Plagiatismus nicht seine eigene Ghetto-Ästhetik, sondern etablierte Galeriekunst plagiieren müssen einschließlich der sozialen Inszenierungen des Kunstbetriebs. Dies scheiterte schon daran, daß die Beteiligten die Codes des kommerziellen Kunstbetriebs weder beherrschten, noch sich überhaupt aneignen wollten. Auch anderenfalls wären bestenfalls Plagiate von Plagiaten produziert worden, denn Plagiate moderner Kunst wurden in den frühen 1980er Jahren schon von amerikanischen appropriation artists wie Sherry Levine und Richard Prince hergestellt. Der Erfolg der appropriation art demonstriert, daß Plagiate nur im selben Diskurs, auf Augenhöhe mit den plagiierten Objekten funktionieren. Eine plagiierte Warhol-Brillo Box ist kein Plagiat mehr, wenn sie in einem Keller oder in einem Supermarkt steht.
Schon durch ihre Orte waren die Festivals of Plagiarism in ihrem Anspruch gescheitert und erzielten nicht mehr als die Selbstvergewisserung ihres Milieus. Und es fehlte ihnen die Souveränität, sich dieses Scheitern einzugestehen. Stattdessen wurden, zum Beispiel auf der Einladung zum Glasgower Festival of Plagiarism Scheinargumente - dazu noch schlechte vitalistische Scheinargumente - gegen postmoderne Kunst angeführt:
"[...] the 'appropriations' of postmodern ideologists are individualistic and alienated. Plagiarism is for life, post-modernism is fixated on death."

Selbst als konzeptuelle Kunst hat der Plagiarism-Diskurs Schwächen, weil sein theoretischer Horizont auf die klassischen Avantgarden und die Situationistische Internationale begrenzt blieb. Radikalere Konzepte der Appropriation von Zeichen formulieren zum Beispiel die frühen Erzählungen von Jorge Luis Borges und Julia Kristevas 1967 publizierte Intertextualitäts-Theorie. Die französische Oulipo-Gruppe um Raymond Queneau und Georges Perec nannte ihre ästhetischen Vorläufer "antizipatorische Plagiatoren", und der amerikanische Schriftsteller Raymond Federman entwarf eine selbstreflexive "Surfiction" mit einer Poetik des "playgiarism" (mit "y"), ohne daß die Plagiatoren-Subkulturen davon Notiz genommen hätten.
FC
Plagiat
Das Wort "Plagiat" ist erst seit der Frühneuzeit verbürgt. Es geht zurück auf den spätantiken römischen Epigrammatiker Martial, der einen Konkurrenten, welcher Martials Verse kopiert hatte, "Plagiarius" - Kindesräuber - nannte. (Martial I,52)
Im Sonderheft "Copy Culture" der Kunstzeitschrift New Observations, das 1994 von einschlägigen Anticopyright-Aktivisten herausgegeben wurde, heißt es, "Homer was the first Karen Eliot" [2.1]; Homer sei die erste plagiatorische multiple Identität gewesen. Dies stimmt insofern nicht, als der Begriff des Plagiats und damit auch der Begriff des geistigen Eigentums erst später - gemeinsam mit dem Konzept des Künstlerinidividuums - entsteht.
Mühelos lassen sich historische Beispiele von Literatur, Musik und bildender Kunst aufzählen, die "plagiatorisch" genannt werden könnten oder sogar "plagiatorische" Poetiken formulieren: die Romane von Rabelais, Cervantes und Jean Paul zum Beispiel, die Verarbeitung von musikalischen Themen in der Musik des 17. Jahrhunderts, die Werkstattmalerei der Carravagio- und Rubens-Schulen.
Doch eine explizite Poetik des Plagiats entsteht erst im späten 19. Jahrhundert in Lautréamonts Poésies:

"Das Plagiat ist notwendig. Es ist im Fortschritt inbegriffen. Es geht dem Satz eines Autors zu Leibe, bedient sich seiner Ausdrücke, streicht eine falsche Idee, ersetzt sie durch die richtige Idee". (Lautréamont, Poésies, in: ders., Gesamtwerk, übers. von Ré Soupault, Reinbek: Rowohlt, S.282)
FC

Plunderphonics

Blieben die Festivals of Plagiarism ohne nennenswerte Nachwirkung über den Kreis ihrer Teilnehmer hinaus, so erweisen sich die
Plunderphonics als retrospektiv erfolgreichstes Projekt des Plagiarism. Der Begriff "Plunderphonics" wurde von dem kanadischen Komponisten Jon Oswald geprägt und von den Tape-beatles zu einem Markennamen gemacht.

Die Kritik der Festivals of Plagiarism und ihrer Mail Art-Ästhetik trifft allerdings auch die Plunderphonics, deren Klangprodukte im strengen Sinne keine Plagiate sind - also nicht z.B. einen Madonna-Song unter eigenem Namen verbreiten -, sondern popkulturelles Audio-Recycling. Musikalische Vorläufer sind Bernd Alois Zimmermanns Montage-Opern und, bereits 1942, John Cages Stück "Credo in Us" für drei Percussionisten und einen vierten Musiker an einem Radio oder einem Plattenspieler, der dazu angewiesen wird, "some classic" zu spielen, Beethoven, Dvorak, Sibelius oder, so die Ironie, Schostakowitsch.
Einen Ruf als "Sonic Outlaws" machten sich Negativeland und Oswald vor allem deshalb, weil ihre Plattencover den Schriftzug der Band U2 und eine Montage von Michael Jacksons Kopf auf einen nackten Frauenkörper zeigten (Abb. 3.1) und dadurch die Anwälte der Musikindustrie auf den Plan riefen. Dadurch gelangen den Plunderphonics im popkulturellen Musikbetrieb immerhin Provokationen, die die Festivals of Plagiarism im Kunstbetrieb nicht zu erzielen vermochten.
FC
PooL-Processing
Eine kurze Zusammenfassung zum Ansatz von PooL-Processing findet sich in Seyfarth 1995.
Die Aktivitäten von PooL-Processing haben von Anfang an das klassische Copyright - insbesonders den bürgerlichen Mythos vom Besitz, Eigentum und Verfügungsgewalt über Texte, Artefakte, Ideen etc. radikal in Frage gestellt und versucht, Praktiken gemeinschaftlichen Produzierens auszuprobieren.
Nach einer frühen Sammlung von Texten, Theoriefragmenten und Dokumenten zur Medienkunst (in der "Agentur für ästhetische Informationen", EMAF 88 und 89 Ars 89, wo wir als "Agenten" einen offensiven Umgang mit Informationskanälen, Datenbanken etc. initiieren wollten), haben wir das Prinzip der Intertextualität (das auf literarischer Ebene dem vermeintlichen Originalitäts- und Schöpfungsansprüchen einer Autor-zentrierten Text-Zirkulation einen Potlatch von Texten entgegensetzt, die untereinander kommunizieren) in der Imaginären Bibliothek inszeniert.
Die Idee, daß die Poesie von allen gemacht werden sollte, nicht von einzelnen Autoren, haben wir hier durch die Prinzipien der Entwendung, des Plagiats, der mißbräuchlichen Entwendung in Szene gesetzt: Der Leser wird zum Held, der auf hypertextuellen Oberflächen herumreist, Text-Bausteine kombiniert, kompiliert, aAbstrungmarken folgt und unvermittelt in 'anderen' Text-Stellen 'landet'..

1. Enzyklopädische Strukturen
EMF 88 - Verschlagwortung, Idea-Processing -- Schwierigkeit der Übertragbarkeit von Zuordnungsfeldern und Baumstrukturen
2.Agenten-Agentur
die Metapher der InformationsAGENTEN, die einen offensiven Umgang mit den Informationen des Festivals selbst als auch mit den prozessierenden Medien provozieren sollten
3. Printmedium
- erst die Rückverwandlung in das Druckmedium brachte allerdings kleine Skandale, Gegendarstellungen, Streit der Meinungen---nicht die Datenbank im Computer!!
4. Mailbox
keine Zugangshierarchie- löschen möglich.. alles wurde gelöscht, bis auf wenige professione Computerschreiber keine Austausch von Texten... die User haben nur gelesen...
5. Archiv- Idee
kein Austausch in Gang gekommen .. (füttern, feed-back..) Weiterführung des enzyklopädischen Gedankens, public-domain.. Freeware...USA..
Als Vorbereitung zu einer POETIK DER VERNETZUNG, die ich den geläufigen hermetischen Modellen der postmodernen Kunst (Selbstreferenz, Autopoesis..), als auch der affirmativen Medienkunst entgegensetzen möchte, seien einige Situationen/Szenarien von Text-Netzwerken zitiert/beschrieben/aus dem Zusammenhang gerissen/ entwendet..., die in keinem Handbuch der Entwendung von PCs für experimentelle Projektion von Daten aller Art fehlen dürfen..

Weitere Text-Transformationen im Kontext des Projekts PooL-Processing (Heiko Idensen/Matthias Krohn - Hyper-Media-Projekte seit 1987 -die diese Leserbeteiligung auf verschiedenen Ebenen zu provozieren versuchen:
Eine Navigation durch die PooL-Datenbank zur Ars Elektronica 1989 (Idensen/Krohn 1990a) ist der Versuch, das Symposion "Im Netz der Systeme" in den Kontext anderer Materialien des Medienkunstfestivals zu stellen: Beschreibungen, Entwendungen, Pastiches von Installationen, Katalog- und Archiv-Texte mischen sich mit Passagen aus den Vorträgen (der verhinderte Paul Virilio wird über Zitate aus seinen Veröffentlichungen wieder eingeschleust). Die (übertrieben) utopischen Forderungen damaliger Medientheoretiker werden in einem post-futuristischen "Manifest für virtuelle Produktionen" persifliert: "Die Losung heißt nicht mehr, 'Der Autor muß Agent der Massen sein!', sondern 'Aus Konsumgütern PRODUKTIONSMITTEL machen!'; nicht mehr 'Alle Macht der Phantasie!', sondern 'Aus Projektionen Projektile machen!' [...] Das Plagiat it notwendig! Wir alle sind Hacker, Cyber-Punker, Kopisten, Simulanten, Neuromancer, Enzyklopädisten, Kombinatoriker, Wunschmaschinen, Warhols, Ecos, Weibels, Sonys [...] Freien Zugang zu allen Terminals, Datenbanken und Archiven! [...] 'BEAM ME UP, SCOTTY!' " (ebd.: 139)
In "Bild-Schirm-Denken" (Idensen/Krohn 1994: 245-266) wird ein alphabetisch organisiertes "Manual für hypermediale Diskurstechniken" vorgelegt, das aus kleinsten Operationen/Handlungen zusammengesetzt ist. Durch "Hin- und Herschicken, Aussieben, Umschreiben, Löschen, Kopieren" (ebd.:246) kleinster Theorie-Momente hat sich diese Textur herausgebildet, die mit zahlreichen Querverweisen durchsetzt ist, um den Leser zum Navigieren durch den Text anzuregen:. "Das vorliegende Glossar soll zu einem enzyklopädischen Gebrauch anregen: Nachschlagen, Querverweisen folgen, Querlesen und -denken. (ebd.:245)
Der Text "Zur Natur digitaler Medienwelten" (Idensen 1994) wird vor dem Auge des Lesers auf einen Computer-Screen projiziert (als Animation, Bildschirm-Schoner, durchsetzt von Systemmeldungen und entsprechenen Eingaben als Regieanweisungen). Die Entstehung von Texten aus Datenbanken, und Versatzstücken aus Netzwerken mit Hilfe eines intelligenten Screen-Writers wird simuliert: Die Entstehung des Textes beim Klicken.
In "Die Poesie soll von allen gemacht werden!" und "Schreiben/Lesen als Netzwerk-Aktivität" wird der Mythos vom Hypertext als generalisierte Fußnote in Szene gesetzt, wobei der umfangreiche Fußnotenteil beider Texte fast identisch ist, während die 'Haupttexte' jeweils eine andere Gewichtung des Materials in den verschiedenen Kontexten der Sammelbände vornehmen.
HI

Parasiten?

"Die Frage ist, ob man ein Netz konstruieren kann, das frei von Kreuzungen, Verteilern und Schnittpunkten wäre, an denen sich Parasiten niederlassen. Wo jedes beliebige Element mit jedem anderen in Beziehung treten könnte, ohne auf einen Vermittler angewiesen zu sein. Es gilt entschieden, eine Philosophie ohne Verteiler zu schreiben."
(Michel Serres )
HI

Plateaus: Fluchtlinien, Zickzack, Blitz, Luftzug, Zonen, Polytonalität

Die großen Philosophen sind auch große Stilisten. Der Stil in der Philosophie ist die Bewegung des Begriffs. Natürlich existiert dieser nicht außerhalb der Sätze, aber die Sätze sind nur dazu da, ihm Leben zu geben, ein unabhängiges Leben. Der Stil besteht in Variationen der Sprache, ist eine Modulation, eine Spannung der ganzen Sprache auf ein Außen hin. In der Philosophie ist es wie in einem Roman: man muß sich fragen: 'was wird als nächstes passieren?', 'was passiert?'
Nur sind die Personen Begriffe, und die Milieus, die Landschaften sind Zeit-Räume. Man schreibt immer, um Leben zu geben, um das Leben zu befreien, wo es eingekerkert ist, um Fluchtlinien zu ziehen. [...] (204-205)
Der Stil zieht Potentialdifferenzen hinein, zwischen denen etwas passieren, überspringen kann, ein Blitz, der aus der Sprache selbst herausfährt und uns sehen und denken läßt, was im Schatten um die Wörter lag [...] (205)
Zwischen einem Hauptsatz und einem Nebensatz muß es eine Spannung geben, eine Art Zickzack, auch und vor allem dann, wenn der Satz geradlinig zu verlaufen scheint. Stil gibt es, wenn die Wörter einen Blitz erzeugen, der von den einen zu den anderen, selbst weit entfernten überspringt. (205)
Dann aber wirft das Schreiben zu zweit kein besonderes Problem mehr auf, im Gegenteil. [...] Als ich sagte, daß Félix und ich eher wie zwei Bäche waren, wollte ich damit sagen, daß Individuierung nicht zwangläufig persönlich ist. Wir sind überhaupt nicht sicher, Personen zu sein: ein Luftzug, ein Wind, ein Tag, eine Stunde des Tages, ein Fluß, ein Ort, eine Schlacht, eine Krankheit haben eine Individualität, die nicht persönlich ist. Sie haben Eigennahmen. Wir nennen sie "Haecceitäten". Sie bilden sich wie zwei Ströme, zwei Flüsse. [...] (206)
In allen meinen Büchern habe ich die Natur des Ereignisses gesucht, es ist ein philosopher Begriff, der einzige, der geeignet ist, das Verb 'sein' und die Attribute zu entmachten. [...] (206)
In Logik des Sinns habe ich eine Art serielle Konposition versucht. Aber Tausend Plateaus ist komplexer: 'Plateau' ist nämlich keine Metapher, sondern bedeutet Zonen kontinuierlicher Variation oder Türme, von denen jeder eine Region überwacht oder überblickt, Türme, die einander Zeichen geben. [...] Da sind wir einem Stil, d.h. einer Polytonalität, noch am nächsten.
(206)
(Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993, 2-4-206)
HI

Postmediale Praxis

Welche neuen Handlungs- und Aktionsmöglichkeiten schälen sich auf der Basis virtueller vernetzter Arbeits- und Lebenszusammenhänge heraus, wenn Information, Kommunikation und Wissen als die grundlegenden Produktionsparameter fungieren und gesellschaftlichen Verhältnisse, Kooperationsformen, Gruppenprozesse selbst zu maßgeblichen Produktionsfaktoren werden?
Im Anschluß an Félix Guattari versucht Andreas Broeckmann diese "postmediale Praxis" der nun allseits vernetzten "Gruppensubjekte" im Mantel eines gewissen Subversions- und Widerstandspotentials zu skizzieren:
"Postmediale Praxis entsteht aus den vernetzten Praktiken leidenschaftlicher Individuen und Gruppen, die in lokalen und translokalen Kontexten arbeiten und dabei Medien verwenden wie Magazine, Plattenlabels, CD-Roms, Websites, Clubevents, Mailinglisten, usw. Differenzen werden in diesen Netzwerken nicht negiert, sondern ausgelebt. Postmediale Praxis wird auch bestimmt durch eine kritische Haltung gegenüber den verwendeten Medien, sie handelt eher in lateralen als in vertikalen Konfigurationen und akzeptiert die Prozessualität und kontinuierliche Transformation von Kontext und Praxis. [...] Postmedia könnte in diesem Sinne als fröhlichere Variante des Spiels von modernen Betriebsstrukturen, von Telearbeit, digitaler Cottage-Industrie, ,lean management` und doppelt freien Lohnarbeitern gelesen werden."
(Andreas Broeckmann: "Knowbotic Research - Wirksamkeit und konnektives Handeln. Konstruktionen im Translokalen"
http://www.kulturprozent.ch/brainstorming/referenten/willhelm/knowbot.htm
HI

Rauschen an den Verteilungsknoten: Parasiten?

"Das erste Kommunikationssystem, das wir kennen, ist das Leibnizsche. Es ist radikal und einfach. Niemand hat Beziehung zu irgend etwas noch irgendjemand, Türen und Fenster sind nicht nur geschlossen, sie fehlen überhaupt, und alles steht mit allem in Beziehung durch Vermittlung Gottes. [...] Das zweite System ist das des Hermes. Es ist polytheistisch oder polyzentrisch, eine Kette von Sanduhren, ein Netz aus solchen Ketten.
Die Engel, die vorübergehen, Götter oder Dämonen, halten die Kreuzungspunkte inne: Knoten des Austauschs, des Wechsels, Schnittpunkte, Gabelungen der Entscheidungslinien, Schicksalsspindel, Bündel, bei dem das Viele in einer Hand zusammenläuft. Der Anfang des Politischen. Die Nachrichten, die Ströme gehen hindurch, abhängig von den Energien und den Störungen. Empfangen wird, was ausgesendet wird, zuzüglich oder abzüglich des Rauschens, der Parasiten. Zuweilen ist die Differenz beträchtlich: Was durchkommt, ist manchmal gleich Null. [...]
Die Frage ist, ob man ein Netz konstruieren kann, das frei von Kreuzungen, Verteilern und Schnittpunkten wäre, an denen sich Parasiten niederlassen. Wo jedes beliebige Element mit jedem anderen in Beziehung treten könnte, ohne auf einen Vermittler angewiesen zu sein. Es gilt entschieden, eine Philosophie ohne Verteiler zu schreiben."
(Serres, Michel (1987): Der Parasit, Frankfurt/Main (Originaltitel (1980): Le parasite,Paris, S. 71)
HI

Radiotheorie

Der Rundfunk ist aus einem Distributionsmedium in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen [...]. Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen die Vorschläge, welche doch nur die natürliche Konsequenz der technischen Entwicklung bilden, der Propagierung und Formung dieser anderen Ordnung.
(Bertold Brecht: Radiotheorie. In Gesammelte Werke Band 8, Frankfurt/Main, 1967 (EA 1932), 129 u. 134)
HI

Raumstation

In der Nähe der Äquators werden wir Einrichtungen für den Abschuß von Trägerraketen bereitstellen...Seit 1986 wissen wir, da· die Verläßlichkeit von Raumfahrzeugen unter Regierungskontrolle für präzises und ernsthaftes Arbeiten zu gering ist. Deshalb sind private Abschußeinrichtungen unbedingt erforderlich, auch im Sinne der Schaffung neuer Arbeitsplätze auf unserem Planeten. Die Gewerkschaft der Kosmonauten und die Partei der Astronauten werden die zukünftige Weltraumphilosophie in Umlauf bringen. ... Totale Überwachung beteutet totale Unterhaltung. Irgendwo tut irgendjemand irgendetwas. Es wird aufgenommen und irgendwo anderes sieht irgenjemand anderer zu. Stellen Sie sich all die kulturellen Spektakel vor, die sich im Augenblick im realen Leben abspielen und die niemand sehen kann, nur weil eben die Übertragung fehlt.

Später werden wir auch eine Raumstation in Umlauf bringen, auf der man sich im schwerelosen Zustand lieben kann. Die Beobachtungssetelliten und Programme ( World Watch Initiative / Who's who in Space) werden dabei helfen, die schönsten Mädchen zu finden, die dieser Planet zu bieten hat. Erholung für die Agenten und Kollaborateure der Kulturpolizei. Golfspiel in die schwarzen Löcher im Orbit, Safari und Satellitenjagd, Surfen in Solarwinden, holographischer Filmsalat ... (Minus Delta t, EMAF 1998)
HI

Rekursive Akronyme

Akronyme, die sich selbst enthalten und deshalb unendlich fortschreiben. Beispiele: GNU für "GNU's not Unix", "WINE" für "WINE is not an Emulator". Rekursive Akronyme entstanden in den 1970er Jahren im Artificial Intelligence Lab des MIT, aus dessen Hackerkultur später die Free Software Foundation hervorging. FC

Rhizom

Ein Modell für eine mimetisch-ästhetische Praxis leiten Deleuze/Guattari aus ihrer Kritik am traditionellen Denken, das dem hierarchischen System des Baumes folgt, aus dem Prinzip des RHIZOMS ab: der Wurzelstock eines Rhizoms kann an jeder beliebigen Stelle aufbrechen, weiterwuchern und sich nach allen Richtungen verzweigen. Daraus entwickeln sie eine literarische Produktionsme-thode, AVANTGARDE ALS MASCHINE die in kollektiven Aussageverkettungen besteht: "Alle Dinge nämlich, die mir einfallen, fallen mir nicht von der Wurzel aus ein, sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte." (Kafka) Das Ideal eines Buches, das viele EINGÄNGE und AUSGÄNGE hat, besteht in einer mehrdimensionalen VERKOPPLUNG von Aussageketten, die sich wie auf einer LANDKARTE ausbreiten und verzweigen. In ihren Texten haben Deleuze/Guattari das klassische Zitieren aufgegeben und, indem sie Karten mit Textstellen ihrer Lieblingsautoren (Proust, Kafka, Kleist, Burroughs)(vgl. ZETTELKASTEN) an bestimmten Stellen ihrer eigenen Aus-sagen aufrufen, praktizieren sie auch in ihren theoretischen Dis-kursen eine rhizomatische Schreibweise.
HI

Rhizom: Schreiben als kartographieren - vom Text zum Hypertext

"Als Metapher der postliterarischen Kultur wird Rhizom in der Netzkultur der neunziger Jahre deshalb gerne verwendet, um 'alle Arten von nichthierarchischen Netzwerken zu beschreiben.' (vgl. http://www.rhizome.org und Richard Barbrook: Die heiligen Narren. Deleuze, Guattari und die High-Tech Geschenkökonomie, in: telepolis, Dez. 1998 - http://www.heise.de/tp/deutsch/special/med/6344/1.html)
Zwei Jahrzehnte nachdem Roland Barthes erstmals vom 'Tod des Autors' gesprochen hatte, wird [...] die kulturelle Konstruktion 'Buch' hier vollends demontiert: es hat 'weder ein Objekt, noch ein Subjekt', es bezieht sich nur auf einen organlosen Körper, zu dem alles gehört, was das Buch im sozialen Kontext (Produzenten, Rezipienten) artikuliert.
'Es gibt keine Dreiteilung mehr zwischen einem Bereich der Realität (der Welt), einem bereich der Darstellung und Vorstellung (dem Buch) und einem bereich der Subjektivität (dem Autor). Vielmehr stellt ein Gefüge Verbindungen zwischen bestimmten Mannigfaltigkeiten aus all diesen Ordnungen her, so da ein Buch seine Fortsetzung nicht im folgenden Buch findet [...]. Kurz gesagt, wir meinen, daß man gar nicht genug im Namen eines Außen schreiben kann. [...] Das Buch als Zusammenfügung mit dem Außen gegen das Buch als Bild der Welt. Ein Rhizom-Buch, das nicht mehr dichotom, zentriert oder gebündelt ist. Niemals Wurzeln schlagen oder anpflanzen, wie schwierig es auch sein mag, nicht auf diese alten Verfahrensweisen zurückgreifen.'
(Deleuze / Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1992, 38)
Das enzyklopädische Projekt eines Lesbarmachung der Welt wird damit programmatisch überwunden. Wie sieht es tatsächlich nit der Möglichkeit aus, im Namen eines Außen zu schreiben ? Wenn es keinen Autor mehr gibt, geht dessen Macht dann auf die Leser über? Wenn Schreiben tatsächlich ein Kartographieren sein soll, [...] wie realisiert sich dann am besten diese rhizomatische Form, die alles idosynkratisch mit allem verknüpft, ganz unabhängig von der Vorgabe, die jenem Innen als absoluter Intentionalität des Autors entspricht? Man muß angeben können, wie aus dem passiven Rezipieren vorgefaßter Inhalte ein interaktives Gestalten wird, das dem Anteil des Leser am Text besser gerecht wird, mit anderen Worten: wie aus dem Text in einen Hypertext zu entkommen wäre, der die endlose Grammatik des Möglichkeiten nicht mehr künstlich beschneidet."
(Frank Hartmann: Medienphilosophie, Wien 2000, 303)
HI

Rhizom: Strukturmerkmale

Die Charakteristika einer rhizomatischen Struktrur sind die folgenden:
a) Jeder Punkt des Rhizoms kann und muß mit jedem anderen Punkt verbunden werden.
b) Es gibt keine Punkte oder Positionen in einem Rhizom; es gibt nur Linien [...]
c) Ein Rhizom kann an jedem Punkt abgebrochen oder neu verbunden werden, indem man einer der Linien folgt.
d) Das Rhizom ist anti-genealogisch.
e) Das Rhizom hat seine eigene Außenseite, mit der es ein anderes Rhizom bildet; daher hat ein rhizomatisches Ganzes weder Außen noch Innen.
f) ein Rhizom ist kein Abdruck, sondern eine offene Karte, die in all ihren Dimensionen mit etwas anderem verbunden werden kann; es kann abgebaut, umgedreht und beständig verändert werden. [...]
(Eco, Umberto: Im Labyrinth der Vernunft, Texte über Kunst und Zeichen, Leipzig 1990, 106)
HI

Rhizom als Funktion

Im Bild des Rhizoms taucht eine Karte auf, die eine Verknüpfung von Subjektivität und Gesellschaft entwirft (vgl. Ulmer, Gregory: Teletheory. Grammatology in the Age of Video, New York 1989, 140).
Nich das Zirkulieren von Texten in einem gegebenen Korpus, sondern die Funktionsweise einer vollständigen (kybernetischen) Text-Maschine.
Die Funktionen des Rhizoms (nicht die Metapher Rhizom!) stellen insofern eine Schnittstelle zwischen den mnemotechnischen Traditionen und den neuen elektronischen Gedächtniskünsten dar.
In dieser Sichtweise des Rhizoms als Gedächtnisbild eröffnen sich Beschreibungsmöglichkeiten für die neuen Konzepte, Strukturen und Zugriffsweisen auf Wissenspartikel, die sich als Weiterführung der durch die Druckkultur eingeführten Diskurstechniken (Baum-Diagramme, Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse, Index) sowohl in dekonstruktiven literarischen Experimenten als auch in schlichten hypermedialen Operationen finden.
HI

rhizom (deleuze)-> autonomie

... immer n-1 möglichkeiten [nämlich was man wählt = ist]
wenn eine mannigfaltigkeit gebildet werden soll, muss man das einzelne abziehen, immer in n-1 dimensionen schreiben. man könnte ein solches system rhizom nennen ... auch der bau der tiere ist in all seinen funktionen rhizomorph: als wohnung, vorratslager, bewegungsraum, versteck und ausgangspunkt. das rhizom selbst kann die unterschiedlichsten formen annehmen, von der verästelten ausbreitung in alle richtungen an der oberfläche bis zur verdichtung in zwiebeln und knollen. wenn ratten übereinander hinweghuschen. ungefähre merkmale des rhizoms sind die prinzipien:
· der konnexion und der heterogenität
· der manigfaltigkeit
· des asignifikanten bruchs
· der kartographie und des abziehbildes

es geht darum, das unbewusste zu produzieren, und mit ihm neue aussagen, andere begierden: das rhizom ist diese produktion des unbewussten selbst (31). das rhizom lässt sich weder auf das eine noch auf das mannigfaltige zurückführen ... es ist kein mannigfaltiges, das sich aus der eins herleitet und dem man die eins hinzuaddieren kann (n+1). es besteht nicht aus einheiten, sondern aus dimensionen, oder vielmehr aus beweglichen richtungen. es hat weder anfang noch ende, aber immer eine mitte, von der aus es wächst und sich ausbreitet. es bildet lineare mannigfaltigkeiten mit n dimensionen, die weder subjekt noch objekt haben, die auf einer konsistenzebene verteilt werden können und von denen das eine immer abgezogen wird (n-1) ... anders als zentrierte (auch polyzentrische) systeme mit hierarchischer kommunikation und feststehenden beziehungen, ist das rhizom ein azentrisches, nicht hierarchisches und asignifikantes system ohne general. es hat kein orgnanisierendes gedächtnis und keinen zentralen automaten und wird einzig und allein durch die zirkulation von zuständen definiert
JM

Rhizom: denken+Kino

Verknüpfungen: Denken/Bahnungen
Das Bild des Denkens leitet die Schöpfung von Begriffen. Es ist wie ein Schrei, währen die Begriffe Gesänge sind. [..]
Eine solche Untersuchung der Bilder des Denkens könnte man Noologie nennen, Es wären die Prolegomena zur Philosophie [..] die Natur der Postulate im Bild des Denkens [...] wo Höhe, Tiefe und Oberfläche Koordinaten des Denkens sind [...] und mit Félix finden wir sie dann in Tausend Plateaus wieder, denn das Rhizom ist das Bild des Denkens, das sich unter dem der Bäume ausbreitet.
In dieser Frage haben wir kein Modell, nicht einmal einen Wegweiser, aber wir haben einen Bezugspunkt, eine Kreuzung, eine Überschneidung, die immer wieder zu erneuern ist: das ist der Wissensstand über das Gehirn.
[...]Und heute inspiriert uns nicht der Computer, sondern die Mikrobiologie des Gehirns: dieses erweist sich als ein Rhizom, eher Gras als Baum [...]
Das heißt nicht, daß wir abhängig von der Erkenntnis, die wir vom Gehirn haben, denken, sondern jeder neue Gedanke zieht frische, unbekannte Bahnen im Gehirn, windet es, faltet es oder spaltet es. [...] Die Philosophie mobilisiert neue Verknüpfungen, neue Bahnungen, neue Synapsen, indem sie Begriffe schafft, gleichzeitig entdeckt die Gehirnforschung mit ihren Mitteln die objektive matierielle Entsprechung oder das Möglichkeitsmaterial eines ganzen Bilds des Denkens.
Am Kino interessiert mich, daß die Leinwand hier ein Gehirn sein kann, wie in den Filmen von Resnais oder Syberberg. Der Film arbeitet nicht nur mit Verknüpfungen durch rationale Schnitte, sondern mit Neu-Verknüpfungen über irrationale Schnitte: das ist ein anderes Bild des Denkens. Wirklich interessant an den Videoclips war anfangs, daß manchen den Eindruck vermittelten, über Verknüpfungen und Sprünge zu funktionieren, die nicht mehr diue des Wachzustandes waren, aber auch nicht die des Traums oder Alptraums. Für einen Augenblick haben sie etwas gestreift, das zum Denken gehörte.
(Gilles Deleuze: Unterhaltungen. 1972-1990, OT: Pourparles, Paris 1990, Frankfurt/Main 1993,, 216-218)
HI

Rhizom: Karte - nicht Kopie!

Die ganze Logik des Baumes ist eine Logik der Kopie und der Reproduktion. Sie beschränkt sich darauf, was je schon gegeben ist, von einer überkodierten Struktur oder stützenden Achse aus zu kopieren. Der Baum artikuliert und hierarchisiert die Kopien, die Kopien sind sozusagen die Blätter des Baumes. Ganz anders das Rhizom: es ist Karte , und nicht Kopie. Karten, nicht Kopien machen ! ... Wenn die Karte der Kopie entgegengesetzt ist, so deshalb, weil sie ganz und gar dem Experiment als Eingriff in die Wirklichkeit zugewandt ist. Die Karte reproduziert nicht ein in sich geschlossenes Unbewußtes, sondern konstruiert es. Die Karte ist offen, sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umgebaut werden, sie ist ständig modifizierbar. Man kann sie zerreißen und umkehren; sie kann sich Montagen aller Art anpassen; man kann sie auf Mauern zeichnen, als Kunstwerk begreifen, als politische Aktion oder als Meditation konstruieren. Vielleicht ist es eines der wichtigsten Merkmale des Rhizoms, viele Eingänge zu haben.
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Rhizom, Berlin 1977, 21)
HI

Rhizom: Knollen; Zwiebeln, übereinander hinweghuschende Ratten

Ein Rhizom ist als unterirdischer Strang grundsätzlich verschieden von großen und kleinen Wurzeln. Zwiebel- und Knollengewächse sind Rhizome. Pflanzen mit großen und kleinen Wurzeln können in ganz anderer Hinsicht rhizomorph sein, und man könnte sich fragen, ob das Spezifische der Botanik nicht gerade das Rhizomorphe ist. Sogar Tiere sind es, wenn sie eine Meute bilden, wie etwa Ratten. Auch der Bau der Tiere ist in all seinen Funktionen rhizomorph. als Wohnung, Vorratslager, Bewegungsraum, Versteck und Ausgangspunkt. Das Rhizom selber kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von der verästelten Ausbreitung in alle Richtungen an der Oberfläche bis zur Verdichtung in Zwiebeln und Knollen. Wenn Ratten übereinander hinweghuschen.
(Gilles Deleuze; Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1992, OT: Mille plateaux, Paris 1980, 16)
HI

Rhizom: schreiben, lachen, vermischen

Wir hatten Lust, zusammen zu arbeiten, zwischen den Diagrammen von Félix und meinen artikulierten Begriffen, aber wir wußten nicht wie. Wir lasen viel [...]
Wir begannen lange Briefe zu schreiben, unaufhörlich und ohne Ordnung. Dann setzten wir uns zu zweit zusammen, manchmal bloß für ein paar Tage, manchmal Wochen lang. [...] Es war zugleich ungeheuer anstrengend und ermüdend, und doch haben wir die ganze Zeit gelacht. Der eine versuchte diesen, der andere einen anderen Gedanken auszuführen und zu verfolgen. Dann fürgten wir zusammen, was jeder für sich geschrieben hatte, und erfanden neue Wörter wenn immer uns das notwendig erschien. Als das Buch fertig war, hatte es eine solche Kohärenz gewonnen, daß man nicht mehr sagen konnte, das hat der eine und das der andere geschrieben.
Als das Buch fertig war, hatte es eine solche Kohärenz gewonnen, daß man nicht mehr sagen konnte, das hat der eine und das der andere geschrieben.
(Gilles Deleuze: Brief an Kuniichi Uno, in: Clemens-Carl Härle (Hg.): Karten zu Tausend Plateaus, Berlin 1993, 9-13, hier: 10,11)
HI

Rhizom: zusammen schreiben

"Wir schreiben dieses Buch als Rhizom. Wir haben es aus Plateaus zusammengesetzt. Zum Spaß haben wir ihm eine zirkuläre Form gegeben. Morgens nach dem Aufstehen hat sich jeder überlegt, welchen Plateaus er folgen soll, und dann fünf Zeilen hier und zehn Zeilen dort geschrieben. Wir haben halluzinatorische Erfahrungen gemacht, haben Linien gesehen, die wie Kolonnen winziger Ameisen von einem Plateau zum anderen liefen [...]Jedes Plateau kann an beliebiger Stelle gelesen und zu beliebigen anderen in Beziehung gesetzt werden."
(Deleuze, Gilles; Guattari, Félix (1977): Rhizom, Berlin (Originaltitel: Rhizome. Introduction (1976), Paris, 35)
HI

Ringschaltung, erhabene?

Unser UKW-Netz entstand nicht zur Unterhaltung und zur Belehrung einer Bevölkerung, sondern zur Fernsteuerung der Blitzkriegwaffen zu Land, Luft und See [...] Woraufhin dem Empire seinerseits die Möglichkeit blieb, ein totales Analogmediensystem durch ein nicht minder totales Digitalsystem zu schlagen: Um den deutschen Wehrmachtsgeheimfunk zu knacken, bauen Turings Freunde und Schüler den ersten Computer. Der Großdeutsche Rundfunk hatte Weihnachten 1942, also während sich der Kessel um Stalingrad schloß, eine Ringsendung zu und von allen Fronten geschaltet. Berlin rief, zur Antwort kamen Stimmen aus Stalingrad, dann vom Eismeer, dann vom Atlantik-U-Boot, aus der Biskaya, Süditalien und Kreta. Alles in Echtzeit und alles noch hörbar, weil das Tonband eben als Geheimwaffe eingeführt worden war. Berlin rief noch einmal und die Noch-nicht-Toten an den Fronten fingen nacheinander mit Singen an: 'Stille Nacht, heilige Nacht' [...] Um die Ringsendung überhaupt möglich zu machen, mußten die geheimen Wehrmachtnachrichtenverbindungen ausnahmsweise einmal ins öffentliche Rundfunknetz eingespeist werden. Dieser Abstand zwischen Geheimem und Öffentlichem, komplexen Technologien und Unterhaltungsmedien ist das eigentlich Erhabene, weil er eine Drohung einschließt: Dieselben Technologien können dazu dienen, ganze Städte oder Landstriche zu pulverisieren.
(Synergie von Mensch und Maschine. Friedrich Kittler im Gespräch mit Florian Rötzer. in: Kunstforum Bd.98, Januar, Februar 1989, 108-117, hier: 115,116)
HI

Roussel-Lesemaschine (1937): Interaktion mit Klammern

Die Schreibweise Raymond Roussels arbeitet - neben der ausführliche Ausbreitung einer Unzahl phantastischer Maschinenentwürfe - mit zahlreichen Sprachspielen und literarischen Verfahren, so auch mit extremer Verschachtelung: durch endlose Aufzählreihungen, Abschweifungen, Fußnoten und Parenthesen wird ein 9-facher Verschachtelungsgrad (mittels Klammereinfügungen im Text) erreicht, der ein lineares Lesen geradezu unmöglich macht. Rezeptionserleichternde Maßnahmen - etwa mehrfarbiger Druck - können aus Kostengründen seitens des Verlegers nicht vorgenommen werden. Abhilfe kann erst eine ,Roussel-Lesemaschine` schaffen, die 1937 auf einer Surrealisten-Ausstellung gezeigt wird: der Text ist nach der Art eines Rundregisters auf Pappkarton montiert und die einzelnen Karten sind am oberen Rand je nach Verschachtelungsebene mit verschiedenfarbigen Markern versehen. Zum Lesen drehe man mit der rechten Hand an der Kurbel, so dass die Text-Karten sequentiell weitergeblättert werden, während man mit dem linken Zeigefinger mittels der farbigen Reiter jeweils eine bestimmte Ebene arretiert, so dass nur die entsprechenden Textkarten aufgeblättert werden:
Die Funktion dieser Parenthesen im Text ist die Konstruktion von Sprüngen, verschachtelten Abstufungen, die die Organisation einer Vielzahl von Objekten von einem jeweiligen Absprungpunkt ermöglichen:
Es finden sich z.b. in diesem Text:
45 Beispiele von Dingen (oder von Menschen), die kleiner erscheinen; 54 Fragen, die schwer zu beantworten sind; sieben Zeichen, die einen nicht täuschen, wenn man eine Person, ihren Charakter, ihre Krankheiten oder ihren Familienstand kennenlernen möchte, 13 Attribute, mit denen sich eitle menschen auf einer Photographie zu schmücken lieben...
Eine Komplexität von Verweisen und internen Konnektionen, die für den linearen Text eines Bucher sicherlich erstaunlich ist, für kreative Benutzer eines Hypertextsystems vielleicht bald ebenso alltäglich wie das Benutzen einer Datenbank, das Nachschlagen in einem Lexikon oder die Organisationsweisen und das diskursive Layout der Gutenberggalaxis, das für die Leser der ersten gedruckten Bücher so gewöhnungsbedürftig war, daß z.B. die letze Zeilen einer Seite jeweils auf der neuen Seite wiederholt wurde ...
Vgl auch die Organisation des "Tractatus logico-philosophicus" von Ludwig Wittgenstein, der lediglich aus sechs Sätzen besteht, die jeweils durch eingeschobenen Sätze mit punktierten Zahlen (1.1, 1.11, 1.111 etc) mit Bemerkungen versehen sind.
HI

Schauspiel des Denkens

Die Menschen beschwören diese Intelligenzen in den Maschinen, um darüber lachen zu können. Wenn sie von genialen Maschinen träumen, dann deshalb, weil sie die Schöpferkraft in die Maschinen hinein verlagern: das Denken bleibt so in der Schwebe, ein Schauspiel. Künftige Generationen werden das Leben wie einen Luftraum durchqueren. Die künstlichen Intelligenzen sind die Prothesen einer Gattung, der das Denken abhanden gekommen ist. (Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
HI

Schreiben im Netz: Rache der Schrift an den AV-Medien

"Das Computernetz befreit den Autor von seinem Verleger. Ungehindert [...] kann ein schreiblustiger Autor Buch nach Buch direkt ins Netz werfen. [...] Die Sätze wollen nicht länger eine Verbindung mit Vorgängern und Nachfolgern eingehen. Nach jedem Satz kann im Prinzip jeder andere folgen [...] Der real existierende Cyberspace ist ein Text-based Environment [...] Der flüchtige Computext ist die ironische Rückkehr der Schrift, nachdem das Wort im Zusammenhang der Bildkultur für tot erklärt worden war [...] Virtuelles Schreiben ist die Antwort der Schrift auf die Designermedien, weil es keine Form sucht, um sich zu materialisieren [...] sondern um sich stattdessen im elektronischen Universum einen neuen Raum zu schaffen, um überallhin gelangen zu können."
(Agentur Bilwet: Der Datendandy. Über Medien, New Age und Technokultur, Mannheim 1995, 208-211; siehe auch: Jay David Bolter: Writing Space, The Computer, Hypertext, and the History of Writing, Hillsdale, New Jersey 1991, 26)
HI

Schreiben ohne Gesicht

Nein, nein, ich bin nicht da, wo ihr mich vermutet, sondern ich stehe hier, von wo aus ich euch lachend zusehe. - Ja, glauben Sie denn, daß ich mir soviel Mühe machen würde und es mir soviel Spaß machen würde zu schreiben, glauben Sie, daß ich mit solcher Hartnäckigkeit den Kopf gesenkt hätte, wenn ich nicht - mit einer etwas fiebrigen Hand - das Labyrinth bereitete, wo ich umherirre, meine Worte verlagere, ihnen unterirdische Gänge öffne, die ihre Bahn zusammenfassen und verformen, wo ich mich verliere und schließlich vor Augen auftauche, denen ich nie wieder werde begegnen können. Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich, um kein Gesicht mehr zu haben. Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: Das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt, zu schreiben.
(Michel Foucault: Archäologie des Wissens. Frankfurt/Main, 1973. OT: L'archéologie du savoir, 30)
HI

Schreibtisch / Ordnung

"Die kleinste Veränderung auf dem Schreibtisch, die Beseitigung eines dort seit jeher vorhanden gewesenen Schmutzflecks, das alles kann stören."
(Franz Kafka, Das Schloß)

"Und die Mutter Der Ordnung ist die Ordnungswidrigkeit"
(Heiner Müller, Wolokolamsker Chaussee IV Kentauren)
MK

Schrift, digitale: Von der Sinnlichkeit zum Intelligiblen, von der Hand in den Mund

"Bis vor kurzem war die Arbeit des Schreibens sicherlich eines der wirksamsten aller bislang erprobten Mittel, um kollektives Denken zu erzeugen. Das Netz der Bibliotheken registriert die Kreativität und Erfahrung einer Unzahl von toten und lebenden Menschen. Das über Generationen hinweg stattfindende Lesen und Interpretieren hat den zerbrechlichen Faden des Gedächtnisses geknüpft und schlummernde Gedanken wiedererweckt. Übersetzungen, von einer Sprache oder einer Disziplin in die andere, verbinden getrennte Denkräume. Aber die klassische Schrift ist von Natur aus ein statisches, diskontinuierliches Spurensystem. Sie ist ein träger, zerstreuter, ins Gigantische anwachsendr Körper, den der einzelne nur durch mühevolle Recherchen, Interpretationen und In-Verbindung-Setzen gliedern und beleben kann.
Um dem abzuhelfen, werden die virtuellen Welten der kollektiven Intelligenz neue Formen der Schrift entwickeln: animierte Piktogramme, kinetische Schriften, welche die Spur der Interaktionen der Navigatoren bewahren können." (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 117, 118)
HI

Schrift: Ende des Phonozentrismus

"Entgegen allem Augenschein kündigt dieser Tod des Buches zweifellos bloß einen Tod des gesprochenen Wortes [...] und eine Mutation in der Geschichte der Schrift, in der Geschichte als Schrift an [...] sei sie nun alphabetisch oder nicht, selbst wenn das von ihr Ausgestrahlte nicht im Reich der Stimme liegt: Kinematographie, Choreographie, aber auch 'Schrift' des Bildes, der Musik, der Skulptur usw. Ebensogut könnte man von einer athletischen Schrift sprechen und [...] von einer Schrift des Militärischen oder des Politischen [...] spricht auch der Biologe heute vom Schrift und Pro-gramm. Und endlich wird der ganze, von kybernetischen Programm eingenommenen Bereich [...] ein Bereich der Schrift sein." (Derrida, Jacques (1974), Grammatologie, Frankfurt/Main, Originaltitel (1967), De la grammatologie, Paris, S.20,21)
HI

Straße, Freiheit der

Telekommunikations - Experimente, Mailbox - Subkulturen, Hacker - Aktionen sind Versuche, "das Netz" durchsichtig, transparent, begehbar zu machen: Das wahrhaft revolutionäre Medium des Mai 68 waren die Wände mit ihren Parolen, die Siebdrucke oder handgemalten Plakate, die Straße, in der das Wort ergriffen und ausgetauscht wurde - all das, was unmittelbare Einschreibung war, was gegeben und zurückgegeben, was ausgesprochen und beantwortet wurde, was sich bewegte, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort [...] In diesem Sinne ist die Straße die alternative und subversive Form aller Massenmedien, denn anders als jene ist sie nicht objektivierter Träger von Botschaften ohne Antwort, nicht auf Distanz wirkendes Übertragungsnetz, sondern Freiraum des symbolischen Austauschs der ephemeren und sterblichen Rede, einer Rede, die sich nicht auf der platonischen Bildfläche der Medien reflektiert.
(Baudrillard, Jean: Requiem für die Medien, in: ders.: Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen, Berlin 1978, 83-118, hier: 101)
HI

synapsen. Ein hypertextueller Zettelkasten (Projektbeschreibung)


"One needs not only to make and store a record but also to be able to consult it."
(Vannevar Bush, As We May Think)
" Aber man kann ja nicht alles erinnern."
(Niklas Luhmann, Lesen lernen)
"Habe ich schon mal irgendwo gelesen. Wo stand das noch?" ist die vertraute, stets wiederkehrende Frage eines jeden Lesers, an der "synapsen", ein hypertextueller Zettelkasten, seinen Ausgang nimmt. Nicht nur Forschende und Studierende der vornehmlich auf Texten basierenden Wissenschaften kennen das ebenso zentrale wie klassische Problem, gegen welches ein Zettelkasten antritt: die Vergeßlichkeit.

Wie läßt sich das im Rahmen von (text-)wissenschaftlicher Arbeit recherchierte, zusammengetragene und angehäufte Wissen derart ablegen, daß es auch noch nach vielen Jahren schnell und ohne Mühe abrufbar ist? Wie kann es überdies gelingen, das zu speichernde Wissen dauerhaft in intelligente Strukturen zu transformieren, die auf Anfrage nicht nur eine gezielte Antwort, sondern ganze Argumentationsketten bereitstellen, das Material sich also selbst zu ordnen lernt? Fragen, die ein leistungsfähiger (elektronischer) Zettelkasten zu beantworten vermag.

synapsen ist hypertextueller Zettelkasten, d.h. ein altbewährtes
Speichermedium auf elektronischer Basis, das Literaturdaten zu ver-
walten und zu verarbeiten erlaubt. Doch entgegen herkömmlichen
Literaturverwaltungen bietet synapsen einen entscheidenden Vorteil:
anhand eingegebener Schlagworte vernetzt das Programm einzelne
Einträge automatisch und stellt somit bisweilen vergessene, aber auch
gänzlich ungeahnte Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den
Texten her.

"synapsen" ist eine Literaturverwaltung, die sich von den handelsüblichen Programmen wie "ask-sam", "Lidos", "LiMan" etc. in spezifischer Weise unterscheidet. Zwar leistet "synapsen" ebenso die basalen Funktionen einer Bibliographier-Software, also Daten zu speichern, übertragen und berechnen. Doch bietet es über die sture Verwaltung von bibliographischen Daten hinaus eine Informations-Architektur, die dem Zettelkasten selbst die Rolle eines Agenten zuschreibt. Jeder Datensatz, der die bibliographischen Daten eines Textes ebenso erfaßt wie einen mitunter sehr umfangreichen Lektürebericht, wird durch eine Liste von Schlagworten charakterisiert. Diese sind vom Anwender bei der jeweiligen Eingabe zu vergeben. Anhand umfangreicher interner Vergleiche fügt "synapsen"daraufhin eine Liste der Datensätze/Zettel an, die ebenfalls mit diesen Schlagworten belegt sind. Jeder Zettel schreibt sich damit automatisch in ein Netzwerk des Wissens ein, das per hypertextuellem Mausklick direkt verfolgt werden kann.

So ergibt sich etwa kurzerhand eine Schlagwortkette ausgehend von der "Diskussion über die Schwere der Luft im 17. Jh." (Begriffskopplung "Luft") über "weltgeschichtliche Betrachtungen zu Land und Meer" (Begriffskopplung "Industrialisierung") und die Unfälle in der "Geschichte der Eisenbahnreise" ("Unfall") bis hin zur "Momentaufnahme eines Geschosses" und der Entdeckung seiner Luftschlieren durch Ernst Mach. Oder aber der Begriff "Moment" leitet zu einem "Versuch über den geglückten Tag", zum Beispiel. Der Zettelkasten liefert auf diese Weise überraschende Verbindungen und assoziiert neue Argumentationslinien über Begriffe und die dazugehörigen Texte/Stellen, die vom Benutzer unter Umständen gar nicht gesehen, geahnt oder vergessen wurden. Der Zettelkasten gerät somit regelrecht zum Kommunikationspartner und kreativen Stichwortgeber.

Zum Funktionsumfang von "synapsen" zählen neben den selbstverständlichen Grundfunktionen desweiteren beispielsweise automatische Siglen-Vergabe für ein eigenes Archiv aus kopierten Aufsätzen, ein Gesamtregister auf einem Blick mit Hilfe eines WissensBaums, umfangreiche Suchmöglichkeiten, ein Zufallsgenerator, der im Fundus der Zettel blättert, u.v.a.m.

"synapsen" setzt auf diversen Schnittstellen auf. Es erfordert eine beliebige SQL-kompatible Datenbank, für die es als Frontend arbeitet. (Realisiert wurde die Software vornehmlich mit mySQL und MS Access als Datenbanken im Hintergrund). Ausgabeformate der Bibliographien sind neben dem üblichen Ascii und Acrobat-Reader (*.pdf) überdies Daten im BiBTeX-Format. Damit kann "synapsen" auch auf komfortable Weise als Literaturverwaltung zur Textarbeit mit der Schriftsatzprogrammiersprache TeX/LaTeX eingesetzt werden. (Das war auch die ursprüngliche Idee dieser Software). Das "synapsen"-Programm selbst ist in JAVA geschrieben, was seinerseits eine einfache Portabilität auf andere Betriebssysteme verspricht. Denn mit SQL, TeX/LaTeX und JAVA basiert "synapsen" auf drei Standards, die ihrerseits nicht nur größtmögliche Unabhängigkeit von Betriebssystemen und Portabilität erlauben, sondern auch eine langfristige Weiterentwicklung versprechen.
Weitere Informationen unter
http://infosoc.uni-koeln.de/synapsen/
MK

Synästhesie

"Unser Wort 'erfassen' oder 'begreifen' selbst schon weist auf die Art und Weise hin, wie wir eine Sache durch eine andere verstehen, wie wir viele Seiten gleichzeitig durch mehr als einen Sinn zur selben Zeit manipulieren und aufnehmen. Es beginnt nun klarzuwerden, daß das 'Tastgefühl' nicht die Haut ist, sondern das Wechselspiel aller Sinne, und beim 'In-Fühlung-bleiben' oder 'Fühlungnehmen' handelt es sich um eine fruchtbare Verbindung aller Sinne, um Gesichtseindrücke, die in Schallempfindungen und um Schallempfindungen, die in Bewegungen und Geschmacks- und Geruchsempfindungen übertragen werden. Der 'Common sense' wurde jahrhundertelang als die nur dem Menschen eigene Fähigkeit betrachtet, eine Form der Erfahrung eines Sinnes auf alle Sinne zu übertragen und das Ergebnis fortlaufend als Gesamteindruck dem Geiste vorzustellen. Tatsächlich galt diese Vorstellung eines Gesamtverhältnisses der Sinne untereinander als Zeichen unserer Rationalität und kann es im Zeitlater des Elektronenrechners ohne weiteres wieder werden. Denn es ist jetzt möglich, die Verhältnisse der Sinne zueinander so zu programmieren, daß sie dem Zustand des Bewußtseins nahekommen. Doch ein derartiger Zustand würde zwangsläufig eine Ausweitung unseres eigenen Bewußtseins darstellen, genauso wie das Rad eine Ausweitung unseres Fußes in der Abrollbewegung ist.
Wenn wir einmal unser Zentralnervensystem zur elektromagnetischen Technik ausgeweitet haben, ist es nur mehr ein Schritt zur Übertragung unseres Bewußtseins auch auf die Welt der Computer. (...)
Wenn die Arbeit in der Stadt eine Erneuerung oder Übertragung des Menschen in eine passendere Form darstellt, als sie seine nomadischen Vorfahren gefunden hatten, hat man dann nicht fast den Eindruck, daß unsere jetzt sich vollziehende Übertragung unseres ganzen Lebens in die geistige Form der Information den ganzen Erdballund die Familie der Menschheit zu einem einzigen Bewußtsein macht?"
(McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. Understanding Media. Dresden/Basel 1994, S. 102/103).

Die Wiederkehr der synästhetischen Wahrnehmung, nach Jahrhunderten der Sinnesdeprivation durch den Primat der Schrift (die sich nur an den visuellen Sinn wandte) ist für McLuhan das Kennzeichen der elektronischen Medien. Diese beanspruchen sowohl die rechte als auch die linke Gehirnhämisphäre und favorisieren die ganzheitliche und umfassende Wahrnehmung und damit die Oszillation zwischen analytischem (zerlegendem) Verstand und unmittelbarer Empfindung.
CH

Technologie, postmoderne

Die postmodernen Technologien schließen den Menschen als User in ein Netz multimedialer Systeme ein. Der alte Mythos von "Natur" als einer unbegrenzten Ressource wird abgelöst vom Programm der Reproduktion sämtlicher Naturprozesse: Ökomanagement, Renaturalisierung, Politisierung und Kybernetisierung der Natur.
Wird der Mensch immer mehr den Paradigmen der Informationsverarbeitung unterworfen, kann die Welt nicht mehr als 'Buch der Natur' gelesen, als musikalisches Klanguniversum oder als global vernetztes Dorf erfahren werden, sondern als eine virtuelle "Benutzeroberfläche", auf der man genauso agiert wie am Bild-Schirm: navigieren, herumtasten, durchqueren, abscannen, montieren.
Die künstlichen Paradiese interaktiv vernetzter Bild-Schirme sind im Gegensatz zu den eindimensionalen Medien (Schrift, Film, TV) keine metaphorischen Abbildungsmaschinen mehr, verweisen auf keine Wirklichkeiten außerhalb der Medien: sie warten wirklich auf unsere Eingaben, Aktionen, Reaktionen.
HI

Tele-Nomaden

Die Ausdehnung des Interface-Begriffes weg von der reinen technologischen Konnexion Mensch/Maschine in ein soziales Environment, in dem telematische Hypermedien zu komplexen kulturellen Text/Bild/Gedächtnis-Oberflächen werden, bringt die Medien- und Netzwerk-Diskussion wieder von der Science Fiction der VR-Technologien auf den Boden sozialer Formationen: Fragen nach Entgrenzung, Überschreitung, Mischung persönlicher, körperlicher, medialer, gesellschaftlicher Räume und Einflußzonen - das Netzwerk als Reflektion, Austausch, Vermischung und Konfrontation von Medien, inneren und äußeren Welten, privaten Erzählweisen und öffentlichen Spuren ... Denken als Reisen durch innere und äußere Informationsnetzwerke: Als telematische Nomaden sind wir von den Einschränkungen einer historischen Einheit von Ort und Zeit befreit, und wir können stattdessen die Kraft realisieren, gleichzeitig überall zu sein, während wir an einem Ort bleiben - die Kraft einer kontinuierlichen beständigen Bewegung innerhalb ein und desselben Ortes: der telematische Nomade ist ausgerüstet für eine Art Allgegenwart. (Claudia Don, in: Connetivity: Art and Interactive Telecommunications, Leonardo Special Issue, Vol.24 Nr.2, 1991, 131,132)
HI

Tele-Phon-Buch

Es klingelt. Hallo. Wer spricht?
Radikal in der Anwendung medialer Diskurstechniken ist Avital Ronells Theorie-Experiment "The Telephone Book". In Layout und Organisationsweise strukturell an die Funktionsfähigkeit eines Telefonbuches angelehnt, führt es die 'Dekonstruktion des Phonozentrismus' konsequent auch in den eigenen Sprachgebrauch ein:
Das Medium Telefon arbeitet als aktive/lebende Metapher im Hintergrund des zur Telefonzentrale umgerüsteten Buches. Die verschiedenen Diskurse ('Technology', 'Schizophrenia', 'Electric Speech') werden im Sinne telekommunikativer Verbindungen zusammengeschaltet: weiße und gelbe Seiten, long-distance calls, return calls (z.B. Derrida mit Freud), local calls. Die Diskurspartner heben ab, legen auf, lassen das Telefon klingeln. Ein Spiel mit Typographie und Layout führt den Leser vom linearen Leseweg ab und verführt ihn dazu, Querverbindungen herstellen, von einem Strang zu einem anderen zu springen, sich zu verirren.
Das Manual für Benutzer warnt mich ausdrücklich vor dem Gebrauch dieses Buches.
HI

Text: als Gewebe

Die grundlegende Bewertung aller Texte kann weder von der Wissenschaft herkommen, den die Wissenschaft bewertet nicht, noch von der Ideologie, denn der ideologische Wert eines Textes (der moralische, ästhetisch, politische, begriffliche) st ein Wert der Darstellung und nicht der Produktion ... . Unsere Wertungsweise kann nur von einer Praxis ausgehen, von der Praxis des Schreibens. Auf der einen Seite finden wir das, was zu schreiben möglich ist, und auf der anderen das, was nicht mehr geschrieben werden kann ... von welchen Texten würde ich akzeptieren, daß sie geschrieben (neu geschrieben) und begehrt werden, als Kraft in meine Welt Eingang finden? Was die Bewertung des Textes findet, ist ein Wert: das, was heute geschrieben (neu geschrieben) werden kann: das Schreibbare. ... Der schreibbare Text, das sind wir beim Schreiben, bevor das nicht endende Spiel der Welt (die Welt als Spiel) durch irgendein singuläres System (Ideologie, Gattung, Kritik) durchschritten, durchkreuzt und gestaltet worden wäre, das sich dann auf die Pluralität der Zugänge, die Offenheit des Textgewebes, die Unendlichkeit der Sprachen niederschlägt. ... Will man weiter aufmerksam sein für das Pluraledes Textes ... muß darauf verzichtet werden, diesen Text in großen Mengen zu strukturieren ... keine Konstruktion des Textes ... Schritt für Schritt zu kommentieren, heißt, mit Gewalt die Eingänge des Textes zu erneuern, ... heißt den Text, anstatt ihn zu versammeln, sternenförmig aufzulösen. ... Der Text ist in seiner Masse dem Sternenhimmel vergleichbar, flach und tief zugleich, glatt, ohne Randkonturen, ohne Merkpunkte. So wie der Seher mit der Spitze seines Stabs darin ein fiktives Recheck herausnimmt (abteilt), um darin nach bestimmten Prinzipien den Flug der Vögel zu erkunden, zeichnet der Kommentator dem Text entlang Lektürebereiche auf, um darin die Wanderwege der Bedeutungen, die sanften Berührungen der Codes, das Vorbeigehen der Zitate zu beobachten. ... Der Bezugssignifikant wird in eine Folge sich untereinander berührender kurzer Fragmente aufgeteilt, die wir hier weil es Leseeinheiten sind, Lexien nennen. Diese Aufteilung wird, das muß gesagt werden, eine sehr willkürliche sein. ... Die Lexie umfaßt zum Teil einige wenige Worte, zum Teil einige Sätze. ... Die Lexie ist nur die Kammlinie des pluralen Textes, der wie die Sandbank möglicher (aber geregelter, durch systematische Lektüre bezeugter) Bedeutungen unter dem Fluß des Diskurses liegt: die Lexie und ihre Einheiten werden somit etwas wie einen facettenartigen Kubus bilden, der vom Wert, von Wortgruppen, vom Satz oder vom Paragraphen, anders gesagt, von der Sprache, die sein "natürliches" Bindemittel ist, überlagert. ...Inventar, Erklärung und Abschweifung werden sich inmitten der Spannung einrichten ... Die Arbeit des Kommentators besteht, sobald er sich einer jeden Ideologie von Totalität entzieht, gerade darin, den Text zu mißhandeln, ihm das Wort abzuschneiden.
(Roland Barthes: S/Z, Frankfurt / Main, 1976, S.7 ff)
HI

Text: Leerstellen, Streuung, Matrix

Im Grunde verschlägt es wenig, ob die Streuung des Textes hier reich, dort dürftig ist; es gibt Pausen, Leerstellen, manche Figuren schlagen plötzlich eine andere Richtung ein..Aber der, der diesen Diskurs führt und seine Episoden heraushebt, weiß nicht, daß daraus ein Buch entstehen soll; er weiß lediglich, daß, was ihm in einem bestimmten Augenblick durch den Kopf schießt, GEPRÄGT ist wie die MATRIX eines Codes (früher hätte es sich um den Code der höfischen Liebe oder um die Landkarte der Galanterie gehandelt). Diesen Code kann jeder nach Maßgabe seiner eigenen Geschichte ausfüllen; dürftig oder nicht, jedenfalls muß ihr Platz (ihr Feld im System) frei bleiben.. Was hier von der Erwartung, dem Gedenken, der Angst gesagt worden ist, ist immer nur bescheidene Ergänzung, dem Leser dargeboten, damit er sich ihrer bemächtigt, sie ergänzt, sich davon zunutze macht und sie anderen weiterreicht.
(Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt am Main 1984, 16)

Text: Knotenpunkt von Gefühlen - kollektiver Gedankenraum

"Der subtile Geist, der versucht, den trägen Körper des Buchstabens zum Tanzen zu bringen, der angesichts toter Zeichen den Atem des Autors herausbeschwören will. Sie ist die gewagte Rekonstruktion eines Knotenpunktes von Gefühlen und Bildern, denen der Text entstammt. Und zu guter Letzt die Produktion eines neuen Textes, des Textes des Interpreten. Aber angenommen, die Zeichen lebten? Wenn das Text-Bild, der Gedanken-Raum, unaufhaltsam im Rhythmus der kollektiven Intelligenz wachsen, wuchern, sich wandeln würde? Wenn die undurchsichtigen, gigantischen Schichtungen des Texte sich angesichts eines flüssigen, kontinuierlichen Milieus auflösten, in dem der Forschungsreisende immer das Zentrum besetzt?" (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 118)
HI

Tractatus vs. Philosophische Untersuchungen

Eine Komplexität im Verweis- und Verschachtelungsgrad erreicht die Organisation des "Tractatus logico-philosophicus" von Ludwig Wittgenstein. Dieser besteht lediglich aus sechs Sätzen, die jeweils durch eingeschobene Kommentare mit punktierten Zahlen (1.1, 1.11, 1.111 etc.) hinunter bis zur 4. Ebene differenziert werden. Eine sonst nur formallogische Methode der Textorganisation wird hier zum Generieren der Diskursmaschine selbst benutzt:
Wittgenstein entwirft später ein vollkommen konträres Diskursmodell: im Gegensatz zum stufenweise Zerlegen und zur Reduktion komplexer Sätze in atomare Bestandteile - wie das Produktionsmodell im Tractatus funktioniert - wird eine flüssigere Form der Fragmentarisierung von Gedankenbewegungen benutzt.
HI

Transitorische Flüchtigkeit

Doch es zeichnen sich weitere Ungewohntheiten ab, mit denen nicht nur der Leser, sondern auch der Autor umgehen können muss: Die neue Literaturform der Hyperfictions wird bestimmt durch transitorische Flüchtigkeit. Die Texte werden auf eine andere Weise - zumeist von den Autoren selbst - publiziert und sind weltweit zugänglich. Sämtliche vermittelnden Instanzen von Lektorat, Produktion, Marketing, Handel und Verkauf, die für Papierliteratur unerlässlich sind, werden übergangen. Der Autor wird zum Herausgeber, er muss Produktion und Vermittlung selbst übernehmen oder sich dafür entscheiden, zu Gunsten einer schnellen Veröffentlichung im Netz verschiedene Produktionsschritte zu überspringen.
Auf der Ebene des materialen Datenträgers hat die elektronische Basis der Texte in Form binärer Datenspeicherung und die generelle Unkontrollierbarkeit des Mediums Internet sowie die rasante Geschwindigkeit der Datenübermittlung zur Folge, dass die einzelnen elektronischen Texte und Werke ebenfalls einen sehr flüchtigen Charakter annehmen.
`Speichern' und `Löschen' bestimmen über Verfügbarkeit oder Verlust, über Präsenz oder Absenz der elektronisch gesicherten Daten, die den Text der elektronischen Werke konstituieren. So sind denn viele der Texte schon jetzt wieder von den Server-Computern gelöscht, mithin aus dem Raum der Internetliteratur verschwunden und einer weitern Rezeption unwiderruflich entzogen. Die bereits getilgten Texte hinterlassen zwar im Netz meist Spuren, doch eine komplette Regenerierung erweist sich - wenn die Texte nicht auf einem separaten Datenträger gespeichert wurden - oft als nicht mehr möglich. Dies mussten etwa die Bremer Informatikerin Doris Köhler und der Hamburger Literaturwissenschafter Rolf Krause erfahren, deren Projekt «Interstory» bei einem Systemwechsel im Rechenzentrum der Universität Hamburg 1998 aus Versehen vollständig gelöscht wurde und unwiderruflich verloren ging.
BS

Transport

Wir gehen damit vom Konzept der Traduktion zu dem des Transports in seiner allgemeinen Bedeutung über, vom Begriff der Referenz zu dem der Interferenz. Wir finden zur reinen Form des Hier-Anderswo zurück, nachdem wir das Hier-Überall erschöpft haben - zur reinen Form des Hier-Anderswo, das heißt des Transfers in einem endgültig dezentrierten oder mit beliebig vielen Zentren versehenen Raum, der nur noch als Raum des Austauschs begriffen werden kann und in dem die Pseudozentren nichts anderes als Verkehrskreuze oder Verteiler sind. Hier stoßen wir nun auf die strukturale Methode, die eine nicht-referentielle, nicht-zentrierte Methode ist, eine Methode im etymologischen Sinne des Wortes, nämlich der Weg eines Transfers.
(Serres, Michel: Hermes II. Interferenz, Berlin, 1992, OT: Hermés II - L'interférence, Paris 1972, 190)
HI

unbewusstheit

... jedes individuum muss an mehreren funktionssystemen teilnehmen können -> was soziale inklusion zu bedeuten hat muss neu durchdacht werden, und über neue wertbegriffe wie freiheit und gleichheit neu geregelt werden ... was aus den individuen selbst wird, ist über die unterscheidung individuum und gesellschaft neu zu verhandeln (1066) ... wow -> seinen gegenbegriff findet das individuum jetzt mit hilfe der freudschen theorie des unbewussten in sich selbst, und das erst vollendet die semantik der individualität (und subjektivität und verhängt individuelle und kollektive unbewussteit ). das individuum kann als unterschied zu sich selbst begriffen werden - und den begriff der gesellschaft der ideologisierung (kultur??) überlassen ...
JM

umkehren

Es geht um ein Umkehren der Bedeutungsvektoren. Alle Zeiger, Zeichen, Verkehrssignale zeigen und deuten von nun an exzentrisch von uns selbst weg, und nichts mehr zeigt auf uns zu. Wir sind es von nun an, die auf die Welt Bedeutungen projezieren. Und die technischen Bilder sind derartige Projektionen.
(Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder, Göttingen, 1985, 41)
HI

Utopie der Literatur

Lesen ( Blättern, Nachschlagen, Querverweisen folgen, Bücher in Beziehung setzen) und Schreiben (Herausgeben und Verlegen) fallen in einem aktiven semiotischen Prozeß intertextueller Generierung von Texten aus Texten zusammen - dem Folgen bzw. Herstellen von Bezügen.
Mediale Offenheit und eine tendenziell gleiche Ausstattung bei Lesern und Schreibern schaffen (zumindest technologisch) die Voraussetzungen für radikaldemokratische Produktion und Organisation von Texten: Die Trennung zwischen verschiedenen Texten, unterschiedlichen Diskursen wird durchlässiger: wenn der Leser einen Link aktiviert, landet er möglicherweise in einem anderen Text (in Drucktexten sind diese Verweise lediglich methaphorisch). Eingreifen des ´Lesers´ zu jeder Zeit an jeder Stelle. Dadurch verlieren die Texte ihr vermeintliches Bedeutungs- und Machtzentrum. Der Unterschied zwischen Haupttext, Kommentar, Anmerkung verschwindet zugunsten einer Text-Netzwerk-Konzeption.
"Es funktioniert bald überall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen. ..."
HI

Utopie des Wissens: Das unmögliche Denken! (Ole Matrosen ole!)

"Seien wir ehrlich: Der Raum des Wissens existiert nicht. Er ist im etymologischen Sinn des Wortes ein U-tope, ein Nicht-Ort. Er ist nirgends verwirklicht." (Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 145)
HI

Vernetzung vieler Schreibakte

Weitere nicht-lineare ästhetische Produktionsformen sind: Frame-Wirklichkeitsauschnitte des Noveau-Roman, in denen von einer Abbildungsebene von Wirklichkeit zur nächsten geschaltet wird; alphabetisch organisierte Romane mit einer Vielzahl lexikalischer Einheiten und differenziert aufeinander verweisender Textsorten (Butor, Mobile); Lexikonromane, Methaphern-Maschinen des Manierismus und multiple Buch-Objekte, z.B."Die zerschnittene Beichte" aus dem Mittelalter oder aus der Konzept-Art oder etwa die verschachtelten Erzählpuzzles eines Walter Abish, der neben alphabetsichen Strukturen auch mit INDICES und SPRUNGMARKEN im Text arbeitet. Die entscheidende Frage aber bleibt, wie mit solchen ästhetischen FORMPRINZIPIEN, die losgelöst von den ästhetischen Strategien einzelner Autoren als STRUKTUR in HYPERTEXT- PROGRAMMEN verfügbar sind, produziert werden kann. Dabei steht nicht mehr die Produktionsweise eines einzelnen Autors im Vordergrund, sondern die Entgrenzung der persönlichen Hypertext-Maschine durch eine Vernetzung vieler Schreibakte in einem kollektiven Prozeß.
(Idensen, Heiko; Krohn, Matthias: Kunst-Netzwerke: Ideen als Objekte in: Rötzer, Florian (Hrsg.), Digitaler Schein - Ästhetik der elektronischen Medien, Frankfurt / Main 1991, S.371-396)
HI

Videographie der Begriffe

"So ringen Studenten und Forscher mit ihren Computern, korrigieren, überarbeiten und verbessern unablässig und machen dergestalt aus ihrer Arbeit eine Art unendlicher Psychoanalyse, sie speichern alles, um jeden Schluß und Entschluß zu umgehen; mittels fortdauerndem Feedback und unaufhörlicher Interaktion mit der Maschine, deren Funktion mit der des eigenen Gehirns identifiziert wird, versuchen sie, das unausweichliche Schicksal des Todes und den ebenso fatalen Moment des Schreibens aufzuschieben. Der Computer ist ein wunderbares Instrument exotischer Magie: jede Interaktion läuft letztlich auf ein endloses Zwiegespräch mit der Maschine hinaus. [...] der Intellektuelle hat für sich endlich das Äquivalent dafür gefunden, was für den Teenager seine Stereoanlage und sein Walkman ist: die zur Schau gestellte Entsublimierung des Denkens, eine Videographie der Begriffe!"
(Baudrillard, Jean: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Bark, K.; Gente, P.; Paris, H.; Richter, S. (Hg.), Leipzig 1990, 252-264, hier: 255,256
HI

Virus: Auslöser, Wort-Bild, Symbiose

Eine Abfolge von Hieroglyphen gibt uns demnach eine brauchbare Definition dessen, was gesprochene Wörter sind: gesprochene Wörter sind verbale Einheiten, die auf eine Abfolge von Bildern verweisen. Und was ist dann das geschriebene Wort ? Meine Theorie ist, da· das geschriebene Wort ein VIRUS war, der als Auslöser für das gesprochene Wort fungiert hat. Als VIRUS ist es jedoch nicht erkannt worden, weil es mit dem Wirtsorganismus eine stabile Symbiose eingegangen ist.
(6)

Ein Grund, warum Affen nicht sprechen können, ist, da· sie wegen der Beschaffenheit ihres Kehlkopfes keine Worte artikulieren können. Eine Virusinfektion hat nun die Beschaffenheit des Kehlkopfes verändert. Diese Infektion dürfte den meisten Affen das Leben gekostet haben, aber ein paar weibliche Affen überlebten und sie gebaren uns ,Wunderkinder`. Ein Virus ist eine mikroskopisch kleine Einheit von Wort und Bild.
(8)

"In diesem Zusammenhang sollte man sich folgendes vergegenwärtigen: wenn es einem Virus gelingt, mit einem Wirtsorganismus eine vollkommen gutartige Symbiose einzugehen, ist es kaum anzunehmen, daß· seine Gegenwart entdeckt wird, bzw. daß· er überhaupt als Virus erkannt wird," Ich gebe zu bedenken, daß· das Wort genau so ein Virus ist. Man kann davon ausgehen, da· das gesprochene Wort durch einen Virus zustande kam, der biologische Mutationen bewirkt hat, d.h. biologische Veränderungen im Wirtsorganismus, die dann genetisch weiter vererbt wurden.
(8)
(William S. Burroughs, Electronic Revolution, Bonn 1976)
HI

virale Parodie (KI)

vielleicht kann die künstliche Intelligenz sich VIRAL selbst parodieren ? (Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
HI

virale Rezeption: Language is a virus (Klau mich, klon mich, verführ mich!)

"Die Melodie, die wir im Radio hören, die auf einer Platte aufgezeichnet ist, wurde nie so gesungen, wie wir sie hören [...] Das große Kaufhaus des Zeichens, des Spektakels wird zu einer Über-Realität, durch die jedes Wort, jedes Bild hindurchgehen muß, wenn es irgendeine Art von Wirkung erzielen will. Der Auftriff der Medien löst die Repräsentation ab: "Ich habe das im Fernsehen gesehen ...".
Das Zeichen verweist hier nicht mehr auf einen Sinn oder ein Objekt. es fließt, strahlt, verbreitet sich, setzt sich fort, es klont und vermehrt sich. Es ist kein durch eine Transparenz beglaubigter Repräsentant, sondern ein Virus, das sich replizieren will [...]."(Pierre Lévy: Die Kollektive Intelligenz. Eine Anthropologie des Cyberspace, Mannheim 1997, OT: L' intelligence collective. Pour une anthropologie du cyberspace, Paris 1995, 171)
HI

virtuelle Traurigkeit (der Maschinen)

Nie können sie die ihr zugeschriebenen Funktion übersteigen. (Jean Baudrillard: Videowelt und fraktales Subjekt, in: Ars Electronica (Hg.): Philosophien der neuen Technologie. Berlin 1989)
HI

Welttexte

... hieß ein heftig umstrittener Beitrag auf der Mailingliste "Netzliteratur", den Reinhold Grether dort am 7. Januar 1999 veröffentlichte:
"Literatur, auf der Höhe unserer Zeit," so der Schlußsatz, "muß "Welttexte" schaffen, auf Basis der Konnektivität (Technologien, Materialien, Multipersonalität) der Netze."
Wie das globale Imaginäre sich in 24 Netzprojekten zeigt und konzeptualisiert untersucht Reinhold Grether in "Versuch über Welttexte", in: Beat Suter, Michael Böhler (Hg.): Hyperfiction. Zum digitalen Diskurs über Internet und Literatur, S.85-100. Vgl auch seine Artikel in telepolis (http.//www.heise.de/tp) und das Projekt "Netzliteratur, Netzkunst und Netzwissenschaft": http://www.netzwissenschaft.de/
HI

Wissenschaften und Techniken: Zusammenhänge im Gebäude der Texte

"... Alle haben sich einer Disziplin verschworen, die nach ihrer Einheit sucht. [...] Manchmal sucht man vergebens nach dem Zusammenhang, der einen Algebraiker, welcher sich leidenschaftlich um die Rekonstruktion der Platonschen Lehre in der Originalsprache bemüht, mit einem botanisierenden Naturforscher auf den Spuren der großen Reisenden, die in der Epoche der Aufklärung die Welt durchquerten, und diesen wiederum mit einem Experten auf dem Gebiet der Wissenspolitik verbindet. Das vorliegende Buch verfolgt unter anderem das Ziel, diese Fragmente in einen Zusammenhang zu fügen.
Wie wurde es also geschrieben? Und vor allem von wem? Von einem uneinheitlichen Kollektiv. [...] Jeder trägt seinen Stein zu dem Gebäude bei, oft sogar darum besorgt, auch den Zement zu liefern. [...]
(Michel Serres: Vorwort, in: Michel Serres (Hg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt/Main, 1994, OT: Paris 1989, 11-38, hier: 13)
HI

Wissenschaft als Netzwerk von Wegen

Weit davon entfernt, eine geradlinige Abfolge stetigen Wissenserwerbs oder eine ebensolche Sequenz plötzlicher Einschnitte, entdeckungen, erfindungen oder Revolutionen zu zeichnen, [...] eilt die Geschichte der Wissenschaften unbeständig durch ein vielfältiges und komplexes Netz von Wegen, Straßen, Bahnen, Spuren, die sich verflechten, verdichten, kreuzen, verknoten, überlagern, oft mehrfach verzweigen. Eine Vielzahl unterschiedlicher Zeitmaße, Disziplinen, Ideen von Wissenschaft, eine Mannigfaltigkeit von Gruppen, Institutionen, Kapitalien, Menschen, die sich einig sind oder sich bekämpfen, von Maschinen, Gegegnständen, Prognosen und un vorhergesehenen Zufännen bilden zusammen ein schwankendes Gefüge, das die vielfältige Geschichte der Wissenschaften getreu darstelt.
Nichts ist einfacher und leichter als diese vermeintliche Komplexität: Man stelle sich eine Art Straßenkarte vor, auf der die verschiedenen Wege dargestellt sind, die ein Land durchziehen [...]
(Michel Serres: Vorwort, in: Michel Serres (Hg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt/Main, 1994, OT: Paris 1989, 11-38; hier: 18, 19)
HI

Wissenschafts -Techniken: Kreuzungen und Knoten

Wenn man die Karten dieses Spiels, die wir in einer Schublade aufbewahren und die wir alle im Kopf haben, miteinander vergleicht, erkennt man sofort, daß das Wichtigste [...] die Pole oder Gipfel sind, die Schnittpunkte, Netzknoten, Verkehrskreuze, die fast obligatorischen Engstellen [...]
Während die Wissenschaften sich aufschichten oder abblättern, in tausend Disziplinen getrennt oder vermengt, während sie sich unablässig verwandeln, schwanken, unterschiedliche Zeiten hervorbringen, deren Fortgang oft unvorhersehbar ist, sind es gerade die Orte er Konvergenz und der Verzweigung, die relativ invariant bleiben in dieser unruhigen, wirren Geschichte; gerade an diesen Orten stellen sich die Probleme oder werden die Entscheidungen getroffen - oder nicht getroffen. Welche Probleme? Welche Entscheidungen? Es sind die Knoten dieser verschiedenen Netze, die einigermaßen stabilen Kreuzungen, welche die Kapitel dieses Buches ausmachen. (22) (Michel Serres: Vorwort, in: Michel Serres (Hg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt/Main, 1994, OT: Paris 1989, 11-38; hier: 22)
HI

Wissenschaft-Technik

Keine Wissenschaft ohne Technik, ohne Maschinen, vor allem nicht ohne [...] Universalwerkzeuge[...], da sie vom Werkzeug die Effezienz und vom Universellen die Wissenschaftlichkeit geerbt haben: die Computer. jeder glaubt und hat tausend Gründe zu glauben, daß ihre Erfinder - von Leibniz und Pascal bis zu Turing und von Neumann - sie fertig im Kopf hatten, ehe sie darangingen, Prinzipien, Geräte und Programme zu entwickeln. Nein. Wer forscht, weiß nicht, sondern tastet sich forwärts, bastelt, zögert, hält seine Entscheidungen in der Schwebe. [...]
In Wirklichkeit ist es mit ihm wie mit allen Akteuren dieses Buches - den individuellen und den kollektiven, den materiellen wie den intellektuellen, sie sind nur Darsteller seiner Verzweigungen und seines schwankenden Netzes. (35)"
(Michel Serres: Vorwort, in: Michel Serres (Hg.): Elemente einer Geschichte der Wissenschaften, Frankfurt/Main, 1994, OT: Paris 1989, 11-38; hier: 35)
HI

wissen - kompetenz ...

wissensidentifikation als beobachtetes ereignis (im sinne einer referenzierbaren geschichtlichen erkenntnis): (von krogh) ,,we admit knowledge, whenever we find an adequate behaviour (ein matching , eine verhaltenskoordination) in an environment (socially constructed context)" - kennzeichnend für dieses ereignis ist kompetenz (based perspective ...), als kongruenz (synthese) von task (problemfeld) system (four complexity drivers ) und knowledge (erfahrungsraum) system (ein neuronales system (-> information processing und knowledge creation) + social knowledge als selbstähnlicher (self-similarity means similarity across scale) code zu decentralized storage system / umwelt) ... zur synthese braucht es geistesgegenwart oder ein waches bewusstsein ...
... [n6,5] jede geschichtliche erkenntnis lässt sich im bilde einer wa(a)ge, die einsteht, vergegenwärtigen und deren eine schale mit dem gewesenen (erfahrungsraum), deren andere mit der erkenntnis (strategiefokus / vorwegnehmende vision) der gegenwart belastet ist. während auf der ersten die tatsachen nicht unscheinbar und nicht zahlreich genug versammelt sein können, dürfen auf der zweiten nur einige wenige schwere, massive gewichte liegen ... [n7a,5] die materialistische geschichtsdarstellung führt die vergangenheit(=gedächtnis) dazu, die gegenwart in eine kritische lage zu bringen, zum bsp. wenn eine kompetenz-entwicklung angestrebt ist, weil man die anpassungsnotwendigkeit an regelveränderungen antizipiert ... es gelten folgende annahmen:

(i.) if the currency (medium, leitdifferenz) of business operations is money, the currency of knowledge development is language ...
(ii.) conversations are your companies vehicle (medium) for knowledge development
(iii.) der handlungsraum, der problemkontext ist ergebnis einer sozialen konstruktion - zum erfolgreichen operieren in dieser konstruktion ist mitunter eine problemschliessung erwünscht, um handlungsfähig / kompetent zu sein ... baustein zur problemschliessung durch eine vergegenwärtigte tatsache, in der das handeln selbst als hervorbringung einer funktionierenden weltsicht erlebt wird - kompetenz ... fügt sich in das autonomie-modell von varela und vielleicht sogar zu deleuze´s rhizom (vielleicht mit hilfe der differenz organisch vs. abstrakt ) ... im sinne einer synthetischen selbstreferenz - einem matching in dem man selbst (den denkstil reproduzierend) das fehlende baustück aus dem handlungsraum selektioniert ...
(iv.) zur logischen notwendigkeit von crossings: (von krogh 156) ,,change in the knowledge road / innovation roadmap by making new destinctions based on different assumptions (die andere seite der form aus geschichtlichen altlasten / erfahrungen auswechseln ins nicht mehr bestand habende, das nicht mehr aufgegriffen wird) ... (die form der rationalität erneuernd)

eine kurze reflektion zur wissenschaft, die wissen-macht in einer übereinstimmung von denken und erfahrungen ... vielleicht fällt es mir wieder ein ...

nach novalis aus luhmann (969), vielleicht als dopfer einstieg:
(1) ,,was für eine beziehung ist wissen? es ist ein seyn ausser dem seyn, das doch im seyn ist."
(2) ,,das ausser dem seyn muss kein rechtes seyn seyn."
(3) ,,ein unrechtes seyn ausser dem seyn ist ein bild (der beobachtung=(kontextabhängige realoperation)??)."
(4) ,,das bewusstsein ist folglich ein bild des seyns im seyn."...
JM

Wissensordnung

"Durch die digitale Umformung aller Medien und ihre Vernetzung werden die unterschiedlichen gewachsenen nationalen Wissensordnungen und Kulturen radikal in Frage gestellt. Zu schaffen ist eine global wirksame, aber kulturell regional anpaßbare Wissensordnung. [...]
Der Schutz geistigen Eigentums durch Patentrecht oder Urheberrecht ist ein Teil der Wissensordnung ebenso wie das Presserecht oder die Zensur. Freiheit der Forschung und Lehre ist Teil unserer Wissensordnung ebenso wie die Sicherung des allgemeinen Zugangs zu öffentlich verbreitetem, gedruckten oder anders medial verbreitetem Materials durch öffentliche Bibliotheken. Für die Universitäten definierte Wilhelm v. Humboldt den ordnungspolitischen Rahmen für die vier großen Wissensfreiheiten der Wissenschaften [...]
- die Trennung von Wissen und Eigentum, die wissenschaftliche Erkenntnis zu herrenlosem Wissen erklärt,
- die Trennung von Ideen und Interessen, die die Suche nach Wahrheit unabhängigkeit vom Eigeninteresse einzelner Forscher machen soll
- die Trennung von Theorie und Praxis, die zur Alimentation der staatlichen Forschungsgruppen führt und
- die Trennung von Wissenswelt und Staat, die der Universität autonomes
Handeln in ihrem Bereich gegenüber Staat und Kirche verspricht.
All dieses hat natürlich nie uneingeschränkt gegolten - und es gilt auch heute nicht. Es bleibt auch die Frage, ob diese Humboldtschen Ideale, die der preußischen Wirklichkeit entgegengedacht waren, in einem demokratischen Staat überhaupt sinnvoll sind. Aber: Dies ist nun einmal unsere implizite und bis hinauf zum Art. 5(3) GG, der Freiheit von Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre verspricht, explizite Wissensordnung. Andere Länder und Regionen haben andere Vorstellungen entwickelt. Im Netz treffen diese mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander.
Wissen kann in einer neuen, global orientierten Wissensordnung völlig unterschiedlich bewertet werden: Als öffentliches 'herrenloses' Gut, als das es im Kontext der Wissenschaften in europäischen Industrieländern gilt, oder als Ware, wie es den Medienkonzernen in Hollywood und anderswo vorschwebt, oder aber als 'Kulturelles Erbe der Menschheit', wie es die UNESCO bewertet.
Mit der Globalisierung werden die national unterschiedlichen Auffassungen zur Wissensordnung in eine transnationale Konkurrenz und Konvergenz gezwungen, die derzeit überwiegend durch die Interessen und Entscheidungen der Medienkonzerne geformt wird. An deren Begehrlichkeiten vorbei, sind neu zu regeln
- die Verfügbarkeit des Wissens,
- die Frage seiner Zweckgebundenheit,
- die Beziehung des Wissens zum Handeln und
- das Verhältnis zur Macht."
(Coy, Wolfgang (1996): Überall & gleichzeitig. Informatik, Digitale Medien und die Zukunft des Wissens;
(Vortrag 11/96; in gedruckter Version: "Turing@galaxis.com II", in WARNKE u.a. (1997), 15-32
http://waste.informatik.hu-berlin.de/Coy/Hamburg_11_96.html)
HI

Wissensarbeit: Equipment der Kultur- und Technikwissenschaften

"Zum ersten Mal seit dreihundert Jahren arbeiten die Naturwissenschaften, die aber eher Technikwissenschaften heißen sollten, und die Geisteswisswenschaften, die sich aber eher Kulturwissenschaften nennen, am selben Equipment."
(Friedrich Kittler: Universitäten im Informationszeitalter, in: Gianni Vattimo und Wolfgang Welsch (Hg.): Medien-Welten-Wirklichkeiten, München 1998, 141)
HI

Wissenszirkulation: Rationalisierung, Kybernetisierung

"Durch eine Erhöhung der Zirkulationsgeschwindigkeit von Texten einerseits, die Entwertung herkömmlicher Mediatoren bzw. ihrer Bewertungskritierien (Redaktionen, Verlage) andererseits kommt es zu einer Rationalisierung der wissenschaftlichen Arbeitsform, die wiederum die gesellschaftliche Wissensbasis selbst verändert. Wissen ist nicht mehr kontemplativ, und auch nicht mehr enzyklopädisch angelegt, sondern folgt dem Paradigma des Kybernetischen und den wechselnden Anforderungen jeweiliger Datenbestände."
(Frank Hartmann: Medienphilosophie, Wien 2000. 23)
HI

Wunschmaschinen

"Die Wunschmaschinen stecken nicht in unserem Kopf, sind keine Produkte der Einbildung, sondern existieren in den technischen und geselschaftlichen Maschinen selbst."
(Gilles Deleuze; Felix Guattari, Anti-Ödipus, Frankfurt am Main 1974, 512)
HI

Wunschmaschinen der Phantasie in der Literatur

Michel Carroughes hat unter der Bezeichnung der "zölibatären Maschinen" eine Anzahl Maschinen der Phantasie hervorgehoben, die er in der Literatur gefunden hat (,Junggesellenmaschine` von Duchamps, ,Strafkoloniey` von Kafka, gewisse Maschinen von E.A.Poe, Raymond Roussel oder Jarry..) es können folgende gemeinsame Merkmale ausgemacht werden: zum ersten zeugt die zölibatäre Maschine durch ihre Qualen, Schatten und ihr altes Gesetz von einer ehemaligen paranoischen Maschine. Indessen ist sie selbst keine. Alles: ihr Räderwerk, ihr Fahrgestell, ihre Scheren, Nadeln, Geliebten und Strahlen unterscheiden sie von einer paranoischen Maschine. Noch in den Qualen, die sie zufügt, dem Tod, den sie bringt, offenbart sie etwas Neues, eine Kraft gleich der der Sonne. Zweitens kann diese Transfiguration nicht durch den wundersamen Charakter erklärt werden, den die Maschine der in ihr enthaltenden Einschreibung verdankt... es existiert eine augenblickliche Konsumption der neuen Maschine, ein Vergnügen, das man autoerotisch oder automatisch nennen möchte, so als befreite der maschinelle Erotismus weitere schrankenlose Kräfte. Auf die Frage: was produziert die zölibatäre Maschine, was wird vermittels ihrer produziert? scheint die Antwort zu lauten: intensive Quantitäten.
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Anti-Ödipus, Frankfurt/Main 1974, 25)
HI

Wunschmaschinen in der Kunst

Die künstlerische und literarische Imagination entwirft zahlreiche absurde Maschinen: durch Unbestimmtheit ihres Antriebs oder der Energiequelle, durch physikalische Unmöglichkeit einer Organisation der arbeitenden Teile, durch logische Unmöglichkeit des Übersetzungsmechanismus. So weist DANCER-DANGER vom Man Ray, untertitelt "Die Unmöglichkeit", zwei Stufen des Absurden auf: die Gruppe der Zahnräder ebenso wie das große Übersetzungsrad können nicht funktionieren. Soweit diese Maschie als Darstellung des Wirbelns eines spanischen Tänzers begriffen wird, kann gesagt werden: sie bringt mechanisch, durch das Absurde, die Unmöglichkeit einer Maschine zum Ausdruck, eine solche Bewegung selbst zu bewirken ( der Tänzer ist keine Maschine). Aber man kann auch sagen, daß es hier eines Tänzers als Maschinenteil bedarf; daß dieses Maschinenteil nur ein Tänzer sein kann; schon haben wir die Maschine, deren Teil ein Tänzer ist. Nicht mehr geht es darum, Mensch und Maschine zu konfrontieren, um darin die möglichen und unmöglichen Korrespondenzen, Verlängerungen und Ersetzungen des einen oder anderen einzuschätzen, vielmehr darum, beide zu verbinden und zu zeigen, wie der Mensch mit der Maschine, oder wie er mit anderen Dingen ZU EINEM STÜCK (einer Einheit) WIRD, um so eine Maschien zu konstituieren.
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Anti-Ödipus, Frankfurt/Main 1974, 497)
HI

Wunschmaschinen: Maschinen von Maschinen (Organ-, Quellen-, Mund-, Eß-, Anal-, Atmungs-, Sprechmaschinen)

Es funktioniert überall, bald rastlos, dann wieder mit Unterbrechungen. es atmet, wärmt, ißt. Es scheißt, es fickt. Das Es ... Überall sind es Maschinen im wahrsten Sinne des Wortes: Maschinen von Maschinen, mit ihren Kupplungen und Schaltungen. Angeschlossen eine Organmaschine an eine Quellenmaschine: der Strom, von dieser hervorgebracht, wird von jener unterbrochen. Die Brust ist eine Maschine zur Herstellung von Milch, und mit ihr verkoppelt die Mundmaschine. Der Mund des Appetitlosen hält die Schwebe zwischen einer Eßmaschine, einer Analmaschine, einer Sprechmaschine, einer Atmungsmaschine. In diesem Sinne ist jeder Bastler: einem jeden seine kleinen Maschinen. ... und seid ohne Sorge, es funktioniert: jeder spürt etwas, produziert etwas, und vermag darüber hinaus dessen Theorie zu entwickeln. Was eintritt sind Maschineneffekte, nicht Wirkungen von Metaphern.
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Anti-Ödipus, Frankfurt/Main 1974, 7)
HI

Wunschmaschinen: perverser Gebrauch der Maschinen, z.B. Telefonnetz

Weder sind die Wunschmaschinen imaginäre Projektionen, Phantasien, noch reale Projektionen, Werkzeuge. Das gesamte Projektionssystem aber ist von Maschinen ableitbar, nicht umgekehrt. Sollte demnach die Wunschmaschine durch eine Art Introjektion, einen bestimmten perversen Gebrauch der Maschine definiert werden? Nehmen ein Beispiel aus dem geheimnisvollen Bereich des Telefonnetzes: die Nummer eines nicht besetzten, aber einem automatischen Anrufbeantworter angeschlossenen Telefons wählend ("diese Nummer ist nicht besetzt"),kann man ein Gewirr summender, sich überlagernder Stimmen vernehmen, Stimmen, die sich gegenseitig rufen, sich antworten, die sich überkreuzen und verlieren, die ober- oder unterhalb des Anrufbeantworters laufen oder in dessen Inneren, sehr kurze Mitteilungen, in schnellen und monotonen Codes abgefaßte Äußerungen. Das normale Telefon,bestimmt, Kommunikationsmaschine zu sein, funktioniert doch solange noch gleich einem Werkezeug, als es dazu dient, Stimmen, die als solche nicht Teil der Maschine sind, nur zu projezieren oder weiterzutragen. Dort aber hat die Kommunikation eine höhere Stufe erreicht, insofern die Stimmen mit der Maschine ein Stück (eine Einheit) bilden, Teile der Maschine geworden sind und vom automatischen Anrufbeantworter auf Zufallsbasis ausgesendet und verteilt werden. Unter dieser Perspektive findet nicht allein ein perverser Gebrauch oder Anpassung einer technisch-gesellschaftlichen Maschine statt, sondern die Überlagerung durch eine wirkliche objektive Wunschmaschine ...
(Gilles Deleuze; Felix Guattari; Anti-Ödipus, Frankfurt/Main 1974, 498)
HI

WWW: Integration, Texte,Knoten, Links

"Die Integration von verschiedenen Systemen bietet einen großen Vorteil, insbesondere dann, wenn es dem Benutzer möglich ist, Verbindungen zu folgen, die ihn von einem Stück Information zum nächsten bringen. Die Schaffung eines Netzes mit Informationsknoten, und nicht mit hierarchischen Bäumen oder geordneten Listen, ist das grundlegende Konzept von Hypertext.
Die Texte werden so miteinander verbunden, daß man von einem Konzept zum anderen gehen kann, um schließlich die Information zu finden, die man benötigt.
Die Verbindungen innerhalb des Netzwerkes werden Web gennannt. Das Web ist also niemals vollständig, und es ist kaum vorstellbar, daß alle Links, the theoretisch möglich sind, von den Autoren auch gesetzt werden. Die Texte werden Knoten genannt. Der Prozeß, um sich von einem Knoten zum anderen zu bewegen, heißt Steuerung. Die Knoten müssen nicht notwendigerweise auf der gleichen Maschine liegen; Links können auch über einen Rechnerverbund hinausgehen. Knoten können prinzipiell auch Nicht-Textinformationen wie Diagramme, Bilder, Tondateien und Animationen enthalten.
Der Terminus Hypermedia ist einfach die Erweiterung der Hypertext-Idee auf die anderen Medien."
Tim Berners-Lee: WorldWideWeb: Proposal for a HyperText Project: (1989)
www.w3.org/pub/WWW/Proposal.html
HI

Zensur

Die Kritik einiger Beteiligter an den Festivals of Plagiarism mündet in einem Aufruf zu einem "Festival of Censorship": Eine Freiheit des Plagiats gäbe es nur dann, wenn auch die Monopole auf Zensur abgeschafft seien. Zensieren sei zudem populistischer als Plagiieren, weil die Zensur im Gegensatz zum Plagiat keine Kenntnis guter Quellen voraussetze. Tatsächlich ist die Dualität von Plagiat und Zensur nicht nur zeichentheoretisch begründbar: Jede plagiatorische Selektion und Verdoppelung eines Zeichens impliziert nolens volens eine Entscheidung gegen ein anderes Zeichen. Auch Lautréamonts Plagiat, das eine "falsche Idee" streicht und "durch die richtige Idee" ersetzt, verbindet plagiatorische Verdoppelung mit zensorischer Korrektur.
FC
Zensor, der Leser als
"Als die Abonnenten dem Band mit dem Buchstaben B erhielten, fanden sie darin einen zweiseitigen Artikel über Berija, in dem dieser als großer Held der Sowjetunion gefeiert wurde. Nach seinem Sturz und seiner `Entlarvung' als Verräter und Spion wurden alle Abonnenten vom Verlag schriftlich aufgefordert, den Artikel über Berija auszuschneiden und zurückzuschicken. Im Gegenzug erhielten sie unverzüglich einen zweiseitigen, mit Fotos bebilderten Eintrag über den Beringsee. Das Mysterium hierbei ist natürlich die Frage: Für wen wurde an dieser (scheinbaren) Vollständigkeit festgehalten, wenn alle Abonnenten von der Manipulation wußten, weil sie sie ja selbst durchführen mußten? Die einzige Antwort lautet: für das nicht-existierende Subjekt, dem unterstellt wird, daß es glaubt." (Zizek, Slavoj (1999): Liebe deinen Nächsten? Nein, danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne, Berlin, 206,207)
HI

Zettelkasten

Was leistet ein Zettelkasten? Er stellt keineswegs bloß eine schlichte Merkhilfe dar, die Aufgeschriebenes zur gegebenen Zeit wieder zu lesen und zu erinnern erlaubt. Ein Zettelkasten ist gleichfalls eine Sortierhilfe durch seine beweglichen Einheiten im wohldefinierten, d.h. standardisierten, gleichgerichteten Format. Entscheidend ist dabei nicht der individuelle Eintrag, sondern die Anordnung einer Vielzahl von Zetteln nach einem raffinierten Regelwerk, das die modularen Textbausteine gemäß einer differenzierten Systematik kombiniert und verschaltet. Darüber hinaus dient ein Zettelkasten seinerseits als Suchmaschine mit Hilfe der feingegliederten systematischen oder alphabetischen Ordnungsschemata und Register. Und schließlich kann man ihn als Rechenmaschine verwenden nicht zuletzt im strengen Sinn der Etymologie von rechnen als "ordnen", "lenken" und "zubereiten" etwa von möglichen Argumentationen durch Verknüpfungen und Querverweise, die der Kasten seinem stöbernden Betreiber anbietet.
MK

Zettelkastens, Urszene des

Die vielleicht früheste explizite Beschreibung einer Praxis von Verzettelung zeigt sich in der Vorgehensweise, anhand derer Konrad Gessner (1516--1565), Polyhistor und Vater der modernen Bibliographie, seine alphabetischen und systematische Bücher-Listen pflegt -- eigenhändig versteht sich und in jahrelanger einsamer und mühseliger Nachtarbeit. Grundlage seiner Tätigkeit ist eine sorgfältige und alles umfassende Sammlung von Literatur, wobei Gessner nicht davor zurückschreckt, auch Entlegenes und Abseitiges aufzunehmen.

"Das Material habe ich von überall her zusammengetragen: aus
Katalogen von Druckern, deren ich nicht wenige aus verschiede-
nen Gegenden zusammengesucht habe; aus Verzeichnissen von
Bibliotheken, auch aus Bibliotheken selbst, öffentlichen ebenso
wie privaten, die ich in ganz Deutschland und Italien sorgfältig
eingesehen habe, aus Briefen von Freunden, aus Berichten von
Gelehrten und schließlich aus Schriftstellerkatalogen"
(Gessner, Konrad, 1545, Bibliotheca Universalis, sive Catalogus omnium scriptorum locupletissimus, in tribus linguis, Latina, Graeca, & Hebraica, Christoph Froschauer, Zürich, Fol. 3r, übersetzt von Zedelmaier, Helmut, 1992, Bibliotheca universalis und Bibiliotheca selecta. Das Problem der gelehrten Ordnung in der frühen Neuzeit, Bd. 33 von Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Böhlau, Köln, Weimar, Wien, S. 22f.)
Wie nun mit dem derart angehäuften Material weiter zu verfahren sei, darüber gibt Gessner unter der entsprechenden Systemstelle seiner Pandectae, dem zweiten Band der Bibliotheca Universalis, namens "De indicibus librorum" bereitwillig Auskunft. Zunächst einmal gilt es zu lesen, und zwar vorzüglich jene Bücher, die über ein Register verfügen, um aus den dort aufgeführten Materialien wiederum eigene Indizes zu erstellen. Aufgenommen werden zu diesem Zweck die Kapitelüberschriften, um sie als locos communes zu verwenden. Dieses Verfahren legt nicht ohne Grund die Auffassung nahe, die Bibliotheca Universalis selbst als Index der Indizes zu verstehen, als ein Register zweiter Ordnung.
Die Verarbeitung der Exzerpte, die -- und dieser Begriff ist wörtlich zu nehmen -- Verzettelung, folgt dem einfachsten aller geeigneten Algorithmen:
1. Beim Lesen ist alles von Wichtigkeit und was eine Verwendung verheißt auf ein einseitig zu beschreibendes Blatt von guter Qualität zu übertragen.
2. Jeder neue Gedanke gerät in eine neue Zeile.
3. "Endlich sollst du alles, was du herausgeschrieben hast, mit der Schere zerschneiden; die Teile aber ordnest du nach Belieben, zunächst in größere Abteilungen, die du dann nochmals ein oder zweimal untergliederst bzw. so oft es nötig sein wird."
(Gessner, Konrad, 1548, Pandectarum sive Partitionum universalium, Christoph Froschauer, Zürich, Fol. 20r, übersetzt von Zedelmaier, Helmut, 1992, Bibliotheca universalis und Bibiliotheca selecta. Das Problem der gelehrten Ordnung in der frühen Neuzeit, Bd. 33 von Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Böhlau, Köln, Weimar, Wien, S. 104.)
4. Sobald die gewünschte Ordnung hergestellt ist, arrangiert und sortiert
auf Tischen oder in kleinen Kästchen, muß sie fixiert werden, sofern
sie nicht direkt abgeschrieben wird.
Fixieren heißt, die beweglichen Zettel/Papierschnipsel auf einem Blatt zu bannen, sie mit Klebstoff zu befestigen. Doch sollte diese Fixierung stets noch über eine Option zur Verschiebung verfügen, so daß entweder ein wasserlöslicher Leim zur Verwendung gelangen muß, oder aber ein System, das Einschübe, Umordnungen, kurz Beweglichkeit auch im Nachhinein noch ohne größeren Aufwand ermöglicht.
MK

Zettelkasten à la Leibniz

"Was ihm theils beym Durchlesen vieler Bücher, theils bey dem Meditiren, auf Reisen, beym Spazierengehen &c. einfiel, das schrieb er auf Zettel, die er aber (zumal die Excerptenzettel) nicht in Unordnung liegen ließ, sondern sie von Zeit zu Zeit in Ordnung zu legen pflegte."
(Christoph Gottlieb von Murr, "Von Leibnitzens Exzerpirschrank". In: Journal zur Kunstgeschichte und allgemeinen Litteratur, Jg. VII, 1779, S. 210-212, hier Seite 211.)
Nicht erst Nietzsche weiß von den guten Gedanken, daß sie im Freien, also etwa auf Reisen oder Wanderungen, geboren werden. Auch Gottfried Wilhelm Leibniz trägt zu diesem Zweck stets einige Blätter Papier bei sich, um so der eingangs zitierten Praxis nachkommen zu können. Denn als Kameralist weiß er, daß zur Verwaltung des Flüchtigen der Denk-Zettel als Speichermedium unerläßlich bleibt. Zum dauerhaften Merken überführt Leibniz seine Einfälle, Exzerpte und Notate derweil nicht nur auf Zettel, um sie beizeiten zu sichten und neu zu ordnen. "Vielmehr schaffte er sich nachher einen besondern Schrank an, seine Excerpta aufzuheben;" (Ebd.) Es sind diese Apparaturen der Ordnung und Aufbewahrung, die Banken voll gesammelter Daten, mit deren Hilfe ein dauerhafter und effektiver Zugriff auf die einmal zugeführten Bausteine gewährleistet bleibt. Sie dienen dazu, das Eingeschriebene stets zuverlässig hervorzuholen, das Notierte mithin ohne umständliche Nachforschungen und mühsames Erinnern herbeirufen zu können, also - buchstäblich - zu zitieren.
MK

Zettelkästen als Multitaskingsysteme vor 1800

Das Verfahren, mit der unablässigen Arbeit an einem Zettelkasten gleichzeitig zahlreiche Bücher zu schreiben oder bereits geschrieben zu haben, kennt gegenüber Luhmanns berühmten Zettelkasten konkrete historische Vorläufer und vorbildliche Anwendungen. Erwähnt sei hier nur Johann Jacob Moser (1701-1785), gemessen an seinen mehr als 500 Publikationen einer der produktivsten Rechtsgelehrten des 18. Jahrhunderts, der für jede neue Publikation lediglich die passenden Zettel auswählte, zu Bündeln verschnürte und die so zusammengestellten Pakete ohne weitere Zusätze an den Schriftsetzer gab, um anschließend die zurückkehrenden Zettel nebst dem neuen Buch wieder einzuordnen in Regal und Kasten. Ganz in Mosers Tradition beschreibt Jean Paul dieses Verfahren der Relektüre seiner Exzerpte:
"Die Hauptsache ist, daß ich Exzerpten aus meinen Exzerpten mache und den Spiritus noch einmal abziehe. Einmal les' ich sie z. B. bloß wegen des Artikels vom Tanze durch, ein anderes Mal bloß über die Blumen, und trage dieses mit zwei Worten in kleinere Hefte oder Register und fülle so das Faß auf Flaschen."
(Jean Paul, "Die Taschenbibliothek". In: ders., Sämtliche Werke: Abteilung II. Band 3. Jugendwerke und vermischte Schriften. Hg. von Norbert Miller, Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 1796/1996, S. 769-773, hier Seite 772, Hervorhebung im Original.)
Die derart aus Adversarii, Loci Communes, Promptuarien, Commonplace Books und Zettelkästen destillierten Texte, Florilegien im besten und buchstäblichen Sinn, bilden die Schatzkammer der Zitate, allerdings gerade nicht (nur) in geistig erbaulicher Hinsicht, sondern auch und vor allem gemäß einer Ökonomie der eigenen Arbeit, als Maßnahme, die Textproduktion dank Wiederverwertbarkeit zu rationalisieren und zu steigern.
MK

Zettelkasten, Benjamins

»Die Schrift, die im gedruckten Buch ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr autonomes Dasein führte, wird unerbittlich von Reklamen auf die Straße hinausgezerrt [...]. Wenn vor Jahrhunderten sie allmählich sich niederzulegen begann, von der aufrechten Inschrift zur schräg auf den Pulten ruhenden Handschrift ward, um endlich sich im Buchdruck zu betten, beginnt sie nun ebenso langsam sich wieder vom Boden zu heben. Bereits die Zeitung wird mehr in der Senkrechten als in der Horizontale gelesen [...] Und ehe der Zeitgenosse dazu kommt, ein Buch aufzuschlagen, ist über seine Augen ein so dichtges Gestöber von wandelbaren, farbigen, streitenden Lettern niedergegangen, daß die Chancen seines Eindringens in die archaische Stille des Buches gering geworden sind. Heuschreckenschwärme der Schrift [...] Andere Erfordernisse des Geschäftslebens führen weiter. Die Kartothek bringt die Eroberung der dreidimensionalen Schrift, also einen überraschenden Kontrapunkt zur Dreidimensionalität der Schrift in ihrem Ursprung als Rune oder Knotenschrift. (Und heute schon ist das Buch, wie die aktuelle wissenschaftliche Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Kartotheksystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der's verfaßte, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es einer eigenen Kartothek.«
(Walter Benjamin (1972): Einbahnstraße. In: Gesammelte Schriften IV-1. Frankfurt am Main. S. 84-148, hier: 103)
HI

Zettel-Beziehung

Entscheidend bei der Registrierung von publizierten Texten in einem Zettelkasten oder -katalog bleibt die Abbildungsrelation zwischen Zettel und Buch. Denn im Gegensatz zu den fest fixierten Einträgen einer fortgesetzten Liste auf streng aufeinander folgenden Buchseiten (Exzerptenheft) lassen sich Zettel als frei bewegliche Einheiten in immer neuen Dispositionen formieren. Ein Zettel dient zunächst als einzelner Zeiger (Pointer), der anhand einer Signatur auf eine Adresse, den Ort der Schrift im Regal, verweist. Doch zeigt er nicht nur auf den Standort, wo ein Text tatsächlich anzutreffen sein soll. Darüber hinaus verwaltet er ein hochkomprimiertes Ensemble von Daten, die das vorzufindende Buch charakterisieren. Idealerweise enthält der Zettel nicht nur die vollständigen bibliographischen Angaben (mit ausführlichem Titel, Untertitel, beteiligte Autoren, etc.), sondern ebenso eine kurze inhaltliche Erschließung. Er liefert somit ein Derivat des Texts, den er vertritt. Die "Titelcopie" wird nicht nur zum Verwalter des Zugriffs, sondern gerät zum Repräsentanten der Schrift, die mitunter gar nicht mehr selbst gelesen werden muß. Die repräsentative Funktion lenkt davon ab, was sie referenziert. Das Lesen der Inhaltsangabe, oder noch knapper: des Titels, bewahrt vor weitergehender Lektüre. So verwundert es kaum, daß um 1800 - in Zeiten von hochflutenden Büchermengen in neugeschaffenen Bibliotheken - die Stellvertretung auf kleinen, beweglichen Karten eine erste Hochkunjunktur erfährt. So auch bei einer anderen Reduktion auf (Adels-)Titel, in der sich Signifikate fortan erübrigen: "Man kommt in eins unserer berühmten Bäder, schickt ein Paar Stunden nach der Ankunft ein Paar hundert Visiten-Karten herum, und noch den nämlichen Tag ist man in der ganzen Gesellschaft der Kurgästen eingeführt, und mit zwey bis dreyhundert Menschen so bekannt, als ob man schon viele Jahre mit ihnen gelebt hätte."
(Anonym, "Neueste Moden in Visiten-Karten". In: Journal des Luxus und der Moden, Jg. 10, 1795, S. 147-150, Seite 148. Das Lesen von Doktor- und Adelstiteln auf kleinen Karten gleicht indes dem Zugriff auf Bücher, die man nicht liest, aber dennoch kennt - zumindest deren Titel und Namen.)
MK

Zettelkasten, Luhmanns

Geleitet durch die offenbar häufig gestellte Frage, nach welchen Kriterien sein Zettelkasten aufgebaut wurde, gewährt Luhmann bereitwillig Einblick in die Architektur des Systems und die Besonderheiten. "Es sind übrigens schon viele Leute hierher gekommen, um sich das anzusehen."
(Luhmann, Niklas, 1987, Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Merve Verlag, Berlin, S. 142.)
Das Schreibgerät gerät zum Objekt der Begierde, insbesondere für junge Akademiker, die ihrer sorgfältig geplanten Karriere einen ebenso zu führenden Karteikasten hinzufügen möchten. "Fred will doch Hochschullehrer werden".
(Klassen, Ralf, 1994, Bezaubernde Jeannie oder Liebe ist nur ein Zeitvertreib, in: Wüllenweber, Walter (Hrsg.), Wir Fernsehkinder. Eine Generation ohne Programm, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, S. 81-97, hier 87.)
Die genaue Anleitung zum Nachbauen erscheint dann 1981 in einem Jubiläumsband für Elisabeth Noelle-Neumann als "ein Stück empirischer Sozialforschung" (Luhmann, Niklas, 1981, Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht, in: Reumann, H. Beier, H.M. Keplinger, K. (Hrsg.), Öffentliche Meinung und sozialer Wandel: Für Elisabeth Noelle-Neumann, Westdeutscher Verlag, Opladen, S. 222-228, hier S. 222.) das dann doch eine genaue, "theoriegesättigte" Beschreibung liefert, wie eine soziologische Super-Theorie zu codieren sei.
Die Anordnung besteht aus "hölzernen Kästen mit nach vorne ausziehbaren Fächern und Zettel im Oktav-Format" (= DIN A 5). Dabei sei auf eine raumsparende Anlage zu achten, um die nach jahrzehntelanger Pflege mitunter sehr große Papieransammlung immer noch komfortabel handhaben zu können. "Denn ich brauche Platz. Nicht für meinen Bauch, (einen Artikel, in dem ich wenig vermag); sondern für Zettelkästen, Mappen, und vor allem die Tisch=Bibliothek, im Viertelkreis um mich aufgestellt, haarscharf=dergestalt, daß ich sie, ungestüm=vorgebeugt, noch erreichen kann -- ich hab´ lange Arme !" (Schmidt, Arno, 1995, Der Platz, an dem ich schreibe, in: ders./dies., Essays und Aufsätze 2, Bd. III, 4 von Bargfelder Ausgabe, Haffmans Verlag, Zürich, S. 28-31, hier 28.) verteidigt ein anderer Zettelkasten-Theoretiker den Ort des Schreibgerätes, nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, da der Siegeszug des Personalcomputers in die Wohnstuben der Welt sich anzuschicken beginnt. Entgegen der bibliothekarischen und karteitheoretischen Empfehlung, als Informationsträger stets nur Karteikarten aus Pappe bzw. stärkerem Papier zu verwenden, setzt Luhmann aus raumökonomischen Gründen auf schlichtes Schreibmaschinenpapier, was hingegen bei häufigem Blättern zu schneller Abnutzung des Datenträgers führen kann. Während bei den Erwägungen, das geeignete Papier für das Vorhaben zu finden, der Verwaltungs-Wissenschaftler Luhmann das bibliothekarische Diktum mit raumbegrenzenden Bedenken ignoriert, findet DIN 1504, die für "Schrifttumskarten" (DIN (=Deutsches Institut für Normung), 1984, Publikation und Dokumentation 2. Erschließung von Dokumenten, Informationsverarbeitung, Reprographie, Bibliotheksverwaltung, Normen, Bd. 154 von DIN-Taschenbuch, 2. Auflage, Beuth, Berlin, Köln., S. 64f.) neben dem Internationalen Bibliotheksformat nur DIN A 6 quer und DIN A 7 quer erlaubt, gleichwohl keine Anwendung.
Wie in Hegels (Verzettelungs-)System von 1785ff repräsentiert eine Schrifttumskarte zunächst jeweils ein Stichwort, das jedoch mitunter stark differenziert und erweitert werden kann. Als Identifikation tragen die Zettel in ihrer linken oberen Ecke einen eindeutigen Schlüssel. "Hagen: Sie haben eigene Sigel. Luhmann: Ja. Jeder Zettel hat eine feste Nummer, die nie geändert wird. H: Aber das ist ein Sigel, schon? L: Ja, ja. H: Hat die Nummer irgendeinen Sinn? L: Nein."
(Hagen, Wolfgang und Niklas Luhmann, 1997, Interview, WWW: http://www.radiobremen.de/rbtext/_wissen/w71002.html, zuletzt gesichtet am: 25.03.98, ohne Paginierung.)
Das Sigel beginnt -- nicht zuletzt aus mnemotechnischen Gründen -- numerisch, gefolgt von einem Schrägstrich, dem eine weitere Zahl angehängt ist, welche dann bei einem neuen Eintrag entweder inkrementiert oder aber "intern" verzweigt wird mit einem neuen Zähler in Form eines kleinen Buchstabens, also beispielsweise 43/12a oder 43/13. Die Sigel dienen als feste Adresse eines jeden Zettels, der also nicht umgeordnet werden darf etwa in eine themengesteuerte Systematik oder wie in einem alphabetischen Katalog. Das Verfahren, jeden Neuzugang einfach hinten anzufügen, sofern kein "innerer" Anschluß besteht, kennt jeder Bibliothekar unter der Bezeichnung numerus currens, und es entfaltet seine Stärke dank der Einfachkeit, Zettel anhand ihrer alphanumerischen Sigel zu adressieren: Ergibt sich innerhalb einer neuen Notiz ein Bezug zu einem bereits erfaßten Begriff, genügt es, neben dem soeben notierten Wort43/12a allein das Sigel desjenigen Zettels zu vermerken, auf welchen der Verweis zeigen soll. Diese Möglichkeit, massiv zu verweisen, garantiere den "Aufbau hoher Komplexität im Zettelkasten".
(Niklas Luhmann, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: Kieserling, André, Universität als Milieu, Haux, Bielefeld, 1993, S. 53-61, hier 55.)
Doch verbleiben die Zettel nicht in ihrer Chronologie aufgereiht, also 43/12, 43/13, 43/14..., denn es ist erlaubt, einen Begriff intern zu verzweigen, d.h. der Zettel zum Stichwort Ausdifferenzierung mit dem Sigel 43/76 erfährt eine ent- und unterscheidende Erläuterung. Daher erhielte der Zettel zum Stichwort Ausdifferenzierung, hierarchische nicht etwa das Sigel 43/77, sondern 43/76a, incl. dem Verweis auf den Zettel zur Hierachie569/4. Als Effekt dieser "inneren Verzweigungsfähigkeit" (Niklas Luhmann, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: Kieserling, André, Universität als Milieu, Haux, Bielefeld, 1993, S. 53-61, hier 55f.) bilden sich einzelne "Cluster" aus Begriffen, die für die Theorie zentrale Bedeutung erlangen -- oder/und umgekehrt.

Als Suchmaschine, die den Zugriff anhand eines zu findenden Begriffs ermöglicht, dient ein alphabetisch geordnetes Register, in dem jeder neue Zettel -- gleich ob von einem bestehenden "Klumpen" nach innen verzweigt oder hintangefügt -- mit dem beigeordneten Sigel verzeichnet erscheint. Anhand dieses Registers, das sich indes in gebundener Form sukzessive -- gleich dem Bandkatalog aus der Bibliothek des ausgehenden 19. Jh. -- weiterschreibt, gelingt der Einstieg zu einem Begriff, auf dessen Zettel der Kommentar wiederum verweist, genau wie auf weitere Zettel, welche Anschlüsse bilden an differente Orte im Zettelkasten usw. Dank dieser Möglichkeiten zu Verbindungen ergibt sich, einmal aufgefangen und sanft geleitet vom Netz der Verweise, die Struktur des zu schreibenden Textes in seiner vorformenden Reihung der Begriffe. Durch schweifendes Blättern fügt sich Zettel an Zettel, die in ihrer Abfolge bereits die lose gehefteten Blätter des späteren Textes vorwegnehmen. "Diese Technik, so glaube ich, erklärt auch, warum ich überhaupt nicht linear denke und beim Bücherschreiben Mühe habe, die richtige Kapitelfolge zu finden, weil eigentlich ja jedes Kapitel in jedem anderen Kapitel wieder vorkommen müßte."
(Luhmann, Niklas, 1987, Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Merve Verlag, Berlin, S. 145.)
Alles was dem entstehenden Text noch fehlt, ist die Kluft zwischen den ausgewählten Bemerkungen der jeweiligen Vorlagen in Zettelform, die sich im wesentlichen füllen durch "umformulierendes Schreiben" (Luhmann, Niklas, 1995, Lesen lernen, unveröffentlichtes Typoskript, Bielefeld, S. 4.) während der Lektüre von Büchern, zu überbrücken mit Überleitungen.
Zahlreiche Zettel dienen als Bausteine des zu verfassenden Textes, die es gilt, aus der zwar vorselektierten Kontingenz mithin in die Ordnung einer immer noch eindimensionalen Textstruktur zu überführen. Die während des sammelnden Blätterns auftretende Entscheidung, statt dem einen, doch einem anderen Verweis nachzugehen, und einen vielleicht abseitigen Zettel zu präferieren und in die Begriffsreihung einzubauen, der dort wiederum ganz andere Anschlußmöglichkeiten liefert, sichert dem kalkulierten Zufall einen festen Platz im kombinatorischen Kalkül, dank dessen der Plan zu einem Textentwurf überraschende Wendungen erfährt. Der Zettelkasten im System Bielefeld 1951ff gerät zur Kombinationsmaschine, die auf die an sie gestellten Fragen nicht nur mit einer erinnerten Lektüre antwortet, sondern gleichwohl eine Liste von Anschlüssen liefert, um die folgende Argumentation anzubinden an den begrifflichen und bibliographischen Fundus des Gelesenen. Zwei Arten von Schrifttumskarten gilt es demnach zu unterscheiden: Zettel, die Bemerkungen, Exzerpte und Gedankengänge zu einem Begriff enthalten vs. Zettel, die allein bibliographische Angaben aufführen. Die erste Art, die im System Bielefeld 1951ff den größten Anteil ausmacht, besteht aus nichts anderem als einem klassischen Thesaurus ohne alphabetische Ordnung, der zu den eingegebenen Termini nicht nur kurze Erklärungen, sondern mitunter lange Materialsammlungen enthalten kann.
Das poetologische Medium der Luhmannschen Systemtheorie heißt nicht etwa Federkiel oder Typewriter, sondern Papiermaschine im nicht einfachen Sinne. "Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, daß er durch die Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren."
(Luhmann, Niklas, 1987, Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Merve Verlag, Berlin, S. 144.)
Damit rückt die manuelle und nichtsdestoweniger leicht zu automatisierende Papierverarbeitung mit der heuristischen Bezeichnung Bielefeld 1951ff in bemerkenswerte Nähe zu einem anderen, bereits 1936 festgeschriebenen Verfahren: Nicht einzelne Zettel, sondern ein unendlich lang zu denkendes Papierband, doch ebenso eine fest definierte Arbeitsanweisung ("Wenn ich nichts weiter zu tun habe, dann schreibe ich den ganzen Tag; morgens von 8.30 Uhr bis mittags, dann gehe ich kurz mit meinem Hund spazieren, dann hab ich noch einmal nachmittags von 14.00 Uhr bis 16.00 Uhr Zeit, dann ist wieder der Hund an der Reihe. [...] Ja, und dann schreibe ich in der Regel abends noch bis gegen 23.00 Uhr. Um 23.00 Uhr liege ich meistens im Bett und lese noch ein paar Dinge.", Luhmann, Niklas, 1987, Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Merve Verlag, Berlin, meine Hervorhebung.}) und einen Schreib/Lese-Kopf besitzt die Papiermaschine, die dadurch zur Universal-Maschine wird, um in der von diesem Bruch 1937 eingeleiteten Daten-, Büro- und Papier-Prozessionssgeschichte vollkommen aufzugehen.

Eventuelle Möglichkeiten, das Aufschreibesystem Bielefeld 1951ff zu verbessern, ergeben sich beinahe zwangsläufig mit dem stetigen Siegeszug der universal gewordenen Papiermaschine von 1937, die inzwischen im Vierteljahresstakt neue Computergenerationen -und Rechnergeschwindigkeiten hervorbringt. Folgerichtig gestattet ein elektronifizierter Zettelkasten schnellere Zugriffe auf beliebige Begriffe und ebenso in Kombinationen mit logischen Verknüpfungen, Zeichenketten im elektronischen Fundus niemals zu übersehen -- oder zu vergessen. Dank Hypertext-Verfahren lassen sich die ehedem mühsam notierten Verweise mit einer ebenso geschwindigkeitsoptimierten Strategie des K(l)ick and rush verfolgen und (automatisch) verbinden. Und noch etwas spricht für die Elektrifizierung, die erst einen authorisierten Zugriff via Internet von allen (verbundenen) Orten der Welt ermöglichen kann: Während sich Hegels Zettelkasten im handlichen Pack- und Gepäckformat noch jeder Reise und allen sieben Umzügen bis Berlin fügt, ("Bei allem Umherziehen hat er diese Incunabeln seiner Bildung immer aufbewahrt. Sie liegen theils: in Mappen, theils: in Schiebefutteralen, denen auf dem Rücken eine orientirende Etikette aufgeklebt ist." Rosenkranz, Karl, 1844/1969, Georg Wilhelm Friedrich Hegels Leben, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 12.) verhindern die vielen Raummeter von Luhmanns hölzernen Kästen die uneingeschränkte Mobilität und damit die ubiquitäre Möglichkeit, stets auf das Lesegedächtnis zugreifen zu können. Der Kommunikationspartner, dank dessen unentbehrlicher Hilfe die Theorie ihre legendäre Produktivität erreicht hat, verharrt am angestammten Platz, um dort die Anfragen zu erwarten, die an die Adresse seines Holzes gerichtet sind. "Fred bewundert diesen Systemtheoretiker aus Bielefeld (aus Biiiielefeld, sage ich immer und ziehe dabei die Augenbrauen hoch)".
(Klassen, Ralf, 1994, Bezaubernde Jeannie oder Liebe ist nur ein Zeitvertreib, in: Wüllenweber, Walter (Hrsg.), Wir Fernsehkinder. Eine Generation ohne Programm, Rowohlt Berlin Verlag, Berlin, S. 81-97, hier 84.)
MK

Zettelkasten, Luhmanns

Meine Produktivität ist im wesentlichen aus dem Zettelkasten-System zu erklären [...]
Alle Zettel haben eine feste Nummer, es gibt keine systematische Gliederung [...]. Hinter diesen einzelnen Nummern gibt es dann Unterabteilungen, zum Beispiel a, b, c, a1, a2, a3 usw., das geht manchmal bis zu 12 Stellen. Ich kann dann von jeder Nummer auf jede andere Stelle in dem Zettelkasten verweisen.
Es gibt also keine Produktivitä, sondern ein spinnenförmiges System, das überall ansetzen kann. In der Entscheidung, was ich an welche Stelle in den Zettelkasten hineintue, kann damit viel Belieben herrschen, sofern ich nur die anderen Möglichkeiten durch Verweisung verknüpfe. Wenn man das immer macht, entsteht einen innere Struktur, die auf diese Weise nie hineingegeben worden ist, die man aber herausziehen kann. Der Zettelkasten kostet mich mehr Mühe als das Bücherschreiben.
(Niklas Luhmann (1987): Archimedes und wir. Berlin, 142, 143)
HI

Zettelkästen, Kommunikation mit

In der Diskussion um neue Formen literarischer Interaktion wird oft nach der Arbeitsweise von Schriftstellern wie Proust, Joyce, Arno Schmidt etc. gefragt, die komplexe Textstrukturierungen vorgenommen haben. Dabei muß die Arbeitsweise einiger Theoretiker, die in ihrem Bereich an durchaus vergleichbar komplexen Ideenverbindungen arbeiten, als ebenso aufschlußreich wie der Blick auf künstlerische Schreibweisen für das Interesse an dieser Thematik angesehen werden. Zum Glück hat Niklas Luhmann einen kleinen Einblick in den Produktionsprozeß der Systemtheorie und die Geheimnisse seines ungeheuren Outputs (30 Bücher , 150 Aufsätze in 15 Jahren) gegeben: Er nennt seine Methode ,Kommunikation mit Zettelkästen`, die ein komplexes System von Kombinatorik und Referenzierungen in Gang setzen. Nicht nur experimentelle Schriftsteller arbeiten wie eine kombinatorische Maschine: "Im Augenblick sitze ich an einem Vortrag über ökologische Probleme in modernen Gesellschaften, und meine Arbeit besteht darin, Zettel [...] zu sichten und so zu kombinieren, dass ich etwas Substantielles zu diesem Thema sagen kann. Die neuen Ideen ergeben sich dann aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. Ohne die Zettel, also allein durch Nachdenken, würde ich auf solche Ideen nicht kommen. Natürlich ist mein Kopf erforderlich, um die Einfälle zu notieren, aber er kann nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden. Insofern arbeite ich wie ein Computer [...]"
(Luhmann, Niklas, "Biographie, Attitüden, Zettelkästen", in: Archimedes und wir, Interviews, hg. v. Dirk Baecker u. Georg Stanitzek, Berlin 1987, S. 125-156, hier: 144)
HI

Zettelkasten: Kodierung als Diskurs-Werkzeug

"(1) Beliebige innere Verzweigungsfähigkeit. Man braucht zusätzliche Notizen nicht hinten anzufügen, sondern kann sie überall anschließen, auch an einzelne Worte mitten im laufenden Text. Ein Zettel mit der Nummer 57/12 kann dann im laufenden Text über 57/13 usw. weitergeführt werden, kann aber zugleich von einem bestimmten Wort oder Gedanken aus mit 57/12a ergänzt werden, fortlaufend über 57/12b usw.; wobei intern dann wieder mit 57/12a1 usw. angeschlossen werden kann. Auf dem Zettel selbst verwende ich rote Buchstaben oder Zahlen, um die Anschlußstelle zu markieren. Es kann mehrere Anschlußstellen auf einem Zettel geben. Auf diese Art ist eine Art Wachstum nach innen möglich [...]
(2) Verweisungsmöglichkeiten. Da alle Zettel feste Nummern haben, kann man auf Zetteln Verweisungen in beliebiger Zahl anbringen. Zentralbegriffe können mit einem Haufen von Verweisungen belegt sein, die angeben, in welchen anderen Zusammenhängen etwas zu ihnen gehöriges festgehalten ist. [...] [O]ft suggeriert die Arbeitssituation, aus der heraus man sich zu einer Notiz entscheidet, eine Vielzahl von Bezügen auf schon Vorhandenes. [...] Es ist dann wichtig, den Zusammenhang gleichsam strahlenförmig, ebenso aber auch mit Querverweisungen an den angezogenen Stellen, sogleich festzuhalten. [...]"
Luhmann, Niklas, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht", in: Öffentliche Meinung und sozialer Wandel, hg. v. H. Baier, H. M. Kepplinger, K. Reumann, Opladen 1981, S. 222-228, hier: S. 224. Vgl. auch die spannenden Arbeiten von Markus Krajewski zu den Luhmannschen Zettelkästen: Käptn Mnemo. Zur hypertextuellen Wissensspeicherung mit elektronischen Zettelkästen:
http://infosoc.uni-koeln.de/synapsen/MnemoNet/MnemoNet.html
Und ders.: Die Geburt der Zettelwirtschaft aus dem Geiste der Bibliothek. Episoden aus / einer Geschichte / der Kartei. Magisterarbeit am Lehrstuhl für Geschichte und Ästhetik der Medien, Humboldt Universität zu Berlin, pdf-Version 1.0, 27.10.1999
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Zettelkasten: Anschlüsse und Kommunikationsstrategien

An den Zettelkasten sind - genauso wie an Hypertext-Systeme - herkömmliche Diskurstechniken wie Register, bibliographischer Apparat etc. anschließbar, so dass ein Speicher-, Schreib- und Kommunikationssystem mit internem und externem Referenzen entsteht, das strukturell eher wie ein neuronales Netzwerk oder das Internet funktioniert und mit mehr - von seinem Autor unabhängigem - ,Eigenleben` ausgestattet ist wie ein Buch. Aber wie kommen die Einträge auf die Zettel? Eine mögliche produktive (recherchierende) Lesestrategie frei nach Luhmann reißt die Bücher im Hinblick auf mögliche Verzettelungen auseinander: "Ich habe immer einen Zettel zur Hand, auf dem ich mir die Ideen bestimmter Seiten notiere. [...] Wenn ich das Buch durchgelesen habe, dann gehe ich diese Notizen durch und überlege, was für welche bereits geschriebene Zettel wie auswertbar ist. Ich lese also immer mit einem Blick auf die Verzettelungsfähigkeit von Büchern."
(Luhmann, Niklas, "Biographie, Attitüden, Zettelkästen", in: Archimedes und wir, Interviews, hg. v. Dirk Baecker u. Georg Stanitzek, Berlin 1987, S. 125-156, hier: 150)
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Zettelkästen , Systemvergleich: Hegel vs. Luhmann und ihre

Irgendwo in Stuttgart, 1785: Ein fünfzehnjähriger Leser beginnt, noch Gymnasiast, lose Blätter mit Ordnung, Fleiß und Exzerpten zu beschreiben: "Bei seiner Lectüre ging er nun folgendermaaßen zu Werke. Alles:, was: ihm bemerkens:werth schien -- und was: schien es: ihm nicht! -- schrieb er auf ein einzelnes: Blatt, welches: er oberhalb mit der allgemeinen Rubrik bezeichnete, unter welche der besondere Inhalt subsumirt werden mußte. In die Mitte des: oberen Randes: schrieb er dann mit großen Buchstaben, nicht selten mit Fracturschrift das: Stichwort des: Artikels:. Diese Blätter selbst ordnete er für sich wieder nach dem Alphabet und war mittelst dieser einfachen Vorrichtung im Stande, seine Excerpte jeden Augenblick zu benutzen."
(Rosenkranz, Karl, 1844/1969, Georg Wilhelm Friedrich Hegels Leben, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, S. 12f.)
Der junge Leser richtet mit jedem seiner zur alphabetischen Abfolge gruppierten Zettel eine neue Adresse ein, die fortan den Ort bildet für die Begriffe, auf die sich seine künftige Tätigkeit als Philosoph und Gelehrter stützen wird.

Wenngleich Hegels berühmter Zettelkasten vielleicht im Nachlaß der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unentdeckt schlummert, -- und damit ein ungelöstes Adressierungsproblem für Forschungsfragen darstellt --, oder er tatsächlich verloren ist, läßt sich dennoch ein Eindruck von Hegels Exerpierpraxis gewinnen. Neben handbeschriebenen Zetteln, die den gewünschten Weg des Schülers bereits erahnen lassen, etwa zu den Stichworten Akademie, Pädagogik, Lehrart oder der Gelehrsamkeit der Ägypter finden sich in Manuskripten aus Hegels Stuttgarter Zeit auch Eintragungen zu Mönchen, zur Seele oder aber über den "Weg zum Glück in der großen Welt. Den 16. Oktober 1786. (Zimmermann über die Einsamkeit. II.T.V. Kap.)

Der Durchblick, der in der großen Welt in allen feinen, bösen, kitzlichen und gefährlichen Umständen des Lebens für jeden Menschen alles sagt und entscheidet, ist nicht Philosophie. Er ist nicht das Federlesen, nicht das langsame Abwickeln der Gedanken, nicht das Zweifeln und Schwanken, das Ja und Nein, woran sich oft der größte philosophische Denker in der Einsamkeit so sehr gewöhnt. Rasch und schlank, auf allen Seiten beweglich und doch fest und keck, muß man in allem zu Werke gehen, immer geschwind, furchtfrei und mutig. Dies ist zwar der Weg zu unzähligen Fehlern, die kein Philosoph begeht, aber auch der einzige, beste und sicherste Weg zum Glücke in der großen Welt."
(Hoffmeister, Johannes (Hrsg.), 1936, Dokumente zu Hegels Entwicklung, Fr. Frommans Verlag, Stuttgart, S. 100)
Der Kommentar weiß, daß Hegel die Worte bis auf den eigenen Titel, indem er ihn ironisch wendet, wortwörtlich aus Johann Georg Zimmermann, Über die Einsamkeit entnimmt. Überdies befinden sich auf dem gleichen Manuskript -- zusätzlich zu diesem Exzerpt -- weitere Passagen zum Thema Glückseligkeit, gezogen aus früheren Lektüren in anderen Texten. Also doch eine Systematik in den Zetteln vs. der alphabetischen Gruppierung? Die frühe Ordnung des Zettelkastens verdankt sich der jung gewonnenen Umsicht, "daß Hegels Gemüt mit allgemeinen wichtigen Problemen sich systematisch beschäftigte."
(Ebd., Fußnote 2)
Irgendwo in Bielefeld-Oerlinghausen, 1997: Ein nunmehr 70jähriger Gelehrter und Philosoph beobachtet sich, vertieft in Lektüre: "Wenn ich etwa ein Buch lese, gehe ich folgendermaßen vor: Ich habe immer einen Zettel zur Hand, auf dem ich mir die Ideen bestimmter Seiten notiere. Auf der Rückseite halte ich die bibliographischen Angaben fest. Wenn ich das Buch durchgelesen habe, dann gehe ich diese Notizen durch und überlege, was für welche bereits geschriebenen Zettel wie auswertbar ist. Ich lese also immer mit einem Blick auf die Verzettelungsfähigkeit von Büchern."
(Luhmann, Niklas, 1987, Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Merve Verlag, Berlin, S. 149f)
Der emeritierte Professor pflegt immer noch seine beträchtliche und legendäre Sammlung von Notizen und handbeschriebenen Zetteln, indem er die Kommentare und Einfälle zu seiner Lektüre verbindet mit den bisherigen Begriffen, die in Form von "Zettel im Oktav-Format", (Niklas Luhmann, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: Kieserling, André, Universität als Milieu, Haux, Bielefeld, 1993, S. 53-61, hier 55.) versehen mit Sigel und Stichwort, weiterhin verzeichnet im Register seines Kastens auf Anschlüsse warten. "Was macht man mit dem Aufgeschriebenen? Sicher produziert man zunächst weitgehend Abfall. Wir sind aber so erzogen, daß wir von unseren Tätigkeiten etwas Nützliches erwarten und anderenfalls rasch den Mut verlieren. Man sollte deshalb überlegen, ob und wie man die Notizen so aufbereitet, daß sie für späteren Zugriff zur Verfügung stehen, oder dies einem zumindest als tröstende Illusion vor Augen steht."
(Luhmann, Niklas, 1995, Lesen lernen, unveröffentlichtes Typoskript, Bielefeld, S. 3.)
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Zettelkasten vs. Zettelkatalog: Die Idiosynkrasie der Gelehrtenmaschine

Die Aufgabe eines Bibliothekskatalogs besteht unzweifelhaft darin, möglichst alle Adressen der vorhandenen Bücher in einer ebenso konsequenten wie vollständigen Ordnung stets aktuell nachzuweisen. Diese Funktion spiegelt sich nicht zuletzt in der Etymologie von katalogos (= ich zähle auf) als Aufzählung des Fundus. Die an einen Bibliothekskatalog gestellten Fragen, ob und wo (Nominalkatalog) oder welcher (Realkatalog) Text in den Magazinen wartet, genügen üblicherweise dieser allgemeinen und schematisierten Form. Vom Katalog darf demzufolge erwartet werden, unberührt von den Eigentümlichkeiten der Anfragenden, wenn sie diesem Schema nur folgen, Antworten geben zu können. Der Bibliothekskatalog ist eine kollektive Suchmaschine. Seine Dateneingaben erfolgen von zahlreichen ebenso verschiedenen wie namenlosen Personen nach streng festgelegten und immergleichen (preussischen) Instruktionen, so daß er von möglichst vielen Personen auf seine Funktion hin befragt werden kann. Im Gegensatz dazu besitzt der gelehrte Zettelkasten die Kontingenz der Auswahl. Während ein Katalog darauf abzielt, alles wahllos zu verzeichnen, trifft die Gelehrtenmaschine die Entscheidung, eine Information aufzunehmen oder nicht. Nur ausgewählte Texte werden aus dem Fundus der Bibliothek sorgfältig auf Exzerptzettel überführt, um ihre Systemstelle im gelehrten Kasten zu erhalten. Diese Selektionsmacht definiert die Idiosynkrasie der Gelehrtenmaschine. Sie antwortet nur auf gezielte Fragen des Betreibers in dessen eigentümlicher Formulierung. Die mit der Zeit angehäuften Materialien organisieren sich damit nach abweichenden, von außen kaum verständlichen Strukturen.

Jeder Zettel trägt eine eindeutige Adresse in Form eines Sigles, auf welches dann von anderen Zetteln bezug genommen wird. "Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält."
(Niklas Luhmann, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: Kieserling, André, Universität als Milieu, Haux, Bielefeld, 1993, S. 53-61, hier S. 58.)
Anhand dieser Querverbindungen gelingt es dem Benutzer nun, der Verweisstruktur der Einträge folgend neuen Zusammenhängen und d.h. anderen als den zuvor intendierten Lesewegen nachzuspüren. "Der Zettelkasten gibt aus gegebenen Anlässen kombinatorische Möglichkeiten her, die so nie geplant, nie vorgedacht, nie konzipiert worden waren."( Ebd.) Mithin stellt sich Überraschung ein, dank eines unerwarteten Verweises auf einen bislang nicht erwogenen Aspekt zu stoßen. Wie gelingt es demgemäß, den Zettelkasten mit dieser Fähigkeit zur Überraschung getragen von unabdingbarer Informationsfülle auszustatten? Allein: mit der Zeit, aus der heraus sich ohne weitere Hilfe komplexe Strukturen ausbilden.
Der Zettelkasten bedient eine Speichertechnologie gegen gelehrtes Vergessen.
(Vgl. dazu vor allem Friedrich Kittler, "Vergessen". In: Nassen, Ulrich, Texthermeneutik. Aktualität, Geschichte, Kritik, Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, 1979, S. 195-221.)
Getreu einem Diktum von Hans Magnus Enzensberger, daß Speichern schon Vergessen heißt, ( Hans Magnus Enzensberger, Kiosk. Neue Gedichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1995, Seite 31: "Etwas Zerfetztes im Minenfeld, / daneben ein unverwundeter Schuh, / Flöße in der Karibik / alles kommt über Satellit, / wird gespeichert d.h. vergessen.") bietet er eine entlastende Anordnung gegen den unwiederbringlichen Verlust der auf Inhalte zeigenden Adressen. Die allmählich versammelten Daten enthalten die komplexitätsreduzierte Bibliothek im Kleinen. Ihre Anordnung bildet Adressen ab, um Gedanken zu adressieren.
Darüber hinaus rückt die Gelehrtenmaschine in die Position der Textproduktion selbst. Denn sie gibt nicht bloß zuverlässig all das wieder, was der Gelehrte schrittweise in sie investiert hat. Vielmehr - sofern der Gelehrte bei der Eingabe der Exzerpte das Material mit dem bisherigen Fundus zu verknüpfen wußte, d.h. Verbindungen zu ähnlichen Texten und Themen markierte, - liefert die Gelehrtenmaschine als präludierender Textgenerator ebendiese Anschlüsse in ihrer weiten Verzweigung als schlechterdings neue, weil vergessene oder ungeahnte Argumentationswege. Der unscheinbare, aber regelmäßig gesetzte Querverweis produziert damit ertragreiche Überschüsse, indem die re-kombinatorische Verknüpfungskraft die Mächtigkeit der Exzerpte durch ineinander verschaltete Verweisketten bereichert.
(Vgl. zu dieser rein papierenen Verweistechnik in vollendeter Ausdifferenzierung Niklas Luhmann, "Kommunikation mit Zettelkästen. Ein Erfahrungsbericht". In: Kieserling, André, Universität als Milieu, Haux, Bielefeld, 1993, S. 53-61 und als Versuch einer kritischen Analyse Markus Krajewski, Papier als Passion. Zur Intimität von Codierung, World Wide Web, http://infosoc.uni-koeln.de/~krajewsk/Passion.pdf, 1998.)
Schließlich bleibt von den Leistungen eines Zettelkastens noch eine wesentliche Eigenschaft zu erwähnen, und zwar die Wirtschaftlichkeit des Systems. Die Ökonomie der einmal eingegeben Zeichen erlaubt es, immer wieder von ihnen zu zehren. Zwar beansprucht die Pflege des Zettelkastens ihre Eigenzeit. Doch läßt sich diese in letzter Konsequenz wiederum einsparen. "Der Zettelkasten kostet mich mehr Zeit als das Bücherschreiben", (Niklas Luhmann, Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Merve Verlag, Berlin, 1987, Seite 143.) bemerkte der vielleicht letzte analoge Zettelkasten-Theoretiker Niklas Luhmann einmal. Was bei einer so umfänglichen Publikationsliste wie der Luhmannschen dann doch verwundert, (65 Monographien, 420 Aufsätze, eine Gesellschaftstheorie.) es sei denn der Zettelkasten ist bereits immer schon die Vorform des zu schreibenden Texts. Luhmanns Schriften wären demnach nichts als rekombinierte Auszüge seines Zettelkastens, durch Füllformulierungen miteinander verbunden. Datenbankreports, um einen zeitgemäßen Begriff aus der bislang unabgefragten Informatik der Gesellschaft zu verwenden. Diese These - von Luhmann selbst in einem Interview souffliert (Vgl. ebd., Seite 144.) -, ließe sich an den redundanten Textstellen der Systemtheorie zweifelsohne belegen - und so getreu einer hermeneutischen Prozedur das Werk rückübersetzen in seine zettel- und zitattechnische Ausgangslage.
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Zitate

Die literarische und wissenschaftliche Prosa der Antike verzichtet auf genaue Quellenangaben aus Gründen ihrer eigentümlichen Produktionsweise: die Universalgelehrten zitieren - gespeist noch aus vorschriftlichen Diskurstechniken - aus dem Gedächtnis und nicht auf der Basis vorliegender Texte. Ähnlich der mündlichen Überlieferung hat diese Methode den Vorteil einer unmittelbaren Aktualisierung. Die zitierten Textstellen werden keinesfalls `wörtlich' weitergereicht, sondern erfahren unmittelbare leichte oder stärkere Veränderungen entsprechend dem neuen Kontext. Sich in der Folge als Diskurstechnik herausschälende sehr genaue und detailierte Verweistechniken auf die zitierten (antiken) Textstellen sind Ursprünge hermeneutischer Rekonstruktionen eben der oft in weitreichenden `Auszügen' zitierten verlorengegangenen Werke. Im Mittelalter wird dann die `hohe Schule exakten Zitierens' mit kurzen eindeutigen Kodierungen zur Quellenidentifizierung zum gefragten Stilmittel:
,, Die Ränder von Manuskripten und frühen Gedruckten theologischen, juristischen und medizinischen Texten wimmeln von Glossen, die wie die Anmerkung ds Historikers, den Leser instandsetzen, sich vom polierten Argument zu denjenigen Texten zurückzuarbeiten, aus denen es entwickelt wurde und worauf es beruht. Petrus Lombardus [...] führte in Randglossen Ein mittelalterlicher gelehrter Anmerkungsapparat aus Petrus Lombardus' Psalmenkommentaren: eine schmale Kolumne in großen Lettern gesetzt zeigt einige Verse aus dem biblischen Originaltext, während über 2/3 der Seite von der breiten Kommetarspalte in kleinerer Schrift eingenommen werden. Namenskürzel am rechten Rand verweisen systematisch auf verwendete Quellentexte. (petrus.jpg) ganz systematische seine Quellen auf und schuf damit , was Malcolm Parkes `den Vorläufer des wissenschaftlichen Anmerkungsapparats' genannt hat. Petrus Lombardus ist gewiß eine typisch moderne Eigentümlichkeit zugute zu halten: Er beschwor die erste Kontrovere über einen falschen Verweis in einer Anmerkung herauf." (Grafton, Anthony 1995: Die tragischen Ursprünge der deutschen Fußnote, Berlin, S. 41-42)
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